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Meet Your

Monsters


Meet Your

Monsters


Angst, Traurigkeit und Gl端ck in ihren individuellen Erscheinungsformen Franzisca Fuchs

Hildesheim 2015


Monsters

Meet Your

Jeder Mensch kennt Angst. Jeder Mensch kennt Traurigkeit. Jeder Mensch kennt Glück – und obwohl wir alle dieselben Begriffe benutzen, um über diese Emotionen zu sprechen, fühlt jeder Mensch sie auf seine eigene, ganz persönliche Art. Wie würden Angst, Traurigkeit und Glück aussehen, wenn sie als Wesen in Deinem Leben auftauchten, wann immer Du Angst hättest, traurig oder glücklich wärst? Und was würden sie mit Dir machen? In diesem Buch werden die Emotionen zu Monstern, mal gut, mal böse, mal lebenswichtig, mal am Leben hindernd. Sie kommen in den unterschiedlichsten Farben, Formen und Größen daher, manche sind stärker, andere schwächer. Alle in diesem Buch gezeigten Monster entstanden aus den Schilderungen realer Personen, die bereit waren, über ihre Monster zu sprechen und sie zu beschreiben. Vielen Dank an alle, die mir geholfen haben, mit ihren persönlichen Einblicken eine so vielfältige Darstellung der Monsterwelt zu ermöglichen. In diesem Sinne: Weißt du, wie Deine Monster aussehen?


Angst Für viele Menschen ist Angst schwarz, grau oder rot, für manche dagegen weiß oder grell. In ihrer Größe unterscheidet sich Angst ebenfalls: Während sie für die einen nicht größer als ein Golfball ist, erscheint sie anderen als ein unendlich riesiges, übermächtiges Untier.

oder eine drohende negative Veränderung in unserem Leben sein. Je bedrohlicher dabei eine Situation ist, desto größer ist meist auch unsere Angst. Es ist jedoch von Mensch zu Mensch unterschiedlich, wie ängstlich er jeweils reagiert. Menschen, die von Grund auf empfänglicher für Angst sind, empfinden diese daher intensiver und öfter. Angst in akut bedrohlichen Situationen äußert sich vor allem körperlich, denn der Körper stellt sich in diesen Momenten auf einen Kampf oder eine Flucht ein. Der Herzschlag beschleunigt sich und im Körper wird Energie mobilisiert. Da wir in unserem Alltag jedoch nicht allzu häufig lebensbedrohlichen

Sie kann im eigenen Körper leben und dadurch ein unangenehmes Gefühl im Bauch oder Hals entstehen lassen. Sie kann aber auch von außen auf uns einwirken, indem sie uns festhält, an uns zerrt, uns zerquetscht und manchmal sogar verfolgt. Das Empfinden von Angst ist zunächst eine Reaktion auf bedrohliche Situationen. Das kann eine akute Bedrohung unserer Unversehrtheit

Situationen ausgesetzt sind, ist eine andere Form der Angst uns vermutlich viel bekannter: Die Angst vor der ungewissen Zukunft, also die unbegründete Befürchtung, etwas Schlimmes könnte passieren und unser Leben gravierend verändern. Sie ist ein Phänomen, das angeblich unter den Deutschen sehr verbreitet ist und deshalb als ›German Angst‹ nach ihnen benannt wurde.

hat viele Gesichter


Angst

ist

Gesund

Menschen, die keine oder zu wenig Angst haben, führen ein riskanteres Leben hinsichtlich ihrer körperlichen Unversehrtheit und ihrer persönlichen Zukunft. Denn Angst schützt uns nicht nur vor lebensbedrohliche Situationen, sondern auch davor, riskante Entscheidungen für unsere Zukunft zu treffen. Wenn wir Angst haben, ist das ein Warnsignal, das wir beachten sollten.


Angst

ausser Kontrolle

Es gibt allerdings auch Menschen, bei denen die Angst immer wieder unkontrolliert in unangemessenen Situationen auftritt, in denen überhaupt keine Gefahr besteht. Man spricht dann allgemein von Angststörungen. Die Auslöser dieser irrationalen Ängste sind vielfältig. Manche Menschen haben zum Beispiel panische Angst vor bestimmten Dingen oder Tieren, die in Wahrheit völlig ungefährlich sind, so wie zum Beispiel Betroffene der weit verbreiteten Angst vor Spinnen. In diesem Fall nennt man das eine spezifische Phobie.

Außerdem gibt es auch Menschen, deren schlimmste Angst es ist, von Anderen kritisch beobachtet oder beurteilt zu werden. Sie meiden deshalb soziale Situationen so weit es geht und fürchten sich selbst vor harmlosen Treffen mit Freunden oder Familie so sehr, als müssten sie stattdessen einen komplizierten Vortrag vor einem wissenschaftlichen Publikum halten. Bei diesem Phänomen spricht

man von einer sozialen Phobie. Neben diesen beiden Formen von Angststörungen gibt es noch weitere, die ebenfalls unangebrachte oder übertriebene Ängste beschreiben. Menschen mit einer Angststörung leiden sehr unter ihren irrationalen Ängsten, die im Rahmen dieser Erkrankung keine schützende Funktion mehr haben. Um den Angstauslösern zu entkommen, schränken sie sich in ihrem Alltag ein und stoßen so mit ihrem Verhalten oft auf Unverständnis, da ihre Ängste von anderen nicht verstanden und nachvollzogen werden.


Traurigkeit zu empfinden bedeutet in der Regel, etwas verloren zu haben. Das kann zum Beispiel eine geliebte Person

Traurigkeit

hat viele

sein, die aus unserem Leben tritt, sei es durch das Ende der persönlichen Beziehung, einen Ortswechsel oder andere

Gesichter

Umstände, die den Kontakt maßgeblich verringern oder im schlimmsten Fall natürlich durch den Tod. Wir sind aber

nicht nur über persönliche Verluste traurig, sondern auch über den Verlust materieller Gegenstände ebenso wie immaterieller Güter, wie zum Beispiel einer Fähigkeit, eines angestrebten Ziels oder einer erfüllenden Tätigkeit. Jeder Mensch empfindet Traurigkeit auf eine andere Art und aus unterschiedlichen Gründen. Für manche Menschen ist Traurigkeit grau, für andere dunkelblau, schwarz oder auberginefarben. Manche empfinden sie als riesengroß, anderen erscheint sie sehr klein. Traurigkeit kann sich langsam heranschleichen, aber auch ganz überraschend auftauchen, sie kann nach kurzer Zeit verschwinden, aber auch länger verweilen, wenn ein schwerwiegender Auslöser vorliegt. Jemand, der schwer loslassen kann, wird häufiger traurig sein als jemand, der in jeder Veränderung eine Chance sieht.


Auch wenn die Traurigkeit ein Gefühl ist, das wir nicht täglich erleben möchten, hilft sie uns persönlich enorm weiter. Als Gegenpol zum Glück erfüllt sie eine wichtige Aufgabe im Gefühlsspektrum des Menschen, denn wer Traurigkeit nicht kennt, wird Glück nicht schätzen können. Traurigkeit führt uns außerdem vor Augen, welche Dinge für uns persönlich wichtig sind. Lebensbereiche, in denen uns ein Verlust schwer trifft und uns traurig sein lässt, erkennen wir dadurch als die relevanten in unserem Leben. Wir fühlen uns angespornt, unsere Situation zu verbessern, um bald wieder den Gegenpol, das Glück, spüren zu dürfen. Traurigkeit ist also keine schlechte Emotion, die vermieden werden muss, so wie es mit dem Ratschlag, sich abzulenken, oft suggeriert wird. Vielmehr muss sie bewusst erlebt werden, um aus ihr zu lernen.

gesund

Traurigkeit ist


Traurigkeit

ausser

Kontrolle Gefährlich wird die Traurigkeit

sich bereits in einer akuten

dem Beginn der Depression

ist kein Ende in Sicht. Dieser

oft auf Unverständnis stößt.

jedoch, wenn sie zum Dauerzustand wird. Menschen, die ihre Traurigkeit nicht überwinden, können eine Depression entwickeln. Entgegen der häufigen Annahme, eine Depression sei so etwas wie eine langanhaltende starke Traurigkeit, hat sie jedoch Eigenschaften, die sie von der gewöhnlichen Traurigkeit unterscheiden. Menschen, die

Depression befinden, fehlt zuallererst ein spezifisches Erlebnis, dessen Verarbeiten und Überwinden ihren Zustand beenden kann. Wer unter einer Depression leidet, leidet nicht mehr unter deren Auslösern sondern unter den Symptomen der Krankheit selbst. Ständige Leere und Antriebslosigkeit sowie die Unfähigkeit, sich an Dingen zu erfreuen, die vor

Freude bereiteten, machen es den Betroffenen häufig so gut wie unmöglich, den Zustand aus eigener Kraftzu überwinden. Eine Depression ist eine Abwärtsspirale. Durch die schlechte körperliche und mentale Konstitution der Betroffenen werden weitere Misserfolge begünstigt, das Selbstwertgefühl sinkt, die Probleme häufen sich und es

Zustand hat nichts mehr mit gesunder Traurigkeit zu tun, sondern geht weit darüber hinaus. Menschen mit einer akuten Depression bringen eine ganz andere Grundvoraussetzung mit und sind deshalb nicht fähig, ihre Probleme so zu lösen, wie es gesunde Menschen tun. Selbst einfachste Aufgaben können zu unüberwindbaren Hürden werden, was wiederum

Theoretisch kann jeder Mensch eine Depression entwickeln, jedoch gibt es Faktoren, die den einzelnen davor schützen oder aber ein Risiko bergen. Ebenso wie biografische Ereignisse und der individuelle Charakter das Risiko zu erkranken beeinflussen, begünstigt auch die genetische Veranlagung das Entwickeln einer Depression.


hat Viele

Gesichter

Jeder Mensch empfindet Glück auf eine andere Art. Glück kann als gelb, golden, orange, aber auch als grün, pink oder türkis empfunden werden, außerdem kann es von Mensch zu Mensch entweder riesengroß oder eher klein erscheinen. Sehr vielen Menschen kommt es federleicht vor, für manche hingegen ist es schwerer. Glück ist wohl das, was alle Menschen in ihrem Leben anstreben. Dabei sind die Dinge, die den Einzelnen glücklich machen und die er für sein persönliches Glück braucht sehr individuell. Für die meisten jedoch sind geliebte Menschen und Gesundheit die Basis, Glück im Alltag zu erleben, sei es unter Menschen, in der Natur, beim Ausüben eines Hobbies oder beim Bereisen der Welt. Dabei variiert die Dauer und Intensität des Glücks von Person zu Person. Einige schöpfen viel Energie aus dem langanhaltenden, intensiven Glück, bei anderen ist Glück nur von kurzer Dauer, da schnell wieder ein neues Ziel gesetzt wird, das es zu erreichen gilt.


ist gesund

Welchen Sinn hätte das Leben, wenn wir nicht in der Lage wären, Glück zu empfinden? Das Bestreben, glücklich zu sein, treibt uns an, unser Leben zu gestalten, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen und an uns zu arbeiten. Glück

ist der Motor für all unser Handeln. Allerdings müssen wir trotz des stetigen Appells, uns immer wieder zu optimieren, unser Glück genießen können und uns auch vorübergehend darauf ausruhen dürfen. Glück ist nämlich keine Belohnung für unser Handeln, die wir uns erst am Ende unseres Lebens abholen dürfen, sondern ein Teil des Wegs, den diejenigen, die eine zu perfekte Illusion ihres eigenen Glücks im Kopf haben, häufig übersehen.


Ausser

Es mag im ersten Moment widersinnig klingen, aber es ist möglich, dass Glück außer Kontrolle gerät und gefährlich wird. So wie Traurigkeit aus dem gesunden Rahmen fallen und zur Depression werden kann, so kann Glück in einem ungesunden Rahmen zur Manie werden. Aber was ist gefährlich daran, zu glücklich zu sein? In erster Linie ist Manie etwas Anderes als reines, langanhaltendes Glück, mit dem wir uns einfach rundum wohlfühlen und das uns beflügelt. Wenn wir glücklich sind, dann bewältigen wir unseren Alltag nämlich mit einer Leichtigkeit. Die Manie treibt

undenkbar scheint. Von einem enormen Selbstwert getrieben bewegt sich der manische Mensch durch die Welt. Er ist dabei oft nicht mehr in der Lage, seinen Alltag zu bewältigen, da sein Gedankenfluss gleichzeitig so unkontrolliert ist, dass das Ausüben eines Berufs und die Pflege sozialer Beziehungen problematisch wird. Der eigene Größenwahn lässt manische Menschen Gefahren oft nicht mehr erkennen, weshalb sie sich gern in riskante Situationen

ihren Partner in einer manischen Phase nicht wieder. Die negativen Seiten der Manie zeigen sich für den Betroffenen dabei oft erst beim Abklingen. Der Körper ist nach der intensiven Belastung durch körperliche und geistige Aktivität ausgelaugt, soziale Beziehungen haben möglicherweise unter dem veränderten Verhalten gelitten und die Erkenntnis über eigenes Fehlverhalten durch die Manie tritt ein. Nicht selten folgt nach der Manie früher oder später

einen Menschen jedoch vielmehr dazu, sich völlig zu verausgaben, ohne dass er es selbst in diesem Zustand merkt. Der Schlaf wird stark reduziert, denn der Antrieb ist so stark gesteigert, dass ein Ausruhen

bringen und sich dabei körperlichen Schaden zufügen können. Das Verhältnis zu nahestehenden Menschen leidet ebenfalls unter der stark veränderten Selbstwahrnehmung. Viele Menschen erkennen

die Depression, denn manische Phasen treten sehr viel häufiger im Rahmen einer manisch-depressiven Erkrankung auf als in einzelnen manischen Episoden.

Kontrolle


Deine

monster sind nicht

meine

monster

Die Monster in diesem Buch zeigen nur einen kleinen Querschnitt der individuellen Erscheinungsformen von Angst, Traurigkeit und Glück, zu deren Empfindung wir Menschen in der Lage sind. Wie der Einzelne gerade genau empfindet, können wir ihm dabei selten ansehen. Möglicherweise wütet das Monster Angst gerade in jemandem, der nur schüchtern erscheint. Vielleicht kämpft jemand, der gerade nur etwas müde und niedergeschlagen wirkt, gegen die Schwere einer Depression an. Andererseits kann jemand, der scheinbar gerade sehr glücklich ist, vom Monster der Manie gepackt sein und den Boden unter den Füßen verlieren. Deshalb ist es wichtig, sich immer wieder vor Augen zu führen, dass die Monster der Anderen möglicherweise sehr von den eigenen Monstern abweichen und dadurch ein exaktes Hineinversetzen in den Anderen schwierig ist. Denn Angst ist nicht gleich Angst, Traurigkeit ist nicht gleich Traurigkeit und Glück ist nicht gleich Glück. Deswegen müssen wir unsere Monster kennen, um über sie zu reden und offen sein, die Monster der Anderen kennen zu lernen. Weißt Du jetzt, wie Deine Monster aussehen?


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Meet Your Monsters  

Ein Buch über das individuelle Erleben von Angst, Traurigkeit und Glück ›Meet Your Monsters‹ ist die Abschlussarbeit von Franzisca Fuchs an...

Meet Your Monsters  

Ein Buch über das individuelle Erleben von Angst, Traurigkeit und Glück ›Meet Your Monsters‹ ist die Abschlussarbeit von Franzisca Fuchs an...

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