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www.film-dienst.de · 65. Jahrgang · 5. Juli 2012 · 4,50 Euro · 14/2012

DAS FILMMAGAZIN

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Alle Kinofilme vom 5.7. und 12.7. Alle Filme im Fernsehen Das Kino der Jahre 1962 und 2012 Wojciech Kilar / Eicke Bettinga 100 Jahre Universal / Das „Cinema Jenin“


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„Ice Age 4“

ALLE NEUEN KINOFILME VOM 5.7. UND 12.7.2012 25 38 40 28 30 37 36 35 36 42 29 27 44 41 26 31 24 42 34 33 32 40 38

2 Tage New York 90 Minuten – Das Berlin Projekt Babycall Bis zum Horizont, dann links! Cosmopolis Fast verheiratet Hasta la vista Das Haus auf Korsika Holidays by the Sea Ice Age 4 – Voll verschoben Kawa Little Thirteeen Mary & Johnny (kino schweiz) Os Residentes Periferic Pommes essen Sleep Tight Sons of Norway The Amazing Spider-Man The Raid Töte mich Wanderlust Woody Allen: A Documentary

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kino Kann der deutsche Film nicht besser sein? Gedanken über das Kino 1962 und 2012 Von Thomas Koebner kinderfilm Neue Kinder-Stimme Der „EFA Young Audience Award“ Von Horst Peter Koll ausland Die Kraft des Kinos Das „Cinema Jenin“ Von Andreas Kötzing kino Von glücklichen Filmautoren Kreative Splitter: Low- und No-Budgetfilme Von Bernd Zywitz aus hollywood Happy Birthday! 100 Jahre Universal Von Franz Everschor musik Der „Kilar-Sound“ Der polnische Filmkomponist Wojciech Kilar Von Michael Hanisch

100 Jahre Universal: „Der weiße Hai“

INHALT 14/2012

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kurzfilm Erst die Sehnsucht, dann der Schock Der Kurzfilmer Eicke Bettinga Von Andrea Dittgen veranstaltung Grenzfälle in Zeiten der Krise „Crossing Europe“ & das aktuelle Kino Von Bernd Buder dvd In den Augen von Abel Gance „Napoleon“ auf DVD Von Roland Mörchen

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Die Macht des „Kopfkinos“ Das „Texas Chainsaw Massacre“ Von Jörg Gerle

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magazin personen neu im kino kino schweiz neu auf dvd impressum nachspann

NEU AUF DVD 46 Der Mönch 45 Sex & Drugs & Rock & Roll


Happy Birthday! 100 JAHRE FILME, SERIEN UND ATTRAKTIONEN

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ouristen, die zum ersten Mal nach Los Angeles kommen, haben mit ziemlicher Sicherheit zwei Ziele auf ihrem Kalender: Disneyland und die Universal Studio Tour. Beide „Theme Parks“ symbolisieren heute den kommerziellen Status der sie betreibenden Eigentümer, demonstrieren aber weniger den augenblicklichen Stand des Filmemachens als die neuesten Errungenschaften der Special-Effects-Technik. Die Besucher lassen sich von der zirkushaften Buntheit der Attraktionen überwältigen und setzen die Achterbahntricks der Vergnügungsparks leichtgläubig mit den Leistungen der Studios gleich – was der Filmindustrie nur recht ist. Wer sich daran stößt, verkennt die schaustellerische Vergangenheit der amerikanischen Filmproduktion. Wenn Universal in diesem Jahr sein hundertjähriges Bestehen feiert, dann stehen dabei bezeichnenderweise nicht die großartigen Filme des Studios im Mittelpunkt (schon deshalb nicht, weil es derzeit kaum neue Bestleistungen vorzuzeigen hat), vielmehr spielt sich die Feier für mehr als 80 Dollar Eintritt

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auf dem Studio-Gelände ab. Auch dort findet der Besucher Alfred Hitchcock auf das Bates Motel und Steven Spielberg auf den Weißen Hai reduziert, während im Vordergrund der Show „Transformers: The Ride“, „Battle of Galactica“ und zahllose Schnellrestaurants um die Gunst des Publikums buhlen. Wer wenigstens ein bisschen hinter die Kulissen blicken will, muss schon ein paar hundert Dollar locker machen und die VIP-Tour buchen. Doch das war eigentlich nie anders.

Glanzvolle Vergangenheit Als der 17-jährige Carl Laemmle mit 35 Dollar in der Tasche 1884 aus dem deutschen Laupheim in Castle Garden, einem Vorläufer von Ellis Island, ankam, war für ihn das Wunder der bald populär werdenden Nickelodeons auch hauptsächlich deshalb interessant, weil es ihm eine Möglichkeit verhieß, seinen Job in einer Kleidermanufaktur an den Nagel zu hängen. Nicht weit außerhalb der Stadtgrenze von Los Angeles etablierte Laemmle später die erste „Filmstadt“ der

Welt, indem er ein riesiges Stück Ackerland kaufte, das damals als „die Hühnerfarm“ bekannt war. Sogleich begann er nicht nur Filme zu produzieren, sondern lud auch Neugierige ein, sein frischgebackenes Studio zu besichtigen. Während sie zusahen, wie auf dem einstigen Farmgelände die ersten Stummfilme gedreht wurden, kauten die Besucher der Überlieferung zufolge am Inhalt von Lunch-Boxen, die der geschäftstüchtige Laemmle austeilen ließ. Der erste „Theme Park“ der Filmgeschichte war geboren. Andere Studios haben versucht, die 1964 daraus hervorgegangene Universal Studio Tour zu kopieren, stießen aber schon deshalb nicht auf eine vergleichbare Resonanz, weil sie nicht über ein so großes, bald mit ganzen Straßenzügen und Stadtteilen bebautes Gelände verfügten, für das es sich gelohnt hätte, Millionen zu investieren, um eine Riesenshow daraus zu machen. Spätestens seit den 1970er-Jahren hat Universals „Theme Park“ für das Studio eine ganz entscheidende Rolle gespielt. Es war die Zeit, als das inzwischen farbige Fernsehen zu ei-


AUS HOLLYWOOD nem kommerziell bedeutenden Faktor wurde. Universal, das damals längst der Talent-Agentur MCA gehörte, erkannte die neuen Möglichkeiten und stürzte sich in die Produktion von TV-Movies und TV-Serien wie kein anderes Studio in Hollywood. Die wechselseitige Promotion seiner Fernsehserien in dem durch realistische Tour-Attraktionen wie „Jaws“ und „Earthquake“ populär gewordenen „Theme Park“ und umgekehrt seiner Studio Tour im Fernsehen katapultierten den Namen Universal ins Bewusstsein aller Amerikaner. Kinofilme wie „Airport“, „The Sting“, „Back to the Future“, „Out of Africa“ und „Jurassic Park“ stabilisierten den Ruf des Studios, das bis dahin hauptsächlich für seine Horror- und Science-Fiction-Filme bekannt war, bei den Filmfans überall in der Welt. Und in den USA waren es nicht zuletzt TV-Serien vom Schlage „Ironside“, „Kojak“ und „Columbo“, mit denen das Publikum Universal identifizierte. Universals Erfolgsgeschichte war mehr noch als die der anderen Hollywood-Studios von einem beständigen Auf und Ab gekennzeichnet, aus dem einige Perioden nachträglich als deutlich erkennbare Höhepunkte hervorstechen: die „Frankenstein“- und „Dracula“-Periode, die Jahre der Doris-Day- und Rock-Hudson-Erfolge, Hitchcocks kommerzieller Höhepunkt mit „Psycho“, „The Birds“ und nicht zuletzt seiner jahrelangen „Alfred Hitchcock Hour“ und schließlich die Ära der Katastrophenfilme, die mit „Airport“ und „Earthquake“ aus der Taufe gehoben wurde. In der Geschichte des Studios spielten Stars wie Jane Wyman, James Stewart und Gregory Peck eine große Rolle sowie hinter der Kamera Regisseure wie Don Siegel, George Roy Hill und immer wieder Steven Spielberg. Oft wird über den spektakulären Namen und Titeln vergessen, dass das Management-Team Lew Wasserman und Sidney Sheinberg, das Universal in den 1970er- und 1980er-Jahren zu einer Hochblüte führte, nicht nur für die Entdeckung und Förderung Steven Spielbergs verantwortlich war, sondern auch die Entstehung einiger künstlerisch und gesellschaftlich hoch beachtlicher Filme ermöglicht hat: „The Last Temptation of Christ“, „Born on the Fourth of July“, „Do the Right Thing“ und „Field of Dreams“ erhielten damals grünes Licht.

Individualität geht verloren Viel von dem, was Universals Film- und Fernsehproduktion wie auch deren Höhe- und Tiefpunkte beeinflusst hat, lässt sich vor allem in den beiden letzten Jahrzehnten auf das unbeständige korporative Schicksal des Studios zurückführen. Wie auch andere Hollywood-Studios hat Universal häufiger, als ei-

nem großen Produktionsunternehmen gut tun kann, den Eigentümer gewechselt. Die konservative MCA verpasste zur Zeit der um sich greifenden Diversifikation der Medienbetriebe in vielen Dingen den Anschluss, was sie für einen Zugriff durch die japanische Elektronikfirma Matsushita prädestinierte. Deren großer Konkurrent Sony hatte gerade mit der Übernahme des Columbia-Studios gezeigt, dass eine Kombination von Hardwareund Filmproduktion Sinn machen könnte. Zwei Jahre, nachdem die Japaner MCA (und damit Universal) gekauft hatten, änderte sich abermals die Strategie in der Branche. Nicht mehr die Verbindung von Hardware und Software galt Anfang der 1990er-Jahre als der Weisheit letzter Schluss, sondern die Einbindung der Filmstudios in umfassendere Organisationen, die in der Lage waren, Produktion und weltweite Distribution in allen Medien gleichzeitig zu kontrollieren. Statt sich aber zum Beispiel zusätzlich bei einem Fernseh-Network oder einem Kabelunternehmen zu engagieren, entschloss sich Matsushita lieber zum Verkauf. So wanderte MCA-Universal 1995 an den kanadischen Whisky-Hersteller Seagram, bald darauf an das französische Konglomerat Vivendi und im Jahr 2004 an General Electric, die Muttergesellschaft des NBC-Networks. In einem Aktiendeal ging schließlich im Januar 2011 eine Mehrheit von 51 Prozent an den Kabelkonzern Comcast. Auf dem steinigen Weg dahin verließen einige der besten Executives – freiwillig oder unfreiwillig – das Unternehmen, sehr zu dessen Schaden. Der gravierendste Verlust war wohl die Trennung von Steven Spielbergs Produktionsbetrieb DreamWorks, der sich zunächst mit Paramount liierte und heute mit Disney verbunden ist. Ausgerechnet im Augenblick seines hundertjährigen Jubiläums geschieht es Universal nun, dass seine Filme kaum einen nennenswerten Anteil an den kommerziellen Hits dieses Jahres stellen. Nach bitteren Enttäuschungen der Hoffnungsträger „Cowboys & Aliens“, „The Thing“ und „Battleship“ an den Kinokassen ist „Snow White and the Huntsman“ die erste Universal-Produktion, mit der das Studio wieder Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat. Wie so oft in der Geschichte Hollywoods zeigt sich am aktuellen Beispiel von Universal abermals, dass neue Eigentümer, deren Hauptinteresse nicht die Filmproduktion ist, auch solide fundierte Studios rasch in Misskredit bringen können. Nachdem kenntnisreiche Mitarbeiter wie Stacey Snider, Marc Shmuger und David Linde Universal verlassen hatten, setzte Comcast auf das Team Adam Fogelson und Donna Langley, die in der Branche nicht gerade als Innovatoren be-

kannt sind. Deren Buchhalter-Mentalität bewegte sie denn auch prompt, die Produktion von Guillermo Del Toros Projekt „At the Mountains of Madness“ einzustellen, in dessen Entwicklung das Studio bereits viel Geld und Zeit investiert hatte, und auf die ambitionierte Stephen-King-Verfilmung „The Dark Tower“ zu verzichten. Die Palette ihrer Produktionen für die beiden nächsten Jahre hat wenig Individualität und verlässt sich in viel zu hohem Maß auf Angebote der mit Universal kooperierenden Produktionsbetriebe, Firmen wie Relativity Media und Village Roadshow. Das Schwergewicht liegt eindeutig auf der Fortsetzung bereits reichlich strapazierter Franchises von „Jurassic Park“ über „Fast and Furious“ bis zu „Transformers“. Universals Glanzlichter stecken in der mehrere tausend Filme umfassenden „Library“. Aber ein Studio, das gerade mit gehörigem Pomp ein neues Jahrhundert betreten will, kann nicht allein von seinem Archiv leben. Hoffentlich sehen das auch die branchenfremden Okkupanten von Comcast bald ein, die heute über Carl Laemmles Erbe das Sagen haben. Franz Everschor

Hollywood spricht über ... James Bond wird 50

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in weiteres Jubiläum steht in diesem Jahr vor der Tür: James Bond wird 50. Seit „Dr. No“ 1962 auf der Leinwand erschien, hat nach Ansicht der Statistiker die Hälfte aller Erdbewohner mindestens einen James-Bond-Film gesehen. Heutige Franchises mögen es pro Film auf mehr Geld bringen, aber ob sie in 50 Jahren immer noch für neue Kino-Abenteuer gut sind, wie es der „Geheimagent Seiner Majestät“ schafft, darf bezweifelt werden. Immerhin, 3,5 Mrd. Dollar sind schließlich auch kein Pappenstiel. So viel haben die bisherigen Bond-Filme kumulativ eingebracht. Von Sean Connery bis Daniel Craig haben sechs Schauspieler den weltgewandten Helden mit dem unstillbaren Appetit auf Frauen und Wodka-Martinis ihr Gesicht geliehen. Und dabei ist David Niven in dem satirischen Außenseiter „Casino Royale“ nicht einmal mitgezählt. Bonds Aston Martin ist ebenso zum Luxussymbol der Fans geworden wie John Barrys musikalisches Titelmotiv zur Inspiration einer ganzen Generation von Filmkomponisten. Sogar Staatspräsidenten gehörten zu den Bond-Anhängern: John F. Kennedy soll höchstpersönlich „From Russia With Love“ als zweiten Bond-Film vorgeschlagen haben. Wenn im November „Skyfall“, der 23. BondFilm, in die Kinos kommt, wird zur Feier des halben Jahrhunderts auch eine Jubiläumsbox mit 22 frisch restaurierten Blu-rays aller bisherigen Filme plus 130 Stunden Bonus-Material erscheinen, genug, um die Fans glücklich zu machen, auch wenn das Vergnügen 199 Dollar kosten soll. Ev. film-dienst 14/2012

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KURZFILM

Erst die Sehnsucht, dann der Schock DIE KÜHNEN GEFÜHLSDRAMEN DES DEUTSCHEN KURZFILMERS EICKE BETTINGA

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eim Filmfestival von Cannes ist Eicke Bettinga bekannter als in Deutschland. In den letzten zehn Jahren liefen dort drei Kurzfilme des deutschen Nachwuchsregisseurs in verschiedenen Sektionen – eine höhere „Cannes-Quote“ kann nur Wim Wenders vorweisen. In diesem Jahr lief Bettingas neuer Kurzfilm „Gasp“ sogar im Wettbewerb um die „Goldene Palme“. Gewonnen hat er sie zwar nicht, aber spätestens jetzt werden alle auf diesen ungewöhnlichen Mann aufmerksam, denn „Gasp“ ist ein Kleinod, ein subtiler intellektueller Schocker über eine bestimmte Art von Sehnsucht in der Pubertät, die allzu vorschnell ausgeklammert wird. Ein Teenager steht in der Dusche. Man sieht ihn von hinten. Er hat eine Plastiktüte auf dem Kopf. Lautlos fällt er zu Boden und zieht sich röchelnd die Tüte vom Kopf. In der Schule klappt es gut, er wird für ein Stipendium vorgeschlagen, was ihn jedoch ebenso kalt lässt wie die Bemühungen seiner Mutter, einen Zugang zu ihm zu finden. Sehnsüchtig beobachtet der Junge ein Liebespaar beim Küssen. Später, als er allein im Wald ist, umarmt er einen Baum, wie er viel lieber ein Mädchen umarmen würde – bis ein anderer Junge kommt. Sie freunden sich an, mehr mit Blicken als mit Worten. Einige Zeit später hat der Junge im Wald wieder seine Selbstmordtüte dabei; da flüstert ihm sein neuer Freund etwas ins Ohr – und er zieht dem Freund die Tüte über den Kopf. In „Gasp“ machte Eicke Bettinga fast alles selbst: Buch, Kamera, Regie. Gesprochen wird kaum. Großaufnahmen der glasigen Augen des Jungen genügen, um zu zeigen, was er fühlt. Das ist es, was den 15-minütigen Film zu einer so intensiven Gefühlsstudie macht. „Mein Lehrer Stephen Frears hat mir viel beigebracht“, erzählt Bettinga. „Er sagte knallhart: Das ist Scheiße, das ist gut. Am Anfang ist das schon desillusionierend.“ Bettinga, 1978 in Aurich geboren, studierte in Großbritannien an der National Film and Te-

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levision School (NFTS). Mit 17 zog es ihn nach England, der Sprache wegen. Dort machte er Abitur, schrieb Theaterstücke – und verarbeitete seine Prüfungsängste zu dem Kurzfilm „Exam“, der ihm die Tür zur Aufnahmeprüfung an der NFTS öffnete. Dass er Filme drehen wollte, wusste er schon mit 14, als alles ganz klassisch begann. Der Vater, ein Hobbyfilmer, gab ihm die erste Kamera. Eicke Bettinga begann, auf Video zu drehen, kurze Krimis und Persiflagen mit seinen drei Brüdern als Darstellern. Eine davon, die „Indiana Jones“-Parodie „Indiana Jost“ (1994), war ein großer Erfolg bei der Werkstatt für junge Filmer in Wiesbaden und lief danach bei weiteren Festivals, ebenso wie der nächste Film „Kolk“ (1995); beide Filme erhielten den deutschen Jugendvideopreis. Nach seinem Studium kamen weitere Preise hinzu, etwa die Goldmedaille beim Internationalen Filmfestival von Chicago für den besten Studentenfilm unter 15 Minuten für seinen Abschlussfilm „Shearing“. Wieder beginnt alles spielerisch: Eine Stadtfrau zieht nach der Heirat aufs Land zu ihrem Mann, der aber nur Augen für seine Schafe hat. Auf dem Videobild, das den Blick aus dem Stall in die Küche überträgt, beobachtet er permanent die Schafe. Die vernachlässigte Frau geht in die nächste Kneipe, wo der Wirt ihr Avancen macht. Doch eigentlich will sie keine Affäre, sondern die Aufmerksamkeit ihres Mannes zurückgewinnen. Das schafft sie mit einer genialen Idee: Sie geht in den Stall und zieht sich langsam inmitten der Schafe vor der Videokamera aus. Bettinga konzentriert sich in „Shearing“ jeweils auf die beiden Personen, die miteinander kommunizieren. Warum die Worte nicht so ernst gemeint sind, wie sie klingen, wird schnell klar, wenn die Blicke dabei am Partner vorbei gehen statt auf ihn. Dennoch wirkt alles natürlich und lebensecht, nicht inszeniert, das sorgt für Spannung. „Shearing“ brachte Bettinga 2002 seine erste Einladung nach Cannes ein – in die Hoch-

schulfilm-Sektion „Cinéfondation“. Davon schwärmt er heute noch: „In der Jury saß Martin Scorsese. Er sah meinen Film! Und meinte danach: „You should make a feature film“. Trotz des ersten internationalen Erfolgs blieb Bettinga auf dem Teppich. Er begann, in London in der Werbebranche zu arbeiten, hatte er doch 2002 schon den Kodak Student Commercial Award bekommen. Seine Spezialität: Werbefilme mit Charakteren und einer kleinen Geschichte. Solche Spots drehte er ab 2004 auch in Deutschland. Doch die wenigen Monate, die er fest bei der renommierten Werbeagentur Saatchi & Saatchi in Frankfurt arbeitete, machten ihn nicht wirklich glücklich. Bald arbeitete er wieder freiberuflich in der Werbung, zumal er als einer der Gewinner des Science-Fiction-Nachwuchswettbewerbes „Agenda 2020 – Wie werden wir leben?“ (ZDF) einen 60-Minuten-Film drehen durfte. Mit Weiß als Hauptfarbe und einem distanzierten Blick auf die Figuren erinnert „TRUST.Wohltat“ ein wenig an „Gattaca“ und ein bisschen auch an Fassbinder, doch die Geschichte, die Bettinga erzählt, ist grausamer. Es geht um genetisch reine Menschen – wie zur Nazizeit – und um solche, die keine Skrupel haben, wenn es um ihren Vorteil geht. Ein Versicherungskonzern hat die Macht über die Menschen. Reiche Senioren kaufen bei der Versicherung Trust einen jungen Menschen. Sie zahlen seine Ausbildung und bekommen dafür die Rendite, die er für Trust erwirtschaftet. Ein Ehepaar (Irm Hermann und Manfred Andrae) adoptiert so quasi den Medizinstudenten Luca (Florian Panzner), der ihnen auch noch zu einem Kind verhelfen soll, indem er seinen Samen einer Leihmutter spendet. Doch Hannah will das Kind behalten, weil sie das Geld für ihre pflegedürftigen Eltern braucht, auch wenn Trust es abtreiben will, weil bei Luca ein Gendefekt entdeckt wurde, der in der perfekten Welt von Trust keinen Platz hat. Um das Kind zu behalten, schrecken Luca und Hannah nicht vor Mord zurück, doch


„TRUST. Wohltat“

das schützt sie nicht vor dem Übergriff der Versicherung. „Einen Ausweg aus der verfahrenen Situation gibt es nicht, die Gesellschaft soll der Bösewicht sein und soll auch gewinnen“, erklärt Bettinga, warum er sich nicht zu einem Happy End durchringen konnte. Zwei Jahre arbeitete er (neben den Werbejobs) für diesen mittellangen Film, der zwar nicht langweilig ist, aber doch arg stilisiert und steril wirkt. „Das große Problem war, futuristische Ecken zu finden, die bezahlbar sind; die gute Erfahrung war, zu lernen, wie man maximale Effekte mit minimalen finanziellen Mitteln erreicht“. Der in Berlin entstandene Fernsehfilm hatte gute Einschaltquoten und wurde dreimal wiederholt, sagt Bettinga nicht ohne Stolz. Bei der Finanzierung seines nächsten Kurzfilms „Together“ half das Stipendium „Cast & Cut“. 10.000 Euro beträgt der Produktionskostenzuschuss für den Kurzfilm, den die Stipendiaten innerhalb von sechs Monaten als „Artist in Residence“ in Hannover fertig stellen sollen. Bettinga drehte in Englisch mit seiner britischen Produzentin aus den Hochschultagen für insgesamt 40.000 Euro. Aus „TRUST.Wohltat“ mitgenommen hat er das Weiß – der Film spielt im Winter – und die Gefühlskälte der Hauptfiguren. Ein Jahr nach dem Tod seines Bruders fährt Rob, ein junger Engländer, zu seinen Eltern. Doch die drei reden nicht mit-

einander, alles erstickt in wortlosen Ritualen, bis Rob eines Abends seinen Vater erst umarmt – und dann offenbar erwürgen will. Die beiden Männer kämpfen miteinander und liegen am Ende keuchend, aber glücklich nebeneinander. Die Gewalt wirkt als Ventil, all die angestauten Trauergefühle endlich herauszulassen. Zufrieden fährt Rob wieder ab. „Es geht mir darum, den Zuschauer anzusprechen, wenn du das Publikum nicht erreichst, hast du verloren“, sagt der selbstbewusste Jungfilmer über seine MiniFamiliendramen. Die „Semaine de la Critique“ in Cannes lud diesen emotional berührenden Kurzfilm 2009 in den Wettbewerb ein, der Bettingas größter finanzieller Erfolg wurde („Ich konnte ihn gut verkaufen“) – nicht zuletzt wegen Matt Smith, der Rob spielt. Smith bekam die Hauptrolle in der britischen Fernsehserie „Doctor Who“, die ihn schlagartig bekannt machte und den Blick auf seine früheren Arbeiten lenkte, auch auf diesen Kurzfilm. Von „Together“ übrig geblieben für „Gasp“ sind wieder einige Elemente: eine gewisse Unfähigkeit der Figuren, sich verbal auszudrücken, und ein optischer Rahmen. Bei „Together“ ist es die Autofahrt am Anfang und Ende, die eine abgeschlossene Episode im Leben markiert, die Entsprechung in „Gasp“ ist der Blick von unten auf sich im Wind bewegende Baumwipfel. Bettinga hofft, durch die Präsentation von

„Gasp“ in Cannes Geld für einen ersten langen Spielfilm zu finden. Das Drehbuch ist schon länger fertig: „Eine britische Studentin will in den 1980er-Jahren unbedingt in die DDR. Es soll ein Film werden, der ähnlich cross-cultural ist wie ich“, verrät der in Berlin lebende Regisseur. Bis es soweit ist, wird er weiter Werbespots drehen („Das geht schnell, von der Idee bis zum fertigen Film dauert es drei Wochen“). Einer lief kürzlich im Fernsehen, er wirbt für den Bandwettbewerb von MTV: Bei der Präsentation einer Werbung entblößt der smarte Mann im Anzug zuerst seinen Unterarm, wo ein Schrift-Tattoo sichtbar wird – zum Entsetzen seiner Auftraggeber. Dann reißt er sein Hemd auf. Bild-Tattoos auf der Brust und dem Rücken zeigen weitere Stationen der Werbekampagne. Als Letztes kündigt er eine kleinformatige Version an – und öffnet den Hosenschlitz. Andrea Dittgen Filme: „Exam“ (1999, 10 Min.) „Double Happiness“ (2001, 25 Min.) „Shearing“ (2002, 12 Min.) „Jureks Kino“ (2006, Dok, 45 Min.) „Family“ (2006, 15 Min.) „TRUST. Wohltat“ (2007, 60 Min., auf der dt. DVD „Agenda 2020“) „Together“ (2009, 14 Min., auf der frz. DoppelDVD: „Cannes 09, 48e semaine de la critique“) „Gasp“ (2012, 15 Min.)

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DIE KRITIKEN 41 152

SEHENSWERT Cosmopolis Periferic

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„Cosmopolis“

DISKUSSIONSWERT Fast verheiratet Hasta La Vista Mary & Johnny (kino schweiz) Os Residentes Pommes essen Sons of Norway Woody Allen: A Documentary

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Sleep Tight

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ésar ist ein Mann Mitte 40, der nach eigener Aussage noch nie Glück empfunden hat. Dabei sieht es zu Beginn des Films so aus, als hätte er dafür durchaus Grund. Denn César wacht neben Clara auf: Mitte 30, sehr attraktiv und mit einem einnehmenden Lächeln. Behutsam und ohne sie zu wecken zieht er sich an, nimmt seine Sachen, steigt in den Fahrstuhl und ist unten bereits bei seinem Arbeitsplatz angelangt. Als Concierge und Hausmeister verwaltet er ein altes, ehedem prachtvolles Haus. Seine Mutter liegt im Krankenhaus, unfähig oder nicht willens, sich zu seinen Monologen zu äußern, die um seine Beziehungsprobleme kreisen. Doch nach den ersten 15 Film-Minuten bröckelt Césars Fassade; sein wahres Gesicht kommt zum Vorschein: Während Clara von der Arbeit nach Hause kommt, liegt er unter ihrem Bett und wartet darauf, dass sie einschläft. Dann drückt er ihr ein Tuch mit Chloroform auf den Mund und betäubt sie, wie in den Nächten zuvor. Dies ist ein spannender und verblüffender Einstieg in einen Thriller, der das Vertrauen in die Sicherheit der eigenen vier Wände erschüttern will. Dabei hat man zu Beginn tatsächlich Mitleid mit César, einem Mann, der keine Lebensperspektive zu haben scheint, dessen buschige Augenbrauen und Halbglatze ihn sympathisch normal und harmlos erscheinen lassen. Doch er ist ein perfider Psychopath. Seiner Mutter beichtet er, dass er Clara endgültig das fröhliche Lächeln aus dem Gesicht wischen will. Deshalb spritzt er in ihre Kosmetika ein Mittel, das einen Ausschlag bewirkt. Obwohl er es sich zur Aufgabe gemacht hat, Clara unglücklich zu machen, ist er doch auch in sie verliebt, präsentiert sich als Retter in der Not, nachdem die von ihm ausgelegten Larven von Küchenschaben geschlüpft sind und ihre Wohnung voller Käfer ist, während er sie zeitgleich anonym über E-Mails und Textnachrichten belästigt und zu ängstigen versucht. Regisseur Jaume Balagueró, der seine Erfahrung mit Genrestoffen wie den ZombieFilmen „Rec“ (fd 38 709) und „Rec 2“ sam-

melte, und seinen Darstellern gelingt es, die Empathie der Zuschauer zu manipulieren und die anfängliche Sympathie, die man dem Underdog César entgegenbringt, von Szene zu Szene ins Gegenteil kippen zu lassen, womit dieser immer furchterregender erscheint. Als César eines Nachts erneut unter Claras Bett lauert, kehrt sie mit ihrem Freund nach Hause. César narkotisiert sich aus einem Ungeschick heraus selbst, sein Fluchtversuch gelingt nicht mehr. Unentdeckt erwacht er anderntags in ihrer Dusche und will die Wohnung unbemerkt verlassen. In dieser fast zehnminütigen Szene beweist Balagueró, dass er es versteht, Spannung mit extrem hoher Intensität zu inszenieren. Kurz vor Schluss des cleveren, sorgfältig dramatisierten und sehr düsteren Films, wenn Clara endlich wie gelähmt vor Schmerz und Trauer ist, lächelt César zum ersten Mal über das ganze Gesicht. Doch zu diesem Zeitpunkt gönnt man ihm das Fünkchen Glück schon lange nicht mehr, sondern wünscht ihn zum Teufel. Sascha Koebner

KINOSTART 5.7.2012 Sleep Tight Mientras duermes Scope. Spanien 2011 Produktion Castellano Pic./Filmax Ent. Produzenten Julio Fernández, Carlos Fernández, Alberto Marini Regie Jaume Balagueró Buch Alberto Marini Kamera Pablo Rosso Musik Lucas Vidal Schnitt Guillermo de la Cal Darsteller Luis Tosar (César), Marta Etura (Clara), Alberto San Juan (Marcos), Petra Martínez, Carlos Lasarte, Pep Tosar, Iris Almeida, Tony Corvillo Länge 101 Min. FSK ab 16; f Verleih Senator

Der soziopathische Hausmeister eines Wohnhauses hat eine Obsession für eine attraktive junge Mieterin entwickelt. Heimlich dringt er in ihre Wohnung ein, manipuliert ihr Leben und beginnt, ihr Schaden zuzufügen. Spannender Thriller, der die Furcht beschwört, sich in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher fühlen zu können, und geschickt die Empathie der Zuschauer manipuliert. – Ab 16.

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