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Ehrenfeld ist anders

der Landesregierung den Stadtteil zum geeigneten Terrain für Clusterbildung erkor. Wir, Die Kollegen, allesamt akademische Freiberufler aus dem Medien-, Design- und Kommunikationssektor, sind uns bewusst, dass wir zur sogenannten Gentrifizierung des Viertels beitragen. (Wir sind diejenigen, die jederzeit eine verkaufsfördernde Imagebroschüre für ansässige Unternehmen gestalten können, um neue Zielgruppen anzusprechen. Das ist Teil unseres Berufs. Seite 2) Aber: Wir wissen auch, wo das hinführen kann. Es ist in seiner ausgeprägtesten Form am Prenzlauer Berg in Berlin und mittlerweile auch in Hamburger Künstler- und Arbeitervierteln (siehe Seite 80) zu besichtigen: eine Monokultur aus Besserverdienern, Biobewegten, spätgeborenen Kindern spätgebärender Akademikereltern. Glückliche Lohas unter sich. Die Debatte über die angestrebte Aufwertung von Ehrenfeld hat aber nicht nur unsere Skepsis, sondern auch unsere Neugier geweckt. Auf das, was das Viertel wirklich ausmacht. Uns jedenfalls kommt es nicht nur hip und cool vor. Wir verbinden mit Ehrenfeld auch: die Grenzen von Multikulti, nebeneinander statt miteinander, rivalisierende Jugendbanden, verstopfte Straßen, vermüllte Hauseingänge, Hundescheiße, bemalte Hauswände, Fliesenfassaden. Wir ertappen uns bei dem gelegentlichen Wunsch nach einem etwas unkomplizierteren Umfeld. Deswegen reden wir nicht der Gentrifizierung das Wort. Denn seit Ehrenfeld eine Marke zu werden droht, stellen wir fest: Wir lieben unser – in diese Widersprüche verstricktes – Ehren-

sessen und neu hinzugezogen nicht widersprechen, sondern gemeinsam an der Theke sitzen. Wer genauer hinschaut, erfährt aber auch, dass der vielzitierte Ehrenfelder Kulturenmix eigentlich nicht gelebt wird. Dass der Moscheebau (Seite 34) für viele befremdlich ist. Dass die aus Griechenland stammende Änderungsschneiderin (Seite 60) vor allem griechisch essen geht. Dass manche Ehrenfelder sich Ehrenfeld tatsächlich bald nicht mehr leisten können. (Seite 74) Wir haben viel erfahren über ein Viertel, in dem zu leben und zu arbeiten etwas Mühe macht. Wir haben aber auch erfahren, wie man hier im Viertel auf unsere vermeintliche Boombranche schaut. Eine Interviewpartnerin (Seite 62) gab uns auf die Frage, wem es in Ehrenfeld schlechter ginge als ihr, eine interessante Antwort: „Ganz klar. Den ganzen Freiberuflern und Selbständigen hier. Die leben doch von der Hand in den Mund.“ Offenbar sind es nicht finanzielle Gründe, die uns in dieses Veedel locken. Welche es sein könnten, liegt im Auge des Betrachters. Viel Spaß mit ef. Prasanna Oommen und Jessica Hoppe für Die Kollegen

Wir befinden uns am Ausgangspunkt unseres Heftes, der Kollegenetage in der Vogelsanger Straße 193.

Cluster sind aus ökonomischer Sicht regionale Netzwerke von Produzenten, Zulieferern, Forschungseinrichtungen, Dienstleistern, Handwerkern und Institutionen, die Austauschbeziehungen entlang einer Wertschöpfungskette bilden und gemeinsame wirtschaftliche Interessen verfolgen.

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Die Debatte über die angestrebte Aufwertung von Ehrenfeld hat aber nicht nur unsere Skepsis, sondern auch unsere Neugier geweckt.

Gentrifizierung (auch „Yuppisierung“) beschreibt einen sozialen Umstrukturierungsprozess eines Stadtteils. Der Zuzug neuer Bewohner und die gezielte Aufwertung von Wohnumfeldern durch Restaurierungen/Sanierungen führten demnach zu einer – vermeintlich von Stadtplanern, Investoren, Bewohnern gewünschten – Veränderung der Bevölkerungsstruktur des Stadtteils. Der Prozess der Gentrifizierung läuft häufig nach einem typischen Muster ab. Siehe auch Seite 80

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feld, so wie es ist und wie es sein könnte. Für ef haben wir – zwölf Kollegen von der Vogelsanger Straße – uns auf die Suche gemacht nach Menschen und Geschichten, die uns diese Widersprüche in Ehrenfeld zeigen. Viele gewechselte Worte, gestellte Fragen, abgelaufene Hacken und fotografierte Ecken später fanden wir unseren Verdacht und unsere Hoffnung bestätigt: Es gibt nicht ein Ehrenfeld, sondern viele Ehrenfelder. Der Stadtteil braucht keinen Stempel, und er verträgt auch keinen. Wer auf der Venloer Straße die Zoo-Bar (Seite 18) betritt, der sieht, dass sich hier alteinge-

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Lange Zeit kam in Köln „alles Schlechte dieser Welt aus Nippes, Kalk und Ihrefeld“. Doch diese Zeiten sind vorbei. Neuerdings wird zumindest über Ehrenfeld in ganz anderen Tönen gesprochen. Man spricht jetzt vom „Designquartier“, der neuen „Kreativzone Ehrenfeld“. Hip, cool und „a place to be“. Ein Viertel als florierendes Biotop für die Kreativwirtschaft. Mit Verlaub: Das nervt. Denn ein kreatives, pulsierendes und sich weiterentwickelndes Viertel war Ehrenfeld dank vieler Künstler und Freiberufler schon lange, bevor ein Wettbewerb

Lohas steht für „Lifestyle of Health and Sustainability“ (Lebensstil für Gesundheit und Nachhaltigkeit). Der Begriff beschreibt einen Konsumententyp, der durch sein Konsumverhalten und gezielte Produktauswahl Gesundheit und Nachhaltigkeit fördern will und häufig ein überdurchschnittliches Einkommen hat.

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ef#1  

ef#1 – Die erste Ausgabe

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