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In seinem hinteren Teil ist Ehrenfeld von Grundstücken durchsetzt, die seit Jahren nicht mehr genutzt werden. Das Vegetationsbild der großen Brachfläche Alter Güterbahnhof wird stark von sogenannten Neophyten geprägt. Dies sind zum Beispiel der Sommerflieder, das Schmalblättrige Greiskraut, die Gemeine Nachtkerze oder das Kanadische Berufkraut. Diese vier Arten machen etwa 80 % des Pflanzenbestandes dort aus. Auf der Fläche kommen auch einheimische Pflanzen vor, sie machen etwa 20 % der Pflanzendecke aus: zum Beispiel Acker-Kratzdistel, Behaartes Schaumkraut, Efeu, Gemeines Hornkraut, Große Brennnessel, Schwarzer Holunder oder Weißer Gänsefuß. Das vorkommende Echte Johanniskraut und das Jakobskreuzkraut sind bemerkenswerterweise wiederum als Neophyten in andere Erdteile eingedrungen. Text: Karl-Heinz Linne von Berg

Rückeroberung

Flächen, die nach ihrer Bewirtschaftung sich selbst überlassen sind, werden relativ schnell von Pflanzen wiederbesiedelt. Die Zusammensetzung der Vegetation hängt dabei jeweils stark vom Untergrund und der damaligen Nutzungsart ab (ehemaliges Ackerland, alter Parkplatz, Industriebrache o.ä.. Auf den anfangs vegetationsfreien Flächen beginnt eine Sukzession verschiedener Vegetationstypen, beginnend mit Pflanzengemeinschaften aus ein- bzw. zweijährigen Pflanzenarten. Es folgen mehrjährige krautige Arten (Stauden), wiederum gefolgt von Licht liebender Strauch- und Baumvegetation. Endpunkt einer solchen Vegetationsabfolge könnte nach Jahrhunderten ein mitteleuropäischer Laubwald (Buchenwald) sein. Von einem solchen Endstadium ist unsere Brachfläche noch weit entfernt: Es findet sich – von einem vereinzelten jungen Bergahorn abgesehen – keine einzige für den mitteleuropäischen Laubwald charakteristische Pflanzenart. Abhängig vom Ausgangszustand läuft die Sukzession völlig unterschiedlich ab: Auf Industriebrachen zum Beispiel ist der Untergrund (hier=Bahnschotter) in der Regel trocken und nährstoffarm, also vegetationsfeindlich. Solche Flächen werden von Pflanzen besiedelt, die meist in der Umgebung schon vorhanden sind und die mit nährstoffarmen, warmen und trockenen Verhältnissen auskommen. Dies sind auch hier häufig Pflanzen fremder Herkunft, unsere Neophyten. Unter diesen setzen sich vor allem die Arten durch, deren Samen aufgrund ihrer geringen Größe weit fliegen können (Nachtkerze, Königskerze, Johanniskraut, Sommerflieder) und solche Arten, deren Samen oder Früchte mit einem Flugapparat versehen sind (Berufkraut, Greiskräuter, Weidenröschen, Birke). Der Bahnhof ein Wald

Die Entwicklung wird nicht beim jetzigen Zustand stoppen. Wir sehen schon an einigen Stellen Pflanzen, die auf einen höheren Nährstoffgehalt im Boden (zum Beispiel Bodenstickstoffe) hindeuten; dies sind Brennnessel, Gänsefuß, Nachtnelke und Stumpfblättriger Ampfer etc. Die Robinie als Vertreter der Familie Schmetterlingsblütler ist sogar in der Lage, Stickstoff in den Boden einzutragen; hierfür sorgen sogenannte Wurzelknöllchen. In ihnen leben Bakterien, welche Luftstickstoff in pflanzenverwertbaren Stickstoff (Ammonium) umwandeln. Dies kommt nicht nur dem Baum selbst zugute. Unter der Robinie auf der Brachfläche war dementsprechend auch schon höherwüchsige Vegetation zu sehen. Über längere Zeitspannen werden die höherwüchsigen Sträucher und Bäume die Licht liebende Vegetation beschatten, sie in ihrer Konkurrenzfähigkeit beeinträchtigen

und so letztendlich die Lebensgrundlage entziehen, ein Jahrzehnte andauernder Prozess. An Stelle dessen würde sich auf dem nun beschatteten Boden eine Vegetation einstellen, die unserer Laubwaldflora ähnelt. In einer Großstadt ist eine solche jahrzehntelange ungestörte Entwicklung kaum zu erwarten; der Mensch wird das Gebiet irgendwann wieder einer Nutzung zuführen. Brachflächen als Wert

Das Ödland, das nutzlose Land, die Brache hat keinen wirtschaftlichen Nutzen mehr. Nichtsdestotrotz haben Brachflächen auch eine ökologische Bedeutung: Der Sommerflieder zum Beispiel ist jedem Gartenliebhaber als Schmetterlingsstrauch bekannt. Während seiner Blütezeit (einige Wochen im Sommer) wimmelt es um ihn herum nur so von Tagfaltern, die sich am reichlich vorhandenen Nektar gütlich tun. Passend dazu eignen sich die an einigen Stellen vorhandenen Brennnesselfluren hervorragend als Kinderstube für einige Tagfalter: So ernähren sich die Raupen gleich drei unserer häufigsten Großfalter, nämlich Kleiner Fuchs, Admiral und Tagpfauenauge nahezu ausschließlich von Brennnesseln. Auch für Nachtfalter ist die passende Futterpflanze vorhanden: Nachtkerzen, die ihre Blüten erst am Abend öffnen und dann einen betörenden Duft ausströmen, locken Nachtfalter in großer Zahl an, die dann mit ihren langen Rüsseln im Schwirrflug vor den Blütenröhren stehen und von deren Grund Nektar in großer Menge tanken. Auch sind für die anderen Insektengruppen wie Käfer, Fliegen, Bienen und Hummeln reichlich Blüten vorhanden. Invasion

Das Auftreten von Neophyten ist nicht immer unproblematisch. Einige der Neuankömmlinge dringen in vorhandene Pflanzengesellschaften ein und können dort einheimische Arten verdrängen, weil sie konkurrenzfähiger sind. Solche Pflanzen werden als invasive Pflanzenarten bezeichnet. Im Falle unserer Brachfläche werden durch die Neophyten jedoch keine Arten verdrängt, wir vermuten ja eine anfangs weitgehend vegetationsfreie Fläche. Zumindest aber haben die Robinie und der Sommerflieder an anderer Stelle das Potenzial, einheimische Pflanzen von ihren Standorten zu verdrängen.

Fotos: Stefan Flach Text bearbeitet von Matthias Knopp

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ef#1 – Die erste Ausgabe

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