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KIEL HISTORISCH775

KIELIN DER

HANSE A

nno 1242 bekam Kiel das Lübische Stadtrecht verliehen. Ergo feiern wir just in diesem Jahre 2017 den 775. Geburtstag unserer Lieblingsstadt. Dieses Jubiläum nimmt marlowski zum A ­ nlass zusammen mit dem Kieler Stadtarchiv die Rubrik »Kiel Historisch« mal etwas zu modifizieren und sich in einem zwölfmonatigen Abriss der Kieler Stadt­geschichte zu widmen. Bei dem Begriff Hansestadt denken wir zuerst an Hamburg, Lübeck, Rostock und vielleicht noch an dieses merkwürdige Beck's-Städtchen, das vom niedersächsischen Bundesland umrahmt wird. Aber auch unsere Fördestadt gehörte über zweieinhalb Jahrhunderte der Hanse an – auch wenn man nicht von allergrößter Bedeutung für diesen Städtebund war. Nachdem Kiel seit dem Jahre 1242 durch die Verleihung alle Privilegien einer »echten« Stadt genoss und sich so durch vier Jahrzehnte der Geschichte hangelte, schloss man sich 1283/84 der Hanse an. Dieser Beitritt war allerdings weniger ein punktuelles Ereignis als mehr ein Hineinwachsen. 1283 erhielt Kiel das Recht am Heringshandel mit Schonen teilzunehmen. 1284 trat es dem Bündnis zur Aufrechterhaltung des Landes- und Seefriedens bei, das in Rostock geschlossen wurde. Außerdem nahmen die Kieler Kaufleute rege am Fernhandel teil und nutzten dafür die Sonderrechte, die ihnen die Hanse bot. Kieler Bürgermeister besuchten regelmäßig bis zum Ende des 15. Jahrhunderts die Hansetage und entschieden dort über alle Angelegenheiten mit.

Eine wirklich tragende Bedeutung innerhalb dieses konnte Kiel aber nie so wirklich erreichen. Die Stadt blieb stets eher regionales Zentrum und konnte nie als Konkurrenz zu einer Stadt wie Lübeck (»Mutter der Hanse«) gedeihen. Gründe dafür gab es mehrere: Der Handel blieb auf einem rückständigen Niveau, da Kiel nie mit einem ausreichenden Fernhandelshafen dienen konnte, was wohl auch an dem nötigen Hinterland, das fehlte, sowie handelsuntauglichen Land- und Wasserverbindungen zu anderen Handelszentren lag. Zwar vermutet man, dass es gewisse Handelsbeziehungen nach Skandinavien und Russland gab, zuvorderst blieb Kiel aber regionaler Handelsmarkt für Lebensmittel und Baumaterial. Vor allem Getreide und Hopfen florierten hier zu dieser Zeit. Jedem Bürger war es erlaubt, für den Eigenbedarf Bier zu brauen und so gab es eine ganze Reihe von kleinen, privaten Brauereien – quasi eine erste Version des heutigen Craft Beer-Trends. So lebte es sich hier all die Jahre eher unaufgeregt als Hansemitglied, ehe Lübeck am 1. Mai 1388 einen Auftrag auf Ausschluss Kiels aus der Hanse (Verhansung) stellte. Obwohl das genaue Datum überliefert ist, weiß man die genauen Gründe nicht mehr. Der Antrag wurde ohnehin abgelehnt. Kritik an Kiel hatte es immer wieder gegeben: Es trieb 1367 weiter Handel mit Dänemark, als die anderen Hansestädte gegen den dänischen Die Einladung zum Hansetag aus dem Jahre 1474.

König Krieg führten. Bei ihren Münzen hatten die Kieler am Silber gespart. Und im 15. Jahrhundert wurde Kiel zum Piratennest. Ungehindert fanden Freibeuter in Kiel Unterschlupf und konnten gekaperte Waren losschlagen. Auf dem Hansetag von 1518 stand die Mitgliedschaft Kiels erneut infrage. Die großen Städte betrachteten ihre kleinen Partner mit Argwohn, weil durch sie die norddeutschen Fürsten Einblick in den Hansebund bekamen. Spionieren unter Freunden, das ging auch damals nicht. Ein Schreiben aus dem Jahre 1554, welches an Johann und Adolf von Schleswig-Holstein – die obersten Kieler – ging, belegte die endgültige Verhansung. Nun ist also auch geklärt, weshalb wir nicht mit einem »H« vorweg im Nummernschild fahren. Und sind wir mal ehrlich, es ist doch auch viel cooler Pirat anstatt Kaufmann zu spielen. (jr/cv)

marlowski März 2017  

Die 68. Ausgabe des besten Stadtmagazins von Welt.

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