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Ein islamischer Friedhof in Berlin

Dipl.-Ing. Andreas Morgenroth L端bbersmeyerweg 13 22549 Hamburg Tel.: 040 866 266-33 Fax: -35 a.morgenroth@t-online.de


Islamischer Friedhof in Berlin

Veranlassung Für Moslems gilt in weit stärkerem Maße als in westlichen Gesellschaften, dass Bestattungen mit alten Traditionen verflochten sind, denen enge familiären Bindungen zugrunde liegen. Die aufwändigen Trauerzeremonien widerspiegeln grundsätzliche islamische Überzeugungen, nach denen innerhalb enger Regeln viel Raum für Individualität und Kreativität besteht. Der Islam ist nach dem Christentum in Deutschland die zweitgrößte Religionsgemeinschaft. Nach Angaben des Islamarchivs Deutschland leben in Deutschland rund 2,3 Millionen Muslime. Über 520.000 von ihnen besitzen inzwischen einen deutschen Pass. Die meisten der in Deutschland lebenden Muslime entstammen dem türkischen Kulturraum und leben hier zum Teil schon in der dritten und vierten Generation. Im Zuge politischer Krisen und Konflikte in der islamischen Welt kamen ab Mitte der 70er Jahre außerdem Asylsuchende und Flüchtlinge muslimischen Glaubens nach Deutschland insbesondere aus dem Libanon, dem Irak, Iran, Afghanistan, Bosnien-Herzegowina und aus dem Kosovo. Im Gegensatz zur christlichen Kirche ist der Organisationsgrad der Muslime in Deutschland nur schwach ausgeprägt. Weniger als 12 Prozent sind in Verbänden organisiert. Der „Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland“ und die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ (DITIB) stellen insgesamt rund 310.000 Mitglieder. Ferner existiert noch der „Zentralrat der Muslime in Deutschland“ (ZMD), dem insgesamt 19 Dachorganisationen mit vielen hundert Moscheegemeinden angehören. In Berlin leben ca. 350.000 Moslems, es ist aktuell von ca. 3.000 Sterbefällen/Jahr auszugehen. Innerhalb der nächsten 15 Jahre ist mit einem Anstieg auf ca. 4.000/Jahr zu rechnen, da der Altersdurchschnitt und damit die allgemeine Sterbeziffer sich im Verhältnis zur übrigen Bevölkerung angleichen werden. Bei einer islamischen Bestattung muss sichergestellt sein, dass Verstorbene mit dem Gesicht gen Mekka liegen können und zusammen mit Glaubensbrüdern nach Möglichkeit mit unbegrenzter Ruhefrist beigesetzt werden (Analogie zum Judentum). Zu den islamischen Bestattungszeremonien gehört auch, dass der Tote durch Familienangehörige rituell gewaschen, in Leinentücher eingewickelt und zum Totengebet aufgebahrt wird. Der Ritus ist sehr speziell und umfassend geregelt. Der Islam schreibt also die Erdbestattung ohne Verwendung eines Sarges vor. Es ist gängige Praxis, in das Herkunftsland zu überführen und dort zu bestatten. Bekir Alboga, Beauftragter für interreligiösen Dialog der DITIB hat im ZDF-Interview am 22. 11. 07 darauf hingewiesen, das es eine diesbezügliche Vorschrift nicht gibt, ein Moslem also überall beigesetzt werden kann, soweit eine würdevolle Bestattung möglich ist. Mit fortschreitender Integration und verbesserten Rahmenbedingungen werde die Überführungspraxis immer weniger von Bedeutung sein. Die Überführung ist im Regelfall über die Bestattungsinstitution der DITIB abgedeckt, für die ein – wie Bekir Alboga ausführt – kleiner Mitgliedsbeitrag zu bezahlen ist. Kostspielig ist diese Praxis dennoch, da die nächsten Angehörigen, die im Regelfall in Deutschland leben, zur Beisetzung mitreisen müssen. Auch ist zu bedenken, dass spätere Grabbesuche der nächsten Angehörigen kaum möglich sind, wodurch das Trauern sehr erschwert werden kann. In Westdeutschland - z.B. im Ruhrgebiet sowie im Frankfurter Raum - wurden in den letzten Jahren über 100 islamische Grabfelder angelegt. Danach sank fast überall der auch dort zuvor hohe Prozentsatz der Überführungen deutlich. Berlin hat an dieser Entwicklung bislang noch keinen Anteil, auch wenn in den Stadtplänen ein islamischer Friedhof am Columbiadamm verzeichnet wird: Auf diesem steht die Sehitlik-Moschee, der verbliebene Rest von wenigen m² ist bereits seit langem gefüllt. Weitere Beisetzungen können nur auf dem benachbarten, historisch vorbelasteten Militär/Garnisonsfriedhof oder am äußersten Stadtrand Berlins (in Gatow) durchgeführt werden.


Islamischer Friedhof in Berlin

Das Ergebnis ist, dass nicht, wie im deutschlandweiten Durchschnitt 66%, sondern 90% der Türken überführt werden.1 Es sind also nicht nur sentimentale Beweggründe, die die Bestattung „in fremder Erde“ erschweren, sondern nachvollziehbare unerfüllte Ansprüche an die islamische Bestattungskultur. Hier einige Grabpflegebeispiele, die diese Bestattungskultur dokumentieren:

Teil des verbliebenen islamischen Friedhofsteils am Columbiadamm 1

DITIB-Interview mit Bekir Alboga, ZDF-Sendung „Forum am Freitag v. 22. 11. 07


Islamischer Friedhof in Berlin

Zum islamischen Friedhof Columbiadamm (Sehitlik-Friedhof) Der Friedhof um die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm ist ein historisch bedeutsames Relikt, eine Geschichte, die vor 210 Jahren begann, als der preußische König Friedrich Wilhelm III. 1798 ein Grundstück in der heutigen Tempelhofer Urbanstraße ankaufte und für die Beisetzung des ersten osmanischen Gesandten Ali Efendi bereit stellte. Diese und einige weitere Beisetzungen von in Berlin ansässigen Moslems fanden dort nach und nach statt, bevor der Friedhof an seinen heutigen Standort verlegt wurde. Das Grundstück am Columbiadamm ist 2.550 m² groß und gehört dem türkischen Verteidigungsministerium, Bestattungen nach islamischem Ritus finden hier seit 1866 statt. Im ersten Weltkrieg sind einige türkische Soldaten zur Behandlung nach Deutschland geliefert. Worden. Die an Ihren Verletzungen verstorbenen Soldaten wurden hier bestattet. Dies war der Grund für die Bezeichnung als Märtyrer-Friedhof (Sehitlik). Auf dem Grundstück wurde die gleichnamige Moschee errichtet, der verbliebe Friedhofsrest umfasst nur wenige 100 m², es besteht zudem seit den 1980ger Jahren eine Beisetzungssperre.

Sehitlik-Moschee u. islamischer Friedhof am Rande des Tempelhofer Feldes (links: Rosinenbomber) Zum islamischen Friedhofsteil in Gatow In den 1980ger Jahren wurde für den Bezirk Spandau ein nicht ausreichendes Friedhofsangebot diagnostiziert, der Bezirk erwarb eine ca. 30 ha große Fläche im Ortsteil Gatow und realisierte dort einen neuen „Landschaftsfriedhof“. Der Friedhof war durch seine abseitige Lage von vornherein benachteiligt und wurde von den Spandauern nur sehr zögerlich angenommen.


Islamischer Friedhof in Berlin

Spätestens nachdem sich auf dem Spandauer Hauptfriedhof „In den Kisseln“ ein Flächenüberhang abzeichnete, wurde die Entbehrlichkeit des Gatower Friedhofs unübersehbar. In dieser Situation entschloss sich die Bezirksverwaltung, einen islamischen Friedhofsteil einzurichten. Dieser wurde auf dem hinteren Abschnitt und ohne Gestaltungsvorgaben eingerichtet. Dieser islamische Friedhofsteil ist der Berliner Öffentlichkeit – selbst Berliner Friedhofsfachleuten weitgehend unbekannt geblieben. Dem Besucher bietet sich hier nicht die islamische Friedhofskultur, sondern ein Bild der Vernachlässigung: Partielle Bodenverdichtungen führen zu Pfützenbildungen, viele Steine sind nicht standsicher, neben gepflegten finden sich ungepflegte Gräber, Plastikteile, Marmor, Maufwurfshügel – eine sehr unorganisierte Gemengelage.

Beispiel Wien In Wien hingegen wurde nach langer und gründlicher Vorplanung kürzlich ein eigenständiger Friedhof eröffnet. Der islamische Friedhof wird dort als Teil der Integrationspolitik betrachtet, nach der Friedhofskultur Teil der Gesamtkultur ist, in der sich die Vielfalt eines Ortes auf angemessene Weise widerspiegeln sollte. Dazu folgender Presseartikel der:

vom 04. 10. 2008


Islamischer Friedhof in Berlin

Am 03. Oktober 08 wurde in Wien ein islamischer Friedhof eröffnet. Bis zu 4.000 Tote sollen auf der 3,4 Hektar großen Grabstätte, die von der Gemeinde zur Verfügung gestellt wird, ihre letzte Ruhe finden. Aufgrund von Mangel entsprechender Parzellen am Wiener Zentralfriedhof kam der Wunsch auf, einen eigenen islamischen Friedhof zu errichten, um nicht zuletzt die Ruhezeitbegrenzung zu vermeiden, denn im Islam ist ununterbrocheneTotenruheTradition.

Mit der Eröffnung des ersten islamischen Friedhofes wird auch dem Wunsch der über 400.000 in Österreich lebenden Muslimen nachgegangen, die dort begraben werden möchten, wo sie sich zu Hause fühlen. Für sie ist der Wunsch, in Österreich begraben zu werden ein wichtiger Schritt zur Integration und ein Zeichen, dass viele eine neue Heimat gefunden haben. "Wir wollen dort begraben sein, wo auch unsere Kinder begraben sein werden", betonte Anas Schakfeh, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), anlässlich der Friedhofseröffnung. Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) nannte das Projekt ein "sichtbares Zeichen des friedlichen Miteinanders der Religionen und Menschen in Wien". Jahrelang war der Friedhof eine Baustelle. Die feierliche Eröffnung am Freitag fand fünf Jahre später statt als ursprünglich geplant. Zunächst stellte die Stadt Wien der IGGiÖ im Jahr 2001 ein 34.500 Quadratmeter großes und rund 1,7 Millionen Euro teures Liesinger Industriegebiet gratis zur Verfügung. Auch für die Aufschließung und die Mauer, die zusammen 600.000 Euro kosteten, war die Gemeinde zuständig. Die IGGiÖ übernahm die Errichtung der Friedhofsbauten, der Wiener Gemeinderat (SPÖ) und IGGiÖ-Integrationsbeauftragte Omar Al Rawi bemühten sich, die nötige Million Euro für die Errichtung der Gebäude aufzutreiben. Im August 2003 sagte der Opec-Fund 200.000 € für die Gebetshalle zu,

im November 2004 machte Katar weitere 500.000 € locker, von Saudi -Arabien kamen 100.000 €, den Rest lieferten Spender im Inland.

Mit dem Fertigstellungstermin Anfang Oktober konnte Wien gerade noch die Konkurrenz aus Vorarlberg überholen. Dort wird 2009 in Altach eine islamische Begräbnisstätte mit 300 Plätzen eröffnet werden. Der Friedhof in Wien-Liesing sollte ursprünglich 2800 Toten Platz bieten, durch Verdichtung konnte nun die Zahl gesteigert werden: Die Angaben schwanken zurzeit zwischen 4000 und 5000 Verstorbenen, die mit Blick in Richtung Mekka bestattet werden. Dominiert wird der Komplex von einer hohen Aufbahrungshalle mit kalligraphischen Schriftzeichen und einem Kronleuchter. Die übrigen Bundesländer haben bereits islamische Gräber auf den kommunalen Friedhöfen. Auf dem Zentralfriedhof in Graz ist ein „islamisches Gräberfeld“ reserviert. In Lebring südlich von Graz gibt es einen islamischen Friedhof aus der K.u.K.-Zeit.


Ein Standortvorschlag für Berlin Die Voraussetzungen, in Berlin einen islamischen Friedhof einzurichten, sind durch die Berliner Friedhofsgesetzgebung gegeben. Im landesweiten Friedhofsentwicklungsplan wurden zudem parzellenscharf und für jeden bestehenden Friedhof Entwicklungsvorschläge gemacht. Dazu hier ein konkreter Standortvorschlag: Eine ca. 1,5 ha große Fläche am Rand des Heidefriedhofs Reißeckstraße in Mariendorf. Diese Fläche liegt ca. 300 m vom U-Bahnhof Alt Mariendorf entfernt, es handelt sich um eine ehemalige Friedhofserweiterungsfläche, auf der nie Beisetzungen stattgefunden haben. Vorgeschlagen wird, die wirtschaftlichen, organisatorischen und betrieblichen Möglichkeiten zu prüfen, um unter weitgehender Einbeziehung islamischer Gemeinden am Standort nördlich des Heidefriedhofs Mariendorf einen Friedhof für Moslems einrichten zu können.

Quelle: Google maps


Islamischer Friedhof in Berlin

Aussagen im Friedhofsentwicklungsplan: Grünfläche, bisher keine Bestattungsfläche

Vorschlag erste Kontakte: Friedhofsentwicklungsplan Frau Wübbe (I C 22)/ Frau Pröpper (I C 223) Tel.: 9025-1428/ -1718, Fax: 9025-1057 E-Mail: benita.wuebbe@senstadt.berlin.de/ regina.proepper@senstadt.berlin.de Rechtliche Grundsatzangelegenheiten/Ehrengrabstätten Frau Conrad (I C 221) Tel.: 9025-1726, Fax: 9025-1057 E-Mail: petra.conrad@senstadt.berlin.de Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg Amt für Natur und Umwelt Nat 1 - Herr Weiland Manteuffelstraße 63 12103 Berlin Tel.: 7560-3740 E-Mail: wilfried.weiland@Ba-TS.Berlin.de Parkfriedhof Mariendorf Friedhofsverwaltung, Frau Mitzinger Tel.: 7560 7784


Islamischer Friedhof in Berlin

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Islamischer Friedhof Berlin  

Potentiale für einen islamischen Friedhof in Berlin

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Potentiale für einen islamischen Friedhof in Berlin

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