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ATLAS

DIE WELT BEWEGT: DAS MAGAZIN VON GEBRÜDER WEISS

AUSGABE 07

Orientierung RAINER GROOTHUIS

»Kasachstan!«

TITUS ARNU

Die letzten weißen Flecken MELANIE MÜHL

Ich poste, also bin ich

HARALD MARTENSTEIN

Wo laufen Sie denn?

FLORIAN AIGNER

Die Karte im Kopf

Außerdem: Apokalypse, sprechende Schilder und der besondere Charme des Verirrens


»Es   war einmal ein kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, dass es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr hatte, darin zu schlafen (…). Es war aber gut und fromm.«

Die Märchen der Gebrüder Grimm gehören zu den großen archetypischen Erzählungen der euro­ päischen Kultur. Sie vermitteln Normen und Werte, moralische Orientierung und sittliche Verhaltens­ weisen – nicht etwa, weil die Tugend am Ende immer siegt, sondern weil der Held oder die Heldin meist die attraktivste Figur ist. So auch in der kürzesten Geschich­te der Gebrüder Grimm: Sterntaler. Ein Waisen­kind verschenkt fast alles, was es bei sich trägt, an andere Bedürftige und wird für seine Barm­ herzigkeit großzügig belohnt. Die Sterne fallen als harte, blanke ­Silbertaler vom Himmel, und das arme Mädchen wird über Nacht reich. Ausgleichende Gerechtigkeit – ein Stoff, aus dem auch heute noch Träume gewoben sind.


»Liebes   Kind, bleib fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen, und ich will vom Himmel auf dich herabblicken und will um dich sein.«

Die sozialen Umstände, wie sie in vielen Märchen geschildert werden, dürften ­Kindern in unserer Zeit nicht ganz unbekannt sein: In kaum einer Geschichte wird eine intakte Familie beschrieben, vielmehr ist die Rede von bösen Stiefmüttern, die ihrer Stieftoch­ ter das Leben schwer m ­ achen, von zornigen Vätern, die ihre Kinder verwünschen oder aus dem Haus jagen, von Geschwistern, die sich bitter beneiden und untereinander verfeindet sind – Konstellationen mit Iden­tifikationspotenzial. Besonders hart schlägt das Schicksal für Aschen­­puttel zu: Eine böse Stiefmutter und ihre Töchter erniedrigen das Kind aus erster Ehe, dessen leibliche Mutter verstorben ist. Demütig ­erledigt Aschenputtel zunächst, was ihr aufgetragen ist, folgt dann aber ihrem eigenen Impuls und trifft auf der heimlich besuchten Party ihren Traumprinzen. Alles richtig gemacht.


4 ATLAS


»Der   König aber wurde zornig und sprach: ›Wer dir geholfen hat, als du in Not warst, den sollst du hernach nicht verachten!‹«

Ihre Märchensammlung haben die Gebrüder Grimm als »Erziehungsbuch« verstanden. Mittlerweile sind einige der verhandelten Werte jedoch aus der Mode: Kinder zu Folgsamkeit und Passivität zu erziehen, ist kaum mehr zeitgemäß. Auch die häufig vermittelte Rolle der braven Frau ist in Europa überholt. Die Erzählung vom Froschkönig aber kann als kom­plexe Emanzipa­tionsgeschichte interpretiert werden: Zunächst kümmert sich die Königstochter nur aus Gehorsam gegenüber ihrem Vater um den auf­dringlichen Frosch, bis sie sich schließlich ver­ weigert und das Tier an die Wand wirft – Pubertät im Schnelldurchlauf. Erst nach diesem Reifeprozess kann die Prinzessin erkennen, wer tatsächlich in ihr Leben getreten ist: ein edler Königssohn. Das Ende der Geschichte ist bekannt.


Josef Prems Stärke sind seine guten Ideen, die den Arbeitsalltag immer wieder erleichtern. Als Partieführer am Standort Wels teilt er nach Andocken der Lkws an den Laderampen die ­Mitarbeiter ein und sorgt für die korrekte Ent­ ladung der Waren. Stets ist er für die Mitarbeiter und für das Unternehmen zur Stelle – es sei denn, er hat gerade frei. Dann kann man ihn beim Wandern treffen.


F

ixsterne, Kompasse und Weltanschauungen – wenn es darum geht, den richtigen Weg zu ­f inden, sind die Hilfsmittel ungezählt. Andauernd dürfen wir uns positionieren und entscheiden, wer wir sind und wohin wir wollen. Für die siebte Ausgabe des ATLAS haben wir Räume angesehen, in denen Menschen Entschei­ dungen für eine Richtung treffen. Womit haben Seeleute früher navigiert? Wie finden Heran­ wachsende heute ihren Weg? Und ist sich verirren nicht eigentlich auch reizvoll? Wir berichten aus Kasachstan an der Seiden­­­ straße und über die letzten weißen Flecken auf der ­Land­karte, außerdem über die letzten Tage der Menschheit, wann immer sie sein werden. Und egal, wo Sie sich gerade befinden und für ­wel­chen Weg Sie sich heute entscheiden: Bleiben Sie in ­Bewegung. Denn darauf kommt es an.

Herzlich, Gebrüder Weiss


unzufrieden

zufrieden

Nach dem Brexit-Votum ist die Stimmung der britischen Verbraucher auf den tiefsten Stand seit drei Jahren gesunken. Der Index für das Verbraucher­ vertrauen des Instituts YouGov und des Centre for Economics and Business Research (CEBR) fiel Mitte des Jahres um fast fünf Punkte auf:

Auf die Frage »Würden Sie Gebrüder Weiss weiterempfehlen?« antworteten mit:

106,6 Zähler

2014: 96,33 %

»Ja«

2016: 97,51 %

Quelle: FAZ

Quelle: GW Kundenzufriedenheitsbefragung 2016

unter den bergen

Aus dem Drucker

Der neue Gotthard-Basistunnel verkürzt Wege und Fahrzeiten um 31 km und 50 Minuten. Güterzüge pro Tag:

Das Beratungsunternehmen Ernst & Young hat 900 Firmen aus zwölf­Branchen zum Einsatz von 3D-Druckern befragt. Diese Technik nutzen:

bisherige Bergstrecke:

Fahrplanwechsel 2016/2017: mind.

180

16%

37%

 240

der in den USA befragten Unternehmen

24%

der in Deutschland befragten Unternehmen

der in China und Südkorea befragten Unternehmen

Quelle: Logistik Heute

Quelle: dvz.de

Im Stau Von den dreizehn vom Datendienstleister Inrix analysierten europäischen Ländern verzeichneten im Jahr 2015 die meisten einen Rückgang der durchschnittlich im Stau verbrachten Stunden. Inrix führt dieses Phänomen auf die stagnierende Wirtschaft in Europa zurück, wo das Bruttoinlandsprodukt in der zweiten Jahreshälfte 2015 nur um 0,3 Prozent wuchs. Die l ängsten Stauzeiten in europäischen L ändern 2015

Die l ängsten Stauzeiten in europäischen Städten 2015

  Belgien

44 Std.

   London

101 Std.

  Niederlande

39 Std.

   Stuttgart

73 Std.

  Deutschland

38 Std.

   Antwerpen

71 Std.

  Luxemburg

33 Std.

  Köln

71 Std.

  Schweiz

30 Std.

  Brüssel

70 Std.

Quelle: inrix.com

durch den k anal

Über Wasser

Eine dritte Brücke über den Bosporus, die den asiatischen und den euro­päischen Teil Istanbuls miteinander verbindet, ist fertiggestellt. Die 1,4 km lange neue Hängebrücke ist ­achtspurig und mit zwei Trassen für Hochgeschwin­ digkeitszüge ausgestattet. Höhe der Pylonen: 320 Meter. Höhe der Pylonen der Golden Gate Bridge in San Francisco: 227 Meter.

H: 320 m

H: 227 m

Wenige Tage nach der Eröffnung des erweiterten Panamakanals hat Anfang Juli der Frachter »MOL Benefactor« die bislang höchste Transitgebühr für die Fahrt durch die Wasserstraße zwischen Atlantik und Pazifik gezahlt. Höhe der Rech­ nung an die japanische Reederei Mitsui O.S.K. Lines:

829.468 US-Dollar Quelle: VerkehrsRundschau

Der Sonne nach

unter Wasser

Um den Transport über Fähren zu entlasten, plant Norwegen eine 4.083 Meter lange Tunnelverbin­ dung durch den Sognefjord auf der Strecke zwi­ schen Kristiansand und Trondheim. Die Tunnel­ elemente sollen in etwa 30 Metern Tiefe an schwimmenden Pontons aufgehängt wer­ den. Die Fertigstellung wird nicht vor 2035 erwartet. Reisezeit zwischen beiden Städten bisher: rund 21 Stun­ den. Erwartete Reisezeit im neuen Tunnelsystem: rund 10 Stunden. Quelle: thenextweb.com

L: 4.083 m

Das Münchner Unternehmen Sono Motors hat ein Elektroauto ent­ wickelt, das sich über Solarzellen an der Karosserie selbst auf­laden kann. Das Auto kann wie andere Elektrofahrzeuge an der Steckdose auf­geladen werden. Der Sechssit­ zer soll mit Preisen bis 16.000 Euro erschwinglich sein. Zum Eintritt in den Massenmarkt wurde nun ein Crowdfunding gestartet, Probe­ fahrten sollen ab 2017 möglich sein, Auslieferungen ab 2018: www.indiegogo.com Sonnenbetriebenes Fahren pro Tag:

30 km


Die Welt bewegt: Rainer Groothuis

»Kasachstan!«

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Daniel schachinger

Über Löcher und Steine

martin k aluza

Sterne, Kompass, GPS – Navigation in der Seefahrt gestern und heute

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Nachgelesen

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florian aigner

Die Karte im Kopf

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iulia dodu

Den Gipfel im Blick

andreas Uebele

Dasselbe, nur anders

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familienseite

Käpt’n Ferdis Schatzsuche

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Die Welt orange

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jens mühling melanie Mühl

Ich poste, also bin ich

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gw-Stimmen

Irgendwie den eigenen Weg gehen

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till hein

Verpeilt zum Erfolg

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titus arnu

Die letzten weißen Flecken 48

Und sie bewegt sich doch noch

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Tatia Skhirtladze

Verbindung nach Osten: Thonet Stories

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harald martenstein

Wo laufen Sie denn?

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»Kasachstan!« Von einem großen Land, globalen Visionen und yi dai yi lu

Kinderfreuden in Almaty: Scooterfahren im Fantasialand


Blick auf den Pik Talgar


Corem rest qui te dollaute dolupis et et ut fugit aceaque venis mod ut eictia sin renem aut quasit plautem eum facea quia dendebit rem dolupt

»Kasachstan!« 13

»Die Republik ist jung, ihre Bevölkerung ist es auch.«

reportage:  Rainer Groothuis Die Perle Die geraden mehrspurigen Straßen ziehen sich hin. Die Stadt ist grün, der Himmel blau, die Berge sind nah. Von fast jedem Punkt sieht man sie, die ewig weißen Gipfel des Pik Talgar mit ihren 4.900 Metern. Laut und lebendig geht es zu, die Cafés und Restaurants sind voll, die angebotene Küche ist so poly­ glott wie die fast allgegenwärtige Weltmusik, das Nachtleben soll zu den aufregendsten in Zentralasien gehören: Willkom­ men in Almaty – mit rund 1,7 Millionen Einwohnern größte und internationalste Stadt Kasachstans. Die Republik ist jung, ihre Bevölkerung ist es auch – die Mehrzahl der Menschen ist, anders als in vielen Staaten Euro­ pas, unter dreißig, geheiratet wird früh, der Familienverband ist das Sicherheitsnetz für alle, die Großmutter, der Patriarch. Mehr als 70 Prozent der Kasachen bekennen sich zum Islam, begehen seine hohen Feiertage und leben den Alltag weltlich: Die Kinder sind keck, charmant, neugierig, Mädchen und Jungen tollen lachend, ausgelassen durch die Parks und über die ­großen Plätze, Skateboards sind so selbstverständlich wie BMX -Räder und Skater. Die Kleidung der Kids, Teens, Twens ist von H&M und Zara geprägt, sie wollen so hip, chic, lässig sein wie die Gleichaltrigen der Welt; selten, dass eine junge Frau eines der traditionellen bunten Tücher und Kopftücher trägt, verschleiert ist kaum jemand. Zum lebensleichten Bild gehören die zahlreichen Straßen­ musiker – hier ein Akkordeonspieler mit schiefem Mund, doch toller Stimme, dort der schüchterne Gitarrist an der Metrosta­ tion, ein Saxophonist in schwarzer Sportmontur – ihnen allen wird gegeben, und sei die Münze noch so klein.


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1 Die Christi-Himmelfahrt-Kirche  2  Zahlreiche Straßen­musiker ­tragen

zum bunten Bild Almatys bei. 3 Das Smartphone ist all­gegenwärtig. 4 Auch an den Ständen im »Green ­Market« ­führen die Großmütter das Wort.  5  Das Museum Kasteev  6  Mode im Basar  7 Das große Mahnmal im »Park der 28 Panfilowsky«  8 Die Spitze vom Hotel Kasachstan  9  Werbung mit westlichen Gesich­tern  10 Alles gibt es im ­Basar.

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Almaty ist Kasachstans Zentrum der Medien und Messen, die ersten Metrostationen sind fertig, die Börse macht ihre Geschäfte, der älteste Zirkus des Landes ist beliebt wie eh und je, im »Park der 28 Panfilowsky«, in dem ein mächtiges Mahn­ mal und eine Ewige Flamme an die Helden des Großen Vater­ ländischen Krieges erinnern, spielen die Kinder mit den ­Großeltern, strahlt die farbenfrohe, aus Holz gebaute Christi-­ Himmelfahrt-Kathedrale in der Sonne. Die Luft wird leider leicht ein wenig schwer – der Diesel ist anders zusammengesetzt als in Europa, und viele Pkws, die vor Jahren noch im Westen fuhren, fristen hier nun ein neues Leben; manche Lkws sind so laut, so klappernd, so alt, dass sie von Nikita Chruschtschow, wenn nicht noch von Stalin zusam­ mengeschraubt scheinen. Doch wem die Luft zu dick wird, der fährt an den stadtnahen Yssykköl-See zum Sonnen und Baden oder wandert in den nahen Bergen. »Diese Stadt ist die Perle Kasachstans«, sagt Timur Akhmetkaziyev, Geschäftsführer von GW in Almaty, und freut sich über die Rolle seiner Heimatstadt. Viele von den Tausen­ den junger Kasachen, die der Staat mit billigen Stipendien zum Studium in die Welt schickt – nach Deutschland, in die USA, nach Kanada, Japan, Russland und anderswo –, haben nach ihrer Rückkehr in Almaty gute Jobs gefunden und prägen die liberale Atmosphäre, man feiert gern. Vom Wunsch, doch eher mit einer westlichen Welt verbunden zu sein, kündet auch die Werbung, die zur verkaufsträchtigen Identifikation ausschließlich europäische Gesichter und Familienmotive anbietet. So global vieles daherkommt, so wichtig ist für das tägliche Leben der »Green Market«, der große Basar Almatys, wo es alles gibt – in der Fleischhalle werden Rind, Schaf, Pferd gebo­

ten, anderswo Obst, Gemüse, Gewürze, Silberschmuck und allerlei Kunsthandwerk, Unterwäsche internationaler Marken, Spülmittel und Spielzeug, Kleider, Kittel, Töpfe, Tücher – hier kauft man auch den ersten Anzug für den Sohn. Der Basar ist nicht so verzaubert, wie wir uns »1001 Nacht« vorstellen, aber er duftet nach den Verheißungen der weiten Welt – und die ist hier auch vertreten: Russen sind eine starke Minderheit, ­neben der es noch andere Stämme und Völker gibt, Uiguren, Mongolen, Deutsche, Tartaren, Baschkiren, Inguschen und viele mehr. Die Moschee und die russisch-orthodoxe Kirche, die Synagoge und das katholische Gotteshaus – schon lange existieren hier die Religionen nebeneinander. Das Land forscht nach seinem kulturellen Erbe, sucht das mögliche große Gemeinsame dieses erst 1991 gegründeten, erstmals unabhängigen Staates. Von dieser Suche nach Identi­ tät erzählt das Museum Kasteev, benannt nach Abilkhan Kas­ teev, dem von der vormaligen Sozialistischen Volksrepublik Kasachstan hoch dekorierten Maler (1904–1973): voller kunst­ handwerklicher Artefakte wie Teppiche und Tücher, Silber­ schmuck und Lederarbeiten; voller älterer Gemälde, die von der Freiheit des Lebens in der Natur schwärmen, von Jurte, Steppe, Reiter, Himmel, Wind. Und es erzählt vom Sieg der Vernunft in Gestalt der durch die Russen forcierten Industri­a­ lisierung: Die Bilder feiern die Russische Revolution, die ­Kolchose und das Kollektiv. Da strahlt der kasachische Kom­ somolze, dankbar über die Belehrungen seines Sowjetkom­ missars. Die vielen im Kasteev noch hängenden Bilder des »Sozia­listischen Realismus« sind Zeugen einer Zeit, in der mit »Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung« (Lenin) die Welt einfach und gnadenlos erklärt war. Was diese Bilder nicht zeigen: Die Bolschewiki brachten Eisenbahnen,


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1  Stolzer Vater, stolze Oma 2 | 3 Im Basar pflegen die Alten die Traditionen,

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Straßen, Industrie – aber sie erzwangen zwischen 1928 und 1933 auch die Kollektivierung der Landwirtschaft und die Sesshaftwerdung der Nomaden, unzählige wurden enteignet, deportiert, flüchteten, mindestens 1,3 Millionen Menschen verhungerten in jenen Jahren. Man spürt es noch heute: Nicht alle Kasachen trauen dem nördlichen Nachbarn. Eine Kunst der Gegenwart ist im Kasteev kaum sichtbar. In diesem Haus der Kunstfertigkeiten und Symbole, der Ri­tu­ ale und Traditionen steht die Zeit ein wenig still – während draußen die Zukunft nicht nach gestern fragt. Im Bus sitzt neben mir Darin und fragt nach einer Weile auf Englisch, woher ich komme – der schmale 12-Jährige ­erzählt von seiner Schule, in die er so gern geht; sichtlich zu­ frieden ist dabei der Vater mit dem Englisch und dem Mut des Kleinen. Selbstverständlich fragt auch Darin »Do you like Kazakhstan?« und erwartet lächelnd nur eine Antwort: Alle scheinen stolz auf das, was in den letzten Jahren gebaut und geschaffen wurde, was das Leben freier und leichter macht. Die Neue Auf der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt – erste Zeugen einer Stadt, die flott und bunt Geschichte und Moderne mischt: Astana. Da liegen die Hallen für Eiskunstlauf und Radsport, die sich wie zwei glitzernde Gürteltiere an den Boden ducken, da ist der das werdende EXPO-Gelände dominierende kugel­ runde kasachische Pavillon, da die Nur-Astana-Moschee und

auf den Straßen die Jungen die Moderne. 4 Warten auf Kunden 5  Gegenwart in Astana

schließlich die neue, klassizistische Oper und das »Triumph Astana«, benannt nach dem »Triumph Palace« in Moskau und genauso zuckerbäckrig wie sein Vorbild. Astana ist Ergebnis von Entschluss und Entschlossenheit. Als sie 1997 zur Hauptstadt deklariert wurde, hatte sie kaum 300.000 Einwohner, das meiste von dem, was sie mittler­­ weile auszeichnet, gab es noch nicht. Heute sind es nahezu 900.000 Menschen, die Arbeit gefunden haben in einer Stadt, die von unzähligen Neubauten zwischen post-stalinistischem Protz, westlicher Glas-Stahl-Kühle und überbordender Deko­ ration geschmückt ist – allemal abwechslungsreicher und ­heiterer als die Vierkantschießschartenbauten, die die aktu­ elle Westarchitektur prägen. Astana ist eine grüne Stadt, es gibt viele Brunnen, Plätze, Parks; die Menschen flanieren über die von Bäumen gesäum­ ten, mit Blumen geschmückten Boulevards, auf denen alle paar Meter ein Eiswagen steht – hier ist jeder ein Gourmet des süßen Kalten. Auf dem EXPO-Gelände wird auch sonntags gearbeitet, alles muss fertig sein und die Welt willkommen heißen, wenn im Sommer 2017 die EXPO eröffnet wird. Kasachstan will sie nutzen, die Chance, die Welt zu Gast zu haben und selbst im Mittelpunkt zu stehen, internationale Investoren zu locken – fünf Millionen Besucher werden erwartet. In weniger als fünf Jahren wird dann nach Plänen des Ar­ chitekturbüros Smith + Gill aus Chicago ein beeindruckendes Gelände entstanden sein, das vollständig unter den Gesichts­


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Blick über das nächtliche Astana


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3 1  Blick auf den Präsidentenpalast 2  Zum Gebet in die Moschee 3  Einer der vielen Eiswagen 4 Der fast fertige EXPO-Pavillon

­Kasachstans 5  Der Bajterek-Turm 6 Links eine Säule der Oper, im ­Hintergrund das »Triumph Astana« 7 Aus der Länderpräsentation zur EXPO: Österreich 8 Der Palast des Präsidenten im Fassadenspiegel

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punkten der Nachhaltigkeit konzipiert ist, entsprechend dem Thema der EXPO: »Energie der Zukunft: Maßnahmen für weltweite Nachhaltigkeit«. Es geht um die ausreichende und gesicherte Versorgung mit Energie in Entwicklungsländern ebenso wie um den Übergang von fossilen zu erneuerbaren Energien. Dass die EXPO an Kasachstans Astana vergeben wurde, zeigt, wie es der kasachischen Politik bislang gelungen ist, sich nicht zwischen die großen Stühle der Welt zu setzen, sondern Moderator, Partner, Nutznießer von Interessen und Möglich­ keiten zu sein. Die Amerikaner heben Bodenschätze, die EU ist größter Handelspartner, mit Russland wird die Zusammen­

arbeit in der Eurasischen Wirtschaftsunion gepflegt, China kontrolliert inzwischen rund ein Drittel der Ressourcen Ka­ sachstans und kauft sich in die Landwirtschaft des mit rund 2,7 Millionen Quadratkilometern neuntgrößten Landes der Erde ein. So ist ein Lieblingsthema des seit Proklamation der unab­ hängigen Republik Kasachstan regierenden Präsidenten Nur­ sultan Nasarbajew (vom Parlament ausgestattet mit dem Titel »Führer der Nation«) die Renaissance der Seidenstraße.


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»Ein Gürtel, eine Straße« Die Seidenstraße, diese älteste Handelsroute, die schon in vorchristlichen Zeiten genutzt wurde, wird zu einem globalen Großprojekt unserer Zeit. Seide war bereits vor mehr als 2.000 Jahren eine sehr be­ gehrte Ware. Sie dokumentierte Macht und Reichtum. Semi­ ramis, Kleopatra und andere Kaiserinnen gierten nach ihr, Cäsar ließ zu seinen Spielen als Zeichen seiner unumschränk­ ten Möglichkeiten die Arena Roms mit ihr überspannen. Aber es ging nicht nur um Seide, und es war auch nicht nur eine Straße. Die Seidenstraße bzw. das Straßennetz, das so genannt wird, verband weite Teile der bekannten Welt und sorgte bis ins 14. Jahrhundert hinein nicht nur für den Aus­ tausch von Keramik, Papier, Tee, Waren vielerlei Art, sondern auch von Kulturen und Wissenschaften, Erfindungen und Technologien, Krankheiten und Religionen zwischen Europa und Asien. Auf ihr reisten Händler, Prediger, Ideenstifter – der erste chinesische Zirkus kam über sie zur Zeit Jesu in Rom an. Lang war die Reise und beschwerlich, es ging über Tausen­ de Kilometer auf Pferden, Trampeltieren, Dromedaren oder zu Fuß durch Trockengebiete und Wüsten. Hat man erst das

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Tarimbecken mit der Taklamakan-Wüste erreicht, ist man umgeben von den höchsten Gebirgsketten der Erde: Im Nor­ den ragt der Tian Shan auf, im Westen der Pamir, im Süd­ westen der Karakorum und im Süden der Kunlun. Durch die ­Gebirge, die mit ihren tiefen Schluchten und 5.000 zu über­ windenden Höhenmetern zu den am schwersten zu überque­ renden der Welt gehören, führen nur wenige vereiste Pässe. Und all diese aben­teuerlichen Mühen wurden vollbracht in der ständigen Angst vor Überfällen, in Sorge um Ware und Leben. Als Vasco da Gama 1497/98 den Seeweg nach Indien ent­ deckte, der das Risiko von Überfällen reduzierte und den Händlern die Zölle der Araber ersparte, verlor die Seidenstra­ ße endgültig ihre Bedeutung – erst Sven Hedin und andere sollten ab Ende des 19. Jahrhunderts mit großen Expeditionen die alten Verbindungen erforschen. Heute treibt die Volksrepublik China die Wiederbelebung eines Europa und Asien umspannenden Verbindungsnetzes in neuen Dimensionen voran. Chinas Präsident Xi Jinping sagte 2015: »Wir müssen gemeinsam eine regionale Ordnung schaf­ fen, die besser zu Asien und zum Rest der Welt passt«, und be­


22 »Kasachstan!«

Wenige Straßen führen durch die Weiten der Landschaft, in der Männer zu Pferde auf Schafe und Kühe achten, die Toten ihre Ruhe finden und Kinder mit Eselskarren Gemüse transportieren.


kräftige damit Chinas Absicht, mehr Einfluss in der Welt zu gewinnen; die Wiederbelebung der Seidenstraße folgt ei­ ner ökonomischen Logik und den geopolitischen Interessen Chinas. Auch ergänzt sie die innerchinesische »Go-West-­ Strategie« (siehe ATLAS 02), mit welcher der westliche Teil des großen Reiches der Mitte wirtschaftlich entwickelt wird. Für das Projekt yi dai yi lu, »Ein Gürtel, eine Straße«, wie die neue Seidenstraßen-Idee genannt wird, hat China in­ zwischen mehr als 40 Milliarden US-Dollar in den »Seiden­ straßenfonds« eingezahlt. Außerdem hat China die »Asia­ tische Infrastruktur-Investmentbank« gegründet, an der sich fast 60 Staaten beteiligen, unter ihnen auch Österreich und Deutschland. Geplant sind ein Strang durch Zentralasien und eine nörd­ liche Strecke grob entlang der bestehenden Transsibirischen Eisenbahn sowie eine südliche, die Indien, Laos und Myanmar anbinden soll ­– diese neue Seidenstraße wird in einem unbe­ kannten Maß Asien, Eurasien, den Mittleren Osten und Europa miteinander verbinden. Projektiert sind 140.000! Kilo­meter – das ist der dreieinhalbfache Erdumfang am Äquator. Ein Geflecht aus Straße und Schiene mit neuen Knotenpunk­ ten soll entstehen, deren wirtschaftliche Erfolge bestimmte Regionen voranbringen können. Kashgar in China, Khorgos in ­Kasachstan, Gwadar in Pakistan gehören unter anderen dazu. Und China, das im 14. Jahrhundert die größte Seemacht des Globus war, ergänzt diese Ideen und Vorhaben um eine »mari­ time Seidenstraße«, ein Netzwerk aus Seerouten, Häfen und Marinebasen.


24 »Kasachstan!«

Arm, reich, schön Morgens um 7 steht Wladimir vor der Tür. Berufsfahrer, rus­ sischer Kasache, der so wenig Englisch spricht wie unsereins Russisch, eine wortkarge, gestenreiche Fahrt beginnt. Wir wollen ins rund 380 Kilometer entfernte Khorgos. Auf dem Land blicken wir in das andere Gesicht Kasach­ stans: Unterentwicklung, Arbeitslosigkeit, Armut. Wir kom­ men durch Dörfer, deren einziger gepflasterter Weg die Durchgangsstraße ist, fahren vorbei an rumpelnden Esels­ karren, an Kindern, Frauen und Alten, die im Schatten sitzen und verkaufen, was ihr Land hergibt, Melonen, Äpfel, Kar­ toffeln. Hier hocken die Alten, die nie etwas hatten, und die ­Jungen, die kaum etwas bekommen werden; groß ist die ­neugierige Skepsis in den Gesichtern: Was der Fremde wohl bringen mag? Das soziale und kulturelle Gefälle zwischen Stadt und Land ist immens – um diesen Graben zu schließen, Durch den Naturpark Altyn Emel – nach Khorgos, wo der Dry Port bereits arbeitet

sind 25 Jahre Unabhängigkeit und freie Wirtschaft einfach nicht genug. Wir durchqueren Altyn Emel, einen von 16 Nationalparks, 4.600 Quadratkilometer groß = fünfmal Berlin, 12-mal Wien. Hier wohnen der Sibirische Steinbock, die Kropfgazelle und das Argali, hier wurde das Przewalksi-Wildpferd wieder ange­ siedelt und der Buchara-Hirsch; Schilder warnen vor wild kreuzenden Pferden. Und die kasachische Kuh liebt es, unver­ mittelt hinter Kurven zu stehen – nur Vollbremsungen retten uns vor Zusammenstößen. »Kasachstan!«, kommentiert ­Wladimir, wie er übrigens alles derart kommentiert, was ihm abwegig erscheint. Und das ist einiges. In Altyn Emel – ein wundervoller Ausschnitt der ökologi­ schen und geologischen Vielfalt dieses großen, fast men­ schenleeren Landes, das reich ist an Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas, Gold, Mangan, seltenen Erzen und vielen anderen –


»Kasachstan!« 25

gibt es die Weißen und die Roten Berge, Steppen, Flusswälder. Eine dünne Asphaltstraße führt durch dieses Gebiet, in dem du kaum Menschen triffst, vielleicht alle Viertelstunde ein Auto oder einen überladenen Lkw, schiefe Nekropolen liegen an der Strecke, Hügel- und Bergformationen wechseln mit Steppen und diese mit unüberblickbaren Getreidefeldern. Der Sheep-Boy treibt seine Herde zu Pferd, die auf den Feldern zusammengerechten Strohhaufen scheinen schlafende Bisons, die Steppe riecht nach trockener Schokolade … Steine, Hügel, Berge, ihre wechselnden Formationen und Ausdrücke – manche sind scharfkantig wie alte, markante Gesichter, andere gemütlich und pausbäckig, die Geröllhalden dort wirken wie die unrasierten Wangen uralter Riesen … Wenn die Wolken sich an den Bergen abregnen und ihre wei­ ßen Wassernebel oben an die Felsen kleben, wenn die Sonne dann gegen Abend in ihr orangerotes Opernkostüm schlüpft

und diese Landschaft neu in dramatisch-romantische Farben taucht, versteht man die Bilder im Kasteev-Museum, die von der großen Freiheit in dieser Natur erzählen. Was für ein Land!, was für eine Landschaft. 4.000 Seen hat Kasachstan, rund 44 Prozent der Landesfläche sind Wüs­ ten, die ewig schneebedeckten, alles überragenden Gipfel­ stürmer der Gebirge gehen hoch bis auf über 7.000 Meter … als hätte sich die ­Evolution mit diesem Land ein Muster für die Welt geschaffen – und es für beschenkt und schön genug befunden. Neues Netz, neuer Knoten Schließlich öffnet sich der Blick auf Khorgos, die neue Wirt­ schaftszone mit China im gemeinsamen Grenzgebiet. Fast 6.000 Hektar umfassend und damit in etwa so groß wie Salz­ burg, ist sie von beiden Ländern frei zugänglich, ausgestattet


26 »Kasachstan!«

Die verschiedenen Spurbreiten der Bahnen machen das­ Umladen der Container nötig – die Containerbrücken in Khorgos.

mit umfassenden steuerlichen Privilegien für die Unterneh­ men, die sich hier niederlassen und Arbeit schaffen. Wir treffen Togzhan Mussirova und Daniyar Mussirov, Mitarbeiter in der Kommunikationsabteilung der JSC Mana­ge­ ment Company, jenes Unternehmens, das die »Khorgos ­Eastern Gate« betreut. Beide sind um die dreißig, in Almaty geboren und haben sich in London getroffen und lieben ge­ lernt. Inzwischen verheiratet, sind sie begeistert davon, dass sie dieses Projekt mit vorantreiben können, von dessen Sinn und Erfolg sie zutiefst überzeugt sind: Ein zentraler Transit­ punkt im Netzwerk der neuen Seidenstraße entsteht hier, ein Wirtschaftsraum, der in wenigen Jahren 50.000 Jobs bie­ ten wird, Jobs in Lagerhaltung, Endfertigung, Logistik, IT. ­»Khorgos Eastern Gate« wird die ganze Region pushen, es ist ein zentrales Infrastrukturprojekt für das Land. Zufrieden zeigen Togzhan und Daniyar das Geschaffene: Der Dry Port arbeitet bereits. Hier werden Container von ihren aus China kommenden Zügen gehoben und direkt auf kasachische, europäische Züge umgeladen und umgekehrt: notwendig aufgrund der unterschiedlichen Spurbreiten. Schon heute kann der Dry Port mehr als 500.000 TEU-Con­ tainer jährlich bewegen, perspektivisch werden es mehr als eine Mil­lion sein; die Flächen für Warehousing und Fertigung sind bereit und können Unternehmen ebenso zur Nutzung übergeben werden wie das große Autobahnteilstück zwischen China, Khorgos und Almaty, das nur noch angeschlossen wer­ den muss. Eine »Residential Area« für rund 110.000 Men­ schen ist in Planung. »Wer das Pferd unnötig treibt, muss am Ende zu Fuß ­gehen«, sagt ein kasachisches Sprichwort. Doch will das Land sein wirtschaftliches Tempo fortsetzen, orientiert darauf, zu den Staaten der »Ersten Welt« aufzuschließen. Hierbei spielt yi dai yi lu eine große, vielversprechende Rolle – und die ­kasachische Cola schmeckt schon heute besser als das Ori­ ginal.

Rainer Groothuis, geboren 1959 in Emden  / Ost­ friesland, ist Gesellschafter der Kommunikations­ agentur Groothuis. www.groothuis.de Mit besonderem Dank an Timur Akhmetkaziyev, ­Vladimir Sibryayev, Togzhan Mussirova und Daniyar Mussirov.


»Kasachstan!« 27 ATLAS 27


28  et cetera: kasachstan

Kasachstan Kasachstan verbindet den europäischen mit dem asiatischen Kontinent und ist der größte Binnenstaat der Erde. Das Land erstreckt sich von der Wolga-Ebene und dem Kaspischen Meer im Westen bis weit zum Altai-Gebirge an der Grenze zu China im Osten. Es herrscht kontinentales Klima mit warmen trockenen Sommern und eiskalten Wintern mit Temperaturen bis unter –40 Grad. Die Kasachen gelten als gastfreundliche Menschen – je ärmer und dörflicher die Gegend ist, umso mehr.

russland

landesHauptstadt

Astana Einwohnerzahl

17.737.000 amtssprache

Kasachisch (Nationalsprache) Russisch (zweite Amtssprache)

Astana

mongolei

kasachstan

Bevölkerungsdichte

7 Einw. / km2 Almaty

Khorgos

Lebenserwartung

usbekistan kirgisistan kaspisches meer

china turkmenistan

tadschikistan

»Wir verbinden Europa und Asien« Gebrüder Weiss baut Kompetenzen entlang der Seidenstraße aus Timur Akhmetkaziyev, Ailyana ­Aletova, Alim Kulmagambetov, Irina Strelnikova und Alexandr Milashenko (von links)

TOO Gebrüder Weiss UI. Maylina 79, 050054 Almaty, Kasachstan T +7.727.300.46.80, F +7.727.300.46.81 timur.akhmetkaziyev@gw-world.com www.gw-world.com/eastplus

Oriri ist ein lateinischer Begriff, er be­ deutet entstehen, aufgehen, anfangen. Der Orient kennzeichnet demnach die Seite des Sonnenaufgangs. Alle Gestirne stei­ gen an der Osthälfte des Himmels em­ por; Kirchen sind häufig so gebaut, dass der Altar nach Osten hin steht, sie sind geostet oder auch: orientiert. Sonnen­ blumen neigen morgens ihre Blüte nach ­Osten, um die größtmögliche Menge an Sonnenstrahlen einzufangen – ­­ex oriente lux, aus dem Osten kommt das Licht. Und ja: Im Osten passiert etwas. ­Parallel zur Infrastrukturkampagne »One Belt, One Road« der chinesischen Regie­ rung weitet Gebrüder Weiss sein Enga­ gement entlang der Seidenstraße aus und schafft Zugänge zu den Wachstums­ märkten in Zentralasien, denn die histo­ rische Handelsroute bietet sowohl für europäische als auch für asiatische Un­ ternehmen großes Potenzial. Bereits seit Anfang 2016 ist Gebrüder Weiss in

Männer: 64,66 Jahre Frauen: 74,88 Jahre

Almaty in Kasachstan vertreten – Ge­ schäfts­führer ist Timur Akhmetkaziyev, 35, der sechs Jahre im deutschen Trier und in den USA studiert hat. »Die Sei­ denstraße wird große Veränderungen und wirtschaftlichen Aufschwung ­bringen«, sagt er überzeugt und freut sich: Sobald das Autobahnteilstück ge­ schlossen ist und sich die Fahrzeit von China nach Almaty damit um rund 40 Prozent verkürzt, erwartet er neue gute Geschäfte. Als Spezialist für die Verbindung zwi­ schen China und Europa bietet Gebrü­ der Weiss ganzheitliche Transportund Logistiklösungen. An zahlreichen Standorten entlang der Seidenstraße kümmern sich Mitarbeiter, die sich mit ­Landessprachen und kulturellen Ge­­pflo­ genheiten auskennen, persönlich um reibungslose Abläufe. Und so werden die Wege zwischen Orient und Okzident auch in Zukunft nicht kürzer, aber schneller und vor allem eins: sehr zu­ verlässig. Weitere Informationen finden Sie auf www.gw-world.com/silkroad


et cetera: kasachstan 29

Über Löcher und Steine Daniel Schachingers Tour für eine bessere Welt

interview:  Miriam Holzapfel

E

inen Tag vor dem »internationa­ len Tag der Aufklärung über die Minengefahr« am 4. April ist Daniel Schachinger von Wien nach Süd­ ostasien aufgebrochen. Nicht mit dem Flugzeug, auch nicht mit dem Auto – mit dem Fahrrad ist er losgefahren, um nach etwa 18.000 Kilometern Burma zu errei­ chen. Mit seiner Reise möchte er auf eine latente Bedrohung aufmerksam ma­ chen, von der speziell in den Ländern an der Seidenstraße Hunderttausende von Menschen betroffen sind: unzählige Landminen und Blindgänger, die im Boden dieser Gebiete liegen. Über die Plattform betterplace.org sammelt Schachinger Spenden, die an die Hilfs­ projekte der Organisation Gemeinsam gegen Landminen (GGL) weitergeleitet werden. Wir haben mit Daniel Schachin­ ger gesprochen, als er gerade in Chorug in Tadschikistan eingetroffen war. Andere radeln zur Arbeit, du radelst nach Asien. Was für ein Fahrrad hast du dabei? Ich bin mit einem speziellen ReiseradRahmen unterwegs, mit einem Gepäck­ träger vorne und einem hinten. Der Reiserad-Rahmen unterscheidet sich

von einem normalen Fahrrad vor allem dadurch, dass er sehr robust gebaut ist und mehrere Befestigungsmöglich­ keiten für Gepäck hat. Ansonsten hat das Rad nur einfache Standardkompo­ nenten wie Schaltung und Bremsen, die leicht zu reparieren sind und für die ich an möglichst vielen Orten Ersatzteile bekomme. Vermutlich hast du kaum mehr als das Nötigste im Gepäck. Was ist das? Gepäck ist ein schwieriges Thema. Denn dadurch, dass ich für die Wüste genauso wie fürs Hochgebirge und generell für kältere Jahreszeiten alles dabeihaben muss, muss ich viel Gewand mitnehmen, dazu Zelt und Schlafsack, die auch bei niedrigen Tempe­raturen noch tauglich sind. Ich habe trotzdem alles auf das Minimum reduziert, das sind zwei Unterhosen, zwei Paar Socken

und zwei T-Shirts, dazu eine lange Hosen, eine kurze Hose und Funktions­ wäsche für kaltes und regnerisches Wetter. Außerdem habe ich eine kleine Küche dabei mit einem kleinen Benzin­ kocher, damit ich mich unterwegs autonom versorgen kann. Sehr viel mehr ist es nicht. Vermutlich ist leichtes Gepäck auch beim Passieren der Staatsgrenzen günstig. Oder fährst du einfach so durch? Die Grenzen sind eigentlich problemlos. Aber natürlich gibt es immer zahlreiche Fragen, weil es an den meisten Über­ gängen nicht gerade alltäglich ist, dass ein Radfahrer durchkommt. In den zentralasiatischen Staaten wird außer­ dem das Gepäck jedes Mal genau durch­ sucht, und die Fotos auf meinem Handy werden geprüft. Das sind also schon intensive Kontrollen, die aber reibungs­ los verlaufen. Ich musste auch noch nirgendwo Bestechungsgelder bezahlen, jedenfalls soweit ich weiß.

Unterwegs über den Sagirdash-Pass auf dem Pamir Highway, einem einst ­bedeutenden Abschnitt der Seidenstraße


30   ET CETERA: KASACHSTAN

Daniel Schachinger am Pass Kop Gecidi, der 2.302 Meter über dem Meer in der Türkei gelegen ist

gemeinsam gegen landminen

GGL Austria ist eine österreichische Hilfs­ organisation, die das Österreichische ­Spendengütesiegel trägt – Informationen zur Arbeit von GGL finden sich unter www. landmine.at. Auf betterplace.org berichtet Daniel Schachinger immer wieder eindrucksvoll von den Etappen seiner Reise. Gebrüder Weiss unterstützt sein Engagement.

Gerade bist du im Pamir-Gebirge ­unterwegs. Wie sind dort die Straßenverhältnisse? Die Straßenverhältnisse hier im Pamir-

Gebirge sind sehr ruppig, muss ich sagen. Ich fahre entlang der Fernstraße M41 von der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe bis Osch in Kirgisien. Diese Straße war ursprünglich einmal asphal­ tiert, aber durch ihre Exponiertheit und die wilden natürlichen Verhältnisse dort ist sie über weite Strecken mittler­ weile ziemlich verwahrlost. Immer wiederkehrende Erdrutsche, Felsstürze und Hochwasser machen es so gut wie unmöglich, die Straße in gutem Zustand zu halten. Es wechselt also zwischen schlechter Asphaltdecke und Stein- oder Sandpiste, dazwischen ist alles möglich.

Generell bin ich ziemlich eingeschränkt, was die Geschwindigkeit angeht, weil ich oft Schlaglöchern ausweichen muss und es über die Steine einfach nicht so schnell geht. Wie erlebst du die Leute, die dir unterwegs begegnen? Die Begegnungen unterwegs sind durch­ weg freundlich und sehr interessant. Die Menschen entlang der Seidenstraße sind extrem gastfreundlich, es gibt da eigentlich keinerlei Probleme – bis auf die Sprachbarriere. Das ist das Einzige, was sehr schade ist: Die Kommunika­ tion mit den Einheimischen ist ziemlich eingeschränkt, weil sehr wenig Englisch gesprochen wird und ich beispielsweise kein Tadschikisch und kein Russisch kann. Daher ist die Konversation oft nur sehr kurz. Aber die Leute sind sehr neugierig, wenn Radfahrer vorbeikom­ men, und wollen alles Mögliche wissen. Fast immer wird man auf einen Tee, eine Suppe oder andere Mahlzeiten in private Häuser eingeladen – oder sogar auf eine Übernachtung. Du möchtest mit deiner Tour darauf aufmerksam machen, dass zahlreiche Länder entlang der ehemaligen Seidenstraßen-Route von Landminen verseucht sind. Was bedeutet dieses Problem für die Einheimischen? Die Landminen liegen in Gegenden, die früher von den Bewohnern kleiner Dörfer als Ackerland genutzt wurden. Und gerade im afghanisch-tadschiki­ schen Grenzgebiet, einer schroffen

Gebirgsgegend, sind Nutzflächen ohne­ hin sehr rar. Wenn dort dann eigent­ lich vorhandene Flächen nicht betreten werden können, weil es wegen der Verminung viel zu gefährlich ist, stellt das eine ungeheure Einschränkung für die Menschen dar, die von der Land­ wirtschaft leben müssen – und zugleich eine große Gefahr. Welche Unterstützung brauchen die Menschen, die von diesem Problem betroffen sind? Die Landbevölkerung in den verminten Gebieten hat größtenteils überhaupt

»Die   Betroffenen brauchen ­Unter­stützung, um die L ­ andminen ­unschädlich zu machen.« keine Ahnung, um was es sich da genau handelt. Die betroffenen Menschen brauchen deshalb vor allem technische Unterstützung und natürlich das Knowhow, um die Landminen unschädlich zu machen und fachgerecht zu entsor­ gen. Dringend benötigt werden Exper­ ten, die mit Metalldetektoren die Felder absuchen und die Minen und Blind­ gänger, die sich im Boden befinden, einsammeln und entschärfen können, damit endlich niemand mehr zu Scha­ den kommt.

Miriam Holzapfel ist Kultur­ wissenschaftlerin und Redakteurin für den ATLAS .


31  et cetera: Dubai 31 Nachgelesen

ATLAS 31

Nachgelesen Immer auf der Höhe

Ab sofort ist bei iTunes und im Google Store die GW News App erhältlich, mit Neuigkeiten und Wissenswertem aus der orangen Welt.

Sekt geöffnet

Wir freuen uns über die Auszeichnungen für das Gebrüder-Weiss-Jahrbuch 52/2015 und bedanken uns für die ­Anerkennung im R ­ ahmen verschiedener Wettbewerbe.

Kanal geöffnet Nach neun Jahren Bauzeit ist in Panama der erweiterte Kanal zwischen Atlantik und Pazifik eröffnet worden. Über den ­beschwerlichen Bau des ursprünglichen Kanals, der 1881 initi­ iert wurde, haben wir in der fünften Ausgabe des ATLAS im Herbst 2015 berichtet. Die Erweiterung des Kanals sei »ein historisches Ereignis für Panama, die ­Region und die Welt«, sagte Panamas Präsident Juan Carlos Varela bei der Eröffnung der neuen Schleusen von Agua Clara in Colón.

Italien geöffnet

Und auch in kleinem Maßstab wurden Bauarbeiten beendet: In der vierten Ausgabe des ATLAS im Frühjahr 2015 haben wir das Miniaturwunderland vorgestellt, die größte Modelleisen­ bahnanlage der Welt. Damals war die neue Italien-Abteilung noch im Bau, nun ist sie fertig, und Vatikan, Vesuv und Ve­ nedig können in der historischen Speicherstadt in Hamburg besucht werden. www.miniatur-wunderland.de

»Hast du drei Tage kein Buch gelesen, werden deine Worte seicht«, mahnt ein Sprichwort aus ­China. Unsere Autoren ­können Abhilfe schaffen: Wer versteht sie, diese Teenager? Und was machen die eigentlich die ganze Zeit mit ihren Handys? Wer über ihren Essay auf Seite 38 hinaus noch etwas mehr über die Lebenswelten Jugendli­ cher erfahren möchte, dem sei Michaela Mühls Titel 15 sein ans Herz gelegt. Da­ rin lässt sie Jugendliche erzählen, über Freundschaft, Liebe und die besten Posen bei Instagram.

melanie Mühl 15 sein was jugendliche heute wirklich denken Hanser

Der Kommunikationsdesigner Andreas Uebele hat sich mit Studenten der Fach­ hochschule Düsseldorf in den weltwei­ ten Schilderwald begeben und kam mit soliden Erkenntnissen über den Zusam­ menhang von Schrift und Identität zu­ rück. Die wichtigsten verrät er auf Seite 56, darüber hinaus empfehlen wir sein wunderbares Buch, das für all jene be­ sonders erhellend sein dürfte, die viel unterwegs sind. Christian Fischer Johannes Eckert Ilona Pfeifer Philipp Schäfer Andreas Uebele Schrift und Identität ­ Die Gestaltung von ­B eschilderungen im ­öffentlichen Verkehr Niggli

Jens Mühling ist, wie Sie auf Seite 64 nachlesen können, nicht nur ein Kenner von Weltuntergangsszenarien, er hat auch geradezu fantastische Einblicke in die russische Seele gesammelt. Immer wieder hat er Reisen in dieses Riesen­ land unternommen und ist dort Men­ schen begegnet, die man nicht schöner hätte erfinden können.

jens Mühling mein russisches abenteuer DUMONT


Die Karte im Kopf Verlieren wir unseren Orientierungssinn, weil wir uns auf Navigationsgeräte verlassen? Von Brief­ tauben, Neurobiologen und den australischen ­Guugu Yimithirr können wir einiges lernen.

W

o sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Das fragen wir uns nicht nur in schlaflosen Nächten, sondern auch am Straßenrand, wenn unser Naviga­ tionsgerät wieder mal unverständliche ­An­weisungen gibt und wir verzweifelt versuchen, die zerknitterte alte Straßen­ karte in die richtige Richtung zu drehen. Einer Taube würde das nicht passie­ ren. Sie nutzt zur Orientierung ein zu­ sätzliches Sinnesorgan, mit dem sie das Magnetfeld der Erde erspüren kann. Wissenschaftlich überprüft wurde das, indem man die Tiere in einem stock­ dunklen Labor herumflattern ließ, wäh­ rend man mit großen Magnetspulen künstliche Magnetfelder erzeugte. Die Tauben erkannten die Richtung der ­Magnetfeldlinien und konnten sich pro­ blemlos orientieren. Wie ihnen das ge­ lingt, ist noch immer nicht ganz klar. Lange Zeit hielt man Zellen in ihrem Schnabel für spezielle Magnetsensoren, sie entpuppten sich allerdings bei ­näherer Untersuchung als Im­ munzellen.

Doch egal, ob der Magnetsinn der Taube im Schnabel sitzt oder nicht: Wir Menschen müssen ohne eingebauten Biokompass auskommen, und das ge­ lingt den meisten von uns auch ziemlich gut. Orientierung ist Übungssache, wie viele andere menschliche Fähigkeiten auch. Genau deshalb ist es unklug, sich im­ mer auf technische Hilfsmittel zu verlas­ sen. Wer seinen Orientierungssinn nicht trainiert, der wird ihn verlieren – davor warnt Roger McKinlay, Experte für Sa­ tellitennavigation und ehemaliger Präsi­ dent des Royal Institute of Navigation in Großbritannien. Genauso wie man nach der Erfindung des Taschenrechners noch immer Kopfrechenfähigkeiten un­ terrichtet, sollte man in den Schulen auch in Zeiten von GPS das Kartenlesen und die Orientierungsfähigkeit üben, meint McKinlay. Taxifahren ist Hirntraining Die Hirnforschung scheint ihm recht zu geben. Als man die Gehirne von Londo­ ner Taxifahrern untersuchte, entdeckte man eine bemerkenswerte Auffälligkeit: Der Hippocampus, eine Gehirnstruktur im Schläfenbereich, war bei ihnen be­ sonders stark ausgeprägt. Das ständige Orientierungs-Training im unübersicht­ lichen und verwinkelten Straßennetz der englischen Hauptstadt scheint be­ stimmte Hirnstrukturen zu stärken. Dass der Hippocampus eine wichtige Rolle für den Orientierungssinn spielt, ist schon seit längerer Zeit bekannt: Tierarten, die stark auf ihre Orientie­ rungsfähigkeit angewiesen sind, haben oft auch einen


die karte im kopf 33

besonders großen Hippocampus – Eich­ hörnchen zum Beispiel, die sich merken müssen, wo sie ihre Nüsse versteckt ­haben. Schon 1971 konnte der Hirnforscher John O’Keefe bei Versuchen mit Ratten zeigen, dass es einzelne Zellen im Hippo­ campus gibt, die genau dann aktiv sind, wenn sich das Tier an einem bestimm­ ten Ort befindet. Es scheint also so et­ was wie eine »innere Karte« im Gehirn zu geben. Jahrzehnte später gelang es dem Forscherehepaar May-Britt und Edvard Moser, weitere entscheidende ­Details über die Orientierungskarte in ­unserem Kopf zu entschlüsseln: Im en­ torhinalen Cortex, einer Hirnregion mit enger Verbindung zum Hippocampus, fanden sie so etwas wie die GPS-Koordi­ naten des Gehirns. May-Britt und Edvard Moser unter­ suchten, wie Zellen im Rattenhirn im­ mer wieder aufblitzten, während die Ratte ziellos durch den Raum spazierte. Bei jedem »Feuern« der Zelle wurde ge­ nau notiert, an welchem Punkt sich das Tier gerade aufgehalten hatte. Dabei er­

kannten die Forscher ein erstaunliches geometrisches Muster: Wenn man die Punkte miteinander verbindet, auf die eine bestimmte Rattenhirnzelle mit Ak­ tivität reagiert, entsteht ein regelmäßi­ ges Raster aus gleichseitigen Dreiecken. Dieses eingebaute Koordinatensys­ tem, ein Raster im Kopf, hilft bei der Orientierung. Immer wenn sich die Rat­ te über einen Knotenpunkt dieses Ras­ ters bewegt, ist eine bestimmte Gehirn­ zelle aktiv. Vergleichen lässt sich das vielleicht mit den Gitternetzlinien einer Landkarte. Während diese Linien aller­ dings viereckig und rechtwinkelig ange­ legt sind, scheint das Gehirn drei- oder sechseckige Muster zu bevorzugen. Für ihre Forschungen erhielten John O’Keefe und das Ehepaar Moser im Jahr 2014 den Medizin-Nobelpreis.

Widerlegen Australiens Guugu ­Yimithirr Immanuel Kant? Trotzdem wäre es falsch, zu glauben, dass unsere Orientierungsfähigkeit ein­ deutig einem ganz bestimmten, eng ­definierten Hirnareal zuzuordnen wäre. Unsere Raumwahrnehmung hängt er­ staunlich eng mit anderen geistigen Leistungen zusammen – sogar mit der Sprache. Oben/unten, vorne/hinten, links/ rechts – das sind die drei Dimensionen, in denen wir uns bewegen. Dieses Sche­ ma ist für uns völlig selbstverständlich, man könnte annehmen, dass der Mensch gar nicht anders denken kann, dass es sich um feste Strukturen unseres Er­ kenntnisvermögens handelt, die Imma­ nuel Kant als a priori vorgegeben be­ zeichnete. Allerdings gibt es Völker, für die Begriffe wie »rechts« oder »links« gar keine Rolle spielen. In Queensland im australischen Out­ back leben die Guugu Yimithirr. Sie ver­ wenden keine subjektiven Richtungs­ angaben wie rechts und links, deren Be­ deutung davon abhängt, in welcher Position sich der Sprecher gerade befin­ det. Stattdessen haben sie absolute, ob­ jektive Bezeichnungen, ähnlich unseren Himmelsrichtungen. »Der Becher steht am südlichen Eck des westlichen Ti­ sches« würden die Guugu-Yimithirr in etwa sagen. Und wenn jemand Platz ­machen soll, wird er vielleicht gebeten, »ein Stück nach Osten« zu rücken. Das hat sogar Auswirkungen auf die Gestik beim Sprechen: Wenn ein euro­ päischer Sprecher zweimal dieselbe Ge­ schichte erzählt, wird er sie mit ähnli­ chen Handbewegungen unterstreichen. Wenn aber ein Guugu-Yimithirr-Spre­ cher erzählt, wie er nach einem Boots­ unglück zwischen Haien Richtung Ufer schwamm, dann wird er, je nachdem, wo er gerade steht, mal nach Westen, mal nach Norden deuten – genau so, wie sich der Vorfall eben ereignet hat. Wenn


34 die karte im kopf

er dieselbe Geschichte am nächsten Tag erzählt und dabei in eine andere Him­ melsrichtung blickt, passt er ganz auto­ matisch auch seine Gestik an. Ähnliches weiß der Linguist Stephen Levinson vom Volk der Tzeltal in Chia­ pas, Mexiko zu berichten. Sie haben zwar anatomische Begriffe für den rech­ ten und den linken Arm, aber keinem Tzeltal würde es einfallen, dieses Kon­ zept auf Gegenstände und ihre Lage zu­ einander zu verallgemeinern. »Der Ball liegt links vom Baum« ist ein Satz, der sich in die Sprache der Tzeltal einfach nicht übersetzen lässt. Auch sie verwen­ den stattdessen absolute Richtungs­ begriffe. Solche Sprachmuster setzen natür­ lich voraus, dass Sprecher und Zuhörer ständig die Himmelsrichtungen im Kopf haben. Man testete das Raumgefühl von Guugu Yimithirr, indem man sie auf Wanderungen begleitete und an Orten mit eingeschränkter Sicht bat, in Rich­ tung bestimmter Punkte zu weisen. Sie antworteten, ohne zu zögern, die Abwei­ chungen von der exakten Richtung wa­ ren minimal. Offenbar gelingt es ihnen mühelos, ihre geistige Landkarte im Ge­ hirn während der Wanderung an jeder Kurve mitzudrehen.

»Um die Himmelsrichtung anzeigen zu lassen, drücken Sie bitte die öst­ liche Taste.« Vielleicht ist es genau dieser Unter­ schied zwischen dem beobachterabhän­ gigen »links/rechts« und dem objekti­ ven »Ost/West« oder »Nord/Süd«, der eine entscheidende Rolle für unsere ­Orientierungsfähigkeit spielt? Jeder von uns kann beobachten, dass man sich in einer fremden Stadt viel schneller zu­ rechtfindet, wenn man immer wieder die Karte studiert und sich an den Him­ melsrichtungen orientiert. Anderen ­Leuten hinterherzulaufen, mal linksher­ um, mal rechtsherum, endet hingegen rasch in völliger Verwirrung. Vielleicht sollten wir unsere Navigationsgeräte an    diese Erkenntnis anpassen?

Der Bildungspsychologe Stefan Münzer führte dazu interessante Experimente durch: Er schickte Versuchspersonen mit unterschiedlichen Navigationsgeräten los, auf denen dieselbe Umgebung unterschied­ lich dargestellt wurde: Manche Geräte zeig­ ten geordnete Karten an, andere präsen­ tierten einen Straßenplan, der sich immer mit dem Nutzer mitbewegte und ein Abbie­ gen nach links oder rechts befahl – genau wie es heute die meisten Navigationsgeräte im Auto machen. Die Personen mit beweglichen Karten machten zwar weniger Fehler, dieser ­Modus ist also am benutzerfreundlichsten – ­allerdings hatten sie am Ende wenig über die tatsächliche Geografie des Testgeländes gelernt. Wenn wir uns wie die Brieftauben an den Himmelsrichtungen orientieren, biegen wir zwar ab und zu falsch ab, aber es ist die beste Methode, um eine Karte im Kopf zu erstellen, auf die wir dann langfris­ tig zugreifen können. Wie würden wohl die Guugu Yimithirr oder die mexikanischen Tzeltal auf der ­Suche nach einem unbekannten Ziel mit ­einem Navigationsgerät umgehen, das mit professionell-freundlicher Computer­ stimme befiehlt: »Nach fünfzig Metern ­biegen Sie links ab«? Vermutlich würden sie den Kopf schüt­ teln, das Gerät ausschalten und einfach ­jemanden nach dem Weg fragen. Und das ist nicht die schlechteste Lösung.

Florian Aigner wurde 1979 ge­ boren. Er ist pro­movierter Quantenphysiker und arbeitet als Wissenschaftserklärer in Wien. Neben journalistischer A ­ rbeit widmet er seine Zeit dem Einsatz für wissen­ schaftlich-­rationales Denken und gegen esoterischen Aberglauben.


GW-Mitarbeiterin Iulia Dodu gibt Einblicke in ihre Aufstiege – und was sie vom Berg mit zurßck in den Alltag nimmt.

D

B m i l l i e c f p i k en G


36 den gipfel im blick

text:  Judith Gebhardt-Dörler

I

ulia Dodu weiß sehr genau, wohin sie will: möglichst hoch hinaus! Sie arbeitet in der Abteilung Logistik­ lösungen bei Gebrüder Weiss Bukarest und besteigt in ihrer Freizeit die höchs­ ten Gipfel Europas: Im Sommer 2015 erreichte sie die Gipfel von Mont Blanc (4.810 Meter) und Gran Paradiso (4.061 Meter), 2016 kletterte sie auf den höchsten Berg Sloweniens, den Triglav (2.864 Meter), und bestieg den 3.789 Me­ ter ho­hen Großglockner. Wir haben mit ihr über ihr ambitioniertes Hobby ge­ sprochen.

»In den Bergen entdecke ich Facetten dieser Erde, die man sonst nicht sieht.« Für deine Leidenschaft, das Berg­ steigen, bringst du sehr viel Zeit auf. Was gibt der Sport dir zurück? Nach den Anstrengungen des Aufstiegs Iulia Dodu wurde am 23. Juli 1988 in Bukarest ­geboren und geht nicht nur gerne bergsteigen, ­sondern auch wandern und mountainbiken. Ihr Partner ist bei jeder Bergtour dabei.

2006–2007

Arbeit als Immobilienmaklerin 2007–2012

Disponentin bei Lekkerland Convenience 2009

Studium Business Management in Commerce an der Christlichen Dimitrie Cantemir Universität in Bukarest 2011

Masters Degree 2012

Beginn bei Gebrüder Weiss Rumänien als Customer Representative im L ­ ogistics Solutions Team, ­ Koordinatorin des Teams

auf einem Berggipfel zu stehen, ist ein fast unbeschreiblich schönes Erlebnis: Ich liebe die ursprüngliche Natur dort oben, ich mag den Weitblick, das Aben­ teuer, und mein Respekt vor der Berg­ welt wächst dabei kontinuierlich. In den Bergen entdecke ich Facetten dieser Erde, die man sonst nicht sieht. Aber obwohl für mich die Natur im Vorder­ grund steht, nicht die körperliche Leis­ tung, ist es schon ein besonderes Ge­ fühl, eine wirklich anspruchsvolle Situation gemeistert zu haben. Es geht mir also auch um das Ausloten meiner persönlichen Grenzen. Allein schon der Gedanke, den Mont Blanc zu besteigen, hat mir Angst gemacht, immerhin ist er über 4.000 Meter hoch! Und ich kenne die Gefahren am Berg, ich weiß, was dabei alles passieren kann. Mehrmals habe ich mich gefragt, ob ich das über­ haupt schaffen kann. Als ich dann tat­ sächlich auf dem Gipfel stand, habe ich mich unendlich frei gefühlt und trotz der Strapazen voller Energie. Und so ist es eigentlich nach jeder Tour: Hinterher fühle ich mich stärker und leistungsfähi­ ger als vorher.

Wie bereitest du dich vor?

Der Mont Blanc war meine erste große Tour, und ich musste mir dafür zunächst eine hochalpine Ausrüstung mit Steig­ eisen, Seil, Eispickel, Helm und der­ gleichen besorgen. In einem mehrtägi­ gen Alpinkurs habe ich anschließend den richtigen Umgang damit trainiert. Ich lernte den Einsatz von Steigeisen, elementare Klettertechniken und das Gehen in einer Gruppe von vier bis fünf Personen an einem Seil – in einer soge­ nannten Seilschaft ist der gleiche Rhyth­ mus nämlich enorm wichtig. Ich lernte, Gletscher zu überqueren, auf Gletscher­ spalten zu achten, und biwakierte zu Trainingszwecken in einer selbstgebau­ ten Schneehöhle. Außerdem halte ich mich mit Mountainbiken körperlich fit. Welcher Berg ist dir der liebste? Das ist schwierig zu beantworten – mit jedem Berg verbinde ich eine spezielle Geschichte und besondere Gefühle: Der Aufstieg auf den Mont Blanc ist natür­ lich unvergesslich für mich. Ich stand am höchsten Punkt Westeuropas und fühlte die totale Freiheit, das war ein­ fach einmalig. Der Anstieg auf den G ­ ran Paradiso schien mir endlos, da der Gipfel nicht zu sehen war, dafür hatten wir dann oben einen traumhaften Blick auf das Mont-Blanc-Massiv mit gefühl­ ten tausend Gipfeln. Den Triglav in Slowenien muss man allein schon we­ gen der Via Ferrata lieben – wer Kletter­ steige mag, der sollte unbedingt ein­ mal dorthin. Am meisten aber bedeutet mir vermutlich der Großglockner, spe­ ziell die Passage vom Kleinglockner zum Großglockner. Ein wunderbarer Berg, bei dessen Besteigung ich die stärksten Gefühle hatte, voller Leidenschaft war und voller Adrenalin. Welche Rolle spielt bei den Bergtouren das Wetter? Gerade in den Bergen muss man stets mit allen Wettersituationen rechnen. Wenn die Sonne scheint und die Sicht gut ist, ist natürlich alles einfacher. Allerdings sind wir schon oft bei wol­ kenlosem Himmel und warmen Tempe­ raturen gestartet und waren dann am


Ein guter Ort für eine Flagge: Iulia Dodu auf der Spitze des Triglav, der wegen seiner typischen Form bereits über eine Distanz von 100 Kilometern gut erkennbar ist

Gipfel Schneestürmen ausgesetzt. Im Großen und Ganzen hatten wir aber immer Wetterglück – mit Ausnahme der Tour auf den Mont Blanc. Das Wetter war an diesem Tag dermaßen schlecht, dass wir uns erst um elf Uhr vormittags auf den Weg gemacht haben. Zuerst wollten wir nur eine kurze Erkundungs­ tour machen, wagten es dann aber doch

»Ich habe gelernt, Rücksicht zu nehmen und Geduld zu haben.« und standen nach fünf Stunden und 1.000 Höhenmetern tatsächlich oben auf dem Gipfel. Generell ist es natürlich sehr schade, wenn man sich lange auf eine Tour vorbereitet und sie dann nicht angehen kann, weil das Wetter nicht mitspielt. Aber die Sicherheit geht vor. Nicht nur aufgrund der unsteten ­Wettersituationen ist Bergsteigen kein ungefährliches Hobby. Gab es irgendwann eine Situation, in der du Angst hattest? Bei der letzten Tour auf den Großglock­ ner gab es so einen Moment: Obwohl

wir im Juni dort waren, hatten wir für diese Jahreszeit viel zu viel Neuschnee. Es war warm, und der Schnee begann zu schmelzen. Ich fühlte mich unsicher, wurde nervös, haderte mit mir selbst und überlegte einen Moment lang, auf­ zugeben und umzudrehen. Aber was wäre dann mit meinem Team gewesen? Hätte es nicht ebenfalls aufgeben müs­ sen? Diese Überlegungen haben mir sehr geholfen, meine Angst in den Griff zu bekommen und weiterzugehen. Und auch am Triglav gab es Situationen, in denen ich hoch konzentriert sein musste – ein falscher Schritt hätte fatale Folgen gehabt. Am Mont Blanc machte mich die Überquerung der extrem steinschlaggefährdeten Rinne »Grand Couloir« etwas nervös. Aber eine rich­ tig gefährliche Situation, mit der ich nicht umgehen konnte, habe ich Gott sei Dank noch nicht erlebt. Wichtig und entscheidend ist, so gut es geht, die Nerven zu bewahren. Stichwort »Nerven bewahren« – ­wirken sich deine Erfahrungen am Berg auch auf dein Alltagsleben aus? Definitiv. Das Bergsteigen gibt mir Kraft, Energie und Sicherheit. Bei mei­

ner Arbeit gibt es immer wieder mal Situationen, die nicht einfach sind und in denen mir die Erinnerungen an meine Touren helfen: Ich denke dann daran, wie schwierig es zum Teil war, dass ich es aber geschafft habe. Und genauso gehe ich dann auch meine Alltagsher­ ausforderungen an: Schritt für Schritt. Außerdem war ich ja bisher immer in einem Team unterwegs und bin sensi­ bilisiert für das Zusammenspiel mehre­ rer Menschen untereinander. Ich habe gelernt, Rücksicht zu nehmen und Geduld zu haben. Immer wieder gibt es am Berg wie im Alltag auch Momente, in denen es jemandem im Team nicht so gut geht, darauf muss man sich ein­ stellen. Wenn jemand Angst hat, dann musst du ihm zuhören und ihm die Angst nehmen.

Judith Gebhardt-Dörler hat Sozial- und Wirtschafts­ wissenschaften in Innsbruck studiert und ist bei GW als Project Manager Corporate Communications zuständig für Publikationen.


Ich poste, also bin ich Wie Jugendliche ins Leben hineinnavigieren

Kein Kind mehr und noch kein Mann: 15-Jährige befinden sich in einem radikalen Umbau.

text:  Melanie Mühl

B

eginnen wir mit einer Szene, die sich so oder so ähn­ lich jeden Tag unzählige Male abspielt: Ein junges Mädchen, Lara, fünfzehn Jahre alt, ist mit ihren Freun­ dinnen verabredet. Das Mädchen steht ratlos vor seinem Klei­ derschrank, wühlt in einem Fach nach dem anderen, zieht T-Shirts hervor, Jeans, Kleider, die sie allesamt im nächsten Moment wieder zerknüllt in den Schrank stopft. Lara kann sich nicht entscheiden – also breitet sie vor sich ihre drei favo­ risierten Outfits aus, fotografiert sie und schickt die Fotos per WhatsApp an ihre Freundinnen. »Leute«, schreibt sie, »was soll ich bloß anziehen?« Die Kleiderwahl gehört zu den heiklen Angelegenheiten der Pubertät. Sie ist keine banale Sache, sondern von Gewicht. Früher, als Smartphones noch nicht existierten, griff man


ich poste, also bin ich 39

beim ersten Verzweiflungsanflug zum Telefon und rief seine beste Freundin an – die, da sie sich selbst gerade für die Ver­ abredung im Bad zurechtmachte, meistens nicht abnahm, weshalb man die Entscheidung allein treffen musste. Heute gilt, was auch früher galt, nämlich dass die Peer­ group die wichtigste Sozialisationsagentur ist, ein Kompass, der Jugendlichen bei der Orientierung in einer unübersicht­ lichen Welt hilft. Sie unterstützt beim Ordnen der Unordnung im adoleszenten Kopf, beim Zurechtkommen mit den verwir­ renden Triebkräften, dem sexuellen Begehren, beim Finden der eigenen Identität, bei der Abnabelung von den Eltern und

»Die Peergroup ist ein Kompass, der Jugendlichen bei der Orientierung in einer unübersicht­- lichen Welt hilft.« dem Wagnis der Weltentdeckung. Ihre Bedeutung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Entgegen der weitverbreite­ ten Annahme gilt es eben nicht, die Adoleszenz irgendwie durchzustehen, als handele es sich um einen sinnlosen Aus­ nahmezustand, im Gegenteil, sie muss intensiv gelebt werden. »Wenn man den emotionalen Funken, die Geselligkeit, die unbändige Neugier und die schöpferische Urgewalt dieser Phase als positive und notwendige Aspekte dessen sieht, wie Heranwachsende sind und wie sie als Erwachsene werden können, wenn sie diese Qualitäten pflegen, dann erkennt man die Bedeutung dieser Phase und versucht nicht einfach nur, sie zu ertragen«, schreibt der amerikanische Kinder- und Jugend­ psychiater Daniel Siegel in seinem Buch Aufruhr im Kopf: Was während der Pubertät im Gehirn unserer Kinder passiert. Evolu­ tionsgeschichtlich sei es für den Menschen als soziales Säuge­ tier nötig gewesen, dass sich Heranwachsende von ihrer Fa­mi­ lie lösten, ansonsten wäre die Inzuchtgefahr zu groß gewesen. »Individuell und kollektiv ist es lebenswichtig, dass sich Her­ anwachsende von ihren Eltern abnabeln.« Das Gehirn durchläuft im Jugendalter eine hochsensible Entwicklungsphase. Seit Hirnscans neue Einblicke gewähren, weiß man, dass die Umbauarbeiten während der Pubertät deutlich komplexer sind als einst gedacht. »Anstelle eines fertig ausgebildeten Organs mit fest etablierten Strukturen entdeckten die Forscher im Schädelinneren eine höchst be­ triebsame Baustelle, auf der ständig Gerüste errichtet, neue Verbindungen gelegt und alte wieder abgerissen wurden. Viele Bauabschnitte, die man längst abgeschlossen gewähnt hatte,

wurden gerade erst neu vermessen, andere befanden sich offensichtlich in einer Phase fortgesetzter Restaurierung«, heißt es im GEO Wissen-Heft zum Thema Pubertät. Neurolo­ gisch gesehen ähnelten Heranwachsende einem vollbesetzten Düsenjet, der mit vibrierenden Triebwerken über die Start­ bahn jage, während oben im Cockpit noch hektisch an Kon­ trollinstrumenten und am Navigationssystem geschraubt ­werde. Das größte Problem Pubertierender sind die Emotio­ nen, das Auf und Ab der Gefühle, deren schiere Intensität. »Jugendliche können – stärker als Erwachsene – überwältigt werden von Dingen, die sie cool finden«, so der Neuropsycho­ loge Lutz Jäncke. Sie liefen in diesem Alter Gefahr, Süchte oder intensive Gefühle für alles Mögliche zu entwickeln, »für Fernsehen, Fußball, Computerspiele, Musik, Drogen, Essen und Trinken, für Freundinnen und Freunde. Man ent­ wickelt temporär merkwürdige Eigenarten, benimmt sich – aus Sicht der Erwachsenen – komisch, hat komische Frisuren, trinkt zu viel.« Man trifft seltsame, aus Erwachsenenperspek­ tive oft irrationale, ja idiotische Entscheidungen. Das Risiko zieht Jugendliche geradezu magisch an, während sie es gleich­ zeitig systematisch unterschätzen. In keiner anderen Lebens­ phase ist das Verletzungsrisiko derart hoch wie während der Adoleszenz. Dass wir in einer Multioptionsgesellschaft leben und uns daran gewöhnt haben, dass die Erfüllung unserer Bedürfnisse immer nur ein paar Klicks entfernt ist, erschwert die Sache für Heranwachsende. Offenbar nämlich hat uns die Möglichkeits­ welt nicht zufriedener gemacht. In seinem Buch Anleitung zur Unzufriedenheit. Warum weniger glücklicher macht unterschei­ det Barry Schwartz Maximizer und Satisficer. Der Maximizer versucht, die bestmögliche Entscheidung zu treffen und denkt fortwährend darüber nach, ob es nicht noch etwas Besseres gäbe, wenn er nur weitersuchte – und tut es schließlich. Der Satisficer trifft eine Entscheidung, die ihm gut genug ist, mit der er zufrieden sein kann, und zerbricht sich nicht weiter den Kopf. Er sei der Glücklichere von beiden, schreibt Schwartz. Doch Jugendlichen fehlt das rationale Rüstzeug, das ihnen erlauben würde, sich entspannt zurückzulehnen und einen ausgeruhten Blick auf die Situation zu werfen. Hinzu kommt die Dauerpräsenz von Bildern, die permanente Konfrontation mit auf Hochglanz polierten Fotos im Netz, mit Videosequen­ zen, die als Vorlage für Träumereien dienen, als ständig abruf­ barer Sehnsuchtskatalog. Lara zum Beispiel postet bei der Plattform Tumblr Fotos, auf die sie im Netz gestoßen ist und die ihrer Meinung nach ein cooles Leben zeigen – ein Leben, von dem sie freilich insgeheim weiß, dass es im Grunde nichts


40  ich poste, also bin ich

Fest auf dem Smartphone installiert und besser als Google Maps: die Peergroup

mit der Realität zu tun hat. Man sieht schöne Frauen mit atem­ beraubenden Körpern, muskulöse Männer, Sonnenunter­ gänge in der Karibik, zerwühlte Seidenbettlaken, absurd teure Autos, lippenstiftverfärbte Zigarettenstummel, palmenge­ säumte Straßen, Landschaften. Dazu Sprüche wie: »Your mind should be cold and your heart should be on fire« und »I just have this happy personality and a sad soul in one body. It feels weird sometimes«. Das bedeutet nicht, dass sich Teenager in unerreichbare Leben hineinträumen und sich daran orientierten, es heißt

»Posten ist Selbst­vergewisserung.« nur, dass die Bilderflut, mit der sie permanent konfrontiert werden und die sie selbst gleichzeitig mitgestalten, nicht an ihnen abperlt. Für diese Dokumentation des Erlebten gibt es etliche Plattformen. Instagram ist eine der populärsten. Die Idee dahinter formulierte einer der Gründer einmal so: »Wir haben einen Weg gefunden, gewöhnliche Alltagsszenen in magische Momente zu verwandeln.« Aus Fotografie als Form der Selbstdarstellung sei Kommunikation geworden. Es geht

darum, Momente mit Freunden zu teilen. Dieses Teilen ist auch deshalb so wichtig, weil es der sogenannten Fear of Mis­ sing Out, kurz FOMO , vorbeugt. Posten ist zu einer Art Selbst­ vergewisserung geworden. Die Angst, etwas zu verpassen, gab es zwar schon immer, doch die digitale Revolution hat ihr eine neue Dimension verliehen. Die Pubertät zu meistern, sich zu orientieren und den rich­ tigen Weg einzuschlagen, ist nie leicht gewesen. Heutzutage ist diese Lebensphase nicht unbedingt härter als früher, sie ist nur anders. Wirft man einen Blick auf die Shell Jugendstudien der vergangenen Jahre, wird deutlich, was Jugendlichen trotz Bilderflut, Konsumterror und Multioptionsgesellschaft beson­ ders wichtig ist: Freunde und Familie. Und das ist keine schlechte Nachricht.

Melanie Mühl studierte Germanistik und Journalismus und ist Redakteurin im Feuilleton der Frank­ furter Allgemeinen Zeitung. Das neue Buch 15 sein über die Lebenswelten Heranwachsender ist ihr ­drittes, zuvor erschienen Menschen am Berg. Ge­ schichten vom Leben ganz oben und Die Patch­ work-Lüge. Eine Streitschrift.


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Irgendwie den eigenen Weg ge GW-Nachwuchs über Gegenwart und Zukunft

D

as Klagen über die Jugend gibt es seit Tausenden von Jahren. Allerdings leben die jungen Erwachsenen von heute tatsächlich in einer Gesellschaft mit sehr ungewisser Zukunft. Die Aussichten für Ausbildung, Job und Familienplanung waren mög­ licherweise noch nie so diffus wie heute. Wir haben uns mit drei jungen Men­ schen aus der GW-Welt unterhalten, wie sie zu ihren Eltern stehen und zu ihren Smartphones – und was sie sich vom Er­ wachsenenleben erhoffen.

interview:  Judith Gebhardt-Dörler Christina Sagmüller, 16 Jahre alt, Ausbildung zur Speditionskauffrau bei GW Maria-Lanzendorf, 2. Lehrjahr

In einigen Sachen unterscheide ich mich deutlich von meinen Eltern. Meine Mama putzt zum Beispiel mehr als ich, sie saugt und räumt auf und fordert diese Ordnung auch von mir, dabei ist

mir selbst das gar nicht so wichtig. An­ dere Werte wiederum teile ich mit ­meinen Eltern, und wenn ich mal Rat suche, dann wende ich mich gerne an sie. Ich weiß, dass meine Familie immer das Beste für mich will, und meine El­ tern haben viel mehr Lebenserfahrung, die mir dann weiterhelfen kann. Auch über die Berufswahl hab ich mit ihnen gesprochen. Ausschlaggebend war dann allerdings eine berufsprakti­ sche Woche im Polytechnikum. Ich wusste schon länger, dass ich eine Lehre in einem Büro machen möchte, und habe während dieser Woche dann bei GW reingeschnuppert. Das hat mir total gut gefallen, und ich habe direkt meine Be­ werbung abgegeben. Als ich eine Zusage hatte, habe ich sofort angenommen. Mir ist eine gute Ausbildung und gute Zu­ sammenarbeit in der Firma sehr wichtig. Nach der Lehre würde ich gerne bei GW bleiben. Ich möchte einen Beruf ausüben, in dem ich mit den Kunden persönlichen Kontakt habe. Wo ich ein­ mal leben möchte? Dazu habe ich mir


ehen »  Eine Familie und ein eigenes Haus mit Garten« noch keine konkreten Gedanken ge­ macht, würde aber eigentlich schon ganz gerne hier in der Umgebung blei­ ben, in den Nachbarortschaften viel­ leicht. Nicht weit weg, falls irgendwann mal was sein sollte mit meinen Eltern oder so, dann möchte ich in der Nähe sein. Auf jeden Fall wünsche ich mir eine Familie und ein eigenes Haus mit Garten. Reisen möchte ich auch noch viel und was von der Welt sehen. Zum Beispiel Island oder den Nordpol. So richtig Schnee und Eis – das möchte ich gerne mal erleben. Vor der Zukunft habe ich manchmal etwas Angst, beispielsweise davor, Men­ schen zu verlieren, die mir wichtig sind. Vor Krankheiten habe ich auch Angst. Und ein wenig auch vor dem Älterwer­ den so ganz allgemein.

 Christina Sagmüller

Michael Stadelmann, 24 Jahre alt, arbeitet bei GW Lauterach als Disponent

In meinem Leben ist Reisen besonders wichtig. Ich mag die Freiheit, einfach in ein Flugzeug zu steigen und weg zu sein. Gerade war ich in Australien, Neusee­ land, Singapur und Dubai unterwegs, habe sowohl im Camper als auch in tollen Hotels übernachtet. Bei GW habe ich vor neun Jahren meine Lehre begon­ nen. In dieser Zeit habe ich herausge­ funden, dass verschiedene Länder und Sprachen mich interessieren. Während der Lehre durfte ich nämlich ein ein­ monatiges Auslandspraktikum bei einer Spedition in Irland absolvieren, das war eine tolle Zeit. Und auch nach der Lehre konnte ich für GW noch mal ins Aus­ land, diesmal zu Davies Turner nach Manchester und London. Ich habe an­ derthalb Jahre in England gelebt, zu­ nächst in einer Vierer-WG mit einem Polen, einem Inder und einem Franzo­ sen, später in einer WG mit drei Englän­ dern, durch die ich dann wirklich Eng­ lisch gelernt habe. Neben dem Reisen ist mir Arbeit sehr wichtig, das haben mir meine El­ tern mitgegeben, und das habe ich auch so übernommen: Wenn du nicht arbei­

test, dann kommst du zu nichts! Ich möchte etwas erreichen, ich möchte sagen können, das gehört mir, das habe ich mir erarbeitet. Was Vorstellungen und Werte angeht, bin ich sowieso recht altmodisch und meinen Eltern sehr ähn­ lich: arbeiten, Haus bauen oder kaufen, heiraten, Kinder bekommen. Wichtige Entscheidungen bespreche ich entweder mit ihnen oder mit meinen Kollegen, je nachdem, worum es geht. Manchmal treffe ich Entscheidungen aber auch aus dem Bauch heraus. Ich wusste nicht schon immer, wo ich hinwill. Eigentlich hatte ich mir vor­ genommen, die Handelsakademie mit der Matura abzuschließen. Aber damals lief es leider nicht so wie erwartet oder wie ich es mir vorgestellt hatte. Also habe ich meinen Plan geändert, bin an die polytechnische Schule gewechselt und hab anschließend bei GW angefan­ gen. Es ist oft so, dass man zu spät ­darauf kommt, was für einen richtig ist. Das war bei mir mit siebzehn genauso. Angst vor der Zukunft habe ich nicht. Es wird schon klappen mit dem eigenen Haus. Und auch im Job – ich bin sehr zu­versichtlich und zielstrebig, sonst wäre ich jetzt auch nicht Disponent bei GW.


»  Mobiltelefon? Für unsere Generation ist das komplett normal.« ANASTASIA Tambouridou

ANASTASIA Tambouridou, 20 Jahre alt, Ausbildung zur Speditionskauffrau bei GW Aldingen, 2. Lehrjahr

Bevor ich meine Ausbildung bei GW begonnen habe, ging es erst in eine ganz andere Richtung. Ich hab nach der Schule in einem Callcenter gearbeitet, aber nach einer Weile gemerkt, dass ­dieser Job doch nicht zu mir passt. Also habe ich mich noch mal neu orientiert. Es kann ja schon mal vorkommen bei jungen Leuten, dass man sich nicht gleich entscheiden kann. Bei meiner Berufswahl haben mir dann unter ande­ rem meine Eltern geholfen. Mein Vater kommt aus der Spedition und hat auch bei GW gearbeitet. Ich hab mich aber auch bei Berufsmessen und bei der Ar­ beitsagentur umgesehen – da gibt es zum Beispiel einen Eignungstest, bei dem es darum geht, die eigenen Stärken und Interessen zu erkennen. Das hat mich auch beeinflusst. Meine Eltern haben mir mitgegeben, dass es wichtig ist, Verantwortung zu

übernehmen und selbstständig zu wer­ den. Das vertrete ich auch. In anderen Punkten stimmen unsere Vorstellungen nicht überein, und bei zahlreichen The­ men können wir uns nie einigen, aber ich denke, das ist normal, das ist ja auch mal mit Freunden so. Trotzdem nehme ich gerne ihre Unterstützung an, wenn ich mal einen Rat brauche. Momentan kann ich mir nicht vor­ stellen, irgendwann von hier wegzuzie­ hen. Aber wer weiß, vielleicht sehe ich das in fünf Jahren ja ganz anders, man entwickelt sich ja weiter. Ich wünsche mir jedenfalls, einen Beruf zu haben, der mir Spaß macht, unabhängig zu sein und eine eigene Familie zu gründen. Ich denke, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ein Leben ohne Mobiltelefon kann ich mir nicht mehr vorstellen. Ich würde mich zwar nicht als abhängig bezeich­ nen, aber ich brauche es und benutze es auch viel. Auch wenn das ältere Genera­ tionen vielleicht traurig finden – für unsere Generation ist das komplett nor­ mal. Mir ist bewusst, dass in der Zukunft viele neue Sachen in mein Leben kom­ men und einige davon nicht leicht sein werden. Man muss dann versuchen, trotzdem irgendwie seinen Weg zu ge­ hen. Klar, ich werde bestimmt mal un­ sicher sein – aber das wird schon.

»Ich möchte etwas erreichen, sagen können, das gehört mir, das habe ich mir erarbeitet.« Michael Stadelmann


44 ATLAS


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Verpeilt zum Erfolg Wer öfter mal die Orientierung verliert, taugt ­vielleicht zum großen Entdecker. Denn die Welt­geschichte zeigt: Nicht nur Kolumbus fand ­etwas völlig anderes, als er gesucht hatte.

text:  Till Hein  illustration:  Martin Haake

A

m 12. Oktober 1492 erreichte Christoph Kolumbus Indien. So glaubte er. Einen Monat und sechs Tage hatte die Überfahrt aus Spanien gedauert, heftige Unwetter, einen Mastbruch und mehrere Meutereien seiner Mannschaft hatte er überstanden. Nun aber schien die West­ route nach Indien gefunden, wo kostbare Gewürze und Seide lockten. Kolumbus triumphierte. In Wirklichkeit jedoch hatte sein Schiff die Bahamas angelaufen: Mittelamerika. Als er auf der nahe gelegenen Insel Hispaniola wenige Wochen später erstmals auf Ureinwohner traf, nannte er sie »Indianer«. Und selbst zwölf Jahre darauf, nach drei weite­ ren Überfahrten nach »Asien«, hielt er Amerika noch immer für Indien. Denn Kolumbus hatte den Erdumfang falsch be­ rechnet. Sonst hätte er die Neue Welt womöglich nie entdeckt. Bei frühen Entdeckungsfahrten trug besonders die Schwie­ rigkeit, an Bord den Längengrad zu bestimmen, erheblich dazu bei, dass Schiffe vom Kurs abkamen und Seefahrer mit­ unter Inseln entdeckten, die gar keine waren: sogenannte Phantom­inseln. Manche dieser Inseln verdankten ihre »Ent­ deckung« der Verwechslung mit bereits bekannten Landmas­ sen, andere waren auf Lichtspiegelungen zurückzuführen, wieder andere allein auf die übersteigerte Phantasie der Ent­ decker. Australien wiederum, von dessen Existenz Gelehrte bereits zur Zeit der Antike überzeugt waren, tauchte erst 1817 als eigenständiger Kontinent auf einer Weltkarte auf. Denn Willem Jansz, der Australien 1606 als wohl erster Europäer erreicht hatte, glaubte, in Neuguinea zu sein. Und selbst Cap­ tain Cook, den es im April 1770 zufällig an die Ostküste von Australien verschlug, suchte sofort weiter. Er war überzeugt, dass der geheimnisvolle Kontinent »Terra australis incognita« (»Unbekanntes Australien«), den er suchte, viel weiter südlich liegen müsse.


46  verpeilt zum erfolg

Das rätselhafte Kolumbus-Syndrom taucht in der Weltge­ schichte immer wieder auf: Viele Seefahrer, Erfinder und Pio­ niere der Wissenschaften verdienten sich ihre Meriten durch Desorientierung, Irrtümer oder Schlamperei. Häufig fanden sie etwas völlig anderes, als sie eigentlich gesucht hatten. Fleiß, Talent und Zielstrebigkeit reichen offensichtlich meist nicht aus. Nur wer auch mal verpeilt ist, Übersicht und Orien­ tierung verliert, scheint zum großen Entdecker zu taugen. Der Siegeszug der Antibiotika etwa begann aufgrund einer Schusseligkeit: 1928 experimentierte der Mikrobiologe Alex­ ander Fleming in London mit Staphylokokken. Eine seiner Bakterienkulturen hatte er im Labor verlegt. Als er aus den Sommerferien zurückkehrte, fand er sie wieder und stellte fest, dass sich auf dem Nährboden ein Schimmelpilz gebildet und die Staphylokokken zersetzt hatte. Durch Experimente fand Fleming heraus, dass Schimmelpilze eine Substanz pro­ duzieren, die auch viele andere Bakterienarten abtötet. Er nannte sie »Penicillin«. Bald darauf wurden weitere Antibio­ tika entdeckt, und Seuchen wie Pest, Cholera und Tuberku­ lose konnten weltweit stark zurückgedrängt werden. Zwar nicht um Leben und Tod, aber um Unsummen von Geld ging es im frühen 18. Jahrhundert: Der Alchemist Johann

Friedrich Böttger sollte für August den Starken, den Kurfürs­ ten von Sachsen, Gold herstellen. Bei einem seiner Versuche mischte Böttger Tonerde mit Feldspat, Quarz und Wasser und brannte das Ganze. Heraus kam Porzellan. August der Starke war begeistert und richtete in Meißen eine Manufaktur ein – das »weiße Gold« machte ihn steinreich.

»Nur   wer auch mal verpeilt ist, Über ­sicht und Orientierung v­ erliert, scheint zum großen Entdecker zu taugen.« In den 1990er Jahren wiederum suchten amerikanische Phar­ mazeuten nach einem Medikament, das die Durchblutung des Herzmuskels verbessern sollte. Sie fanden den Wirkstoff Sildenafil – der, zur Freude vieler Testpersonen, primär die Durchblutung des Penis förderte. Bei 70 Prozent aller Männer mit Erektionsproblemen hilft das Mittel. Im März 1998 ließen die Arzneimittelbehörden der USA das neue Präparat unter dem Namen »Viagra« zu. »Umwege erhöhen die Ortskenntnis«, lautet ein altes Sprichwort. Und in der Tat schadet es nichts, wenn man sich


verpeilt zum erfolg 47

auf der Suche nach Zielen und Erkenntnissen aller Art gele­ gentlich verirrt. Im Gegenteil. Auch der Publizist Florian Illies singt ein Loblied auf alles Ungeplante und Schräge: Die gesamte Evolution – biologisch und kulturell – lasse sich als Erfolgsgeschichte produktiver Fehler und Irrtümer erzählen, schrieb er im Dezember 2010 in einem Essay in der ZEIT . Denn im Grunde gehe es ja immer um »Kopierfehler«: Lebewesen geben ihre Erbsubstanz (DNS) an die Nachkommen weiter. Manchmal aber geschehen bei diesem Kopieren Fehler. Meist funktionieren die dabei ent­ stehenden Mutationen nicht, und sie verschwinden so schnell wieder, wie sie gekommen sind. Manchmal aber entwickelt sich durch Kopierfehler auch etwas Unvorhergesehenes, das irritiert – und sich durchsetzt. Auf diese Weise komme das Neue in die Welt, so Illies: »Die ganze Vielfalt der Kultur und der Natur ist also im Grunde nichts anderes als sehr viele ori­ ginelle Schreibfehler.« Einer seiner ambitionierten Schriften über die »abendländische Metaphysik« gab der Philosoph Martin Heidegger den Titel Holzwege. Im Vorwort dazu schrieb er 1950: »Sie gehen in die Irre, aber sie verirren sich nicht.« Und obwohl heute viele Menschen auf GPS-Geräte ver­ trauen, gibt es Holzwege noch immer – und auch die Chance,

dabei Neues zu entdecken. So wie der 28-jährige Noel Santil­ lan aus New Jersey, der vor wenigen Monaten im Mietwagen vom Flughafen Reykjavik in ein Hotel am Stadtrand der Me­tro­ pole fahren wollte. Sechs Stunden später kam er schließlich in Siglufjörđur, einem Fischerort an der Nordküste Islands, an: Hunderte Kilometer entfernt von der Hauptstadt, am Rande des Polarkreises. Statt »Laugavegur« – eine der Hauptverkehrsadern Reykja­ viks – hatte er »Laugarvegur« ins Navi eingegeben – einen der wenigen Straßennamen in diesem Nest mit etwa tausend Ein­ wohnern. Santillan stieg aus, sah sich um, war begeistert – und beschloss, erst einmal zu bleiben. Reykjavik konnte warten. Besonders gut gefiel ihm das örtliche Heringsmuseum. So etwas hatte er selbst zu Hause in New York noch nicht gesehen!

Till Hein, geboren 1969, ist freier Wissenschaftsjournalist in Berlin. Er schreibt u. a. für NZZ am Sonntag, ZEIT, mare, Süddeutsche Zeitung, Spiegel WISSEN und GEO. Im be.bra Verlag hat er den Unterhaltungsroman Der Kreuzberg ruft! – Gratwanderungen durch Berlin veröffentlicht.


letzten

Die

Teilgebiet der nördlichen Sahara, zusammengestellt aus Daten von Erdbeobachtungssatelliten, die der Kartierung natürlicher Ressourcen und der Erfassung von Veränderungen der Erdoberfläche dienen.


ATLAS 49

weißen

Erkundungen zu den ­entlegensten Orten unseres Planeten

Flecken


50 die letzten weissen flecken

text:  Titus Arnu

E

s geschehen mysteriöse Dinge im Nebelwald von Ut­ cubamba. Das bergige Dschungelgebiet in der peruani­ schen Region Amazonas ist so unzugänglich, dass dort neben Pumas, Tukanen, Kolibris und Papageien auch Sagen­ gestalten ihr Refugium finden. Bei den Einheimischen, dem Volk der Gocta, geht die Legende von einer schönen blonden Sirene um, die in der Lagune eines Wasserfalls wohnt. Sie gilt als Mutter der Fische und Hüterin eines Goldschatzes. Wem sein Leben lieb ist, so sagen die Einheimischen, der wagt sich besser nicht in ihre Nähe. Der Bauer Juan Mendoza soll einst von der Stimme der Sirene verzaubert worden sein – in einen Felsen verwandelt, muss der arme Kerl seitdem gewaltige Wassermassen tragen, die über seine Schultern ins Tal stürzen.

bolivien

»Weiße Flecken sind zunächst einmal eine Frage des Maßstabs.« Wirklich? Der Wasserfall Gocta, nach dem nächstgelegenen Dorf und dem Volksstamm benannt, war lange auf keiner Land­karte verzeichnet, es gab nur das Geraune der Gocta. Stefan Ziemendorff, ein deutscher Entwicklungshelfer, sah ihn als erster westlicher Besucher zuerst im Jahr 2002 während einer Expedition in dem Naturreservat. 2006 kehrte Ziemen­ dorff mit einem peruanischen Forschungsteam zurück, um den Wasserfall zu vermessen – mit erstaunlichem Ergebnis: 771 Meter, mit einer Messunsicherheit von 13,5 Metern. Auf einer Pressekonferenz sagte Ziemendorff, es handele sich um den dritthöchsten Wasserfall der Welt, der nur vom Salto ­Ángel in Venezuela (979 Meter) und den Tugela Falls in ­Südafrika (948 Meter) übertroffen werde. Laut einer anderen Zählweise ist der Gocta-Fall zwar nur auf Rang 15, weil er über mehrere Stufen fällt – aber er ist zu einer der größten Touristenattrak­tionen in Peru geworden. Wer sich die lange Anreise sparen will, kann den Wasserfall auf Google Earth besichtigen. Auf Google Maps ist zu erken­ nen, dass eine Straße bis zu einem Ort namens Cocachimba führt, zwei Kilometer vor dem Catarata Gocta. Wie konnte der riesige Wasserfall so lange unentdeckt bleiben? Ist nicht die ganze Welt längst komplett vermessen, kartografiert und er­

forscht? Ständig kreisen Satelliten um unseren Planeten und scannen die Erdoberfläche, Google fotografiert weltweit Häu­ ser ab, bei der NSA schreiben sie unsere Einkaufslisten mit. Wie kann es überhaupt sein, dass da noch weiße Flecken auf der Landkarte übrig bleiben? Das Zeitalter, in dem ganze Kontinente entdeckt wurden, ist lange vorbei, aber es gibt sie tatsächlich noch, die unbe­ kannten Orte. Viele Wüstengebiete, weite Flächen am Nordund am Südpol wurden bisher nur von Satelliten aus erfasst, aber noch nie von Menschen betreten. Im Himalaja wurden zwar alle Achttausender schon bestiegen – es gibt aber viele Sechstausender in Ost-Tibet, Nepal und Pakistan, auf denen noch niemand stand, die meisten haben nicht mal Namen. Im Kongo sind zwei Drittel aller Flüsse noch nicht kartografiert, im Amazonas-Gebiet ist es ähnlich. In Zentral-Grönland wur­ de 2013 mithilfe von Radarmessungen unter dem Eis eine 750 Kilometer lange und bis zu 800 Meter tiefe Schlucht ent­ deckt. Erdi-Ma, ein Felsplateau in der Sahara, wurde erst 2005


ATLAS 51

Apicipsa piditisque versperferum quae sectatqui solo berionsecto que sed enestium qui officit velenessit eat quiaturiam aribus, voluptatione maximinus et, tes exersped qui ut quam ut et unt.

erforscht. In Venezuela gibt es 3.000 Meter hohe Tafelberge, auf denen noch niemand war. Auch der größte Vulkan des Planeten war bis 2013 unbekannt: Das Tamu-Massiv, ein er­ loschener Supervulkan am Pazifikboden östlich von Japan, so groß wie die Britischen Inseln.   »Weiße Flecken sind zunächst einmal eine Frage des Maß­stabs«, sagt Manfred Buchroithner, Professor für Karto­ grafie an der Technischen Universität Dresden. »Wenn man grobe Satellitendaten nimmt, die eine Auflösung von mehre­ ren Kilometern haben, ist auf der Weltkarte alles abgedeckt«, erklärt er. Bei höherer Auflösung sieht es anders aus. Ein Maß­ stab von 1:50.000 bedeutet, dass man eine Auflösung von 50 Zentimetern benötigt, »und das war bis vor Kurzem längst nicht für alle Regionen der Welt gegeben«, sagt Buchroithner. Er hat sich lange mit dem Thema beschäftigt, sowohl aka­ demisch als auch praktisch. Der begeisterte Alpinist hat selbst einige hohe Berge als erster Mensch betreten: Er war SoloErstbesteiger des Koh-e Asp-e Safed (6.101 Meter, afghani­

libyen

niger

Erdi-Ma tschad

sudan

Tschadsee nigeria

kamerun

zentralafrikanische republik

südsudan

Blick in den nördlichsten Teil des Erdi-Ma im Dreiländereck Tschad/ Sudan/Libyen, einem seit Jahr­ tausenden unbewohnten Gebiet. Typisch ist die Sandsteinlandschaft, die bis ins Detail Regionen der Mars-Oberfläche gleicht und fast ebenso unerforscht ist.

scher Pamir, im Jahr 1975) und gehörte zu den Erstbesteigern des Tenzin Gyatso Peak (6.004 Meter, tibetischer Himalaja, 1992, gemeinsam mit Hans-Dieter Sauer und Bernhard Jüpt­ ner). Buchroithner hat unter anderem an der Stanford Univer­ sity und für die NASA gearbeitet, er hat schwer zugängliche Hochgebirgsregionen und unwegsame Schluchten kartogra­ fiert. Nebenbei eröffnet er immer mal wieder neue Sport­ kletterrouten in den Alpen, beseitigt dort also auch eine Art weißer Flecken.


Der Unterschied zwischen Geometrie und Oberfläche Anfangs arbeitete Buchroithner analog, mit Papierkarten, Vermessungsinstrumenten und Fotos, heutzutage kann er auf vielfältige digitale Daten zurückgreifen. 2013 hat Frankreich den Satelliten Pléjades ins All geschossen, er liefert Aufnah­ men von bis zu einem halben Meter Auflösung. Wenn die Bil­ der keine militärischen Informationen berühren, dann können Wissenschaftler sie verwenden. Ebenso entstehen präzise digitale Geländemodelle für die ganze Welt. Buchroithner überprüfte ein solches Digitalmodell vor Ort in einer Hochge­ birgsregion im Dreieck Tibet, Indien und Nepal und stieß auf eine unglaublich große Genauigkeit: »Da ist jeder Fleck min­ destens auf den Meter genau dreidimensional kartiert.«  Wie kann es dann sein, dass ein 771 Meter hoher Wasser­ fall erst so spät entdeckt wurde? Oder dass es Gebiete gibt in der Atacama-Wüste, die touristisch erschlossen sind, aber nicht komplett kartografisch erfasst? Das liege am Unterschied

zwischen Geometrie und Oberfläche, sagt Buchroithner. Ein digitales Geländemodell mag rein mathematisch korrekt sein, aber über die Oberflächenbedeckung vor Ort sagt es nicht viel aus. Denn es kann sich um einen Dschungel handeln, eine senkrechte Wand oder eine unbegehbare Eis­fläche. Überall dort, wo schmale Fußwege über Schotter und felsiges Gelände führen, kann man diese Routen nicht aus dem All erkennen. Felsabbrüche erscheinen als Linie, nicht als Fläche. Deshalb kommt man auch heutzutage nicht umhin, einen unbekannten Fleck auf der Weltkarte zu entdecken, indem man ihn persön­ lich betritt. In den meisten Fällen ist das ziemlich mühsam.  Entdeckungen sind immer auch eine Frage der Motiva­ tion. Im Zeitalter der großen Entdeckungen, vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, ging es den europäischen Seefahrern um Ex­ pansion, um Bodenschätze und um die Verbreitung des christ­ lichen Glaubens. Das Stichwort »Terra incognita« war eine Verheißung, Königshäuser finanzierten Forschern ihre aben­


die letzten weissen flecken 53

venezuela

Río Caroní

Orinoco guyana

Kukenán Tepui

kolumbien brasilien

Der Kukenán Tepui in Venezuela. Die Tepuis, fast 3.000 Meter ­hohe Tafelberge, sind vom ­Regenwald nahezu völlig isoliert, einerseits aufgrund ihrer Höhe und der sich daraus ergebenden klimatischen Unterschiede zum Regenwald, andererseits durch ihre unüberwindlichen Steilwände.

Orte locken. In seinem Atlas der unentdeckten Länder besucht der Autor die autonome Provinz Karakalpakistan am Aralsee, den Mikrostaat Akhzivland in Israel, die Südseeinsel Pitcairn und eine Geisterstadt in Ra’s al-Chaima, einem saudi-arabi­ schen Emirat. Es sind keine weißen Flecken im geografischen Sinn, aber sehr abgelegene Ausläufer unserer Zivilisation, die Gastmann auf unterhaltsame Art zugänglich macht. Weiße Flecken sind auch eine politische Frage. »Geowis­ sen ist Macht«, sagt Kartograf Manfred Buchroithner. Das war zu Zeiten von Kolumbus so, und es ist heute immer noch so – in Nordkorea ebenso wie in Russland, den USA und in Syrien. Vor dem Syrienkrieg sollte Buchroithner touristische Karten für das Assad-Regime erstellen. Alles wurde vermessen und digitalisiert, aber bis heute sind die Straßen auf Google Maps

»Weiße Flecken sind auch eine politische Frage. ›Geowissen ist Macht‹.«

teuerlichen Reisen, in der Hoffnung, damit Macht und Ruhm zu mehren. Im Jahr 1883 sprach Sir Clements Markham, briti­ scher Forscher und Präsident der Royal Geographical Society, zum ersten Mal von »blank of the maps«, was der schwedi­ sche Asienreisende Sven Hedin als »weiße Flecken« über­ setzte. Diese von der Weltkarte zu tilgen war das Ziel von For­ schern wie Alexander von Humboldt und Sven Hedin. Heute kann man sich mit der Computermaus an fast jeden beliebigen Punkt der Erde klicken, man kann am Bildschirm virtuell den Mount Everest besteigen (www.everest3d.de; pro­ ject360.mammut.ch), es gibt Dokumentationen über die Ant­ arktis in HD-Qualität. Im Netz scheint es, als sei die Welt zu einem Dorf geschrumpft.    Wozu macht man sich überhaupt die Mühe, eine Expe­ dition zu einem namenlosen Sechstausender in Kirgisistan zu unternehmen? Für Dennis Gastmann sind es fremdartige Kulturen und bizarre Umgebungen, die ihn an völlig entlegene

nicht zu finden – weil in Syrien niemand daran Interesse hat. Auch bei Google Earth gibt es viele Stellen, die gefakt sind, wie früher in der DDR. Nicht nur aus militärischen Gründen, auch aus wirtschaftlichen: In Afrika existieren laut Buchroith­ ner Wasserprojekte, die auf keiner Karte auftauchen.  Die Kartografen haben noch viel zu tun. Sie haben erst damit begonnen, fast senkrechte Felslandschaften im Hoch­ gebirge zu erfassen, samt Routen und exponierten Stellen. Forscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) haben in Zusammenarbeit mit der Firma 3D Reality Maps den Mount Everest mithilfe optischer Satellitendaten in einer maximalen Auflösung von einem halben Meter drei­ dimensional abgebildet. Wer dort in Not gerät, kann nun seine Position punktgenau an die Bergrettung melden, vorausge­ setzt, er hat eine Verbindung und kann die Finger noch bewe­ gen. Und ein geophysikalisches Vermessungsprojekt am ­Südpol ergab vor Kurzem, dass die Antarktis keine zusammen­ hängende Landmasse ist, sondern eher ein Schärensystem aus Inseln und Fjorden. Es wird noch einige Jahrzehnte dauern, bis wir wirklich alles über die Erdoberfläche wissen.

Titus Arnu, geboren 1966 in Laufenburg (Schweiz), studierte in München an der Deutschen Journalistenschule und schreibt für die Süddeutsche Zeitung, GEO, Natur und verschiedene Reise- und Outdoormagazine. 2016 unternimmt er eine Expedition in das Tsum Valley in Nepal, wo es noch weiße Flecken auf der Landkarte gibt.


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Sterne, Kompass, GPS – Navigation in der Seefahrt gestern und heute Die Seefahrer der Antike konnten ihre Position zwar nicht sehr präzise bestimmen, doch ihre Sinne waren geschärft. Sie­ ­orientierten sich an den Sternen und an Zeichen der Natur: ­Geruch, Farbe und Tempe­ratur des Wassers, V ­ orkommen und Wege bestimmter Vögel und Fische. Das Lot verriet ihnen die ­Wassertiefe und ob der Grund felsig oder schlammig war. Wie der biblische Noah schickten sie ­Vögel vor, um nach Land Ausschau zu halten. Über Jahr­ tausende gaben sie ihr Erfahrungswissen mündlich weiter.

text:  Martin Kaluza illustration:  Olaf Hajek Kompass Der erste Kompass bestand aus einer magnetischen Nadel, die in einer Was­ serschale schwamm. Chinesische See­ fahrer kannten ihn schon im 10. Jahr­ hundert, und über arabische Händler gelangte er nach Europa. Die Idee, eine magnetische Nadel fein ausbalanciert auf einen Pin aufzulegen, wurde erst­ mals 1269 schriftlich erwähnt. Für die Seefahrt war schließlich die im 16. Jahr­ hundert entwickelte kardanische Auf­ hängung ein entscheidender Fortschritt: Zwei im rechten Winkel zueinander angebrachte Drehlager glichen die Be­ wegungen des Schiffs aus und hielten den Kompass in der Waage.

Sextant und Jakobsstab Um 1730 entwickelte der englische As­tronom John Hadley den Sextanten. Das Gerät ist im Prinzip nichts weiter als ein Winkelmesser. Sein einfacherer Vorläufer, der Jakobsstab, wurde im 13. Jahrhundert erfunden, setzte sich in der Seefahrt aber erst im 15. Jahrhun­ dert durch. Der Sextant ermittelt sehr präzise die Höhe der Sonne oder eines anderen Gestirns über dem Horizont. Um daraus ihre Position zu bestim­ men, schlagen Navigatoren in Tafeln die Ephemeriden nach, die voraus­ berechneten täglichen genauen Stel­ lungen der Himmelskörper. Eines der frühesten Exemplare veröffent­ lichte der Astronom Regio­ montanus 1474. Sein promi­ nentester Abnehmer war Christoph Kolumbus. Zu die­ ser Zeit konnten Seeleute die Breite bereits auf 30 Seemeilen genau bestim­ men.

Chronometer Den Längengrad zu bestimmen, galt über Jahrhunderte als Ding der Unmög­ lichkeit. Dazu müssen Seefahrer zu­ nächst den Sonnenhöchststand ermit­ teln. Der westfriesische Kosmograf und Instrumentenbauer Gemma Frisius hatte bereits im 16. Jahrhundert er­ kannt, dass man den Längengrad be­ stimmen kann, wenn man den Mittags­ stand der Sonne ermittelt und mit der exakten Uhrzeit eines anderen Ortes vergleicht, dessen Längengrad bekannt ist. Doch es sollte bis 1761 dauern, bis eine zuverlässige Uhr den Durchbruch brachte. Der englische Uhrmacher John Harrison baute einen sekundengenauen Chronometer, den man auf dem Schiff mitnehmen konnte. Der Chronometer zeigte die Zeit am Nullmeridian an, der durch Greenwich verläuft. Die Seefahrer mussten nun nur noch den Zeitunter­ schied zwischen dem Schiff und der Greenwich-Zeit berechnen. Ein Blick in die nautischen Tabellen verriet den Längengrad.


sterne, kompass, GPS 55

Logscheit Das Logscheit erleichterte ab Ende des 16. Jahrhunderts die Bestimmung der Schiffsgeschwindigkeit. So konnte man in Verbindung mit einem Kompass be­ rechnen, an welcher Stelle auf der ge­ planten Strecke sich das Schiff befand. Bis dahin mussten Seeleute anhand der Bugwelle oder von Geräuschen schät­ zen, wie schnell ihr Schiff war. Das Log­ scheit ist ein dreieckiges Stück Holz, an dem eine lange Leine befestigt ist. Man warf es am Heck des Schiffs über Bord. Anhand von Knoten, die in regelmäßi­ gen Abständen in der Leine angebracht waren, konnte man ablesen, wie schnell das Schiff das Logscheit hinter sich ließ. Seither wird die Schiffsgeschwindigkeit in ­Knoten angegeben. Ein Kno­ ten entspricht einer Seemeile pro Stunde.

Radar 1904 führte der Ingenieur Christian Hülsmeyer auf der Hohenzollernbrücke in Köln einen Apparat vor, der durch einen Klingelton jedes vorbeifahrende Schiff zuverlässig meldete. Das Gerät sendete elektromagnetische Wellen aus und erkannte die Reflexionen, die von den Schiffen zurückgeworfen wurden. Seine Erfindung geriet über dreißig Jahre lang in Vergessenheit, bevor man den potenziellen Nutzen erkannte. Ra­ dare wurden für die Luft- und Küsten­ überwachung eingesetzt. An Bord von Schiffen fanden sie erst in den 1950er Jahren ihren Platz. Ein Radar erkennt neben den Schiffen in der Umgebung auch Peiltonnen, die als Navigations­ hilfen vor allem in Küstengewässern aufgestellt wurden. Die ersten Schiffs­ radare reichten um die neun Kilo­ meter weit, seit den 1960er Jahren sind etwa 110 Kilometer üblich.

Funkpeilung Anfang der 1920er Jahre begann man, an Bord Funkantennen zu installieren. Mit ihnen ließen sich Funkfeuer anpeilen, die von der Küste oder von fest veranker­ ten Feuerschiffen aus Signale sendeten. Um seine Position zu bestimmen, muss ein Navigator zwei Funkfeuer anpeilen. Von den 1940er bis in die 1980er Jahre sendete das Funkfeuer des Systems Con­ sol in Stavanger einen Strahl, der bis zu 1.000 Kilometer weit reichte. Satelliten-navigation 1964 ging mit NNSS Transit das erste Satelliten-Navigationssystem in Betrieb. Bevor es zivil genutzt wurde, war es drei Jahre dem US-Militär vorbehalten. Mitte der 1980er Jahre wurde es vom heute üb­ lichen GPS abgelöst. Um seine Position zu bestimmen, benötigt ein GPS-Empfänger Kontakt zu vier Satelliten, die ständig ihre jeweilige Position und die genaue Uhr­ zeit ausstrahlen. Weltweit werden für den GPS-Betrieb 24 Satelliten benötigt. Aus Sicherheitsgründen sind stets 31 im All.

Martin Kaluza ist Journalist und ­Autor in Berlin. Er ist in Besitz ­eines Seediensttauglichkeits­ zeugnisses.


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Da sselbe, nur a nder s Wie Sc hilder sprec hen

text:  Andreas Uebele

D

ie Maggi-Werbung am Bahnhof in Singen am Hohen­ twiel – ein großer Schriftzug auf einem Hausdach – sagt dem Reisenden, dass der Zug in wenigen Sekunden in Singen halten wird und er sich zum Aussteigen bereit ma­ chen muss. Fast hätte er den Halt verschlafen. Zwar kann er lesen, und auch die Durchsage der Bahn kam rechtzeitig, aber vielleicht hat er geträumt oder Musik gehört. Doch das visu­ elle Zeichen des Schriftzugs ist ein Signal. Es gehört nicht zum Orientierungssystem der Deutschen Bahn, aber der Zielbahn­ hof ist im Gedächtnis des Reisenden untrennbar mit der wür­ zigen Werbung verbunden. Ein schönes Beispiel, wie grafische Elemente Orte prägen, diesen ihre Identität verleihen und den Reisenden durch Raum und Zeit bei der Orientierung helfen. Beim Autofahren verhält es sich ähnlich: Passiert man die Grenze, fordern der Verkehr, die Route, die Mautstelle zur Gänze die Konzentration des Fahrers. Und doch stellt der Reisende fest, dass »etwas« anders aussieht. Die Verkehrsbe­ schilderung zeigt ein anderes Format, die Schrift ist eine ande­ re. Selbst wenn man keine typografischen Kenntnisse hat, fällt auf, dass sich das visuelle Bild des öffentlichen Raumes, die Gesamtheit aus Konstruktion, Farbe, Piktogramm, Pfeil und Schrift, deutlich verändert hat. Die unterschwellige Wahr­ nehmung des Grenzgängers erfasst, dass er nun nicht mehr in Deutschland, sondern in Frankreich ist. Die »typisch deut­ sche« DIN-Schrift weicht einer eleganten, schmal laufenden Versalschrift. Umgekehrt wird dem französischen Besucher in Deutschland der eigenwillige Charme der aus Geraden und Kreisen Maschinenbau-ähnlich konstruierten DIN-Schrift verdeutlichen, dass die deutsche Seele gerne französisch isst und trinkt, in der Konstruktion von Schrift, Technik und dem Reisegefährt aber kein Pardon kennt und einer soliden Bauart vor einer eleganten den Vorzug gibt. Mit den verschiedenen Typografien und der unterschied­ lichen Gestaltung von Verkehrsschildern ändert sich auch die Wahrnehmung von bestimmten Situationen. US-amerika­ nische Schilder kommunizieren direkt: »Don’t even think of parking here« ist eine sehr deutliche, klare, unmissver­ ständliche, aber auch persönliche und humorvolle Ansprache,

die sich von der amtlichen Verbots- und Gebotssprache in Deutschland oder Österreich unterscheidet. Der amerikani­ sche Hinweis mit dem verbal erhobenen Zeigefinger versucht sich in den Angesprochenen hineinzuversetzen, im Gegen­ satz zur distanzierten, straßenverkehrsordnenden Leier. Wem hört man wohl lieber zu: Dem Paragrafenreiter oder einem ­humor- und verständnisvollen unsichtbaren Dritten? V ie l falt und Einhe it  In Europa finden wir trotz natio­ nenübergreifender Vorgaben zu Verkehrszeichen viel Spiel­ raum bei der Umsetzung dieser Regeln. Die schönen Beispiele für unterschiedliche »Stop«-Schilder 1 zeigen, dass sich jede Nation eine individuelle Frei­heit in der Gestaltung vorbehält, oder besser: herausnimmt. Das Wort ist vorschriftsgemäß in Weiß auf rotem Grund ­gesetzt. Merkt doch kein Mensch, wenn wir da eine andere Schrift nehmen! Es ist der sympathi­ sche Ungehorsam gegenüber Normen und Regeln und der Versuch, eine nationale Identität zu behaupten. Selbst in den – nur für Fachleute sichtbaren – kleinen Details wie der Wahl der Schrift. Subversive Typografie! Besonders bei kleineren Ländern stellt man immer wieder fest, wie sehr Schrift und Identität miteinander verzahnt sind. Hier zeigt sich die Vielfalt Europas auf besonders schöne Wei­ se. Vielleicht ist es der Wille zur Abgrenzung von übermäch­ tigen Nachbarn und alles beherrschenden Sprachen? Luxem­ burg zeigt seine Sprache auf seinen Verkehrsschildern. Aber nicht nur das: Für Lëtzebuergesch gibt es eine eigene Schrift­ art; in Irland sogar für Gälisch einen eigenen Schnitt. In Island wurde die dort verwendete Schrift Transport Heavy um die Sonderzeichen Eth und Thorn erweitert. 2 E xport un d I mport von S c hriftkult ur ­ Die Länder haben sich in der Vergangenheit bei der Gestal­ tung von Beschilderungssystemen an Vorbildern orientiert: Griechenland (für Verkehrsschilder) und Italien (für Auto­ kennzeichen) haben die deutsche DIN-Schrift übernommen und verändert. In Italien etwa ist der angepasste Schnitt ge­ genüber dem Original etwas leichter, wahrscheinlich um das


58  Dasselbe, nur anders

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Zulaufen beim Prägen zu verhindern. Auch die amerikanische Schrift FHWA (Standard Alphabets for Traffic Control Devices, Federal Highway Administration) dient als Vorbild: Sie wird von Spanien und von angelsächsisch geprägten Ländern wie Kanada 3 und Australien – hier in einer veränderten Form – verwendet. Daraus ergibt sich – kurz betrachtet und ohne An­ spruch auf wissenschaftliche Ernsthaftigkeit – eine typografi­ sche Vormachtstellung der Amerikaner. Typografische Zusammenhänge mit politischen Aspekten zu verbinden, ist ein gewagtes, aber reizvolles Gedankenspiel. Schilder spiegeln den Zeitgeist ihrer Entstehung, politische und gesellschaftliche Umwälzungen spiegeln sich auch auf scheinbar unbedeutenden Alltagsgegenständen wie Autokenn­ zeichen wider. Die italienischen Nummernschilder aus den 20er Jahren – fa una bella figura! – verwenden eine zeitgemäße Schrift, deren Konstruktion auf einem Rechteck liegt. Diese wird 1932 durch eine altertümliche Serifenschrift ausge­ tauscht. Dass Antiqua-Schriften grundsätzlich ein antiquiertes Weltbild beschreiben, ist natürlich Unsinn, aber hier eine mög­ liche Interpretation. So ist es dann auch folgerichtig, dass nach dem Ende der Regierung des törichten Duce wieder dolce tipografia herrscht: Ab 1952 ziert eine serifenlose, sachlich-auf­ geklärte Schrift die belle machine von Pininfarina, Bertone und Zagato. Italiener sind charmante und schnelle Verkehrsteil­ nehmer, da stoßen die schönen und schnell dahinsurrenden Skulpturen bedauerlicherweise manchmal ineinander, so dass

die eleganten Fahrer mit einem wunderschön illustrierten Schild vor ebenjenem Unfall gewarnt werden müssen. Das Schild mit den zwei ineinander verkeilten Wagen und den Comic-artig lautmalerischen Strichen in Weiß auf grellem Rot ist ein bel canto der Verkehrstechnik. 4 Bereits diese kleine Auswahl an Beispielen zeigt, dass das Bedürfnis nach Unterscheidung, Identität und regionaler ­Eigenständigkeit so groß ist, dass es sich sogar in scheinbar unbedeutenden Straßenschildern niederschlägt. Der große Mantel der Einheitlichkeit schützt vor Verwirrung und hilft, sich schnell in unterschiedlichen Ländern zu orientieren. Die eigentümlichen Details aus Sonderzeichen, Dialekten, illus­trierender Sprache und sprechender Illustration beant­ worten dabei die Frage »Wo bin ich?« in einem kleinteiligen, aber deutlichen Sinn, der Identität und Stimmung erzeugt.

Andreas Uebele ist Kommunikationsdesigner und ­Professor für visuelle Kommunikation an der Hochschule Düsseldorf. Die Arbeiten des büro uebele ­visuelle kommunikation wurden in den letzten Jahren mit über 300 internationalen und nationalen Auszeichnungen gewürdigt, eine der wichtigsten davon ist das Corporate Design für den Deutschen Bundestag. Alle Abbildungen sind dem Buch Schrift und Identität. Die Gestaltung von Beschilderungen im öffentlichen Verkehr entnommen. Wir stellen es auf Seite 31 vor.

CH


60 familienseite

mit Rückstoßantrieb

Hallo, Leute! Laufen, springen, hüpfen, rollen, gleiten – es gibt viele Arten, voran­ zukommen. Aber habt ihr es schon einmal mit Düsenantrieb probiert? Wir zeigen euch, wie ihr ein Schiffchen bastelt, das sich nach dem gleichen Prinzip bewegt, mit dem auch die Qualle schwimmt und die Rakete in den Weltraum geschossen wird (siehe auch S. 30, Bionik). Sucht euch einen Erwachsenen als Helfer, probiert­ Leute, Leute! Auf der Schatzinsel es istaus, wasund los. Käpt’n Ferdi hat hier dann gemeinsam ab damit an den nächsten Teich! Denn für die seinen Schatz versteckt – aber leider völlig vergessen, an welcher ­Badewanne ist ein Düsenantrieb fast zu schade.

Stelle. Da hilft kein Kompass und kein GPS, nur ein scharfes Auge und etwas Geduld. Kannst du die Kiste finden und sagen, in welcher Folgende Materialien braucht ihr dazu: Himmelsrichtung sie auf der Insel steht? Und findest du bei deiner Suche noch etwas anderes, das dir sogar noch besser gefällt? Eine Schere Ein Messer oder eine Säge

Eine Styroporplatte (ca. 20 mal 10 mal 2 cm) oder einen anderen leich­ ten Schiffskörper

Paketschnur

Einen Luftballon Das Vorderteil eines Kugelschreibers (oder einen Strohhalm)

Aus der Styroporplatte schnei­ det ihr mit dem Messer oder der Säge euren Schiffskörper aus – lang und schmal, recht­ eckig oder dick und klein –, wie es euch gefällt. Wenn ihr möchtet, besorgt ihr euch noch wasserfeste Farbe und bemalt euer Boot.

Einen Bohrer


Dann wird der Luftballon über die ­Hälfe des Vorderteils des Kugelschreibers oder des Strohhalms gezogen ... Es gilt: Je kleiner die Öffnung, desto länger dauert der Rückstoß.

... und mit der Paket­ schnur fest umwickelt und festgezurrt. Das ist die Düse für euer Boot.

Als Nächstes wird die Düse mit dem Luftballon so auf der Bootsplatte ­montiert, dass die Düse ein bisschen über den Rand des Schiffskörpers ­hinausragt, damit der Luftballon aufgeblasen werden kann. Am besten­ macht ihr mit dem Bohrer zwei ­ Löcher in euer Boot und zurrt die Düse fest mit der Schnur an den Körper eures­Bootes. Achtet darauf, dass die ­Öffnung des Luft­ballons in die entgegen­gesetzte Richtung zeigt, in die euer Boot fahren soll.

Jetzt kann euer Boot losfahren – ihr müsst den Luftballon aufblasen, die Öffnung mit dem Finger verschließen, euer Boot ins Wasser setzen und dann die Düse öffnen. Probiert doch mal aus, was passiert, wenn ihr weniger oder mehr Luft in den Ballon pustet. Und wenn ihr die Düse ein wenig seitlich dreht, wird sich euer Boot auch im Kreis ­drehen.

Wichtig ist, Luftball dass zwischen schreib on und dem K dem ent weic er vorderteil ke ugel­ he ine Überga n kann – ihr k Luft önnt de ng zwisc n he und Kug elschre n Luftballon ib mit eine m Stück erhülse auch Kle abdicht bes­ treifen en.


62  DIE WELT ORANGE

Ins all

Um die Welt

Nach fünf Jahren Reise ist die Raumsonde Juno im Juli 2016 in der Umlaufbahn um den Jupiter angekommen. 33 Mal soll sie den Planeten umkreisen, dabei immer tiefer in seine Atmos­phäre eintauchen und im Februar 2018 schließlich in den Wolken des Planeten verdampfen.

Im März 2015 starteten Bertrand Piccard und André Borschberg zu einer Weltumrundung mit einem speziell dafür gebauten Solarflugzeug, um für mehr Energieeffizienz und erneuerbare Energien zu werben. Im Juli 2016 wurde die Mission erfolgreich beendet.

Kanada WR Vancouver organisierte für das neu eingeführte Citybike-System in Vancouver den Radtransport inklusive Verzollung vom französi­ schen Produktionsstandort des Herstellers Smoove per Luftfracht nach Kanada. Künftig können in der westkanadischen Metropole nun 1.500 Räder an 150 Stationen entliehen werden und die öffentli­ che Verkehrsinfrastruktur ergänzen.

Elfenbeinküste Die Abteilung Project Logistics & Break Bulk hat die erste von insgesamt fünf Zementmahl­ anlagen von Europa nach Abidjan transportiert. Fast ein ganzes Jahr dauerte es, bis alle Teile von elf Produktionsstätten in Österreich, Deutschland, Kroatien, Tsche­ chien, der Slowakei, der Türkei, Belgien, Spanien, Polen, Nieder­ lande und Vietnam vor Ort waren.

Deutschland Das Stückgutnetzwerk System Alliance Europe (SAE) hat in der ersten Jahreshälfte 2016 2,07 Mio. Sendungen transportiert, knapp vier Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Derzeit besteht die Kooperation aus 61 Partnern, die in 32 europäi­schen Ländern mit 203 Betrieben ver­ treten sind. GW ist offizieller Part­ ner der System Alliance Europe.

Türkei Mit der Eröffnung eines neuen Büros in Izmir im Südwesten des Landes baut GW seine Präsenz in der Türkei aus. Es ergänzt die bestehende Niederlassung in Istanbul im Bereich Luft- und Seefracht. Strategisch günstig nahe der Business-Area Bayrakli gelegen, bietet GW seinen Kunden im südägäischen Raum nun Transportberatung und -planung direkt vor Ort.


DIE WELT ORANGE  63

Übers meer

nach hause

Als sie auf der Insel Amrum gefunden wurde, war die derzeit älteste bekannte Flaschenpost 108 Jahre unterwegs gewesen. Sie wurde 1906 von der Marine Biological Association of the United Kingdom in Plymouth in die Nordsee geworfen, um Strömungen zu erforschen.

18 Monate lang wanderte die Hauskatze Cookie quer durch Frankreich zurück in ihre Heimat in der Normandie. Das damals erst 10 Monate alte Tier war ihrer Besitzerin im Hotelurlaub in Südfrank­ reich entwischt und legte auf dem Heimweg über 1.100 km zurück.

Iran Nach Aufhebung der Sanktionen durch die USA und die EU bietet GW ab sofort einen wöchentlichen Lkw-Sammelgutverkehr von Sofia (Bulgarien) in die iranische Haupt­ stadt Teheran an. Die Strecke über die Türkei und die Eintrittsgrenze Bazargan in den Iran ist 3.000 km lang, die Regellaufzeit der wöchent­ lich abfahrenden Verkehre beträgt sechs Werktage.

Österreich Gebrüder Weiss wird offizieller Logistikpartner der Bregenzer Festspiele, organisiert sämtliche Bühnentransporte und fördert den renommierten Kulturveranstalter mit einem Co-Sponsoring. Speziell mit ihrem Opernprogramm auf der größten Seebühne der Welt gelten die Bregenzer Festspiele seit vielen Jahren als kulturelle Hauptattrak­tion im Bodenseeraum.

Serbien Mitte August bündelten Tehnomanija und GW ihre Kräfte: Im Rahmen einer Partnerver­ einbarung befördert GW täglich mehr als 500 Sendungen mit 25 Fahrzeugen und übernimmt auch den bisherigen Fuhrpark des Großhändlers. Der Webshop des serbischen Unternehmens für elektronische Haushaltsgeräte zählt zu den beliebtesten und vertrauenswürdigsten im Land.

Singapur Für seinen langjährigen Kunden DMT Marine Equipment organisier­ te GW Bukarest den Versand einer 420 × 3 15 × 240 cm großen und 20 Tonnen schweren Schiffswinde nach Singapur. Innerhalb von nur einer Woche mussten die insgesamt sechs Teile mit einem Gesamt­ gewicht von ca. 25 Tonnen von der Produktionsstätte Galatin in Rumänien nach Singapur befördert werden.


t g e w e b

e i s h d c o Un n h c o d h c i s Das Ende naht. Seit Jahrtausenden wird der W­elt­untergang prophezeit – und immer wieder v­ erschoben.

text:  Jens Mühling

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ie große Frage ist: Wann? Bald. Sagen die Anhänger der Nibiru-Theorie. Ein Planet namens Nibiru, glauben sie, rast mit hoher Geschwindigkeit auf uns zu, mit Spezialteleskopen lässt er sich bereits orten, obwohl die NASA das natürlich ver­ heimlicht. Bald, sehr bald wird Nibiru mit der Erde kollidieren und alles menschliche Leben auslöschen. Das glauben Sie nicht? Dann googeln Sie mal »Nibiru«. Nicht dass es hinterher heißt, niemand hätte Sie gewarnt. Im Laufe dieses Jahrhunderts. Besagt eine Worst-CaseStudie des US-Verteidigungsministeriums. Sie geht von einem abrupten Klima-Umschwung aus, wie ihn manche Forscher als Folge der globalen Erwärmung für möglich halten. Das Sze­ nario: Die nördliche Hemisphäre kühlt ab, die südliche erhitzt


sich, Meeresströmungen kehren sich um, Windrichtungen wechseln, Pegel steigen, Landmassen versinken, andere ver­ dorren. Verteilungskämpfe brechen aus, um Energie, um ­Nahrung, um Lebensraum, geführt mit Messern, mit Panzern – mit Atomwaffen. Ein letztes großes Glühen, und die Welt ­gehört den Kakerlaken. »Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, son­ dern allein der Vater.« Schreibt Matthäus, der Evangelist. Und Paulus pflichtet ihm bei, der Tag des Herrn werde kommen »wie ein Dieb in der Nacht«.

Ein Datum nennt die Bibel nicht Die Frage nach dem Ende aller Zeiten: Sie hat die Menschen zu allen Zeiten beschäftigt, sie beschäftigt sie bis heute. Ent­ würfe des Weltendes finden sich, mal mehr, mal weniger ex­

plizit, in den sinnstiftenden Schriften sämtlicher Zivilisatio­ nen: in den griechischen Epen, dem Talmud, der Bibel, im Koran, den hinduistischen Veden, den Lehren Buddha Gauta­ mas. Eine Antwort auf die Frage nach dem Wann allerdings sucht man in den Schriften vergebens. Zwar malen die Pro­ pheten der Bibel in den grellsten Farben jenes Jüngste Gericht aus, das am Ende der Zeiten die Verdammten von den Erlös­ ten scheiden soll. Jesaja und Ezechiel, Esra, Daniel und allen voran Johannes bieten dabei all jenen Posaunendonner und Siegelzauber auf, der bis heute die apokalyptische Fantasie des Abendlandes beflügelt – noch der serienmordende Sekten­ führer Charles Manson, der den Weltuntergang 1969 erwar­ tete, wollte ausgerechnet in den friedliebenden Beatles die vier Reiter der Johannes-Offenbarung erkannt haben. Ein Datum aber nennt die Bibel nicht. Nur einen Anhalts­ punkt gibt die Offenbarung: Von »tausend Jahren« ist die


66 sie bewegt sich doch noch

Gute Nachrichten sehen anders aus: Franz von Stucks Der Engel des Gerichts (ca. 1922)

Rede, die Gottes Herrschaft auf Erden währen soll, bevor Satan entfesselt wird, bevor Gott den Endkampf entscheidet, bevor Er Gericht hält und die Erlösten in ein neues Reich führt. Tausend Jahre. Ein schwacher, ein auslegungsbedürfti­ ger Anhaltspunkt. Tausend Jahre, die mit Christi Geburt ­begannen? Oder erst mit seiner prophezeiten Wiederkehr? Oder, für die Juden, mit der Ankunft des wahren Messias? Brach das Tausendjährige Reich mit der Etablierung der Kir­ che an? Oder war nur eine bildliche »Fülle der Zeit« gemeint, wie der Klerus eilig versicherte, als die Welt nach dem ers­ ten Jahrtausendwechsel den Untergang verweigerte? Wann die tausend Jahre anbrechen, wann sie enden, darü­ ber streiten in den Kirchen bis heute Prämillennialisten und Postmillennialisten, Adventisten, Preteristen und Dispen­ sationalisten. Gemeinsam ist diesen apokalyptischen Strö­ mungen, dass sich ihr Bild vom Jüngsten Tag radikal von dem unterscheidet, was man heute mit dem Weltuntergang in

Verbindung bringt – nämlich die Ausrottung der Spezies Mensch, die Vernichtung des Planeten Erde, das totale, end­ gültige Ende. In der religiösen Apokalypse dagegen ist das Ende die Bedingung für den Neuanfang: Erst wenn die irdi­ sche Welt vergangen ist, kann die Zeit Gottes anbrechen, »der da herrschen wird von Ewigkeit zu Ewigkeit«. Der religiöse Weltuntergang ist somit nicht das Ende der Zeit, sondern nur das Ende der Geschichte, dieses unwürdigen Vorspiels der Ewigkeit. Den Schritt in die Ewigkeit aber ermöglicht Gott nur den Auserwählten, deren Erlösung der eigentliche Sinn der Apokalypse ist. Kein Wunder also, dass der Weltuntergang ein so mächti­ ges Instrument in den Händen religiöser Führer wurde: Je glaubwürdiger das Nahen des Jüngsten Gerichts, je flammen­ der das apokalyptische Menetekel, desto leichter lassen sich Gemeinden zu gottgefälligem Verhalten bewegen. Denn wer will schon auf der falschen Seite stehen, wenn Gottes großer


und sie bewegt sich doch noch 67

Prozess beginnt? Wohl deshalb fand Papst Sylvester II. so leicht Gehör, als er den Weltuntergang auf den 31. Dezember 999 datierte. Die »tausend Jahre« schienen greifbar, eine Massenhysterie erfasste die christliche Welt. Die einen büßten verzweifelt ihre Sünden ab, die anderen ließen alle Hoffnung fahren und sündigten, als gäbe es kein Morgen. Als am 1. Janu­ ar trotzdem die Morgensonne aufging, zog sich Papst Sylvester glimpflich aus der Affäre: Er verkündete, allein seine Gebete hätten das Ende abgewendet. Die Furcht vor dem Untergang aber blieb akut. Rund um den Jahrtausendwechsel registrierten Chronisten allerorten eine rätselhafte Fülle von Erdbeben, Überschwemmungen, Feuersbrünsten und Himmelserscheinungen. Weil der Welt­ untergang vor der Tür stand? Oder weil jedes Naturereignis im Lichte des drohenden Endes wahrgenommen wurde? Die immer noch virulente Frage nach dem Wann mündete bald in eine neue Version: Nicht Christi Geburt war maßgeblich, son­ dern sein Todesjahr. Als dann 1033 auch noch eine Sonnen­ finsternis Europa verdunkelte, sahen »alle, welche die Er­ scheinung beobachteten, sogleich ein, dass dies nur das Ende einleiten könne«, wie der Benediktinermönch Rodulfus Gla­ ber schrieb. Halb aufatmend, halb bedauernd fügt er hinzu, dass wenig später der Himmel lachte und »zum tausendsten Jahrestag der Leiden unseres Herrn (…) sanfte Lüfte wehten«.

Kaum ein Jahrzehnt ohne angekündigten Untergang Das Jahr 1000 war verstrichen, das Jahr 1033 ebenso – und damit war es erst einmal Essig mit den Anhaltspunkten der Offenbarung. Europas Endzeitpropheten aber ließen sich nicht entmutigen, im Gegenteil: Die folgenden Jahrhunderte wurden die apokalyptischsten in der Geschichte des Konti­ nents. Propheten hatten Hochkonjunktur, kaum ein Jahrzehnt verging ohne angekündigten Untergang. Der italienische Abt Joachim von Fiore entwarf bald ein dreigeteiltes Geschichts­ modell, dem zufolge die Zeit vor Christi Geburt dem Vater gehört hatte, die Zeit nach seinem Tode dem Sohn, während der Eintritt in die Ära des Heiligen Geistes unmittelbar bevor­ stände: 1260 sollte es so weit sein. Die Idee war gut. Doch die Welt noch nicht bereit. Eins der bizarrsten Untergangsschauspiele fand zwei Jahr­ hunderte später in Münster statt, wo sich 1534 zwei junge, charismatische Holländer als Wiedergänger der biblischen Propheten Elia und Henoch ausgaben. Jan Matthijs und Jan Bockelson malten den Untergang so glaubhaft an die Wand, dass sich die gesamte 10.000-Einwohner-Stadt von ihrem Wahn infizieren ließ – zumal kurzerhand hingerichtet wurde, wer den Propheten widersprach. Schreiend rannten die Men­ schen durch die Straßen, Frauen rissen sich die Kleider vom Leib und fieberten hysterisch dem Ende entgegen. Noch als die Stadtmauern längst von Soldaten umstellt waren und Matthijs in Gefangenschaft geriet, hielt Bockelson sein Terror­ regime aufrecht. Er führte die Polygamie ein und heiratete 15 Frauen, für die er die letzten Lebensmittelvorräte requirier­ te. Während er sich bizarre Fantasiekostüme schneidern ließ,

wankten halb verhungerte Münsteraner durch leichenüber­ säte Straßen und nagten an Pflastersteinen. Erst die Stürmung der Stadt machte dem Spuk ein Ende. Bockelson wurde mit glühenden Eisen zu Tode gefoltert – und hatte die gespens­ tisch aktuelle Vorlage für jene charismatischen Sektenführer geliefert, die im 20. Jahrhundert ihre Jünger mit apokalypti­ schen Prophezeiungen zu ähnlich selbstmörderischem Gehor­ sam verführten. Endzeitvisionen inspirierten in Bockelsons Tagen auch die christlichen Kreuzzüge, bei denen die Muselmanen als Vor­ boten des Antichristen interpretiert wurden – ein Thema, das in den Weissagungen des französischen Apothekers Nostrada­ mus wiederkehrt. Sein berühmtestes Werk, die Prophezeiungen, erschien 1555 und bietet Endzeitmystikern bis heute eine unerschöpfliche Quelle für den immer wieder umdatierten Untergang – ähnlich übrigens wie die Schriften der Maya, in denen Altertums-Enthusiasten zuletzt 2012 todsichere Hin­ weise auf das Ende der Welt entdeckt zu haben glaubten. Den großen Paradigmenwechsel im apokalyptischen Den­ ken brachte, fast zeitgleich mit Nostradamus, die kopernikani­ sche Wende. Der Astronom Kopernikus und seine Nachfolger Kepler und Galilei versetzten die Welt aus dem Zentrum des Universums an dessen Rand – und nahmen Gott damit die Welt aus den Händen. Weil aber eine gottlose Welt auch gott­ los untergehen muss, wurde ihr Untergang von nun an ein endgültiger.

Wer sollte den Richterstuhl besetzen, als Gott ihn ­verlassen hatte? Die apokalyptische Fantasie blieb dabei zunächst inspiriert vom jüdisch-christlichen Gedanken einer finalen Reinigung, eines Weltgerichts, das das Alte zerstören würde, um Platz für das Neue zu schaffen. Aus dem Geiste der Apokalypse ent­ stand so: die Revolution. Denn wer sollte den Richterstuhl besetzen, als Gott ihn verlassen hatte? Der Mensch natürlich: um den Menschen zu retten und seinen Feind, den Menschen, zu richten. Denn glich nicht der Blutrausch der Gerechtigkeit, den in Frankreich Robespierre und Danton, den in Russland Lenin und Stalin entfesselten, tatsächlich dem Gemetzel der Offenbarung? »Wir erleben zur Zeit das Jüngste Gericht, ver­ ehrter Herr«, lässt Boris Pasternak in Doktor Schiwago den Revoluzzer Strelnikow sagen: »Das Schwert und das geflügelte Tier der Apokalypse beherrschen das Feld.« Radikaler noch ließ Hitler sein »Tausendjähriges Reich« anbrechen: Sein apokalyptischer Säuberungsfeldzug richtete sich ausgerechnet gegen das Volk Israel, dem die alttestamentarischen Unter­ gangsprophezeiungen einst privilegierten Zugang zur Ewig­ keit verheißen hatten. Parallel zu dieser Stoßrichtung entfachte die kopernikani­ sche Wende jene trostlosen Visionen, die heute unser Bild vom Ende prägen: die Furcht vor der Vernichtung des Men­ schen durch die Natur – oder durch den Menschen selbst. Die Welt war mit Kopernikus’ Hilfe Gottes Zugriff entzogen wor­ den, die Menschen hatten ihren Planeten eigenmächtig in den


68  und sie bewegt sich doch noch

Schaurig-schöne ErziehungsKunst für Erwachsene, gemalt in ständiger Erwartung der Apokalypse: Fragment aus Das Jüngste Gericht von Hieronymus Bosch (um 1520)

Himmel gehängt und im Universum verankert. Doch als grau­ se ihnen vor der kühnen Tat, begannen sie nun, um die Stabi­ lität des Universums zu fürchten. Am 26. April 1986 machte in der Ukraine ein Vers aus der Offenbarung die Runde. »Und der dritte Engel blies seine Posaune, und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brann­ te wie eine Fackel«, heißt es in Kapitel 8, Vers 10. »Und der Name des Sterns heißt Wermut.« Ein ukrainisches Wort für Wermut ist: Tschernobyl. In der Stadt gleichen Namens war an jenem Tag Reaktor 4 des Kernkraftwerks »Lenin« explodiert. Apokalyptische Stimmung machte sich breit, besonders in Deutschland: Befremdet sahen die europäischen Nachbarn zu, wie die Deutschen ihre Kinder aus den Sandkästen zerr­ ten und Strahlentabellen studierten wie biblische Prophezei­ ungen.

Vom Untergang, wie wir ihn uns heute ausmalen,­ ­profitieren allein Ratten und Kakerlaken. Nicht zum ersten Mal nahm die Angst vor atomarer Zer­ störung damit apokalyptische Züge an. Ganz Europa war seit

Jahrzehnten eingeklemmt zwischen zwei geopolitischen ­Polen, die einander mit dem Druck auf den roten Knopf droh­ ten. Stanley Kubricks Weltuntergangsfarce Dr. Seltsam ist nur einer von vielen Filmen und Büchern, die dem Gleichgewicht des Schreckens apokalyptische Dimensionen abgewinnen. Zahlreich sind die Weltuntergangsszenarien des wissen­ schaftlichen Zeitalters: Von der Angst vor Killerviren und Gen­ test-Katastrophen künden Filme wie Wolfgang Petersens ­Outbreak und Danny Boyles 28 Days Later, von der Angst vor einer außer Kontrolle geratenen Computerwelt die Matrix-­ Filme oder die reale Hysterie um den Millennium-Bug. Auch der Klimawandel beflügelt die pessimistischeren unter seinen Theoretikern zu apokalyptischen Prognosen. Und politisch haben Weltuntergangsszenarien derzeit mal wieder Hochkon­ junktur: Im Nahen Osten rüstet sich der Islamische Staat für den Endkampf der Kulturen, in den USA und Europa beschwö­ ren rechte Demagogen den Untergang des Abendlandes durch Überfremdung und Unterwanderung. Bleibt anzumerken, wie viel düsterer das Weltende gewor­ den ist! Einst führte die Apokalypse ein Volk von Erwählten in


ATLAS 69

lichtere Zeiten. Vom Untergang, wie wir ihn uns heute ausma­ len, profitieren allein Ratten und Kakerlaken. Und bleibt noch die Frage: Wann? Die Antwort kennt Gott. Nicht der liebe Gott, sondern Richard Gott, ein Astrophysiker der US-Universität Princeton, dem die Welt das sogenannte Doomsday-Argument verdankt. Die Idee hatte Gott 1969 bei einem Besuch der Berliner Mau­ er: Er fragte sich, wie lange das Bauwerk wohl noch stehen würde. Mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit, sagte sich Gott, besuche ich die Mauer in den mittleren 50 Prozent ihrer Existenzphase. Seit ihrem Bau sind acht Jahre vergangen, das entspräche also mindestens 25 Prozent und höchstens 75 Pro­ zent ihrer Lebensdauer. Die Mauer wird demnach noch min­ destens zweieinhalb Jahre existieren, aber nicht länger als 24 Jahre. Gott gelang also die Voraussage, dass die Mauer mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit zwischen 1971 und 1993 das Zeitliche segnen würde. Und siehe: Gott behielt recht. Der Wissenschaftler übertrug das Gedankenexperiment auf die Existenzdauer der Spezies Mensch. Um seine Prognose aussagekräftiger zu machen, erhöhte er den Wahrscheinlich­

keitswert auf 95 Prozent, was natürlich auch die prognostizier­ te Zeitspanne verlängert. Seit etwa 200.000 Jahren, sagte sich Gott, bewohnen wir diesen Planeten. Mit 95-prozentiger Wahr­ scheinlichkeit werden wir ihn demnach nicht mehr länger als 7,8 Millionen Jahre bewohnen, aber noch mindestens 5100 Jahre. Das beruhigt. Zumal sich Gotts Methode auf fast alles ­anwenden lässt – Sie, lieber Leser, haben jetzt zum Beispiel 1.984 Wörter dieses Artikels gelesen. Somit bleiben, mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit, bis zu seinem Ende noch 51 bis 77.376 Wörter. Manchmal allerdings ist das Ende näher, als man denkt.

Jens Mühling, geboren 1976 in Siegen, arbeitete zwei Jahre lang für die Moskauer Deutsche Zeitung, seit 2005 ist er Redakteur beim Berliner Tagesspie­ gel. Seine Reportagen und Essays über Osteuropa wurden mehrfach ausgezeichnet, sein erstes Buch Mein russisches Abenteuer war in Großbritannien für den Dolman Travel Book Award nominiert. Im März 2016 erschien sein zweites Reportagebuch: Schwarze Erde – Eine Reise durch die Ukraine.


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Verbindungen nach Osten: Thonet Stories Gebrüder Weiss fördert Designvermittlungsprojekt

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us Wiens Kaffeehäusern ist er nicht wegzudenken: der Wiener Kaffeehaussessel oder ThonetStuhl Nr. 14, heute als Modell 214 be­ kannt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist er eines der meistverbreiteten und meist­ verkauften De­signobjekte, und vermut­ lich werden die meisten Europäer irgend­ wann einmal im Leben auf ihm Platz genommen haben. Selbst in der Kunst ist der Stuhl Nr. 14 zu finden: Auf dem bekanntesten Gemälde des georgischen Malers Pirosmani, Frau mit Bierkrug, ist der Wiener Kaffeehausse­ssel eindeu­ tig zu erkennen, es hängt in der georgi­ schen Staatsgalerie in Tiflis. Aber auf welchen Wegen gelangte er in das Bild? In Zusammenarbeit mit der Interna­ tional Design School an der Technischen Universität Tiflis IDS und mit Unter­ stützung von Gebrüder Weiss befasst sich das Kunst- und Designvermittlungs­ projekt THONET STORIES: Spurensuche einer ­Distribution – Dekonstruktion des Tho­net Nr. 14 der Universität für ange­ wandte Kunst Wien mit den kulturellen Ver­bindungen zwischen Österreich und Georgien. Für den ATLAS haben wir mit der Leiterin des Projektes, Tatia Skhirtladze, gesprochen. Kann man heute noch nachvollziehen, wie der Wiener Kaffeehaussessel im vorigen Jahrhundert nach G ­ eorgien gelangen konnte?

Ein Original des 214 ist leicht zu erkennen: An der Unterseite der Sitzfläche befindet sich das eingebrannte Firmen-Signet mit Jahreszahl der Herstellung. Seit 1960 hat das Möbelstück allerdings eine trapezförmige statt der ursprünglich runden Sitzfläche – ein Zuge­ständnis an den Komfort.

Damit befassen wir uns innerhalb des Projektes intensiv. Grob gesagt, führten damals zwei Wege in Richtung Geor­ gien, beide verliefen zunächst über die Donau bis ans Schwarze Meer. Der erste Weg führte weiter in Richtung des damaligen Russischen Reiches, etwa nach Odessa. Der zweite Weg verlief von der Donaumündung bis nach Kon­ stantinopel, dem heutigen Istanbul, und von dort aus nach Osten. Um den genauen Transportverlauf nachzuvoll­ ziehen, sind wir derzeit in Kontakt mit der Thonet Zentrale in Deutschland, und unsere Projektpartner in Georgien recherchieren ebenfalls. Die Ergebnisse der Nachforschungen werden wir Ende Oktober in Georgien präsentieren. Welchen Einfluss hatte die Wiener ­Monarchie in Südosteuropa? Der Einfluss der Wiener Monarchie war sehr groß, was sich nicht zuletzt an der Entwicklung von Kurorten in Georgien gut nachvollziehen lässt. Shovi beispiels­

weise wurde 1929 auf Initiative eines georgischen Arztes gegründet, der von 1905 bis 1910 an der Universität Wien Medizin studiert hatte und den Stil von dort in den Kaukasus impor­ tiert hat. Gibt es Bemühungen, diese Verbindungen wiederzubeleben? Das Projekt THONET STORIES: Spurensuche einer Distribution nimmt die ­Wiederaktivierung dieser ehemaligen Netzwerke vor. Wir betreiben das über Kunst und Design. Es gibt aber auch rege Kontakte zwischen österreichi­ schen und georgischen Winzern: In Österreich wird derzeit die Kultur der georgischen Quevri-Weine, das sind in Ton-Amphoren gegorene Weine, aus­ probiert und popularisiert. Wie sieht der Abschluss Ihres Projektes aus, was ist das Ziel? Geplant ist, dass die österreichischen Studierenden zwei Flussfahrten unter­ nehmen. Gerade bauen sie dafür ein schwimmfähiges Objekt aus recycelten Resten von Thonet-Sesseln. Die erste Flussfahrt findet auf der Donau statt, von Wien aus Richtung Osten als Sta­pel­ fahrt, in Form eines künstlerischen ­Re-Enactments der Distri­butions- und Transportwege. Ende Oktober wird zum gemeinsamen Abschluss des Pro­ jektes auf dem Fluss Mtkvari in Tiflis eine zweite Flussfahrt statt­finden. | MH


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Wo laufen Sie denn? HARALD MARTENSTEIN über Maulwürfe

und Päpste, Perfektionisten und Skeptiker

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enn zwei Menschen gemein­ sam unterwegs sind, dann be­ sitzt in der Regel einer dieser beiden einen etwas besseren, der an­ dere einen etwas schlechteren Orientie­ rungssinn. Ich zum Beispiel bin als jun­ ger Mensch in jeder Zweierkonstellation immer davon ausgegangen, dass ich die Person mit dem schlechteren Orien­ tierungsvermögen bin. Ich bin dem oder der anderen einfach hinterhergelaufen. Der oder die wird schon wissen, wo es langgeht. Mit sechzehn trampte ich mit einem Freund quer durch Europa, unsere erste Station hieß Luzern. Wir wollten zu ­irgendeinem Konzertsaal in der Altstadt, liefen los, unterhielten uns angeregt, lie­ fen immer weiter, ziemlich lange, bis wir plötzlich am Ende einer Sackgasse stan­ den, um uns herum Garagen und Indus­ triegebäude. Da merkten wir, dass wir in dieser Hinsicht genau gleich tickten. Wir waren beide stillschweigend davon aus­ gegangen, dass der andere schon weiß, wo es langgeht. Wenn einer von uns eine zufällige Bewegung in eine Richtung machte, dann fasste der andere diese als Signal auf und bog beherzt in die ent­ sprechende Seitenstraße. Natürlich hat­ ten wir keine Ahnung, wo wir waren. Ein völlig anderes Problem stellen Menschen dar, die ihren Orientierungs­ sinn für unfehlbar halten. Wenige Jahre

nach dem Luzern-Desaster war ich mit einer Frau zusammen, die dachte, dass sie einen in dieser Hinsicht perfekten In­ stinkt besitze, wie eine Brieftaube. Wo auch immer wir hingingen oder hinfuh­ ren, sie wollte immer eine Abkürzung nehmen, nicht etwa den simplen Weg zum Ziel, den jeder blinde Maulwurf be­ nutzt. Wo die Abkürzung verlief, wusste sie einfach, dazu brauchte sie selbstver­ ständlich keine Karte. Oft endete der Weg in einer Sackgasse, fast nie kamen wir pünktlich an, aber davon hat sie sich niemals zu Selbstzweifeln verführen ­lassen. Einmal waren wir in meiner Hei­ matstadt Mainz, ich bin da aufgewach­ sen, sie war nur dieses eine Mal dort. Ein älteres Paar sprach uns am Rhein an und fragte nach dem Weg zum Bahnhof. Ich wollte ansetzen, aber sie legte die Hand auf meinen Arm, um mich zum Schweigen zu bringen, und schilderte den Weg. Er führte, meiner Schätzung nach, in die sumpfigen Rheinauen am Stadtrand. Da merkte ich, dass ich mich auf eine schwierige Beziehung einge­ lassen hatte. Neben den Menschen mit Handicap, blinden Maulwürfen, die null Peilung haben, den Perfektionisten, die immer den kürzesten Weg finden möchten, kos­ te es, was es wolle, und dem Typus des Papstes, der sich in Orientierungsfragen für unfehlbar hält, ein Papstamt, das

auch Frauen offensteht, gibt es noch den Skeptiker. Der Skeptiker überlässt in der Regel dem Partner die Routenführung, äußert aber während des Weges unun­ terbrochen Zweifel und Kritik. »Meinst du wirklich, dass wir hier abbiegen müs­ sen? Ich hab das ganz anders in Erinne­ rung.« Oder: »Wir hätten doch lieber die Landstraße nehmen sollen und nicht die Autobahn, dann wären wir längst da.« Der Skeptiker ist immer dagegen, scheut sich allerdings, ähnlich wie in der Politik gewisse Populisten, selbst Verantwor­ tung zu übernehmen. Ist man glücklich angekommen, sagt der Skeptiker: »Siehst du, ich hab’s ja gleich gesagt.« Hat man sich heillos ver­ irrt, sagt der Skeptiker den gleichen Satz. Bittet man aber den ständig kriti­ sierenden Skeptiker, doch besser gleich selbst das Steuer zu übernehmen, dann sagt dieser: »Jetzt sei doch nicht gleich beleidigt, ich will doch nur helfen.« Im Laufe der Zeit habe ich mich vom Maul­ wurf zum Skeptiker hochgearbeitet.

Harald Martenstein ist Autor der Kolumne ­»Martenstein« im Z ­ EIT magazin und Redakteur beim Berliner Tages­ spiegel. ­Zuletzt ist von ihm ­erschienen Nettsein ist auch keine Lösung: Einfache Geschichten aus ­einem schwierigen Land.


Der nächste ATLAS : Konzentration

Der nächste ATLAS erscheint im Frühjahr 2017 – wir freuen uns, dass Sie bis hierher ­gelesen oder zumindest geblättert haben. Noch mehr freuen wir uns, wenn Sie uns ­sagen, wie Ihnen dieser ATLAS gefallen hat, damit wir das, was wir tun, noch besser tun können. Schreiben Sie uns doch per E-Mail: redaktion@gw-atlas.com

ATLAS ist das Kundenmagazin der Gebrüder Weiss

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orientierung von a nach b. von süd nach nord ans meer. ins tal. zur lichtung nach rom. kalkutta. heim. und fort konstant sucht man die richtung der eine hört auf sein gefühl der and’re nutzt die sonne auch gps führt schnell zum ziel dem hund folgt die kolonne privat? beruflich? einerlei! der mensch wird durch’s mobil satt das beste an der reiserei ist: dass man ja ein ziel hat

INGO NEUMAYER schreibt Gedichte und unterhält den Blog Zwölf Zeilen zur Zeit (www.zwoelfzeilen.com). Er lebt in Köln.


Der siebte ATLAS mit Nachrichten, Kolumnen, Interviews, vielen Bildern und der Lust, die Welt zu bewegen.

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