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Biorama Nº. 26

Jagd

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Jagdkritik: pauschal bis differenziert Die Bandbreite an Jagdkritik reicht von fundamentaler Ablehnung bis zur Kritik an bestimmten Formen und Entwicklungen der modernen Jagd. Da wäre zum Beispiel die Sichtweise des Ethikers Andrew Linzey. Der Oxford-Professor, Theologe und Tierrechtler bewertet die Jagd pauschal als ein Verbrechen: »Die Jagd gehört in jene Klasse von immer moralisch unerlaubten Handlungen, wie Vergewaltigung, Kindsmissbrauch und Folter«. Der Tonfall mag überraschen. Im Weidwerk, dem Magazin der österreichischen Landesjagdverbände, machte der Jäger und Publizist Alexander Schwab unlängst auf die vermeintliche Kriminalisierung der Jagd in Europa aufmerksam. Die Verankerung des Umweltschutzes im Strafrecht auf europäischer Ebene – die übrigens scheiterte – sieht er als »radikales Gedankengut« auf höchster Gesetzesebene. Seine Warnung an die Jäger ist deutlich: Die »Spinner« würden auch weiterhin versuchen, die als Sport betriebene Jagd unter Strafe zu stellen – das sei »Ethikhysterie«. Rechtlich verankerter Tierschutz als radikales Gedankengut? Tierrechtler als Spinner? Das lässt aufhorchen. Die Kritiker der Jagd schießen verbal oft scharf – doch stehen sie damit ihren diskursiven Opponenten in nichts nach. In der Auseinandersetzung über Jagd geht es um die Meinungshoheit bei ihrer Deutung. Es lohnt sich deshalb der Blick auf Details der Debatte. Wer in seiner Freizeit Jagd betreibt, wird von Kritikern häufig als Hobbyjäger bezeichnet. Passionierte Jäger reagieren darauf empfindlich, schließlich sehen sie die Jagd als einen sinnvollen Beitrag zur Pflege der Natur, als ein gemeinnütziges Ehrenamt. »Wer würde schon ein Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr als Hobby-Feuerwehrmann bezeichnen?«, schallt die Replik aus dem Revier. Jäger als selbstlose Naturschützer? Fragwürdig.

Was spricht für die Jagd? Die Jagd wäre kein umstrittenes Thema, gäbe es keine Gründe, die für sie sprechen. Die prominenteste Argumentation lautet, viele Wildtiere hätten ihre natürlichen Feinde verloren und müssten deshalb nun vom Menschen bejagt werden. Wenn nun aber die natürlichen Feinde von Wild durch die Jagd verschwunden sind, legitimiert sich die Jagd dann nicht mit viel Chuzpe durch sich selbst? Christian Nittmann, Unternehmer aus Wien, engagiert sich seit Jahren in der Initiative zur Abschaffung der Jagd. Er hält die Theorie vom Jäger als Wächter der Populations-Regulierung beim Wild für falsch. »Immer mehr Biologen gelangen zu der Ansicht, dass die Tiere ihre Populationsdichte am besten selbst

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regeln und Überpopulationen vor allem entstehen, weil bestimmte Tierarten wie Rehe und Hirsche von den Jägern durch Hege und Fütterung besonders gefördert werden. Die Erfahrungen in großen europäischen Nationalparks zeigen: Es geht Natur und Tieren ohne Jagd viel besser.« Befürworter der Jagd sehen neben dem Schutz vor Überpopulation von Wild, das Schäden am Wald verursacht, zwei weitere gute Gründe, um zu jagen. Durch die Eindämmung von sogenannten Kulturfolgern wie der Aaskrähe oder dem Fuchs würden bedrohte Arten geschützt. Die Jagd trage somit zur Erhaltung der Biodiversität bei. Außerdem liefert die Jagd mit dem Wildbret ein hochwertiges Lebensmittel. Eine Abschaffung der Jagd, würde nach Ansicht von Friedrich Reimoser, Professor für Wildökologie und Wildtiermanagement, eine ganze Reihe an negativen ökologischen Folgen mit sich bringen. Natur ohne Jagd – für ihn »kein sehr rosiges Szenario. Insgesamt ist bei ersatzlosem Wegfall der Jagd mit einem Biodiversitätsverlust und mit zunehmenden Schäden durch das Wild zu rechnen, weil es in der vom Menschen genutzten Kulturlandschaft, in der natürliche Regelmechanismen nicht mehr entsprechend wirksam sind, eine gewisse Steuerung braucht.«

Am Ende steht eine ethische Frage Dass Jäger in der Natur, die uns in Mitteleuropa umgibt, eine nicht unwesentliche ökologische Rolle spielen, ist eine Realität. Dass Tierschützer das Töten von Wildtieren ablehnen, auch. Dass es auf absehbare Zeit zu einem Ausgleich der Interessen zwischen beiden Seiten kommt, ist unwahrscheinlich. Der Tier- und Umweltschutz allerdings setzt Anhänger der Jagd unter Druck, ihre Passion, ihr Hobby, ihr Ehrenamt und Privileg zu reflektieren und zu rechtfertigen und schließlich auch bei der Jagd Kriterien der Nachhaltigkeit ihren Platz einzuräumen. Mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier hat sich in den vergangenen Jahrzehnten auch das Bewusstsein vieler Jäger verändert. Ein ökologisch nachhaltiger Zugang ist heute im Jagdrevier keine Seltenheit mehr. Die Jagd als bloßen Schießsport oder Trophäenjagd zu sehen, wird kaum noch zugelassen, auch vom Großteil der Jäger nicht – sicherlich ein Erfolg. Was bleibt, ist die Frage nach dem legitimen Töten. Und die wird bleiben.

09.08.13 12:49

G M u

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BIORAMA #26  

Im Fadenkreuz: Jagd. Ist die Jagd in ihrer derzeitigen Form noch gesellschaftsfähig? Außerdem: All I Need – Neo-Ökologie im Alu-Mantel. B...

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