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eigene Erfahrung hilft auch Serna Caner beim Boxtraining mit den Jungs. Seite 62

23 m Hiphop 2

„Siehst du, was los ist!?“ – oder: Wie echte Vorbilder Berge versetzen. Text: Mirjam Leuze, Fotos: Strassenkinda Productions

Ortstermin bei Strassenkinda Productions in Köln-Ehrenfeld: Übernächtigt und mit verwuscheltem Haar öffnet Juju die Tür einer kleinen Einzimmerwohnung. Juju, der mit bürgerlichem Namen Jürgen Davis heißt, ist Musiker und Produzent von Strassenkinda Productions, einem kleinen Label für Hiphop und RnB, das seit zwei Jahren seinen Sitz in Ehrenfeld hat. Hinter der Wohnungstür versteckt sich auf 23 Quadratmetern das Studio von Strassenkinda Productions: in der linken Ecke eine selbstgezimmerte, schalldichte Aufnahmekabine, daneben eine Arbeitsfläche mit Rechnern, Bildschirmen und Mischpult, dazu ein altes Ledersofa, Sessel und Stühle, in der Ecke gegenüber eine Kochnische. So klein das Studio von Strassenkinda Productions ist, so groß sind die Ambitionen der fünf Musiker, die sich unter dem Label zusammengetan haben: Juju Davis und sein Bruder Jamie, Isa, Aurelia und Raoul wollen nicht nur gute Musik machen. Sie schreiben und performen Songs, die sich gegen die zunehmende Gewalt in Kölns sozialen Brennpunkten richten. Damit grenzen sie sich ganz bewusst vom Gangstarap-Image vieler anderer rappender Kollegen ab. „Mittlerweile rappen sogar die prominenten Zuhälter in Köln, jeder darf es sich hier erlauben. Hiphop ist wirklich ein bisschen verkommen, die Werte, da, wo es herkommt, das ist verloren gegangen“, erzählt Raoul. Der junge Rapper ist wie die meisten seiner Musikerkollegen von Strassenkinda Productions in Porz aufgewachsen. Gewalt und Drogen, das sei die Realität vieler Kinder und Jugendlicher, die heute in Köln groß werden. Alle der zwischen 22 und 35 Jahren alten Musiker kennen diese Welt aus eigener Erfahrung und wissen, wie fatal die

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Vorbildfunktion von Rappern wie Sido für die Kids ist. „Hiphop und Rap wird mit Fäkalsprache verbunden, mit Gangstarap und Killersein, mit: Ich erschieß Leute und häng nachts auf der Straße rum“, ergänzt Juju. Um Kinder und Jugendliche mit ihrer anderen Botschaft trotzdem zu erreichen, hat Phillip Neuhaus, Manager und PR-Mann bei Strassenkinda Productions, sich etwas besonderes ausgedacht: Anfang 2009 rief er zusammen mit Strassenkinda Productions, dem HKC, einem Netzwerk Kölner und Hamburger Künstler und der Gruppe Komekaté eine Initiative namens „Strassenkinda Movement“ ins Leben. Die Idee ist, Jugendlichen mit Hiphop-Songs und Workshops Perspektiven jenseits von Gewalt und Drogen aufzuzeigen. Zum öffentlichkeitswirksamen Auftakt pressten Phillip Neuhaus und seine Kollegen 2000 CDs mit ihren Songs und verteilten diese umsonst sowohl an Kiosken in KölnMülheim, Kalk und Ehrenfeld, als auch im Adidas- und Carhart-Store auf der Ehrenstraße. „Wir wollten, dass ein ganz breites Spektrum von Leuten vom Movement etwas mitbekommt“, erklärt Phillip Neuhaus. Dieses Ziel wurde erreicht: Die CDs fanden reißenden Absatz und im Sommer 2009 folgte eine Release-Party im Ehrenfelder Underground. Die Einnahmen der Party – das Underground stellte seine Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung – spendeten die Musiker an den Verein „Köln kickt“. Das zweite Standbein des Movement besteht aus den Hiphop-Workshops, die Raoul und seine Kollegin Aurelia in Hauptschulen und Kölner Vororten geben. Im Auftrag von „Köln kickt“ sind die beiden viermal pro Woche in Meschenich und Godorf unterwegs und bringen Kinder und Jugendliche unter dem Motto „Fußball meets Hiphop“ zusammen. „Wir gehen durch die Blocks und suchen uns die Kinder förmlich,“ erzählt Aurelia. Die Bedingungen, unter denen die beiden Musiker arbeiten, sind jedoch nicht ohne: „Wir waren gerade am Spielen und nach 20 Minuten kommt so ein türkischer Baba an den Zaun und ich seh’, der hat irgendwas in der Hand und dann seh’ ich, der hat ne Knarre. Und ich frag ihn, welches sind denn deine Kinder? Und da zeigt er mit der Waffe auf die Kinder“, berichtet Raoul von den durchaus bedrohlichen Arbeitsbedingungen. Für ihn und seine Kollegin Aurelia ist es jede Woche ein Highlight, wenn sie es schaffen, Kids zusammen zu bringen und Brücken zwischen Kindern und Jugendlichen zu bauen, die sonst kaum etwas miteinander zu tun hätten: wie zum Beispiel auch zu den Sinti und Roma, die in Köln-Godorf in eigenen Siedlungen leben und bisher nur wenig Kontakt zu anderen Kindern im Viertel hatten.

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ef#1 – Die erste Ausgabe

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