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Thomas Stollenwerk

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Nana Mandl geschossen:

240.000 pro jahr Eine Parforce-diskussion

An der Jagd scheiden sich die Geister. Für die Einen ist sie der einzige Weg, die Natur im Gleichgewicht zu halten, für die Anderen eine skandalöse Praxis privilegierter Freizeitsportler.

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ie Jagd hat mindestens genauso viele Kritiker, wie sie passionierte Anhänger hat. Dafür gibt es ethische, ökologische, soziale, politische, moralische, kulturelle und wer weiß wie viele andere Gründe. Manche lehnen das Töten und den Verzehr von Tieren per se ab. Andere betrachten das Hantieren mit Waffen als fragwürdig. Wieder andere halten die Ausübung der Jagd bloß für ein elitäres Statussymbol. Viele fragen sich: Wenn die Jagd doch angeblich so eine wichtige ökologische Rolle spielt, wieso kann sie dann nicht ausschließlich von hauptberuflichen Jägern erledigt werden? Würde es der Umwelt schaden, wenn nicht gejagt würde? Jäger sind davon überzeugt. Viele Kritiker sind der Ansicht, dass die Wildbestände sich auch selbst regulieren würden, würde man nicht durch gezielte Fütterung künstlich dafür sorgen, dass mehr Tiere abgeschossen werden können. Und dann gibt es Menschen, die an der Jagd gut verdienen und Jagdtourismus anbieten. Teilweise werden sogar im Gatter gezüchtete Wildtiere ausgesetzt, um künstlich für lebendige Zielscheiben zu sorgen. Ist das moralisch vertretbar? Über die Jagd lässt sich trefflich diskutieren.

Wer jagt denn da? Wenn es um die Jagd geht, dann sind Vorurteile und Klischees schnell zur Hand. Über Jahrhunderte war das Jagdrecht ein Privileg des Adels. Und auch wenn der

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Adel in Österreich schon seit 1919 nicht mehr so heißt: Irgendwie hat sich doch gar nicht so viel daran geändert, dass einige wenige und meist wohlhabende Familien einen sehr großen Teil der Jagdflächen besitzen. Wer sich zur Elite zählen möchte, der tut auch heute im Sinne inkorporierten kulturellen Kapitals nicht schlecht daran, eine Jagdkarte zu besitzen. In Österreich gilt für die Jagd ein Reviersystem. Das bedeutet: Das Recht zur Jagd liegt beim Besitzer des jeweiligen Grunds. Um diesen auch tatsächlich zu bejagen, benötigen Grundbesitzer das Eigenjagdrecht. Kleinere Jagdflächen werden zu Genossenschaftsjagdgebieten zusammengefasst und verpachtet. Eine Jagdgesellschaft – das hat bis heute den Ruch eines elitären und geschlossenen Zirkels in der Tradition des feudalen Jagdprivilegs. Für eine soziale Selektion bei der Jagd ist weiterhin gesorgt. Eine Jagdkarte zu erlangen, kostet in Österreich rund 1.000 Euro. Für ein Jagdgewehr legt man eine ähnliche Summe auf den Tisch – und dann hat man noch keinen Schuss abgegeben. Soziale Vorbehalte gegenüber Jägern sind allerdings nur eine Facette von Jagdkritik. Bei der Auseinandersetzung mit ökologischen Folgen und Auswirkungen der Jagd lohnt der differenziertere Blick – denn hier gibt es ganz unterschiedliche Ansichten auch innerhalb der Jägerschaft, ebenso bei ethischen Fragen zur Jagd.

09.08.13 12:49

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BIORAMA #26  

Im Fadenkreuz: Jagd. Ist die Jagd in ihrer derzeitigen Form noch gesellschaftsfähig? Außerdem: All I Need – Neo-Ökologie im Alu-Mantel. B...

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