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Biorama Nº. 26

Jagd-Typologie

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Der Versorger

Der Wilderer Umfangreiche exklusive Jagdreviere gehören der Vergangenheit an. Wilderer sind heutzutage nicht mehr arme Bauern und Arbeiter mit Rebellenimage, die ihre Familie ernähren wollen. Wilderer ist jeder, der mit oder ohne Jagdschein in fremden Revieren unbefugt jagt. Der technisch Versierte stiehlt unbemerkt den Chip aus der Wildkamera und weiß somit genau, wann er an der Fütterung oder Kirrung unterwegs sein muss. Verdächtig sind geländegängige Fahrzeuge mit ortsfremdem Kennzeichen und Suchscheinwerfer auf dem Dach am Reviereingang. So ein Gefährt braucht, wer Wild aufstöbern, blenden und rasch abtransportieren will und mit Karacho im Dunklen durch den Wald fährt. Damit es nicht zum Showdown im Morgengrauen kommt, schreibt der rechtmäßige Revierinhaber am besten das Kennzeichen auf, statt den Wilderer mit dem Gewehr zu stellen. In Bergrevieren ist der Wilderer mit einem zerlegten Gewehr im Rucksack und einem Feldstecher um den Hals perfekt getarnt.

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Der prinzipientreue Versorger ist ein Jäger und Sammler. Er hält sich an den Abschussplan wie an die zehn Gebote. In keiner Ausgabe von Weidwerk oder Anblick fehlt der Hinweis darauf, dass Wildbret gesund, fettarm, lang haltbar, schmackhaft und aus artgerechter Tierhaltung ist. Es gibt unter den Versorgern Feinspitze und Köche, die sich in der Küche verwirklichen. Wenn die Tiefkühltruhe übergeht, vermarktet der Versorger sein Wildbret an den Fleischhauer. Der Fleischer selcht, verwurstet und zerwirkt den Lungenbraten, selbstverständlich nach kundiger Fleischbeschau. Denn einen Fuchsbandwurm oder Trichinen hat niemand gerne im Menü. Die aktuelle Wildbretverordnung verpflichtet zu einer Einschätzung, ob das Tier krank war und zu einer Ortsangabe für die Rückverfolgbarkeit. Es handelt sich also um eine Art weidliche Bauernhofgarantie: Zurück zum Urwald!

Gerd / Gerda Grünrock Gerd/a Grünrock schätzt Bewegung im Wald, im Gebirge, an der frischen Luft und begreift die Jagd als Bewirtschaftungsform bzw. als Regulation gestörter natürlicher Prozesse. Wo Wolf, Bär und Luchs fehlen, muss ein Grünrock her, um Wildverbiss zu vermeiden. Es sind verantwortungsvolle, ruhige Menschen, die Jagd wie Biolandwirte betreiben, aufklären, und informieren. Sie stehen früh auf und gehen ungern auf Gesellschaftsjagden, weil sie nicht wissen, wie andere Schützen in der Jagdgesellschaft aufgestellt sind punkto Treffsicherheit, Disziplin, Geländegängigkeit und Vorwissen. Außerdem ist Wild bekanntlich scheu. Gerd/a Grünrock schickt konsequent jene wieder nach Hause, die kein oranges Signalband tragen oder alkoholisiert sind.

08.08.13 11:56

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BIORAMA #26  

Im Fadenkreuz: Jagd. Ist die Jagd in ihrer derzeitigen Form noch gesellschaftsfähig? Außerdem: All I Need – Neo-Ökologie im Alu-Mantel. B...

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