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Biorama Nº. 26

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Clemens G. Arvay im Porträt

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Thomas Weber

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Michèle Pauty, Lukas Beck

Mit seinen Büchern – beide Aufreger wie Bestseller – hat der Biologe Clemens G. Arvay Bewegung in die Bio-Branche gebracht. Wer ist der Mann, der sich mit Edward Snowden solidarisch erklärt und sich mit Geflügelzüchtern und der »Bio-Industrie« angelegt hat?

V

ielleicht werde ich das Schinkenbrot bestellen«, überlegt er laut, während wir beide die Speisekarte studieren. Das ist bemerkenswert. Denn nichts auf der Karte ist bio – und Clemens G. Arvay immerhin der vielleicht gnadenloseste Bio-Propagandist des Landes. »Wie handhabst du das, wenn du wo essen gehst, wo kein Bio angeboten wird?«, fragt er mich. »Isst du dann prinzipiell kein Fleisch?« – Eher nicht. Also nicht prinzipiell keines, nein, antworte ich, leicht irritiert. Ausnahmen gibt es, ganz wenige, aber es gibt sie. Also auch bei Arvay. Ganz ehrlich: Das hätte ich nicht erwartet. Eigentlich hätte er eine andere Buschenschank bevorzugt. Weil die geschlossen war, sind wir mit seinem alten Opel Frontera, einem Pick-up, durch die Weinberge gebrettert. Haben wir bei dem von ihm gepachteten Acker Halt gemacht: einem ehemaligen Weingarten, dem er heuer eine Saison Brache gönnt, damit sich der Boden erholt und die Humusschicht regeneriert, damit nach dem Winter die Kürbisse, Zucchinis und Paradeiser gedeihen. Schließlich haben wir etwas abseits von Bildein, der kleinen Ortschaft, in der sich Arvay im Stockwerk eines Zinshauses eingemietet hat, einen Heurigen gefunden, bei dem »ausg‘steckt is«. Die Sonne verschwindet hinter den Hecken, wir beißen in belegte Brote, trinken sauren Most und irgendwo ganz in der Nähe sagen sich Fuchs und Hase Gute Nacht. Schinken-

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brot hat Arvay doch keines bestellt. Obwohl der Bauer in der Karte ausgewiesen hat, dass alles Fleisch aus eigener Landwirtschaft stammt, die Tiere ganz in der Gegend geschlachtet werden und auch die Futtermittel weitestgehend selbst angebaut werden. Nein, bio ist das natürlich nicht. Aber: »Selbst produzierte Futtermittel und eine Schlachtung in der Nähe sind nicht einmal in der Bio-Landwirtschaft vorgeschrieben«, betont Arvay. Konventionelle Bio-Produkte sind da oft bedenklicher, soll das heißen.

Ansichten eines Insiders Ginge es nach ihm, dann wäre das ohnehin anders. Arvay ist davon überzeugt, dass der moderne, oftmals längst industriell betriebene Bio-Landbau die Bewegung ausgehöhlt und die Absichten der Öko-Altvorderen pervertiert haben. In seinen beiden Büchern »Der große Bio-Schmäh« (2012) und »Friss oder stirb« (2013) kritisiert er nicht nur die verschleiernden Praktiken der großen Produzenten. Er prangert darin auch die Handelskonzerne (rewe, Hofer, Spar) und die Praxis hinter deren Eigenmarken (Ja! Natürlich, Zurück zum Ursprung, Natur pur) an. Industriell bewirtschaftete Anbauflächen, Massentierhaltung oder der durchaus problematische Einsatz von schlecht bezahlten, osteuropäischen Erntehelfern lassen sich beim großflächigen

08.08.13 18:10

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BIORAMA #26  

Im Fadenkreuz: Jagd. Ist die Jagd in ihrer derzeitigen Form noch gesellschaftsfähig? Außerdem: All I Need – Neo-Ökologie im Alu-Mantel. B...

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