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> Die gefühlte Mitte zeigte sich im Laufe unserer Recherchen an unterschiedlichen Stellen Ehrenfelds. Seite 78

Next Station: Piusstraße/Mosque! Ehrenfeld vor der Entstehung einer Landmarke. Text: Johannes Böttger

01. Januar 2010, 5.30 Uhr. Ich bin, unter der Kapuze, den Mantelkragen hoch, im Grüngürtel unterwegs nach Ehrenfeld. Das fängt dort an, wo hinten im dunklen Park die Ampel steht. Zwei Mädchen sind auf dem gleichen Weg, die eine motiviert ihre Freundin zum Durchhalten: „Wir sind gleich da, da vorne – ich kann Allah schon fast spüren.“ Ein etwas wirrer Spruch, aber der Uhrzeit entsprechend, und er bedeutet etwas, was mich sehr interessiert. Ehrenfeld steht unmittelbar vor der Errichtung einer Landmarke, und noch bevor das bauliche Zeichen überhaupt errichtet ist, gibt es bereits Orientierung. Schon bald wird es eine Moschee geben, ganz vorne an der Ecke von Ehrenfeld, genau an der Stelle, von der das Mädchen gesprochen hat. Die Ecke Venloer Straße/Innere Kanalstraße wird zu einem Ort werden, nämlich: An der Moschee. Hier wird spürbar der Eingang nach Ehrenfeld sein. Die „Venloer“ ist die Schlagader des Viertels, eine der Kölner Radialen, die sternförmig angeordneten Straßen, die von der Altstadt, vom Dom, raus führen. Hier: Richtung Venlo. Es ist eine wunderbar funktionierende Straße, in den Fassaden alte Läden und neue Stores, auf den Bürgersteigen Szene-Menschen und Anwohner mit Hund, viel Verkehr und viel Flair; europäische Großstadt, wie man sie sich wünscht, und in der Samstagsausgabe werden Wohnlagen in ihrer Nähe gesucht.

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Wo aber liegt dieses Viertel „Ehrenfeld“ genau? Von der Stadt aus liegt es jenseits des Grüngürtels, der Colonius steht auf dem Weg, aber der Funkturm ist dann doch eher Außenposten der Innenstadt, sicher nicht Wahrzeichen des Quartiers. Das bunt gekachelte Herkuleshochhaus steht auch dort, aber es liegt an der Autobahn arg im Abseits und dient höchstens als Eckpfosten. Die gefühlte Mitte des Viertels liegt irgendwo an „der Kirche an der Körnerstraße“, aber zur Verortung von Ehrenfeld dienen letztlich Beschreibungen seiner Grenzen besser als benennbare räumliche Identitäten. Man mag die populäre Diskussion um den Moscheebau für mehr oder weniger relevant halten, jedenfalls ist wichtig, dass und was hier gebaut wird. Denn ein bauliches Zeichen wie dieses drückt die Verfasstheit einer Gesellschaft aus; nach Kevin Lynch, einem Stadttheoretiker der 1960er Jahre, nimmt so Gemeinschaftsgeist Gestalt an. Natürlich trägt ein solches Haus Türme, hier zwei Minarette, um den Bet-Raum weithin sichtbar anzukündigen. Die Planung stammt aus dem Büro Peter Böhm und schreibt die Tradition der Familie fort: Vater Gottfried und Großvater Dominikus waren bedeutende Kirchenbauer. Der Entwurf sichert architektonische Qualität; abgesehen von der Diskussion um die formale Qualität, die bereits begonnen hat und auch lange nach Fertigstellung noch geführt werden wird, ist ohne Zwei-

fel eine Übersetzung des Bautypus Moschee in die lokale Bautradition geschehen. Ergebnis eines Architekturwettbewerbs, die Arbeit guter Planer, engagierter Bauherren und einer fordernden und fördernden Stadtverwaltung. Und für Köln bedeutet das? In Ehrenfeld entsteht zeitgleich mit dieser Moschee eine Adresse, eine Ikone und eine zukünftige Postkarte. Entsteht hier für Köln vielleicht ein neuer Dom? „Ne Nü Döm“? Neben dem christlichen Leuchtturm Dom nun ein islamischer Mittelpunkt Zentralmoschee in Köln? Werden in naher Zukunft Kulturreisende, die in Toledo die Spuren jüdischer, christlicher und maurischer Kultur lesen lernen, eine Parallele in unsere Gesellschaft spüren? Werden die Besucher der Sultan-Ahmed-Moschee in Istanbul, die einst die christliche Hagia Sophia war, ihre staunende Bewunderung mit Köln verknüpfen? Köln, die DoMoscheestadt am Rhein? Ich frage mich, ob dieser – am Dom gemessen – bescheiden kleine Neubau einen Zweiklang im Außenbild der Stadt hervorrufen kann? Werden Abgussfiguren der Moschee als Souvenirs in den Kiosks der Venloer Straße über die Theke gehen? Denkt man zurück an den Dom? Den gab es ja auch lange nicht und über Jahrhunderte nur zum Teil. Noch erheblich unvollendet wurde er schon zum Wahrzeichen der Stadt und erfüllte seine Funktion als Pilgerstätte und touristischer Zielpunkt. Daher warten wir nicht und greifen der Geschichte gerne vor: 2009 entstand die Idee zur Marke „Ne Nü Döm“. Vorsorglich werden wir das Merkzeichen als Markenzeichen etablieren: „Ne Nü Döm Copyright“. Und möglichst bald starten wir den Vertrieb mit T-Shirts, Buttons, Aschenbechern – ab in den Warenkorb! Das Erzeugen und das Verkaufen von Identität ist in einer Welt, die von Marken dominiert wird, zu einer Gleichzeitigkeit geworden. Und Marken werden hier gemacht. Ein Moment wie dieser bleibt in Ehrenfeld, einem Quartier voller Medienheinis, sicherlich nicht unbemerkt. Next Station: Piusstraße/Mosque!

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ef#1 – Die erste Ausgabe

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