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KIELER KERL Was für eine Ausstellung war das? Ich habe Plastiktüten gesammelt. Über die Schülerzeitung hatte ich aufgerufen: Wer die meisten sammelt, gewinnt eine Langspielplatte. So bekam ich ein paar Tausend Tüten zusammen. Als dann ein Neubau in der Schule eingeweiht wurde, konnte ich durchsetzen, diese Installation im Kunstraum zu machen: Ich habe da alles mit Tüten verkleidet. Und das Thema des Ganzen war damals schon die Umweltverschmutzung? Das war der Ausgangspunkt – aber eigentlich ging es mir um etwas Weitreichenderes: nämlich Entfremdung. Die Plastiktüte als Wegwerfprodukt, das man häufig benötigt, aber gleich wieder weg tut. Das war und ist in meinen Augen symbolisch für die Wegwerfgesellschaft, das Entfremden von den Dingen und von Menschen, der Egoismus bis hin zur Auflösung von Familienverbänden, die auseinanderdriften. Unser Direktor fand das allerdings nicht so toll, denn im Kunstraum war auch das Buffet der Neubaueinweihung, alle Schulamtsvertreter und Politiker mussten so in die Ausstellung. (lacht) Die Installation habe ich 1978 erweitert beim Werkkunstkreis Preetz gezeigt. Die Tüten habe ich sogar noch und werde sie zum 40-jährigen Jubiläum des Kunstkreises Preetz in diesem Sommer noch einmal als Revival ausstellen. Diesen Kunstkreis in Preetz hast Du mitgegründet, oder? Ja, das war noch während meiner Schulzeit. Früher hieß er Werkkunstkreis Preetz. Nach zwei Jahren war ich Vereins-Vorsitzender. Wir haben dort auch ein Monatsheft mit dem Namen »K"uns"t« herausgebracht. Damit wollten wir Kultur vermitteln, die von Preetz aus wahrnehmbar ist – mit Veranstaltungskalender, Theater-, Buch-, Filmkritiken von wirklich guten Leuten. Helmut Schulzeck war einer, der für uns geschrieben hat. Ich selbst habe Ausstellungskritiken und Fotos gemacht, kam so in die Kieler Kunstszene hinein. Ich kannte allerdings schon Raffael Rheinsberg, der uns den Titel für die Kunstzeitung geliehen hatte. Über ihn hatte ich in der Schule meine Facharbeit geschrieben. Er wurde bald zu einem der bedeutendsten deutschen Künstler. Später war er mein Promotionsthema. Du sprichst es an: Deine Kunstaffinität hast Du bis ins Studium gerettet, aber nicht als Künstler, sondern als Kunsthistoriker.

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Warum hast Du Dich dafür entschieden? Da kommt mein dritter Mentor ins Spiel. Als Schüler habe ich mir das kunsthistorische Institut an der Kieler Uni angeguckt und einer der Professoren, Wolfgang Müller, hat sich die Mühe gemacht, uns Pennälern zu erklären, was Kunstgeschichte überhaupt ist. Er lud uns sogar in die Kunsthalle ein, um uns Originalgrafiken zu zeigen. So hatte ich zum ersten Mal echte Blätter von Dürer und Rembrandt in der Hand. Öfter hat Müller mich unterstützt, daraus wurde nach und nach eine Freundschaft. So wuchs ich in die Kunstgeschichte rein. Wobei ich manchmal denke, ich hätte gerne auch Kunst an einer Hochschule studiert. Kann man eigentlich auch den Journalismus – egal ob jetzt für die Schülerzeitung oder die Zeitschrift des Kunstvereins – als zweite Leidenschaft von dir bezeichnen? Es war Leidenschaft und wurde zur Profession. Das war nie mein Plan, aber diese Kunstzeitung war für Außenstehende ein Grund, sich bei mir zu melden. So trat die neugegründete Kieler Rundschau, an mich heran, ob ich für das Feuilleton schreiben wolle, anfangs noch ein Ehrenamt. Mehr und mehr verdiente ich aber mein Geld

damit und professionalisierte das. Mein Bruder Jürgen, der bei den Lübecker Nachrichten als Redakteur das Szenemagazin »Piste« in die Obhut bekam, bot mir an, die Kieler Redaktion zu machen. Auf diese Weise lernte ich die gesamte Kieler Szene der 80er Jahre kennen. Bis zu drei Veranstaltungen habe ich pro Abend besucht. Auch Sachen, die ich mir normalerweise nie angesehen hätte – Roland Kaiser in der Ostseehalle etwa. (lacht) Später war ich in Lübeck selbst zwei Jahre Piste-Redakteur, schrieb aber auch für die Kieler Nachrichten oder die Hamburger MoPo. Wie hast Du die Kieler Szene in den 80er Jahren denn erlebt? Total lebendig und offen. Ich habe den Eindruck, offener als jetzt. Ich sehe aber sehr wohl, dass die jüngere Szene heute wieder aktiver ist, es gibt wieder mehr Engagement und Vernetzungsgedanken. Das war totgesagt seit Ende der 80er Jahre. Du hast Anfang der 90er promoviert. Wie lief es von da an weiter? 1991 habe ich meine Promotion angemeldet – aber erst 2010 abgeschlossen. Es kam so vieles dazwischen – etwa 1993 bis 1995 das

marlowski März 2017  

Die 68. Ausgabe des besten Stadtmagazins von Welt.

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