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rungen legt die Wahl dieser Mittel nahe.“ Ob es erfreulich wäre, wenn Bürger ihr Erspartes zur freundlichen Tante Emma statt zum ungeliebten Bankkaufmann tragen, ist eine andere Frage. Der hohe Zins, den Anleger kassieren können, ist nämlich nur die Risikoprämie dafür, dass sie ihr Geld auch verlieren können. Im Insolvenzfall finden sich stille Teilhaber in der hinterletzten Reihe wieder, wenn es um die Resteverwertung geht: Nachrangige ungesicherte Gläubiger sehen im Durchschnitt deutscher Insolvenzen lediglich rund 3 Prozent ihres Einsatzes wieder, ergibt die Statistik der Gläubigerschutzvereinigung Deutschland. Wie viele Firmen in Deutschland Teilhabermodelle betreiben und wie viele davon erfolgreich sind, weiß niemand. Bundesfinanz- und Bundes-

„WENN JEMAND FRAGT, WIE SICHER DAS GELD IST, KANN ICH NUR SAGEN: SO SICHER, WIE UNSERE FIRMA IST.“

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Gesoffen wird immer nicht nur daheim, auch aushäusig. Und sei es im Zoo. Seite 18

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wirtschaftsministerium haben keine Ahnung und Kapitalgeberverbände keine Zahlen. Dem Statistischen Bundesamt fehlen Daten und dem Bundeskriminalamt sachdienliche Hinweise. Fehlanzeige auch bei Staatsanwaltschaften mit Schwerpunkt Wirtschaftskriminalität. Dabei sollte es ein paar Angaben durchaus geben: Eigentlich müssen sich nämlich alle Unternehmen, die öffentlich um stille Teilhaber werben, bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) melden. Im Jahr 2006 taten das gerade mal zehn Unternehmen. 2007 waren es acht und 2008 ganze vier. „Natürlich gibt es im Mittelstand häufiger stille Beteiligungen“, sagt Professor Norbert Herzig, Direktor des Steuerseminars der Uni Köln. „Die Prospektanzeigepflicht wird offensichtlich nicht sehr ernst genommen, da auch keine einschneidenden Sanktionen drohen.“ Die stille Beteiligung zählt zum Grauen Kapitalmarkt, und der ist unreguliert. Hier tummeln sich auch Glücksritter. Über das Portal puffkontakte.de sucht beispielsweise ein Lude Teilhaber, er wünscht sich 100.000 Euro „für den Umbau eines Hauses zum Club“. Weniger halbseiden klang die Investmentidee, auf die Dietrich H. aus Bonn hereinfiel. Über die Beteiligung am Reisebüro einer Bekannten geriet er in ein Schneeballsystem. Schritt für Schritt übergaben der EDV-Fachmann und seine Frau 50.000 Euro und erhielten dafür Zinsen von bis zu 15 Prozent. „Wir waren vielleicht zu gutgläubig“, sagt der 60-Jährige. „Aber wenn die Zinsen fließen, fragt man nicht mehr nach.“ Doch die Zinsen stammten nach seinen Angaben nicht von vermieteten Hotelzimmern auf Gran Canaria, sondern von neuen Teilhabern.

Nach drei Jahren flog der Schwindel auf und landete vor Gericht. Seinem Geld läuft Dietrich H. noch immer hinterher. So geht es auch den türkischstämmigen Teilhabern der ehemaligen Yimpas-Holding, darunter vermutlich auch vielen aus Ehrenfeld. Wo heute Hochzeitspaare eine eheliche Erstausstattung erstehen, im „Maas-Center“ an der Venloer Straße, hatte bis zum Jahr 2004 ein Yimpas-Supermarkt geöffnet. Garantiert kein Feu-Ki-Besteller, da alkoholfrei. Eine islamkonforme Warenhauskette für gottgefällige Waren und ritengerecht zubereitete Lebensmittel zu etablieren, versprachen Geschäftemacher im Umfeld von Moscheen und sammelten bei 120.000 gläubigen Deutschtürken rund 300 Millionen Euro ein. Auch ihr zinsloses Modell der stillen Beteiligung priesen sie als islamgerecht. Wer hier einzahlte, stieß sich an der Idee von Zinsen, fand aber eine Gewinnbeteiligung von über 20 Prozent pro Jahr in Ordnung. Einige Geschäfte wurden eröffnet, dann aber dichtgemacht. Von ihrem Geld haben die Anleger nichts wiedergesehen. Ob und wann sie einen Teil zurückbekommen, ist nach Auskunft der Insolvenzverwalterin der Kanzlei Hövel & Collegen auch sechs Jahre nach der Pleite unklar. Das Insolvenzrisiko haben Genske und Kirsch ihren Anlegern nicht verschwiegen. „Jeder muss wissen, dass es reines Risikokapital ist“, sagt Genske. „Wenn jemand fragt, wie sicher das Geld ist, kann ich nur sagen: So sicher, wie unsere Firma ist“, sagt Kirsch. Der 63-Jährige stellt sich selbst gelegentlich die Frage, wie zukunftssicher eine Firma ist, die 90 Prozent ihrer Umsätze mit dem Produkt Tabak macht, dessen Konsum mehr und mehr behindert und besteuert wird. „Ich weiß nicht, ob Kinder in 20 Jahren noch anfangen werden zu rauchen“, sinniert er. „Aber eins weiß ich: Dann werden wir ein anderes Genussmittel haben!“ Vielleicht liegt es an der Verunsicherung durch die Finanzkrise, dass Vermögende ihr Erspartes nicht den üblichen Verdächtigen Bank, Sparkasse oder Fonds anvertrauen, sondern es beim Ökomöbelhändler oder dem Lasterwarenkrämer besser aufgehoben glauben. Vielleicht liegt es auch an deren persönlicher Ausstrahlung oder Geschäftsidee. In jedem Fall ist es Johannes Genske und Klaus Kirsch gelungen, ihre Teilhaber davon zu überzeugen, dass ihre jeweiligen Firmen eine Zukunft haben. So können die einen im Glauben investieren, dass ein Trend die Verbraucher zum verantwortungsbewussten Konsum hinführt, während die anderen sich ihr Investment mit der Gewissheit begründen: Gesoffen wird immer. Vertrauen in die Sicherheit von Geldanlagen hat eben viele Facetten.

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