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herumkritisieren an Stadt und Leuten muss man manchmal. Seite 80

Ich habe schon dreimal in Ehrenfeld in der Piusstraße gewohnt. Das erste Mal zum Studium auf dem Teilstück zwi­ schen Barthel­ straße und Melaten. Ich war eine Kombination aus Ambi­tio­nen und Un­wil­ligkeit (bin ich immer noch). Wenn ich den Eindruck hatte, ich sei dif­ fus, zwecklos, flüchtig, ging ich auf dem Fried­hof umher. Ich suchte ein gewichti­ ges Gefühl, eine Hal­tung. Und fand eine versteckt stehende Grab­figur. Nicht grö­ ßer als eine Frau, der Körper vorgebeugt, der Blick auf Au­gen­höhe, aufmerksam, müde, die Flügel ab­geschabt. Sie machte einen etwas heruntergekommenen Ein­ druck. Und ei­nen würdigen. Das ist es, dachte ich, heruntergekommen und da­ mit okay sein. Als ha­be sie irgend­­wann ge­merkt: Verdammt, ich kann mich hier nicht ewig aufspielen. Ich setzte mich neben das Grab und rauchte Damen­­­pfeife (vom Ex­freund zum Ge­ burtstag bekommen) und kam mir dabei peinlich exis­tenzialistisch vor. Die Figur blickte müde und würdig und Pein­lichkeit ist ja auch bloß umgedrehte

Venloer Straße. Viele haben hier ein Talent zu prome­nieren und dabei mit großer Selbstverständlichkeit un­mög­liche Frisuren und Beklei­dun­­gen zu tragen. Ange­berei, also rauche, wenn du rauchen willst, und, memento, irgendwann ist es vorbei und neue Generationen werden in ihren Schuhen über dir herumlaufen. Venloer Straße. Viele haben hier ein Talent zu prome­ nieren und dabei mit großer Selbstverständlichkeit un­ mög­ liche Frisuren und Beklei­ dun­­ gen zu tragen, Kombinationen zusammenge­ setzt aus den selt­sam­sten Motiven, sehr schick und auch sehr billig oder nicht billig, nicht einzuordnen, auf sexy Wei­se unsexy und umgekehrt, ober­unter­­cool, unterobercool, man kann sich nicht satt­ sehen an diesen unerwarteten Leuten.

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Sie sind mein Vorbild und ich hoffe, dass es hier nicht irgendwann mal nur noch mögliche Klei­ dung gibt, Erwart­ bares, Standes- und Stand­­ort­ge­mäßes. These Boots are Made for Walking, es sind noch einige Stra­ßen zu überqueren und ich habe gerade einen Dis­put mit einem Auto, als jene mit Ver­wirrung auf mich zu­kommt. Ich hab sie gern, aber auch etwas Angst vor ihr. Sie ist immer so hungrig, trägt teure Schuhe und wohnt mehr in der Innenstadt, wo die Leute mehr hungern. Hungrig erzählt sie mir im Wei­ter­gehen noch eine ihrer verwirrten Ver­liebt­heits­­ge­schich­ten. Ge­mein­sam fin­ den wir he­raus, dass sie befürchtet, dass er sie nicht mehr ge­ heim­nisvoll fände. Beim Zu­hören arbeite ich immer hart und am Ende haben sich die Leute meis­tens satterzählt. Das nächs­te Mal wird sie wie­ der Hun­ger ha­ben, diese Stadt scheint ja nie ge­nug zu bekommen von verwirr­ten Ver­liebt­­heits­­­­ge­schich­­ten. Lei­den­­­schaft ist an vielen Plät­zen das höchs­­­te Gut, das andere höchs­te Gut ist Per­fek­tion – wie verträgt sich das eigentlich? Diese Stadt ein Möchtegern. Aber man soll an Stadt und Leuten nicht ständig herumkritisieren. Da fällt mir ein Ge­ danke von Jack Handey ein: Bevor du je­manden kritisierst, solltest du erst mal eine Meile in seinen Schuhen laufen. Ein weiser Rat. Denn dann bist du, wenn du ihn kritisierst, eine Meile weit weg. Und du hast seine Schuhe. II. Im Bett mit einem Ökonomen

Das zweite Mal ziehe ich in das Teilstück zwischen Ven­loer und Vo­gel­­­­sanger. Selt­ sam lustlos hilft mir mein Freund beim Streichen der Wände. Kurz drauf erfahre ich, dass er meine Rolle schon mit einer neuen, sehr hübschen Ak­teurin besetzt hat. Tja, so wird man nach fünf Jahren seinen Job im Leben eines anderen los.

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ef#1 – Die erste Ausgabe

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