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»Kunstlaboratorium« mit internationalen Künstlern auf dem heutigen Gelände der Fachhochschule in Dietrichsdorf, das ich für das Kultusministerium organisierte. Daraus erwuchs übrigens mein Engagement für die Ruine des U-Bootbunkers Kilian, dem Vorläuferprojekt des Flandernbunkers. Auch der Kulturjournalismus blieb wichtiger Bestandteil meines Lebens, insbesondere für das weltweit bekannte »Kunstforum«. Anfang der 90er Jahre bat mich der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag um Mitarbeit, zur gleichen Zeit auch der NDR Hörfunk Kiel. Bald habe ich für viele ARD-Anstalten deutschlandweit gearbeitet, zehn Jahre lang, bin aber mit der Digitalisierung ausgestiegen. Springen wir mal ins Jahr2014: Da hast Du für Dein historisches Engagement die Andreas-Gayk-Medaille bekommen. Was hat Dir diese Ehrung bedeutet? Ich habe die Medaille natürlich sehr erfreut und dankbar entgegengenommen, weil ich gemerkt habe, dass die Idee des ehrlichen Umgangs mit unserer NS- und Kriegsgeschichte, die ja für viele lange verquer war, doch angekommen zu sein scheint in der Stadt. Es war die Anerkennung unserer jahrzehntelangen Tätigkeiten hier. Das bin ich ja nicht allein, es sind viele engagierte Menschen. Und es gibt auch eine große Offenheit in der Bevölkerung, bei Schulen und bei den Firmen. Jeder Zweite, den ich frage, sagt uns seine Unterstützung zu. Es gibt eine große Sponsorentafel im Flandernbunker. Wie empfindest Du denn die Unterstützung der Stadt diesbezüglich? Wir werden wohlwollend behandelt und auch finanziell unterstützt – aber noch viel zu wenig. Was wir hier machen, muss endlich raus aus der Pionierphase. Wir sind längst in der professionellen Ebene angekommen, arbeiten mit Schulen, Bundeswehrgruppen, Touristen, der Politik und zahlreichen Kulturverbänden zusammen. Es geht hier um einen gesellschaftlichen Diskurs zwischen Geschichte, Gegenwart und Zukunft mit dem Ziel der Friedensförderung und Völkerverständigung. Wenn die Stadt Kiel jetzt mehr in die Erinnerungskultur einsteigt, ist das ein guter Ansatz. Und was trägt der Flandernbunker dazu bei? Wir befördern diese Themen mit Ausstellungen, Führungen und Veranstaltungen. Die Frage ist dabei: Was können wir als Verein eigentlich leisten!? Denn das Meiste hier wird ehrenamtlich gemacht.

Wir haben zwei mäßig bezahlte Teamleitungen mit halben Stellen im Flandernbunker, dazu Ehrenamtler und Mitarbeiter über das Jobcenter, die den Tagesbetrieb aufrechterhalten. Wir bräuchten hier eigentlich drei feste Stellen für Management, Pädagogik und Haustechnik, um das mit halbwegs gutem Gewissen zu machen. Dann könnten wir kombiniert sogar das alte Marineuntersuchungsgefängnis neben der Petruskirche museal zusammen organisieren und mit verwalten. Was bedeutet Kiel denn eigentlich für Dich persönlich? Privat ist es meine Heimatstadt. Ich hänge an ihr als Stadt am Meer – trotz all ihrer Ecken und Kanten. Was kannst Du zum Beispiel kritisieren? Ein wichtiger Kritikpunkt ist die mangelnde Empathie mit den Bürgern, wenn es um Bauprojekte geht. Mir wird gerade ein viel zu großes Altersheim hinter den Garten gesetzt, Bedenken der Anwohner wurden ignoriert. Niemand hat etwas gegen die Einrichtung, aber dagegen, wie es gemacht wird – gegen die Maßlosigkeit, die in vielen Projekten liegt. So darf man mit seinen Bürgern nicht umgehen. Wir alle wissen, dass wir mehr Menschen in Kiel unterbringen müssen, und ich bin der Letzte, der das für seine Stadt nicht mitdenken würde. Aber es mangelt an Empathie in den Bauämtern und Behörden. Beispiele sind das Abholzen von Kleingartenkolonien, die Bebauung an der Nettelbeckstraße oder die Bebauung der oberen Rathausstraße. Dieses graue Eckgebäude? Ja, das ist ein Ungetüm. Oder warum wird der Kiel-Kanal, den ich eigentlich nicht schlecht finde, aus Beton gebaut? Wer soll sich da bitte schön wohl fühlen in noch einem Betonklumpen? Davon haben wir zu viel, auch an der Innenförde. Es muss menschengerechter gebaut werden. Ein guter Weg sind Bürgerbeteiligungsmodelle. Vor allem die Anwohner müssten dringend frühzeitig gezielt in die Bauplanungen der Stadt einbezogen werden – aber bitte nicht als Alibi-Funktion. Es ist doch unsere Stadt! Und wenn unsere Bedenken von Behörden und Investoren ignoriert werden, dann wächst der Frust und es schwindet der Bezug der Menschen zu ihrer Stadt. Wir brauchen mehr gelebte Demokratie - auch wenn es umständlicher ist. Was würdest Du dagegen als positiv deklarieren? Immerhin erfolgt eine gewisse

Öffnung in der Stadtverwaltung, es werden Diskurse geführt. Ich kann das vor allem für den Kulturbereich sagen, wo seit der Jahrtausendwende Menschen, die als Experten in ihren Bereichen aktiv sind, in kommunale Denkprozesse eingebunden werden. Unsere Stadt hat eine tolle Lage mit besten Möglichkeiten, die aus meiner Sicht noch lange nicht ausgeschöpft sind. Auch ›Kiel.Sailing.City¬‹ ist eine tolle Idee als Dachmarke. Aber bitte nicht das alte Stadtwappen aufgeben - das ist wichtig für unsere Identität. Apropos Identität, was das anbetrifft gilt es Dein Buch »Open Air Galerie« zu erwähnen. Das Buch fußt auf einer Serie über Kunst im öffentlichen Raum, die ich 2002 für die Kieler Nachrichten entwickelt hatte. Die Idee war genau das, worüber wir gerade sprechen: die Identität unserer Stadt. Was können wir tun, damit der Bürger seine Stadt besser versteht, dass sich mehr Bürgerstolz entwickelt? So wie in Hamburg oder Lübeck etwa. Das fehlt uns Kielern. Da kam mir der Gedanke mit den Denkmalen. Es gab bereits ein tolles Buch von Marianne Kiesel aus den 90er Jahren – leider mit zu wenig Hintergrund. Das war aber mein Anliegen: Was soll das Denkmal? Wieso ist das gekommen? Warum hat sich die Gesellschaft das da hingestellt? Die KN-Serie hat viele Menschen angesprochen – so kam es zum Buch im Wachholtz-Verlag. Die Anzahl an Denkmalen in Kiel ist ja aber endlich. Immerhin konnte ich 375 vorstellen. Als es in Kiel dünner wurde, haben wir ganz Schleswig-Holstein dazu genommen. 2015 ist die Serie aber leider eingestellt worden. Mittlerweile gibt es einen üblen Trittbrettfahrer, der meine Texte gestohlen und auf eine Homepage zu seinen Fotos gestellt hatte. Nachdem ich ihn abgemahnt hatte, hat er meine Texte nur zögerlich rausgenommen oder umgeschrieben – ich habe ihn gerichtlich bisher nicht belangt. Wenn er fair wäre, würde er seine Seite schließen, weil ich das für Kiel und Schleswig-Holstein aufgebaut habe. Wir sind jetzt leider am Ende unseres Interviews angekommen, aber ich würde gerne noch Dein Angebot annehmen, mich hier einmal herumzuführen. Gern, dann beginnen wir am besten in unseren aktuellen Ausstellungen zu den Kieler Festungsanlagen und zu den Zeitzeugeninterviews von Kieler Hebbelschülern. (cv)

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marlowski März 2017  

Die 68. Ausgabe des besten Stadtmagazins von Welt.

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