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ASCHE, HOLZ – DANK

KOHLE Text und Illustration: Thilo Großer Fotos: Tanja Steffen

SEIN GELD ANLEGEN – IN EHRENFELD? EIN FRAGWÜRDIGER GEDANKE. DIE EINEN FRAGEN SICH: „WELCHES GELD?“ UND DIE ANDEREN RÄTSELN: „HIER? IN EHRENFELD?“ DIE IDEE MAG ABWEGIG SEIN. ANDERERSEITS LIEGT SIE NAHE. ZWEI EHRENFELDER FIRMENINHABER HABEN IHRE ORTSANSÄSSIGEN UNTERNEHMEN ZU ANLAGEOBJEKTEN FÜR JEDERMANN ERKLÄRT UND EIN PAAR HUNDERTTAUSEND EURO EINGESAMMELT. BIOMÖBEL-GENSKE NUTZT DAS IHM ANVERTRAUTE GELD SEINER NEUEN TEILHABER, UM ÖKOLOGISCH KORREKTE MÖBEL AUS NACHHALTIG ANGEBAUTEM HOLZ ZU VERTREIBEN. KLAUS KIRSCH KAUFT SICH VOM INVESTORENKAPITAL SCHNAPS UND ZIGARETTEN. 22

Die Geschäftsräume von Möbelverkäufer Johannes Genske und von Genussmittelhändler Klaus Kirsch (Firma „Feu-Ki“) unterscheiden sich wie Tag und Nacht. Und zwar wie ein anständig verrichteter Werktag von einer unsittlich durchzechten Weiberfastnacht. Der 56-jährige Genske empfängt in seinem weiträumigen hellen Verkaufsraum, in dem es mehr ökologisch unbedenkliche Sitzgelegenheiten gibt als daran Interessierte. Hinter einer Art Rezeption vertreiben sich die Verkäuferinnen die Zeit mit Verwaltungsarbeiten, die sie sofort ruhen lassen, sobald sie am Verhalten eines streunenden Gastes kleinste Anzeichen von Beratungsbedarf ablesen. „Unsere Ware ist zeitlos und hält über Jahrzehnte“, sagt Genske inmitten seiner Dauerausstellung, der biologisch abbaubaren. So wie manch werdender Vater die Geburt seiner Kinder zum Anlass nimmt, mit dem Rauchen aufzuhören, fing Genske einst an, sich über Gesundheitsgefahren von Kindermöbeln zu sorgen. Vor 24 Jahren eröffnete er seinen ersten Ökomöbelladen, seit 19 Jahren firmiert er an der Inneren Kanalstraße. Der Aufenthalt in dieser Wohnwelt hat seinen Preis. „Unser Publikum ist der gehobene Mittelstand, im Grunde genommen der Bildungsbürger“, sagt Genske, damit ein Selbstporträt liefernd. Tagsüber hat er ein Ökogeschäft, abends eine Kulturstätte. Hier herrschen Ordnung, Sinn und Verstand. Bei Feu-Ki in der Leostraße herrschen Trubel und Renovierungsbedarf. Überall Kartons, Krempel, Vitrinen, offen liegende Elektrik. Die Rezeption des Lagers im Hinterhof ist ein Tresen am Rande des Chaos, eine Durchreiche im Bienenkorb. Haben die Arbeitsbienen Pause, rauchen sie. „Wir sind tolerant“, sagt Kirsch. Stolz schwingt mit, geradezu gallischer Trotz: „Nichtraucher sind bei uns in der Minderheit.“ Zwei von 20. Er selbst legt seinen Zigarillo auch dann nicht aus der Hand, wenn dieser vor lauter Redensarten erloschen ist. „Klar, Rauchen is nit jesund. Biertrinken och nit. Und Schwimmen kann auch tödlich enden. Hahaha!“ Die Beschäftigten sind nicht ansprechbar, da vollauf damit beschäftigt, Pakete hin und her zu tragen, Telefonate zu führen und Zettel auszufüllen. Die Lieferwagen parken sich auf dem Hof gegenseitig zu. Sie beliefern Kioske mit all dem, was einem nach Abendbrot und Ladenschluss leichtsinnigerweise einfällt: Zigaretten, Kondome, Schnaps, Schokoriegel und Wein, keine Flasche über 10 Euro. Das einzige Nachhaltige, das es hier gibt, funktioniert nicht: Auf den Solarzellen der überholungsbedürftigen Zigarettenautomaten, die sich draußen stapeln, hat sich Moos breitgemacht. „Die wachsen immer zu“, sagt Kirsch und ent-

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