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Biorama Nº. 26

Clemens G. Arvay im Porträt

54 wie Edward Snowden Gleichgesinnte. »Menschen, die nach ethischen Grundsätzen handeln, werden kontrolliert und kriminalisiert, weil sie den ökonomischen und politischen Verschleierungstaktiken entgegenarbeiten. Wir haben aber einen gesellschaftlichen Entwicklungsauftrag.«

Gesprächsband »Leb wohl, Schlaraffenland« arbeitet, der im November als Buch erscheinen soll, besucht er motorisiert. Um Bio geht es in diesen Gesprächen nur ganz am Rande, sondern um einen »Rückzug aus dem System«, so der ursprüngliche Arbeitstitel.

Der Aufdecker als Aktivist

Ganz innerhalb des Systems bewegt sich die Produktion der Bücher und bewegen sich auch die Verlage, bei denen sie erscheinen. Sein Debüt – eine Publikation über Fruchtgemüse – gab der unerfahrene Biologieabsolvent vor Jahren im rechtskonservativen Grazer Stocker Verlag. »Der große Bio-Schmäh« erschien bei Ueberreuter, »Das große Fressen« bei ecowin – ein auf Bestseller ausgerichteter Verlag, der mittlerweile vom Medienimperium des Red Bull-Gründers Dietrich Mateschitz geschluckt wurde. Die Gespräche mit Düringer bringt nun die dem Populismus nicht abgeneigte Edition a auf den Buchmarkt. »Natürlich sind alle meine Bücher industriell hergestellt«, gesteht Arvay, während er sich – mit abbaubaren ocb-Bio-Filtern – eine Zigarette dreht. Er weiß natürlich, dass alles andere unter Liebhaberei fallen würde. »Aber«, schwärmt er mit den leuchtenden Augen des gelernten Buchbinders und nimmt einen tiefen Zug, »irgendwann möchte ich eines meiner Bücher selbst drucken und binden«. Man wird ja noch träumen dürfen.

Dass Arvay in den wunden Punkten des Bio-Booms bohrt, steht außer Frage. Ob seine Lösungsvorschläge – eine kleinstrukturierte Bio-Landwirtschaft, lokale Strukturen und eine weitestmögliche Abkehr vom Prinzip Supermarkt – allerdings fürs 21. Jahrhundert taugen oder ob aus ihnen ein reaktionärer Romantiker spricht, bleibt umstritten. Wenn Arvay betont, dass er bei aller Kritik an der Massentierhaltung niemals von »Tier-KZs« sprechen würde und auch niemals auf den Einsatz von Traktoren verzichten wollte, dann zeigt das zwar, in welchem Dunstkreis er sich bewegt. Allerdings auch, dass er eben doch nicht der »Fundi« ist, der er manchmal zu sein scheint. Dennoch macht er es seinen Kritikern manchmal leicht, wenn er nicht nur als Autor, sondern auch als Aktivist auftritt – etwa auf den Facebook-Seiten der großen Handelskonzerne. Einen an der Grenze zum Aktionismus agierenden »Troll« kann man einfacher als weltfremden Spinner abtun als sachlich vorgetragene Kritik. Seine Recherchen im weit verzweigten Bio-Universum haben jedenfalls nicht nur für Aufruhr in der Biobranche, sondern bei dem 33-Jährigen auch für ein Umdenken gesorgt. »Seit ich mit 13 das Buch »Tiere als Ware« gelesen habe, bin ich Vegetarier, meist ernähre ich mich sogar rein pflanzlich. Mein Vegetarismus weicht sich allerdings auf, seit ich bei meinen Recherchen viele Biobauern getroffen habe, die wirklich artgemäße Tierhaltung betreiben«, erzählt er. Sollte sich sein eigener Lebensstil etwas weiter »settlen« und er in absehbarer Zeit weniger reisen, dann reizt ihn auch die Haltung von Altsteirer oder Sulmtaler Hühnern. Dass ihn an diesen alten, sogenannten »Zweinutzungsrassen« neben den Eiern auch ihr Fleisch interessiert, daran lässt er keinen Zweifel. Im Supermarkt wird man ihn aber auch künftig nur treffen, wenn er seinen Lieblingswein, einen ungarischen Muskat-Ottonel kauft. Der kommt zwar aus der Gegend, aber zu bekommen ist er dennoch nur im Supermarkt. Unnötige Kilometer möchte er mit seinem Diesel-Geländewagen – »Ein wunder Punkt, ich sollte längst auf altes Speiseöl als Treibstoff umgestiegen sein« – vermeiden. Nach Graz, wo er am FH Joanneum ökologische Landwirtschaft unterrichtet, pendelt er mit der Bahn. Nur seine Felder und den Aussteiger und Kabarettisten Roland Düringer, mit dem er zum Zeitpunkt unseres Treffens gerade am gemeinsamen

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Rückzugsgefechte aus dem System

Sagen gemeinsam »Leb wohl, Schlaraffenland«: Das Buch von Roland Düringer und Clemens G. Arvay widmet sich dem »Rückzug aus dem System«. Es erscheint im November.

08.08.13 18:53

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BIORAMA #26  

Im Fadenkreuz: Jagd. Ist die Jagd in ihrer derzeitigen Form noch gesellschaftsfähig? Außerdem: All I Need – Neo-Ökologie im Alu-Mantel. B...

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