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DIE BESTE ZEIT Das Magazin für Lebensart

Ausgabe 22, 2013 - 3,50 Euro

Große Momente der Bildhauerei William Tucker im Skulpturenpark

Ein traum-hafter Konzertabend

Sven Drühl - Werke 2001-2013 Ausstellung in der von der Heydt-Kunsthalle

Die Kunst muss zu weit gehen Bölls Rede zur Eröffnung des Schauspielhauses

Aus dem Frieden im Wald Das Gargonza-Arts Projekt

Hermann Schulz zum 75. Geburtstag Ein Lehrer des rechten Umgangs

Das allertraurigste Gewerbe

Das Leben Sei ein Fest Saadet Türköz - Ein Portrait

Meisterwerke der Moderne

Gedankenreisen mit dem Sinfonieorchester Die Sammlung Haubrich

Von Treskos Abschiedsrede Schauspielhaus

ISSN 18695205

Wuppertal und Bergisches Land

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Editorial Kultur mit Aussicht? Die Kultur des Bergischen Landes, zumal seiner Metropole Wuppertal ist seit einiger Zeit in heftiger Bewegung. Es ist durchaus nicht immer erfreulich, was da geschieht, doch zeigen junge Initiativen Positives, während Unerfreuliches ein schlechtes Licht auf die Kulturpolitik wirft. Gestatten Sie mir ein paar Streiflichter zum Gesprächsstoff der letzten Wochen aus ganz persönlicher Sicht. Beginnen wir mit einem Ende: Man solle, wenn es am schönsten sei, gehen empfiehlt der Volksmund. Die Galerie „epikur“, unter der Leitung von HP Nacke für mehr als drei Jahrzehnte ein integraler Bestandteil nicht nur der Wuppertaler Gesellschaft, offen auch für experimentelles Theater, Musik und exzellente Gesprächsrunden, hat ihre Tätigkeit eingestellt. Die Kunstwelt weit über den Bergischen Raum hinweg hat von dort aus Energie bezogen, die fortwirken wird. Nach glanzvollen Jahren an der Friedrich-Engels-Allee und zuletzt dem eleganten Quartier an der Friedrich-EbertStraße zog Hans-Peter Nacke mit einer artigen Verbeugung den Schlußstrich. Nicht fortwirken wird das Wuppertaler Schauspiel in seinem einzigartigen, von Gerhard Graubner 1964-66 erbauten und als Baudenkmal geschützten Haus. Das steht wie sein in den letzten Jahren dramatisch geschrumpftes Ensemble zur Disposition. Einst von Intendanten wie Arno Wüstenhöfer und Holk Freytag, zuletzt Christian von Treskow zu Bühnenglanz geführt, bekommen in seinen Mauern jetzt Moos und Schimmel, dann vielleicht die Abrißbirne das Sagen. Eine „Kleine Spielstätte“ wird mit noch weniger Personal euphemistisch als untaugliches Trostpflaster angeboten. Die Pfiffe bei der letzten Vorstellung an der Bundesallee kamen viel zu spät - und richteten sich gegen den Falschen: den vorgeschickten Kulturdezernenten Matthias Nocke. Der kann nun wirklich am wenigsten dafür. Bestand wird auch das Wuppertaler Opernensemble nicht haben, dessen künftiger Intendant Toshiyuki Kamioka, in Personalunion auch Künstlerischer Leiter und Chefdirigent des Sinfonieorchesters Wuppertal, zugleich GMD des Saarländischen Staatstheaters und Professor für Dirigieren an der Musikhochschule Saarbrücken, zur Übernahme seines Amtes erst einmal alle Verträge gekündigt hat. Was die Sache besonders ärgerlich macht: über Gastspielverträge dürfen die Gefeuerten wieder in Wuppertal singen. Eine perfide künstlerische Variante der Zeitarbeit. Perfekt für den Etat des Kämmerers. Man merkt wie beim Schauspiel die Absicht - und man ist verstimmt. Angenehmeres aus der Musikwelt hört man aus Remscheid-Solingen. Das gemeinsame Orchester „Bergische Symphoniker“ der beiden Städte ist vorläufig gerettet. Es wäre auch ein Jammer um diesen schönen Klangkörper unter seinem eloquenten Leiter Peter Kuhn gewesen. Und dass die Kultur durch junge Initiativen in der Galerienszene, Oliver Bricks „Kontakthof“ in der Genügsamkeitsstraße, durch hervorragende Bühnen wie das TiC-Theater in Cronenberg und das TalTonTheater in der Wiesenstraße und durch Reintraut Schmidt-Wiens Förderarbeit im Lenneper Rotationstheater höchst lebendige Impulse bekommt, gehört auch zu den erfreulichen Nachrichten. Da kann man über den Streit um des Kaisers gezwirbelten Bart (die Agnes-Miegel-Straße gibt es übrigens noch immer) nur schmunzeln. Hat das kulturelle Leben unserer Region Aussichten? Aber gewiss! Ihr Frank Becker

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Mit Licht geschrieben. Sonderschau: Papier mit allen Sinnen Messe Mailingtage Nürnberg 2013

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Impressum Die Beste Zeit erscheint in Wuppertal und im Bergischen Land Erscheinungsweise: alle zwei Monate Verlag HP Nacke Wuppertal - Die beste Zeit Friedrich-Engels-Allee 122, 42285 Wuppertal Telefon 02 02 - 28 10 40, E-Mail: verlag@hpnackekg.de V. i. S. d. P.: HansPeter Nacke Ständige redaktionelle Mitarbeit: Frank Becker, Thomas Hirsch, Matthias Dohmen, Susanne Schäfer Darüber hinaus immer wieder Beiträge von: Marlene Baum, Heiner Bontrup, Antonia Dinnebiert, Beate Eickhoff, Fritz Gerwinn, Klaus Göntzsche, Johannes Vesper und weiteren Autoren Erfüllungsort und Gerichtsstand Wuppertal

The art of tool making

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Nachdruck - auch auszugsweise - von Beiträgen innerhalb der gesetzl. Schutzfrist nur mit der ausdrücklichen Genehmigung des Verlages. Gastbeiträge durch Autoren spiegeln nicht immer die Meinung des Verlages und der Herausgeber wider. Für den Inhalt dieser Beiträge zeichnen die jeweiligen Autoren verantwortlich. Kürzungen bzw. Textänderungen, sofern nicht sinnentstellend, liegen im Ermessen der Redaktion. Für unverlangt eingesandte Beiträge kann keine Gewähr übernommen werden. Trotz journalistischer Sorgfalt wird für Verzögerung, Irrtümer oder Unterlassungen keine Haftung übernommen. Bildnachweise/Textquellen sind unter den Beiträgen vermerkt. Titelfoto: „Kultur“-Gewitter über Wuppertal, Ausschnitt Foto Bjørn Ueberholz


Inhalt Ausgabe 22, 5. Jahrgang, August 2013 Das allertraurigste Gewerbe

Große Momente der Bildhauerei Ausstellung William Tucker im Skulpturenpark, von Thomas Hirsch

Seite 6

Hermann Schulz zum 75. Geburtstag

Sven Drühl – Werke 2001 – 2013 Ausstellung in der Von der HeydtKunsthalle, von Gerhard Finckh

Seite 12

Seite 17

Zwei Stunden mit Camus Eine „Camus-Revue“ im Radio von Anne-Kathrin Reif

von Safeta Obhodjas

Seite 24

Seite 29

Buchbesprechung, von André Poloczek

Seite 34

Seite 65

Bergische Bahnstrecken und ihre Stillegung von Frank Becker Seite 66 Bilder für die Ohren

Seite 39

„Bilder einer Ausstellung“ für Kinder von Frank Becker

Seite 68

Paragraphenreiter Seite 42

Interessantes zu den Themen Steuern und Recht, von Susanne Schäfer

Seite 69

Lustwandeln wie Sisi

Friedhof in London – Amsel Seite 44

Jugendstilfestival in Bad Nauheim von Ewa Harmansa

Ein Traum-hafter Konzertabend

Neue Kunstbücher

Sinfonieorchester lud zu Gedankenreisen ein Seite 46 von Frank Becker

und andere Buchvorstellungen

Die Kunst muss zu weit gehen

Kulturnotizen

Rede Heinrich Bölls zur Eröffnung des Schauspielhauses am 30.09.1966

Seite 62

Über die Dummheit der Verkehrspolitik

40 Jahre Tanztheater Wuppertal

Foto von Elisabeth Heinemann – Gedicht von Gringo Lahr

Barbara Neusel-Munkenbeck – Ein Portrait von Jan Dieker

Seite 30

Ein paar Augenblicke…

Ute Schäfer, NRW-Kulturministerin anlässlich des Pressegesprächs „Pina 40“

Seite 60

Krupps Katastrophe

Aus dem Frieden im Wald…

Nachbetrachtung der Ausstellung Kairos von Peter Klassen

Gedanken über weite Entfernungen von Martin Hagemeyer Zwischen Himmel und Erde

Karl-Heinz Krauskopf: Der Kamera und

Das Gargonza-Arts Projekt von Christin Karwatzki

Seite 57

Ein Spiel, das manches „nicht ist“

Ein gutes Bild muss eine Geschichte haben dem Blick verpflichtet, von Frank Becker

Seite 54

Seite 21

Das Leben sei ein Fest… Saadet Türköz – Ein Portrait von Heiner Bontrup

Torten und Konfekt wie aus dem Himmel von Frank Becker Szenen einer Patchworkfamilie

Meisterwerke der Moderne Die Sammlung Haubrich im Museum Ludwig in Köln

Ein Lehrer des rechten Umgangs zwischen den Völkern, von Wolf Christian von Wedel Parlow Seite 52 Süße Verführung

Ich will nichts versuchen, ich will tanzen Portrait der Tänzerin Chrystel Guillebeaud von Marlene Baum

Abschiedsrede des Intendanten von Treskow für das Schauspielhaus am 30. 6. 2013 Seite 50

Kulturveranstaltungen in der Region

Seite 70

Seite 73

Seite 77

Seite 47

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Victory, 2001, Bronze, 109 x 142 x 91 cm


Große Momente der Bildhauerei William Tucker stellt bei Tony Cragg im Skulpturenpark Waldfrieden bis zum 1. September 2013 aus Für einige Sekunden schienen die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft: Tony Cragg drehte eine Pirouette, legte die Arme seitlich an, machte sich steif, kippte zur Seite und fiel dann einen Schritt nach vorne: Der Dialog mit William Tucker war eröffnet. Es gehört zu den großen Momenten eigener Zeugenschaft im Kunstgeschehen, wenn sich zwischen Koryphäen wie Tony Cragg und William Tucker derart ein Gespräch über Skulptur aufbaut – ein Gespräch, bei dem beide zu Höchstform aufliefen.

William Tucker, Foto: privat

Die Begegnung mit William Tucker war sowieso eine kleine Sensation: Der seit Ende der 1970er-Jahre in der Nähe von New York lebende Tucker hat seit Jahrzehnten keine institutionelle Ausstellung mehr in Deutschland durchgeführt. Natürlich, die Transporte seiner Bronzeplastiken sind aufwändig und er selbst gehört nicht mehr der jüngsten Generation an, die nun mal im Kunstbetrieb gefragt ist. Seine Karriere ereignet sich seit langem fast ausschließlich in den USA. Das aber erstaunt doch: Damals, im London der 1960er- und 1970er-Jahre zählte Tucker zu den wichtigen europäischen Bildhauern der Avantgarde, zu ihren Erneuerern und einflussreichen Vermittlern. William Tucker wurde 1935 als Sohn britischer Eltern in Kairo in Ägypten geboren. Ab 1937 lebt die Familie in England. Wichtig wird für ihn um 1960 das Studium an der St. Martin‘s School of Art in London in der Klasse von Anthony Caro, der selbst sehr bald zu Weltruhm aufsteigt. Caro setzte mit seinen additiv konstruktiven Stahlplastiken die bedeutende britische Tradition der Bildhauerei fort, sozusagen in der Nachfolge von Henry Moore. Tucker und seine Studienkollegen

wie Phillip King und Tim Scott wiederum fügen dem wenige Jahre später ein weiteres, international respektiertes Kapitel zur Skulptur hinzu. Sie erfinden eine plastische Variante des Hard Edge. Die Skulpturen bestehen überwiegend aus planen Kunststoff-Flächen, welche buntfarbig, meist in Signalfarben homogen gesprayt sind. Sie stehen auf dem Boden und sind zu umqueren, ja, sie wirken mit jeder Ansicht anders. Alles Vorhersehbare relativiert sich dabei. Dabei rekurrieren die Kunstwerke auf stereometrische und geometrische Abläufe und Linienverläufe, z.B. im ornamentalen Gleichklang. Sie sind denkbar klar und unterlaufen doch jede Gleichförmigkeit. Und sie sind extrem sachlich – von jedem Gestus, also der künstlerischen Identität befreit – und verfügen häufig doch über subtile Verweise zum Gegenständlichen hin und tragen mitunter expressive Züge; mithin lösen sie Emotionen aus (Tucker) oder tragen erzählerische Züge (King, Scott). Bei aller Anonymität transportieren diese Skulpturen also eine Vertrautheit, sind aus dieser Welt, abstrakt und konkret zugleich. Wenn wir nun weiter auf die damaligen Werke von William Tucker eingehen: Tucker repetiert organische Formteile.

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Die geschwungenen Formulierungen nehmen den Kontakt zum Landschaftlichen auf, lassen an die gängigen Manifestationen von Wolken denken und werden in ihrer Formung unterstrichen durch die klaren Flächen. Jede Skulptur besteht aus deutlich

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unterschiedenen, oft identischen Partien mit einer glatten, reflektierenden Oberfläche. „Yet conceptual is just the sort of description which William Tucker‘s work demands“, urteilt Ian Dunlop im Katalog der Londoner Ausstellung „New Generati-

on: 1965“. Mit solchen Arbeiten ist Tucker dann auch im darauffolgenden Jahr an der Ausstellung „Primary Structures“ im Jewish Museum in New York beteiligt, welche die US-amerikanische Minimal-Art mit einläutet und die britische Position weiter klärt.


Es ist aber auch Tucker, der mit Nachdruck darauf verwiesen hat, dass es sich bei seinen eigenen wie auch den Plastiken seiner Freunde um Bildhauerei und um die zeitgenössische Fortsetzung ihrer Jahrtausende alten Geschichte handelt. 1974

veröffentlicht er das Buch „The Language of Sculpture“, in dem er auf die Relevanz und Essenz der Bildhauerei der Klassischen Moderne hinweist und immer wieder auf Rodin, Matisse und vor allem Brancusi und seine „Endlose Säule“ in Tirgu Jiu

zu sprechen kommt. Fortan ist Tucker genauso auch als Theoretiker etabliert. Von 1976 an hat William Tucker zunächst Frenhofer, 1995, Bronze, 208 x 269 x 190 cm

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Vishnu + Victory, Foto: Buchmann

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in Kanada und ab 1978 in New York unterrichtet. Nach einer Unterbrechung setzt seine Bildhauerei wieder in Amerika ein, vor dem Hintergrund der neuen (landschaftlichen) Umgebung, der anderen kulturellen Erfahrungen und, wie er im Gespräch berichtet, der weiteren Beschäftigung mit klassischer Skulptur. So studiert er Anfang der 1980er-Jahre tief beeindruckt die 2000 Jahre alten Bronzeplastiken von Riace, die er in Florenz sieht. Für seine eigene skulpturale Arbeit entdeckt er die Bronze, den tradierten Werkstoff, der für Dauer und Unverletzbarkeit steht. Seine großen Plastiken formt er mit Gips, indem er ihn mit der Hand aufträgt und streicht, Erhebungen und Senken setzt: Die Plastik konserviert die sinnliche Erfahrung und den Prozess ihrer Entstehung.

Aus diesem Zusammenhang heraus ist das, was wir nun in der Ausstellung im Skulpturenpark Waldfrieden sehen dürfen, gar nicht so überraschend. Es ist ein Werküberblick des „neuen“ William Tucker. Ausgestellt sind hier im Pavillon, aber auch draußen, also im unmittelbaren Kontext mit der Natur, Bronzeplastiken der Jahre 1986 bis 2005: Nichts Minimalistisches, nichts Anonymes, stattdessen aufgeraute, pulsierende Oberflächen, mittels der Patinierung in feinem Spiel von Licht und Schatten, dabei haptisch erfahrbar: Existenzielle Skulptur, die, als Körper lebensgroß, unmittelbar auf Haut und ein unsichtbares Innen und eine Transzendierung von Leben verweist. Die Erscheinungen der Natur – noch dazu mit Referenzen und Zitaten auf die Meister der Skulptur – werden hier


oben: Ausstellungsansicht Wuppertal unten: Cave, 2008, Bronze, 144 x 130 x 230 cm thematisiert, wie mit dem Erbe der klassischen Bildhauerei umzugehen sei. Abstraktion und Gegenständlichkeit, Verbindlichkeit und spielerische Anmutung, ja, Behauptung und Zuständlichkeit schließen sich nicht aus. Im Interview mit Julia Kelly spricht Tucker das Verhältnis von Subjektivität und Objektivität an: „Für mich aber war es [die von außen als ungeformte Felsmasse gesehene Form] eine Gestalt aus einem Mythos, manchmal eine Evokation von Skulpturen aus der Vergangenheit – Venus von Willendorf, Nike von Samothrake, der Sterbende Gallier – manchmal von Figuren aus der Literatur, für die es keine Bilder gibt, oder beides gleichzeitig.“ (Kat. Skulpturenpark Waldfrieden) Seine Skulpturen sind Zeugnisse physischer Präsenz in der Landschaft, im Dialog mit der Natur, aber auch den plastischen Werken, die Tony Cragg selbst hier platziert hat. Hier, in diesem vorzüglichen Kontext wirken sie archaisch und aufgeklärt, bescheiden und von unverrückbarer Monumentalität, ausgezeichnet mit einem gereiften Verständnis von und für Skulptur, auch als Teil unserer Umgebung. Also, sie sind souveräne Skulptur, gelassen wie William Tucker selbst, der alle Zeit der Welt mit nach Wuppertal gebracht hat. Unbedingt ansehen! Thomas Hirsch in ihrer ganzen Komplexität, Mimesis und Wandlungsfähigkeit vermittelt, wobei in der Plastik von Tucker das Gegenständliche oft erst nach und nach auszumachen ist, dann aber wie schierer Realismus auftritt: das Haupt eines Pferdes; der Kopf eines Boxers, welcher Vorbild einer Skulptur von Rodin war; ein Torso. Die Skulpturen werden auf Sockeln oder direkt auf dem Boden präsentiert; die größte Skulptur hat eine Höhe von 233 cm. Im Skulpturenpark Waldfrieden, sagt William Tucker, verhalte sich der

Pavillon wie ein Plateau in der Landschaft, zu dem man von unten her näher komme. Dadurch werde die Skulptur erst nach und nach sichtbar. – Es lässt sich vieles zum Wesen dieser Skulpturen hervorheben: ihre Anmutung unförmiger Klumpen, die auf den Mythos der Entstehung des Menschen aus Lehm weisen könnte; das Leibliche, das sich nach allen Seiten in den Raum ausdehnt; die Stabilität, die erst die Skulptur zu einer wahren Daseins-Behauptung werden lässt und ihre Präsenz unterstützt. Und Tucker

Fotos Ausstellung und Werke: © Süleyman Kayaalp, Skulpturenpark Waldfrieden © für die Werke: William Tucker, courtesy Galerie Buchmann, Berlin William Tucker – Skulpturen, bis 1. September im Skulpturenpark Waldfrieden, Hirschstraße 12 in Wuppertal. Tel. 0202-47 89 81 20

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Sven Drühl – Werke 2001 – 2013 8. September 2013 bis zum 26. Januar 2014 in der Von der Heydt-Kunsthalle im Haus der Jugend Barmen

C.D.F.C.D.F. (Undead), 2007 Öl und Silikon auf Leinwand 300 x 480 cm, Sammlung Philara, Düsseldorf, courtesy WIMMERplus, Prien

rechte Seite F.H. (Neon), 2013, 210 x 160 x 15 cm, (Neon auf Plexiglaskasten) courtesy Alexander Ochs Galleries Berlin/Beijing,

Abb folgende Seite: S.D.N.N.J.M., 2012 Lack auf Leinwand, 180 x 130 cm Sammlung Blumenberg, Köln

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Das künstlerische Werk von Sven Drühl (Jahrgang 1968) wird seit vielen Jahren bestimmt von seiner intensiven Auseinandersetzung mit Landschafts-und Architekturmotiven der Kunstgeschichte und zeitgenössischen Kunst. Drühl zitiert in seinen Gemälden und Neonarbeiten häufig bereits existierende Kunstwerke anderer Künstler wie etwa Caspar David Friedrich, Ferdinand Hodler oder auch von Kollegen seiner Generation z. B. Eberhard Havekost und Wolfgang Tilmanns. Dabei geht es Drühl gleichermaßen um das Benutzen von Vorgefundenem wie auch um die Konstruktion von Neuem, wenn er die gezielt ausgesuchten Versatzstücke und Fragmente arrangiert, kombiniert, sie zusammensetzt, auseinanderreißt, collagiert und dekonstruiert.

Es gelingt Drühl mit seinem konzeptuell-programmatischen Ansatz, allen Vorlagen seinen stilistischen Stempel aufzudrücken. Mit dem ungewöhnlichen Materialmix aus Ölfarbe, Lack und Silikon schafft er eigensinnige Gemälde von hohem Wiedererkennungswert. In Wuppertal werden erstmals Arbeiten aus 12 Jahren gezeigt (2001-2013), so dass die Entwicklung der unterschiedlichen Werkserien und Motivlinien deutlich wird. Von der Heydt-Kunsthalle im Haus der Jugend Barmen von-der-heydt-kunsthalle.de

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S.D.W.T., 2011 (Lack auf Leinwand), 225 x 170 cm, courtesy Alexander Ochs Galleries Berlin/Beijing Felsformationen, die sich mächtig vor unseren Augen auftürmen, Bäume und Baumkronen, zu welchen wir emporblicken obwohl rangezoomt und auf menschliche Größe gebracht, bleiben die Orte, zu denen uns Sven Drühl schickt, immer noch ferne Räume. Sehnsuchtsorte sind das, die Drühl allerdings auf seine Art entzaubert: Er nimmt Versatzstücke aus bekannten Bildern, von berühmten oder auch weniger berühmten Künstlern, und re-interpretiert, abstrahiert, mixt sie mit hypermoderner Materialoberfläche. Eine neue, außerirdische Dimension von Landschaft, ob in Neon oder Silikon, wird uns da vorgestellt. Unnahbar, zwar in Drühls kontrollierter, formvollendeter aber unpersönlicher Gestaltung höchst attraktiv und einnehmend, klar, frisch, aber auch irgendwie kalt. Das, was uns so leicht verständlich erscheint und deshalb zunächst fast magisch anzieht, bleibt beunruhigend anonym und unemotional. Das früheste Werk der Ausstellung heißt: C.D.F. (Bastard) – wer sich hinter diesem Kürzel verbirgt, ist leicht zu entschlüsseln: Caspar David Friedrich bestimmt bis heute

S.D.L.B. III, 2009 (Öl / Lack auf Leinwand), 140 x 100 cm courtesy Alexander Ochs Galleries Berlin/Beijing

unsere Vorstellung von Romantik. Und nicht nur das, er ist der Landschaftsdarsteller schlechthin; er hat uns Flora, Fauna und Gestein, Himmel und Meer in stimmungsvolle Bilder gefasst, hat uns die Augen geöffnet für das, was wir wünschen in und von der realen Natur. Architekturstücke bilden die zweite Motivgruppe, die Drühl in der Von der Heydt-Kunsthalle vorstellt. Der Betrachterblick, mit starker Untersicht, wird auf Details gelenkt und provoziert Assoziationen, die Drühls Bauhaus-Architektur und seine Landschaftsbilder verbinden: edle Einfalt und stille Größe? Doch nüchtern, wie wir sind, empfinden wir heute weniger das Erhabene, fürchten vielmehr den sentimentalen Kitsch. Insofern können wir Sven Drühl dankbar sein, dass er mit seinen Neuformulierungen gern gesehene Bilder befreit vom verschrobenen Pathos, welches die historische Distanz bewirkt, und sie in eine populäre Formensprache überträgt. Herausgelöst aus dem Zusammenhang, herüber gerettet ins Hier und Jetzt, sind die Motive offen für neue Assoziationen.

Wir zeigen auch Arbeiten aus den Serien „Bastard“ und „Undead“ – die Worte im Untertitel einzelner Werke erscheinen wie eine geheime Losung zur subversiven Gruppenbildung. Alles was Drühls Landschaften so attraktiv macht, wird in diesen parallel entstandenen Bildern unterlaufen, durch Entzug der Farbe, Entzug des Volumens. Sie treten als die Gegenbilder zur satten, leuchtenden, manchmal fast glühenden Farbigkeit auf, die man gerne mit dem Künstler verbindet. Monochrom schwarz sind beispielsweise die „Undead“-Bilder, - die unheimlichen, geisterhaften Unkunst-Bilder, die erst zu Leben erweckt werden, wenn das Tageslicht auf sie fällt. Den Gegenpol dazu bilden die Lichtobjekte oder „Neons“, überdimensionale Umrißzeichnungen, deren Linien aus Neonröhren bestehen. Die Werkentwicklung mit der Verflechtung sich gegenseitig kommentierender Serien bleibt spannend. Gerhard Finckh Direktor Von der Heydt-Museum © alle Abbildungen: VG Bild-Kunst 2013

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Sven Drテシhl, E.T.C., 2012 (テ僕, Lack und Silikon auf Leinwand), 210 x 170 cm, Privatsammlung Berlin

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Ich will nichts versuchen, ich will tanzen! Portrait einer Tänzerin: Chrystel Guillebeaud

Foto: Jörg Elsing

Sie erinnert sich genau an den Tag: Sie war gerade vier Jahre alt, als sie im Fernsehen eine Werbung für Bonbons angeschaut hat, die durch Balletttanz „versüßt“ werden sollte. Chrystel, die absolut keine Bonbons mochte, hatte nur noch Augen für die Tänzer und war so fasziniert, dass sie die Mutter am selben Abend inständig bat, doch Ballettunterricht nehmen zu dürfen. Die Ballettmeisterin war der Meinung, das Kind sei noch zu klein und ließ sich nur durch reichliche Tränen dazu erweichen, „es einmal zu versuchen.“ Von diesem Moment an war das Ziel klar. Im Alter von 5-8 Jahren trainierte das Mädchen bereits mit der Partnerin von Serge Lifar, der den Ballets russes angehörte. Mit 9 Jahren begann Chrystel Guillebeaud mit privatem Ballettunterricht bei Lehrern der Opéra de Paris. Die junge Tänzerin hatte immer wieder zu kämpfen wegen nicht bestandener Probezeiten, zu wenig ausgereifter Technik oder

weil sie zu groß war. Ohne sich beirren zu lassen, trainierte sie weiter, zumal sie sich der elterlichen Unterstützung sicher sein durfte. Das Tanzen ist nicht ihre einzige Begabung. Mit 6 Jahren begann Chrystel Guillebeaud Geige zu spielen und erhielt Gesangsunterricht bei einem Ensemblemitglied der Opéra de la Bastille. An der Kunstschule des Musée des Arts Décoratifs lernte die junge Künstlerin modellieren. Noch heute steht in ihrem Wohnzimmer ein riesiger Löwenkopf aus Ton, den sie als Kind gefertigt hat. Trotz ihrer vielfältigen künstlerischen Begabungen wusste sie sich im Tanz zentriert, ihr war klar, dass Tanz ihre Sprache war. Zielstrebig arbeitete sie weiter und belegte zusätzlich Seminare und Workshops für modernen Tanz, zeitgenössischen Tanz und für Improvisation, denn diese Disziplinen entsprachen ganz besonders ihren persönlichen Neigungen. 1988, als Chrystel Guillebeaud 17 Jahre alt war, tanzte sie Maurice Béjart

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am Théâtre des Champs Elysées vor und erhielt für „Le Sacre du Printemps“ ihr erstes Engagement. „Es waren goldene Jahre für Maurice Béjart, er wurde in Paris wie ein Gott gefeiert. Die Aufführungen, an denen ich teilgenommen habe, fanden im Palais des Congrès statt; das Training war sehr streng, Männer und Frauen arbeiteten getrennt.“ Das erste Engagement nach dem Abitur bekam die Tänzerin für ein Jahr von Michael Denard im Europa Ballett. Wie Lifar war Michael Denard als erster Solist des Ballet de l’Opéra „Etoile de Paris“. 1991 folgte das zweite Engagement für „Le Sacre du Printemps“ unter Maryse Delente in Lyon mit nur 6 Tänzerinnen und einer männlichen Marionette, von der am Ende die Frauen optisch verschlungen wurden. Das war expressionistischer Ausdruckstanz! Die Komposition des Stückes, der Mythos und die Opferrituale haben Chrystel Guillebeaud so gefesselt, dass sie in der Bibliothèque de l’Opéra die Originalpartitur von Strawinsky eingesehen hat, weil sie sehen wollte, wie dieser solch eine Musik überhaupt notiert hat. Das Stück sollte sie nicht loslassen. In den 1990er Jahren befasste sich Chrystel Guillebeaud intensiv mit der neuesten literarisch-philosophischen Literatur über das Ballett, die auch den Tanzstil der Zeit erheblich beeinflusst hat. Der Tanz wurde philosophisch, expressionistischer Ausdruckstanz war nicht erwünscht. „Die französische Auffassung vom Tanz erschien mir damals sehr kalt und abstrakt. Nicht viel Blut und nicht viel Schweiß, nicht mit großen Gefühlen, sondern intellektuell-analytisch und sehr formal. Ich war nicht selbstbewusst genug und habe versucht, mich wie ein Chamäleon an diesen Stil anzupassen, um ein Engagement zu erhalten. Mir liegt der freie Ausdruckstanz mit der Möglichkeit zu schauspielern und Gefühle zu zeigen wesentlich besser. Ich hatte immer Sehnsucht zu tanzen und wurde nicht genommen – es war schmerzhaft, nicht in einer Compagnie sein zu dürfen und mit jemandem in enger Zusammenarbeit kreative Visionen entwickeln zu können.“ Es folgte ein halbjähriges Engagement nach Italien, womit jedoch die Ansprüche

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auf Überbrückungsgeld verloren waren, das in Frankreich Künstlern für Zeiten der Arbeitslosigkeit gezahlt wird. „Ich war so verzweifelt, dass ich auf der Straße getanzt habe, im Winter, auf der Place de Trocadéro vor dem Eiffelturm. Der Hut flog weg, die Musikanlage war zu schwach, ich hatte Angst, und mir war, als liefen die Leute vor mir weg. Die professionellen Straßenkünstler waren im Gegensatz zu mir bestens organisiert, einer reparierte mir sogar die Musikanlage! Schließlich folgte ein Engagement für die Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Albertville mit 250 Tänzern. Die Arbeit mit Philippe Decouflé während dieser an-

Foto: Z. H. Lin „Reflex“

derthalb Jahre war für mich eine wichtige Erfahrung.“ In Paris hatte Chystel Guillebeaud einige Vorstellungen von Pina Bausch erlebt und sogar im Théâtre de la Ville mit dem Ensemble trainieren dürfen. Sie war fasziniert von der besonderen Atmosphäre und den Persönlichkeiten der Tänzer. 1995 erhielt Chrystel Guillebeaud ein Engagement beim Tanztheater Pina Bausch in Wuppertal. Das erste Stück für sie war „Le Sacre du Printemps“ – die dritte Choreografie des Stückes. Der Anfang war hart. Sie hatte Angst vor Demütigung und Versagen und war tief beeindruckt von Tänzerpersönlichkeiten wie Nazareth Panadero oder


Dominique Mercy. „Plötzlich steht man dann auf der Bühne neben diesen Tänzern, die man als Zuschauer immer bewundert hat. Ich brauchte Zeit, um zu merken, wie liebenswert und loyal die Gruppe war. Zum ersten Mal hatte ich die Chance, reichlich Bühnenerfahrung zu sammeln, denn an gängigen Theatern sind Ballettabende eher selten. Mit dem Tanztheater Pina Bausch sind wir häufig aufgetreten. Dann wird plötzlich die Vorstellung ein Teil von einem selbst, ein Teil des eigenen Lebens, man fühlt sich wohl in der Compagnie und mit Pina.“ Schon immer hat die universelle Sprache des Tanzes dem Austausch von

Fotos: Z. H. Lin „Reflex“

Kulturen gedient. In dieser Tradition kam 1909 Sergei Diaghilev mit seinen „Ballets russes“ nach Paris, um russische Kunst im westlichen Teil von Europa bekannt zu machen. Mit der legendären Uraufführung des „Le Sacre du Printemps“ von Igor Strawinsky hat er vor genau 100 Jahren Ballettgeschichte geschrieben: Diaghilev trat mit seinem Ausdruckstanz dem klassischen Ballett gegenüber und revolutionierte den Tanz nicht nur in Europa, sondern auch in Amerika. Auch Pina Bausch hat sich mit ihrem Tanztheater der Tradition des kulturellen Austausches verschrieben. 1998, während des ersten internationalen Tanzfestivals von Pina Bausch,

lernte Chrystel Guillebeaud den Tänzer Chun-Hsien Wu aus Taiwan kennen, der am Cloud Gate Dance Theater unter der Leitung von Liu Hwai-Min arbeitete. Nach der Heirat löste sich Chrystel Guillebaud vom festen Engagement am Tanztheater und begann frei zu arbeiten. Mit ihrem Mann gründete sie die „Compagnie double C“. Gemeinsam erarbeiten sie seither jedes Jahr ein Projekt für Wuppertal und eines für Taiwan und pflegen damit die Tradition des kulturellen Austausches. Dafür erhielt das Paar 2005 den Eduard von der HeydtFörderpreis. In der Begründung der Stadt Wuppertal heißt es: „Beide Künstler bringen neben ihren Erfahrungen aus verschiedenen Welten ihre eigene Wahrnehmung dieser Welt (...) in ihre Arbeiten ein. Unbeirrt von anderen künstlerischen Einflüssen zeigen sie in ihren Choreographien eine sehr authentische Handschrift und zugleich neue Möglichkeiten für den Tanz auf. Mir ihren kreativen und sensiblen Bildern berühren sie und wirken längst über die Region des Bergischen Landes hinaus.“ (G. Westerholz) Nach der Geburt des Sohnes gastiert Chrystel Guillebeaud weiterhin im Tanztheater und konzentriert sich auf das, was ihr besonders liegt: die tänzerische Improvisation. „Nach so vielen Jahren wird der Tanz zu einer Art persönlicher Sprache oder Schrift, er ist eine Quelle des Ausdrucks. Tanz ist eine ephemere Kunst, die keine Spuren hinterlässt. Die Improvisation ist besonders zerbrechlich, sie fordert mich heraus, weil sie unwiederholbar ist. Sie bietet den wunderbaren Augenblick der vollkommenen Ehrlichkeit und Präsenz, denn ich kann mich hinter keiner Maske, hinter keiner Choreografie verstecken. Die besten Improvisationen entwickeln sich zwischen Menschen, die schon seit vielen Jahren zusammenarbeiten. Man trifft nicht einfach aufeinander und macht etwas Tolles. Bei der Improvisation stoße ich immer wieder an bestimmte Grenzen. Man ist immer von neuem damit konfrontiert, sich von bestimmten Mustern zu befreien. Der Körper hat eigene physische Präferenzen, er will sich in diese oder jene Richtung bewegen, ähnlich wie die Emotionen. Man muss immer versuchen, sich in die Gefahr zu bringen, etwas ganz Neues zu finden. Wenn ich eine Soloimprovisation vorbereite, arbeite ich intensiv daran, diese vorgegebenen Muster im Gehirn zu reinigen.“

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Foto: J. D. Woo

Foto: Chun-Hsien Wu Das Thema einer Improvisation muss nichts Musikalisches sein, für die Tänzerin ist es besonders inspirierend, in der Stille zu arbeiten, zum Beispiel zu einem Wort. „Wörter sind wie kleine offene Schubfächer, sie haben eine Kultur, eine bestimmte Qualität oder eine Geschichte. Sie sind Bilder oder Symbole mit zahlreichen Facetten, mit denen ich unbegrenzte Verknüpfungen und Vorstellungen zum Ausdruck bringen kann.“ Tänzer wissen, dass sie ihren Beruf in aller Regel nicht sehr lange ausüben können. So hat sich Chrystel Guillebeaud seit einigen Jahren etwas Neues aufgebaut: Sie ist ausgebildete Therapeutin für OrthoBionomy. Diese Behandlung setzt auf die selbstregulierenden Kräfte des Körpers. Ortho-Bionomy heißt sinngemäß „den Regeln des Lebens folgen“ und versteht Gesundheit als Prozess, nicht als Zustand. Da

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Foto: Chrystel Guillebeaud „D“ Tänzer ein besonders gutes Körpergefühl haben, wissen sie sehr genau um dessen Möglichkeiten und Grenzen. Chrystel Guillebeaud erlebt in dieser Therapie Voraussetzungen und Erfahrungen, die denen der Improvisation mit Musikern vergleichbar sind: Sie weiß um den Moment, da der Körper mit sich im Einklang ist, und erfühlt und begleitet den Weg des anderen dahin. Das erlebt sie als faszinierend, denn „Der Körper ist wie ein Werkzeug mit eigener Intelligenz. Es ist schon etwas da, etwas ist in Gang, ich muss mich einfühlen und die Impulse umleiten. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft treffen sich gleichsam in einem Augenblick. Anders als bei einem Bühnenauftritt, bei dem der Erfolg von Außen ablesbar ist, geht die Ortho-Bionomy nach Innen.“ Auf diese Weise kann die Tänzerin die ihr eigenen Erfahrungen im Umgang mit dem Körper

und dem Reflektieren auf ein anderes in der Improvisation therapeutisch einbringen und Menschen helfen, Schmerzen oder Verspannungen zu lösen. Dieses Gespräch führten wir zwischen zwei Gastspielen des Tanztheaters Pina Bausch mit „Le Sacre du Printemps“ in Taipeh und Moskau im Frühjahr und in Göteborg und Paris im Théâtre des Champs Elysées im Sommer. Für Chrystel Guillebeaud ist das insofern ein ganz besonderer Ort, als sie dort vor 25 Jahren Maurice Béjart für „Le Sacre du Printemps“ vorgetanzt hat und ihr erstes Engagement erhielt. Nun kehrt sie aus Anlass des 100jährigen Geburtstages dieses Stückes dorthin zurück mit dem Tanztheater Pina Bausch, dem sie nach wie vor als Gasttänzerin verbunden ist. Marlene Baum


Meisterwerke der Moderne Die Sammlung Haubrich im Museum Ludwig noch bis zum 31. August

August Macke Dame in grüner Jacke, 1913 Öl auf Leinwand, 44 x 43,5 cm Museum Ludwig, Köln

Es erschien den Kölnern wie eine Botschaft aus einer besseren Welt, als Josef Haubrich 1946 seine Schätze der Stadt übergab. Diese Kunst hatte man schon verloren geglaubt. Nun zog sie in einer triumphalen Wanderausstellung durch Deutschland und Europa. Heute ist die Sammlung im Museum Ludwig untergebracht. Sie gilt als eine der besten des Expressionismus in Europa, berücksichtigt aber auch Neue Sachlichkeit und andere Tendenzen der Klassischen Moderne.

Rechtsanwalt Haubrich (1889–1961) war eine typische Kölner Persönlichkeit, gesellig und großzügig. Und er besaß etwas, das nicht alle Kölner im Dritten Reich besessen haben: Mut. Die Sammlung spiegelt seine Persönlichkeit, seine Lust am Leben und am Neuen. Bereits während des Ersten Weltkriegs begann er damit, Werke zeitgenössischer vorwiegend deutscher Künstler zusammenzutragen, darunter solche Glanzstücke wie das Porträt des Doktor Hans Koch von Otto

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Dix, das erste moderne Gemälde überhaupt in der Sammlung oder die Schwärmer von Emil Nolde sowie der berühmte Halbakt mit Hut von Ernst Ludwig Kirchner, der bereits 1925 auf der Biennale von Venedig ausgestellt wurde und bis heute beispielhaft für die Sammlung steht. Darüberhinaus zählen Werke von Marc Chagall, Karl Hofer, Heinrich Hoerle, Wilhelm Lehmbruck oder Paula Modersohn-Becker zu den Meisterwerken der Sammlung. Aquarelle bilden den Grundstock, Gemälde die Substanz, Skulpturen befinden sich, damit verglichen, in der Minderzahl. Die Grenze hin zum ganz Abstrakten überschritt Haubrich nur ungern, den Konstruktivismus und den Blauen Reiter mied er ebenso wie Dada oder Novembergruppe. Erst nach 1946, als die Sammlung in Abstimmung mit dem damaligen Direktor des WallrafRicharz-Museum Dr. Leopold Reidemeister weiter wuchs, wurden Werke des Blauen Reiter, Bauhaus oder Kubismus einbezogen. Die Sammlung ist endlich wieder in ihrem Zusammenhang zu bestaunen. In der Vorbereitung der Ausstellung und des Katalogs wurden drei bemalte Gemälde-Rückseiten wiederentdeckt, von denen zwei, Ernst-Ludwig Kirchners Fränzi in Wiesen und Alexej von Jawlenskys Variation, noch nie ausgestellt worden sind. Die Neupräsentation wird diese Doppelbilder besonders herausstellen. (Abbildungen gegenüberliegende Seite) Ein umfangreicher Katalog – seit 1959 die erste Publikation zu den Gemälden und Skulpturen der Sammlung Haubrich - fasst die besten Werke aus Haubrichs Beständen mit neu angefertigten Fotografien und profunden Textdarstellungen zusammen und liefert sorgfältig eruierte Informationen über die Sammlungsgenese und dem neusten Stand der Provenienzrecherche. Mit Hilfe einer eigens geschaffenen Stelle für Provenienzforschung konnte so der oft verzweigte Weg von über 140 Werken in die Sammlung Haubrich im Museum Ludwig aufgezeigt werden. Eine Verbeugung vor einem Mann, dem die Kunststadt Köln viel verdankt. oben: Ernst Ludwig Kirchner Weiblicher Halbakt mit Hut, 1911, Öl auf Leinwand, 76 x 70 cm unten: Rückseite von „Weiblicher Halbakt mit Hut“: Fränzi in Wiesen, 1910 Museum Ludwig, Köln

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Ausstellungsansicht mit Präsentation der Vorder- und Rückseite von Max Pechsteins „Das grüne Sofa“ (oben) und Alexej von Jawlensky „Variation“ (unten). Ausstellungsarchitektur: Eran Schaerf, Foto: Rheinisches Bildarchiv, © VG Bild-Kunst Bonn

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Das Leben sei ein Fest… „Das Leben sei ein Fest, nach vorne blickend, in Liebe und in Achtung“ Saadet Türköz - Ein Portrait Einen Monat hat die Vokalistin und Improvisationsmusikerin Saadet Türköz als Artist in Residence auf Einladung der Peter Kowald Gesellschaft in Wuppertal an historischem ORT verbracht. In der Luisenstraße 116, dem einstigen Metazentrum von Peter Kowalds Global Village, traf die in der Schweiz lebende Sängerin mit kasachisch-türkischen Wurzeln auf Jazz- und Improvisationsmusiker der lokalen und internationalen Szene.

Vortrag der Geschichte vom Soldaten rechte Seite: Konzert im Skulpturenpark Waldfrieden

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Samstag, 8. Juni 2013. Ein frühsommerlicher Abend. Spätes Licht bricht flirrend durch die Bäume des Skulpturenparks Waldfrieden und taucht die Ausstellungshalle des gläsernen Kubus in warmes Licht. Das GobiQuartett, bestehend aus Saadet Türköz, der Wuppertaler Bratschistin Gunda Gottschalk, dem belgischen Bassisten Peter Jacquemyn sowie der mongolischen Sängerin Badamkhorol Samdandamba, entführt seine Zuhörer in eine andere Welt, nimmt sie mit auf eine musikalische Reise, die sie weit in den Osten, in die Türkei, in die Mongolei und nach Ostturkestan entführt. Oder auch in eine ganz andere Welt, an einen Ort, den es nur in uns selbst gibt, und den jeder Zuhörer während des Konzertes in sich selbst neu erschaffen muss. „Die Musik und die Gesänge meiner Vorfahren“, sagt Saadet „stehen in einer sehr engen Beziehung zur Natur. Darin sind die unendliche Weite des Himmels und der Erde, der Flug der Adler, der Hufschlag der Pferde, die über die Steppen jagen.“ Während Badamkhorols Stimme sich glasklar und hell in die höchsten Höhen schwingt und von dort über den Klangkörper niederperlt, wohnt in der Stimme

Saadets eine tiefe innere Ruhe und Stärke, „eine beschwörende ursprüngliche Kraft und anrührende Fremdheit“, wie einmal ein Rezensent des Fachmagazins Jazz Thing schrieb, „eine Stimme, die dem fremden Idiom mehr Ausdruckskraft verleiht als andere es in ganzen Kompositionen vermögen“, wie die Frankfurter Rundschau urteilte. Aus welchen Regionen kommen Kraft und Stärke dieser Stimme? Man beobachte Saadet Türköz nur auf der Bühne, wie ernsthaft und hochkonzentriert sie sich in den Strom der Musik stellt, den Klängen der Mitmusiker lauscht, ihre Musik gleichsam durch sich hindurch strömen lässt, dabei auf sich selbst achtend, ihre Haltung und innere Stimmung suchend und findend, um dann selbst mit ihrer Stimme in den Fluss der Musik einzutauchen. „Es ist eine Art Transformation“, sagt Saadet. „So wie meine Vorfahren alle Poren öffnen mussten, um die Natur, aber auch ihre eigenen Stimmungen, ihr Glück, ihre Trauer, ihre Schmerzen, in sich eindringen zu lassen und diese Erfahrungen dann in Klänge, Töne, Musik zu verwandeln, so öffne ich mich für das, was die anderen Musiker tun“. So wird verständlich, wie die musikali-


schen Wurzeln der Heimat ihrer Großeltern, die aus Ostturkestan stammen, sie zum Jazz und zur Freien Improvisierten Musik führen konnten. Die Kraft ihrer Stimme, ihre Wandelbarkeit, ihre Improvisationsfreudigkeit, die Fähigkeit zur sekundenschnellen Reaktion auf das musikalische Geschehen, sie wurzeln in einer tiefen inneren Haltung. Vor manchen Stücken stimmt sie sich ein in solch eine Haltung, einem Mantra ähnlich rezitiert sie Verse, Versatzstücke von Träumen, Einfällen, die sie notiert, wenn die Inspiration sie heimholt: „Das Leben sei ein Fest, nach vorne blickend - nur einen Moment nachdenkend - in Liebe und in Achtung“. Ein Satz, der auch die Überschrift über ihrem Leben sein könnte. Obwohl sie schon mit den ganz Großen ihres Metiers, der Freien Improvisierten Musik, in unterschiedlichen Formationen und Projekten zusammen gearbeitet hat mit Joëlle Léandre etwa, Elliott Sharp, Nils Wogram, Günter „Baby“ Sommer, Peter Kowald (die Reihe ließe sich lange fortsetzen) legt sie doch großen Wert auf die Feststellung, „dass ich niemals ein Idol, ein Vorbild hatte. Ich bin ein freier Geist. Durch andere

Musiker habe ich Impulse erhalten, aber mir war immer bewusst, dass ich meinen eigenen Weg gehen musste.“ Vielleicht ist das der Schlüsselsatz zum Verständnis dieser Musikerin. Und vielleicht kann man diesen Satz erst richtig würdigen, wenn man ihn im Licht ihrer Lebensgeschichte sieht. Obwohl es so scheinen könnte, als ob ein gütiges und kluges Schicksal ihr Leben auf schöne Bahnen gelenkt habe, hat Saadet an den Wendepunkten ihres Lebens die entscheidenden Impulse selbst gesetzt in großer innerer Freiheit und mit einem untrüglichen Gespür für das, was für sie richtig ist. So wurde sie Sängerin und Botschafterin einer uralten Kultur, deren Weisheit und Weltwissen sie in die Kunst der freien improvisierten Musik übersetzt. Doch der Reihe nach: Saadet Türköz kommt 1961 in Istanbul, genauer im Stadtteil Zeytinburnu, zur Welt. „Zeytinburnu, das heißt übersetzt: ‚Nase der Olive‘. Dort, wo ich aufwuchs, standen einst nur Olivenbäume.“ Aber als in den 1940er Jahren eine Flüchtlingswelle Menschen in die Türkei spülte, verschwanden die Bäume. „Ein Stadtteil wurde ‘gecekondu‘– in einer Nacht

gebaut –, so schnell und leicht wie ein Vogel sich sein Nest baut.“ In diesem Istanbuler Stadtteil Zeytinburnu wird Saadet eine glückliche Kindheit und Jugend verbringen. Der eigentliche, der innere Ursprung ihres Lebens, beginnt aber nicht mit ihrer Geburt in Istanbul, sondern liegt in der Heimat ihrer Großeltern, die einst als Nomaden in den Steppen Ostturkestans, dem Westen des heutigen Chinas, lebten. „Als Nomaden liebten meine Großeltern die Freiheit über alles, aber der chinesische Staat setzte unter der kommunistischen Herrschaft Mao Tse-tungs die vorrevolutionäre Assimilationspolitik Chiang Kai Sheks mit großer Härte fort. So entschlossen sich meine Großeltern ihre Heimat zu verlassen.“ Wo das „gelobte Land“ lag, ahnten sie wohl nicht, als sie sich mit ihren Jurten, Pferden und Kamelen auf einen 15 Jahre weiten Weg begaben. Über Indien und Pakistan kamen sie in die Türkei, zunächst nach Anatolien. 1953 endete der Exodus schließlich in der „Nase der Olive“, jenem „in einer Nacht“ erbauten Stadtteil, in dem nun Kasachen, türkischstämmige Flüchtlinge aus Griechenland, Bulgarien und Rumänien und eben auch die Familie Türköz

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eine neue Heimat fanden. Über das Leben in Zeytinburnu erzählt Saadet liebevoll: „Die Häuser waren einfach, aus Beton gebaut, aber alle hatten einen kleinen Garten, es gab einen Brunnen, wo wir das Wasser holten. Es war, obwohl wir in dieser Metropole lebten, ein Leben wie im Dorf. Meine Großeltern und Eltern sangen mit den anderen Auswanderern unsere alten Lieder.“ So konnten die Einwanderer inmitten dieser Millionenstadt ihre Kultur bewahren, die sie aus der Weite der Steppen Ostturkestans und der Tiefe der Vergangenheit mitgebracht hatten. „Es war eine hermetische Welt“, erinnert sich Saadet, „dennoch glaube ich, dass die Weite und die Offenheit der Landschaft unserer ursprünglichen Heimat, es uns ermöglichte, uns an die neue Situation anzupassen. Meine Eltern hatten in Pakistan gelernt zu nähen, und dieses Handwerk übten sie nun auch in Istanbul aus. Wir hatten einen Laden im großen Basar, mitten im Herzen der Altstadt Istanbuls. Touristen kamen und kauften, was meine Eltern und wir Kinder mit unseren Händen gemacht hatten.“ Diese Rucksacktouristen, häufig Hippies und Aussteiger, die in den späten 1960er Jahren nach Istanbul kamen, machten dort einen Zwischenstopp auf ihrem spirituellen Trip, der sie über die Seidenstraße weiter nach Afghanistan und Indien bringen

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sollte. „Für mich waren das die ersten Begegnungen mit westlichen Menschen, Menschen, die nicht nur aus Europa kamen, sondern auch aus den USA, Neuseeland und Australien. Diese Erfahrungen haben in mir eine Sehnsucht nach dem Exotischen ausgelöst. Das Fernweh dieser Reisenden hat mich angesteckt.“ Acht Jahre besucht Saadet die Volksschule. Lieber aber geht sie in die Koranschule; dort lernt sie die arabischen Buchstaben und den Koran zu rezitieren. Was sie hört und selbst vorliest, kann sie nicht verstehen. Denn Arabisch wird dort nicht gelehrt. „Dennoch oder besser gerade deswegen war ich so fasziniert: Eben weil ich die Worte nicht verstand, konnte ich mich umso mehr auf den Rhythmus und den Klang des Sprechgesangs, seine Schönheit und innere Würde, konzentrieren. Sicherlich sind diese Stunden in der Koranschule auch eine Quelle der Inspiration für meine Musik.“ Eine Weile kann sich Saadet sogar vorstellen, geistliche Lehrerin zu werden. Daher mag es kein Zufall sein, dass viele Zuhörer Saadets Musik als spirituell empfinden, manche Kritiker setzen ihre Gesänge in Beziehung zum Schamanismus. Und tatsächlich geht etwas Heilsames aus ihren Gesängen hervor. Dennoch würde eine Reduktion auf

rein spirituelle und schamanistische Quellen ihrer Gesangskunst nicht gerecht werden. Gerade durch die Offenheit im Zusammenspiel mit Musikern, die vom Jazz und der Freien Improvisierten Musik her kommen, kann sie die Quellen, auf die sie zurückgreift, transformieren und transzendieren in reine Musik. Durch den Raum der Improvisation und durch die Kommunikation mit anderen Musikern und Musikstilen, entsteht etwas ganz Neues, Spontanes: eine Musik, in der Saadets kulturelle Wurzeln, die Klangwelt ihrer Großeltern, noch hörbar enthalten sind, die sich aber doch wandelt und weiterentwickelt. „Ich bin davon überzeugt“, sagt Saadet, „dass die Improvisation schon Teil unserer Kultur war, das Nomadenleben selbst ist ja Improvisation und in ihren Gesängen haben auch meine Vorfahren frei davon gesungen, was sie empfanden, zum Beispiel, wenn ein geliebter Mensch stirbt oder die Tochter das Haus endgültig verlässt, um bei ihrem Mann zu leben. Oder wenn wir unsere Heimat verlassen mussten. Den Schmerz dieser Abschiede drückten sie in ihren Worten und einfachen Gesängen aus. “ Doch Saadet hat nicht nur offene Ohren für die Schönheit der Koran-Rezitationen und die Lieder ihres Volkes. „Als Teenager war ich ein richtiges Wunschkonzert-Kind. Nur


einmal in der Woche wurde diese Sendung im türkischen Radio ausgestrahlt. Darauf habe ich mich immer gefreut und so habe ich mich in die Klassische Musik verliebt.“ Im Istanbul der 1970er Jahren gerät Saadet aber auch in den Mainstream der US-amerikanischen und englischen Pop-Musik, die auf den Plattenspielern während der Hochzeiten und Geburtsfeste gespielt wird. Und sie hört sich ein in ganz andere, neue Musikwelten; sie ist fasziniert von Janis Joplin und Pink Floyd, Black Music, wie viele Teenager in der sich schon damals globalisierenden Welt. „Besonders den Blues habe ich geliebt bis heute, weil er auf eine so einfache Weise unmittelbar die Gefühle zum Ausdruck bringt.“ Vielleicht ist es das Nomaden-Gen ihrer Großeltern, die Lust etwas Neues zu entdecken, das sie ausbrechen lässt aus ihrer vertrauten Umgebung. Sie will die Welt kennen lernen. 1980 – sie ist gerade 20 Jahre alt geworden – geht sie in die Schweiz. Dieses Land ist für sie ebenso exotisch wie sie für die Schweizer. Denn die junge Frau mit hohen Wangenknochen und Mandelaugen passt nicht ins Klischeebild der Türkin, als die sie der Pass doch auszeichnet. Dass sie einmal Vokalistin und Improvisationsmusikerin werden wird, ahnt sie damals noch nicht. Zunächst geht es darum, Fuß

zu fassen in der neuen Heimat. Sie landet zunächst in Romanshorn am Bodensee und arbeitet dort als Haushälterin in einem Altenheim. Und dann geschieht etwas, das man Schicksal oder Zufall nennen könnte, aber es ist, wie Max Frisch es einmal sagte, „stets das Fällige, was einem zufällt“: Das „Fällige“ geschieht in dem Altenheim, in dem Saadet lebt; dort lernt sie eine Marian kennen, eine junge Frau, die hier in ihren Ferien arbeitet. Marian lädt Saadet in ihre Familie nach St. Gallen ein. Dort entwickelt sich eine Freundschaft mit Marians Schwester Muda Mathis, der Künstlerin. „Ich habe sofort gespürt“, erzählt Saadet, „dass das meine Welt ist. Ich habe mich sehr wohl gefühlt in diesem künstlerischen Umfeld. Der alternative, bohèmehafte Lebensstil hat mir sehr gefallen.“ Sie ist offen und neugierig auf neue Erfahrungen und so erhält sie schnell und unkompliziert Zutritt zur Schweizer Kulturszene. Muda Mathis und die Videokünstlerin Pippilotti Rist, die die Schweiz zweimal auf der Biennale in Venedig vertritt, laden Saadet ein, mit ihnen in Performances und Videoprojekten zusammenzuarbeiten. Erfahrungen, die sie später veranlassen werden, sich als Musikerin an genreübergreifenden Projekten zu beteiligen. So macht sie Live-Musik zu Stummfilmen und wirkt als Vokalistin bei Film-,

Theater- und Tanztheaterproduktionen mit. In St. Gallen beginnt sie eine Ausbildung als Psychiatrieschwester. Aber sie ist immer noch auf der Suche nach ihrer Bestimmung. Sie absolviert eine Ausbildung als ShiatsuTherapeutin, praktiziert diese Berührungskunst, studiert fünf Semester Journalistik, wird aber in diesem Beruf nicht arbeiten, weil nicht das geschriebene, sondern – wie sich herausstellen wird – das gesungene Wort ihre Art ist, sich auszudrücken und die Seele zu berühren. Ihre künstlerische Bestimmung findet sie, als sie einer inneren Eingebung folgend Gesangsunterricht nimmt und ihr stimmliches Talent entdeckt. Sofort wird man auf sie aufmerksam. Man fragt sie, ob sie bei einem Fest als Sängerin auftreten will. Sie will und die begeisterte Reaktion des Publikums zeigt ihr, „dass ich einen neuen Weg für mich gefunden haben könnte.“ 1992 siedelt sie dann nach Zürich über, wo sie in einem Mädchenhaus junge Frauen betreut. Zu dieser Zeit entdeckt Saadet die Zürcher Jazz- und Free-Jazzszene, sie hört Irene Schweizer, Pierre Favre und das Trio Koch-Schütz-Studer. „Mir wurde bewusst, dass der traditionelle US-amerikanische Jazz durch die Improvisierte Musik eine ungeheure Erweiterung und Befreiung erfahren hat. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass mein Wunsch Musikerin zu sein, einen Platz gefunden hatte.“ So studiert sie bei dem Bassisten Peter K. Frei Improvisierte Musik und gibt in der Werkstatt für Improvisierte Musik (WIM-Zürich) Konzerte. „Es war der Beginn einer“, wie sie sagt, „unendlichen Reise, die meine Berufung werden sollte.“ Peter Kowald kannte sie durch seine Musikproduktionen und auch aus dem Fernsehen. Eine ihrer Konzertreisen führte Saadet 2002 nach Paris, wo sich zu diesem Zeitpunkt auch Peter Kowald aufhält, der ihr Konzert besucht und sie danach anspricht. „Peter hatte so einen unglaublichen weiten, offenen Sinn. Als Mensch und als Musiker“, erinnert sich Saadet und es ist in ihrer Stimme und ihrer Körperhaltung deutlich spürbar, wie tief sie diese Begegnung berührt hat: „Noch im gleichen Jahr besucht Saadet Peter Kowald in München bei einem Konzert. „So wurde uns beiden klar, dass wir zusammen spielen würden.“ Kowald lud Saadet dann zu einem Konzert in die türkische Kulturkneipe Auftritt und Begegnung im ort, Luisenstraße

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Abschlusskonzert im ort ADA ein, um dort mit ihr im Duo zu spielen: „Das war am 7. Juli 2002. So etwas vergisst man nicht. Noch im August habe ich ihn dann zu einem Konzert zur Expo Schweiz eingeladen. Das war sein letztes Konzert in Europa. Danach ging er in die USA, wo er drei Wochen später in New York gestorben ist. Hier im ORT, in der Luisenstraße 116, ist sein Geist, seine Anwesenheit für mich immer noch spürbar. Ich fühle, dass Peter jetzt im Frieden mit sich selbst sein muss, der ORT, an dem er gelebt hat, ‚atmet’. Ich kann in diesen Räumen sein. Es ist schön, ihm auf diese lose Weise verbunden zu sein.“ Uns so schließt sich in diesen Juli-Tagen für Saadet mit ihrem Aufenthalt als Artist in Residence in Peter Kowalds ORT ein Kreis. Denn hier arbeitete sie zusammen mit Musikerinnen und Musikern, die in Peter Kowalds ORT-Ensemble zur Improvisationsmusik gekommen sind, oder im Trio „Cush“ mit dem Schlagzeuger Paul Lovens und dem Pianisten Uwe Oberg, die langjährige Mitbewohner waren in Peter Kowalds globalem Dorf. Doch zugleich öffnet sich mit ihrer Wuppertaler Zeit in diesem Juni auch etwas Neues. Denn im Bild des Kreises wird eine Linie beschrieben, eine Vergangenheit, die sich mit der Gegenwart zusammenschließt, aber um diese Linie herum ist ein offener Raum, die Zukunft, in die hinein wir permanent leben. „Ich will, nachdem ich hier in Wuppertal mit Studenten der Musikhochschule Ausflüge in die Klassische Musik gemacht habe, diesen Weg konsequent weiter gehen und diese Möglichkeiten weiter ausloten.“ Wie lohnend und vielversprechend dieser Weg sein kann, zeigte sich im Abschlusskonzert ihrer Zeit als Artist in Residence, bei dem Igor Strawinskys Musiktheater-Werk „Die

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Geschichte vom Soldaten“ mit dem SchönbergEnsemble der Musikhochschule unter Leitung von Professor Werner Dickel aufgeführt wurde. In Abkehr von der neuromantischen Musik schuf Strawinsky eine neue Musiksprache, die durch strukturelle Strenge der Komposition und durch einen asketischen Klang bestimmt ist. Während das Werk durch das Ensemble der Musikhochschule werkgetreu aufgeführt wurde, setzte Saadet mit ihrem Sprechgesang und ihrer Gesangskunst neue Akzente, brach an einigen Punkten die Ästhetik des Kargen und Ironischen auf, und verlieh dem etwas mehr als 100 Jahre alten Werk überraschende neue musikalische Aromen. Das in diesem Kontext exotisch anmutende Klangbild von Saadets Stimme fügte sich überraschend gut in die surreale, märchen- und legendenhafte Geschichte des Soldaten, der dem Teufel seine Seele verkauft. Etwa wenn sie das triumphale Gelächter des Teufels in Szene setzte und dabei das Diabolische der Figur modulierte. Mit Saadet hielt plötzlich großes Gefühl Einzug in die bewusst unterkühlte Musiksprache Strawinskys. Saadet Türköz wird die Zeit in Wuppertal als einen Impuls aufnehmen, Grenzen zu anderen Musiksprachen überschreiten. Sie sagt: „Die Musik wie das Leben sind Zeitkünste. Das Leben geht weiter, ohne dass es von der Vergangenheit erdrückt wird. Und im Leben wie auch in der improvisierten Musik geschehen immerzu Neuanfänge, die wir weiter entwickeln. Und diese Erfahrungen geben mir den Mut, meinen Weg weiter zu gehen. Inschallah.“ Heiner Bontrup Fotos: Karl-Heinz Krauskopf

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Zwei Stunden mit Camus… …die wie im Flug vergangen sind Was war das doch für ein schöner Abend! Auf dem Weg Richtung Süden wirken die Eindrücke der „Camus-Revue“ noch lange nach. Wie es aus Sicht der Zuschauer im mit 600 Menschen voll besetzten Sendesaal aussah oder sich am Radio anhörte, kann ich natürlich nicht sagen. Aber als Beteiligte hat es jedenfalls großen Spaß gemacht. Es gab interessante und schöne Begegnungen in der Runde und hinter der Bühne, viele Freundlichkeiten, ein paar Eitelkeiten, Beeindruckendes, Anregendes und Überraschendes. Dass ich mich unversehens in der Rolle von Camus in eine Diskussion mit Sartre verwickelt sehen würde, hatte ich mir zum Beispiel vorher ganz gewiß nicht vorgestellt. Hut ab vor der Spontaneität und dem Mut des Moderators! Hätte ja auch schief gehen können. Jürgen Wiebicke aber steuerte alle Beteiligten souverän durch diese zwei Stunden, die wirklich im Fluge vergangen sind. Dabei hätte ich vor allem den wunderbaren Stimmen von

Christian Brückner und Martin Reinke noch viel, viel länger zuhören können. Für mich ist es immer wieder verblüffend, wie neu und anders man bestens vertraute Texte hört, wenn so hervorragende Schauspieler ihnen einen Körper und eine Stimme verleihen. Viele verschiedene Seiten des Werks und des Menschen Albert Camus sind zur Sprache gekommen – und an so ziemlich allen Stellen hätte es noch so viel mehr zu sagen, einzuhaken, zu vertiefen gegeben… Klar, dass in so einem Rahmen dafür kein Platz ist. Aber vielleicht (ich glaube sogar: ganz bestimmt) hat es den einen oder die andere der Zuhörer dazu bewegt, sich demnächst (wieder) einmal mehr mit Camus zu beschäftigen. Eine kleine Überraschung für alle gab es zu Beginn des Abends, als Jürgen Wiebicke eine Grußbotschaft von Catherine Camus vorlas. Überbracht hatte sie Dieter Buttgereit, der mit der Tochter Camus’ seit langem freundschaftlich verbunden ist und mit dessen freundlicher Erlaubnis ich diese hier noch einmal wiedergeben darf:

Sehr geehrte Damen und Herren, Cher amis de la pensée camusienne, es hat mich gefreut zu erfahren – und ich bin den Organisatoren dafür sehr dankbar – dass der größte Rundfunksender Deutschlands (der WDR) im Jahr des 100-jährigen Geburtstages von Albert Camus eine philosophische Revue zu Ehren meines Vaters veranstaltet. Ich wünsche Ihnen allen – den Organisatoren, dem Podium und den Zuhörern – zwei Lebensstunden, in denen Sie am Glück des Sisyphos teilhaben können. Ich bitte um Verständnis dafür, dass ich aufgrund meiner zahlreichen Verpflichtungen im Camus-Jahr 2013 Ihre Einladung zu dieser Sendung nicht wahrnehmen kann. Avec ma solidarité camusienne Catherine Camus Anne-Kathrin Reif Übernahme aus „365 Tage Camus“ mit freundlicher Erlaubnis

Philosophische Runde bei der Camus-Revue (v.l.): Moderator Jürgen Wiebicke, Rudolf Lüthe, Anne-Kathrin Reif, Rupert Neudeck, Andreas Speer. Am Tisch: Martin Reinke. Foto: privat

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Ein gutes Bild muß eine Geschichte haben Karl-Heinz Krauskopf: Der Kamera und dem Blick verpflichtet

Wie das Moos auf dem Stein 2009

Man kann sich beim Schauen in der Fülle der Motive und der spürbaren Tiefe der Bilder auf den großformatigen Fotoabzügen verlieren, die KarlHeinz Krauskopf aus seinen Mappen zieht und beinahe ein wenig verlegen auf dem Tisch seines professionell ausgestatteten Studios ausbreitet. Mit jedem Paket, Stapel, jeder Serie öffnen sich neue Welten des Sehens und Verstehens, die den brillanten Beobachter und sensiblen Chronisten eindrucksvoll und begreifbar auszeichnen. Die Ergebnisse seiner breit gefächerten Kreativität an der Rolleiflex T und SL 66 (6x6) und den Großformatkameras Sinar und Linhof überzeugen nachhaltig. Der promovierte Mediziner (*1951), leitender Oberarzt an der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Herzzentrum Wuppertal, hat sich schon durch die Wahl seines Berufes dem Menschen verschrieben. Durch seine 1965 begonnene Beschäftigung mit der Fotografie, die der Autodidakt bis zur Professionalität perfektioniert

hat und die zu ungezählten Veröffentlichungen, Ausstellungen und schließlich zur ehrenvollen Berufung in die Deutsche Gesellschaft für Photographie (DGPh) führte, hat er dem eine beeindruckende künstlerisch-kreative Ebene hinzugefügt. Seine Sicht auf den Menschen und seine Umgebung zeigt ihn als Philanthropen. „Ich bin der Kamera und dem Blick verpflichtet, will sehen und mitteilen, nicht jedoch interpretieren. Die zunehmenden Foto-Manipulationen auf dem Kunstmarkt stoßen mich ab“, so Karl-Heinz Krauskopf und: „Ein gutes Bild muß eine Geschichte haben.“ Seine großen Vorbilder sieht er in Richard Avedon, Alfred Eisenstaedt, Bernd und Hilla Becher, Herlinde Kölbl und Susanne Schapowalow, wahrlich nicht die schlechtesten Lehrmeister. Anerkannt sind Karl-Heinz Krauskopfs Tanzbilder aus dem „tanzhaus nrw“, dem Tanztheater Pina Bausch und von der Tänzerin Regina Advento, von der sich leicht eine Brücke zum Jazz schlagen läßt - ist sie doch auch eine

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seelenvolle Sängerin. „Am wohlsten fühle ich mich immer noch mit der Musik“, sagt Krauskopf, der selber auch Posaunist war. Bei den großen Festivals in Nizza und Médoc, beim Jazz Open Stuttgart, den Leverkusener und Hildener Jazz-Tagen, bei „KlangArt“ in Wuppertal und dem Sinfonieorchester dort ist er ein gerne gesehener Gast und Bild-Chronist. Neben vielen anderen hat er Nils Wogram, Peter Trunk, Omar Soza, Volker Götze, Paolo Fresu, Frank Chastenier, Chico Freeman, China Moses, Markus Stockhausen, Candy Dulfer, Bill Evans, Carolin Thon, René Pretschner, Limpe Fuchs, Ludwig Nuss und Martin Zobel porträtiert, auch diverse CD-Cover gestaltet. Seine mehr als zwei Dutzend Kalender zu Landschaft, Menschen, Historie, zum Karneval in Venedig, der Pharmazie und über Body-Painting, seine rechts: Buena Vista unten: Sweet Mambo 2008

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Fotos zur ,,Illustrierten Geschichte der Anästhesie“, für das Jazz-Buch „sounds like whoopataal“, diverse Tanzbücher, über Tony Craggs Kunst, die Arbeit für den Thieme- und Springer-Verlag, die Mitarbeit bei „Der Anästhesist“ und der „AINS“, die regelmäßigen Veröffentlichungen in „Die Beste Zeit“, „Musenblätter“ und Süddeutsche Zeitung sowie die weltweite Verbreitung seiner Fotos durch eine Bildagentur haben ihm einen guten Namen in der Fachwelt eingebracht. Krauskopfs Reise- und Straßenfotografie unter anderem aus Bangladesch, China, Frankreich und den USA, oft nach Venedig, ins Elsass, auf die griechischen Inseln und nach Ostfriesland rücken den Menschen in den Mittelpunkt. Darüber hinaus hat sich der Wuppertaler mit seinem in einer alten Lüttringhauser Fabrik eingerichteten „studio k“ einen so prominenten Ruf in der Welt der Fotografie geschaffen, dass er über einen Mangel an Aufträgen von Verlagen,

Vollmond Paris

Wirtschaftsunternehmen, Redaktionen und Bildagenturen nicht klagen kann. Dazu kommt als besondere Herzenssache die intensive Beschäftigung mit der künstlerischen Fotografie, dem Experiment, dem Stilleben und dem Akt. Eine Jugendstilvase fotografiert er mit ebensoviel Hingabe wie Friedhöfe, medizinische Instrumente, Landschaften oder eben den nackten Menschen. Die Porträts suchen nach mehr als einem Ausdruck, sie zeigen das Gesicht des Porträtierten in seiner Essenz.

nahmen, Stilleben und Portraits durch sein Auge und die eigene Laborarbeit den Charakter des Besonderen bekommen, ist ein Glücksfall. Und so steht man ergriffen vor venezianischen Masken-Impressionen, ungeschminkten menschlichen Antlitzen, furiosen Jazzund Tanz-Aufnahmen oder Bildern der Stille - und läßt sie zu sich sprechen.

Frank Becker

Das Licht und der Effekt der Tageszeiten in ihrem Wechsel spielen eine ebenso wichtige Rolle wie das sorgfältig gewählte Studio-Licht. Triebfeder ist stets, gut gemachtes noch besser zu tun, verbunden mit dem Wunsch, Ideen in Bilder umzusetzen, Eindrücke für alle Zeit zu konservieren, den Moment festzuhalten, ihn vor dem Verlust im Strom der Zeit zu bewahren - etwas, was wohl alle Fotografen und Maler verbindet. Eine wichtige Rolle spielt auch, dass er die Sache, die Menschen und das Leben ernst nimmt. Dass diese Momentauf-

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Aus dem Frieden im Wald in den „Waldfrieden“ Das Gargonza-Arts Projekt zu Gast im Skuplturenpark Wuppertal

Künstler muss man wegschließen. Weit entfernt von allem Bekannten, allem Alltäglichen, sollen sie sich ihren Werken widmen dürfen. Ungestört sein. Funktioniert das? Das Gargonza Arts Projekt ist eines jener kunstorientierten Residenzstipendienprogramme, die ihre Stipendiaten aus dem Alltag in eine fremde Welt entführen. Nach Gargonza.

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Fünf junge Künstler verschiedener Disziplinen werden alljährlich mit dem Gargonza Arts Award ausgezeichnet. Sie haben bereits während ihres Studiums durch Aufführungen oder Ausstellungen Aufsehen erregt und werden durch international angesehene Kuratoren wie Tony Cragg nominiert. Neben einer finanziellen Unterstützung ist mit dem Preis ein mehrmonatiger Aufenthalt auf Gargonza verbunden. So weit so gut. Der Unterschied, das Besondere des Projekts liegt darin, dass die Stipendiaten während ihres Aufenthalts keineswegs ungestört sein sollen – ganz im Gegenteil. Sie sollen sich regelrecht in die Quere kommen, „sich beeinflussen, stören und inspirieren“, so Michael Faust, Initiator des Gargonza Arts Projekts und Vorstandsvorsitzender des Trägervereins InterArtes – Verein zur Förderung der Künste e.V. Aber wie und vor allem warum? Um diese Fragen beantworten zu können, muss man die Idee, das Credo verstehen, auf dem das Projekt basiert. In ihrem Alltag arbeiten Künstler oft isoliert, begrenzt auf die jeweilige Kunstrichtung, blind für die eigenen „Art“-Genossen. Die Kunstrichtungen, die verschiedenen Disziplinen stehen jedoch nicht für sich. Sie sind wie die Äste eines Baums. Sie alle kommen aus einem Stamm, aus dem sie ihre Kraft und Energie ziehen. Die Kunst, die eine, ist der Stamm. Von ihr geht alles aus – zu ihr kommt alles zurück. Die jungen, herausragenden Künstler, die ihr Aufenthaltsstipendium auf Gargonza antreten, sind gewillt die Grenzen ihrer eigenen Disziplin zu übertreten, die Triebe zu verlassen und in den Stamm zurückzukehren. Sie begeben sich damit in eine Extremsituation, deren Ausmaß nur für jene zu begreifen ist, die dabei sind oder es waren. Diese unglaubliche Stille, eine Stille für Fortgeschrittene, die hier herrscht in Kombination mit einer scheinbar grenzenlosen Weite auf der einen - das Leben und Arbeiten mit vier unbekannten Künstlern fremden Persönlichkeiten, auf engstem Raum, auf der anderen Seite.

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Christin Karwatzki, Kooperation und Medienassistenz InterArtes e. V.

Die Stipendiaten: v. links Fabian Altenried, Anne-Kathrin Heier, Micha Jönke, Nicolas Mondon

Gargonza


Dennoch ist es genau diese Enge, diese kontinuierliche Konfrontation mit den anderen Disziplinen, fremden Routinen, unvertrauten Blickwinkeln, die eine inspirierende Störung erst möglich machen. Auf Gargonza laufen die Äste zusammen, Anknüpfungspunkte werden identifiziert, Unterschiede ausgelotet. In diesem Moment des Zusammentreffens, des sich Bewusstmachens und Anerkennens – darin liegt die Interdisziplinarität. Es geht nicht um ein Ergebnis, ein gemeinsam geschaffenes Werk. Es geht um den Moment, den Augenblick, in dem das Andere, das bisher Fremde Einzug in das eigene Schaffen erhält. Wenn der Komponist inspiriert durch die Worte der Schriftstellerin zu komponieren anfängt oder der Bildende Künstler die Sprache des Musikers in seiner eigenen Arbeit wiedererkennt, dann beginnt Interdisziplinarität. Gleichwohl stellt sich die Frage: Warum Gargonza? Natürlich, dieses abgelegene Stückchen Erde erfüllt alle Voraussetzungen für einen Aufenthalt fernab von jeglicher Hektik und Unruhe. Auf Gargonza laufen selbst die Uhren langsamer, als wollten auch sie niemanden unter Druck setzen. Aber das ist nur ein Grund. Der Anfang, die Geburtsstunde der Idee junge Künstler wie bereits zu Zeiten der Renaissance nach Italien zu entsenden liegt nun über 30 Jahre zurück. Damals war Michael Faust selbst noch ein junger Mann und als Musiker gemeinsam mit Gleichgesinnten in Italien unterwegs um manchmal Konzert und manchmal die Straßen zu bespielen. In Siena bekam er den Rat der alten Straße nach Florenz zu folgen und einen Zwischenstopp in Gargonza einzulegen. Ein kleines Dorf, geschützt durch die umliegenden Wälder und so dem unachtsamen Reisenden verborgen, lag es auf einem Hügel und lediglich der alles überragende Turm und das Glockenspiel verriet seine Existenz. Auf Gargonza traf Michael Faust den Conte Roberto Guicciardini, der damals begonnen hatte das Land von

Die Schriftstellerin Anne-Kathrin Heier seinen Besitzern freizukaufen und die zurückgebliebenen Häuser sorgsam nach florentinischem Stil zu restaurieren. Bei ihrem Treffen erzählte der Conte von seinem Traum, die Burg mit Musik und Kunst zu füllen. Über die Jahre wuchs auch in Michael Faust der Wunsch, diesen Traum zu verwirklichen und jungen Künstlern die Möglichkeit zu eröffnen, dieselbe inspirierende Kraft zu spüren, die auch er in der Toskana und insbesondere auf Gargonza empfunden hatte. 2011 war es schließlich soweit. InterArtes Verein zur Förderung der Künste e.V. wurde ins Leben gerufen und mit ihm das Gargonza Arts Projekt. Das Ziel: junge hochbegabte Künstler, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen, fördern und durch ein breites Netzwerk aus Künstlern, Kuratoren und Veranstaltern unterstützen. Gargonza bzw. das Castello di Gargonza ist heute ein beliebtes Hotel und lockt Besucher aus aller Welt. Bereits von der Autobahn aus kündigen verschiedene Hinweisschilder seine Existenz an und locken Autofahrer die scheinbar endlosen Serpentinenstraßen hinauf, bis es nur noch eine Schotterstraße entlang zu fahren gilt. Bei meiner Anreise habe ich kaum auf die Schilder geachtet und mich blind auf die Fähigkeiten meines Navis verlassen. „1,5 km der Straße folgen. – In 500 m rechts abbiegen. –

In 300 m links abbiegen. Jetzt links abbiegen. Sie haben ihr Ziel erreicht. Das Ziel liegt links.“ Unwissende Touristen würden sich wundern. Denn links liegt lediglich das erste Haus, außerhalb der Stadtmauern von Gargonza, unterhalb des Hügels auf dem der Turm, das Wahrzeichen von Gargonza, thront. Ich aber hatte mein Ziel erreicht, denn links lag das Casa degli Artisti. 2012 zog die erste Stipendiatengeneration in das Casa degli Artisti in Gargonza ein. Sandra Schlipköter (Bildende Kunst), Kevin Kuhn (Literatur), Isaak Broder (Fotographie), Genoel von Lilienstern (Komposition) und Micky Damm (Architektur) – zusammen der „Jahrgang 1“, verbrachten sie drei aufregende und inspirierende Monate auf Gargonza und hatten darüber hinaus die Gelegenheit, Stipendiaten anderer Institutionen in Rom (Villa Massimo) und Florenz (Villa Romana) kennenzulernen. Dieses Jahr wurden abermals fünf aufstrebende Künstler ausgezeichnet. Vier von ihnen befinden sich derzeit auf Gargonza, wo sie sowohl an ihren eigenen als auch an gemeinsamen Projekten arbeiten. Im Bereich Literatur nominierte Hanns Josef Ortheil dieses Jahr Anne Kathrin Heier. Sie steht kurz vor der Veröffentlichung ihres Debutromans und führt auf Gargonza letzte Lektoratsarbeiten aus. Micha Jönke, auserwählt von Karl Heinz

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Michael Faust und Stipendiaten im „Giardino di Daniel Spoerri“

Tony Cragg signiert eine Folge von Radierungen, die er großzügigerweise für das Projekt gestiftet hat!

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Petzinka, studiert derzeit Baukunst an der Kunstakademie Düsseldorf. Neben seinen eigenen Projekten arbeitet er an Überlegungen, die die Umnutzung des Turms des Castello di Gargonza betreffen. Nicolas Mondon, einem Komponisten aus Paris, wurde der Gargonza Arts Award 2013 auf Vorschlag von Robert HP Platz verliehen. Er komponiert verschiedene Stücke für zwei französische Saxophonisten, die diese zur Abschlusspräsentation am 10. Juli in Gargonza aufführen werden. Fabian Altenried, aus der Sparte Bildende Kunst, wurde von Tony Cragg berufen. Auf Gargonza arbeitet er an einem Filmprojekt, dessen Prolog hier spielen soll.

Der Verein und damit das gesamte Stipendienprogramm finanzieren sich durch Spender und Sponsoren, die das Projekt auf unterschiedliche Art und Weise unterstützen. Hier sind besonders und ganz herausragend Tony Cragg und seine Unterstützung für das Projekt zu nennen. Als Kurator ist er für die Nominierung der Stipendiaten aus dem Bereich Bildende Kunst verantwortlich. Weiterhin hat er einige seiner Arbeiten gespendet und auch finanzielle Hilfe geleistet. Ganz aktuell ist die Einladung in seinen schönen Skulpturenpark Waldfrieden nach Wuppertal! Am 29. 9. wird der Verein auf Einladung von Tony Cragg dort sein zweijähriges Bestehen feiern. Tony selbst wird uns durch sein Reich führen, während Michael Faust uns mit einem Konzert erfreuen wird. Wir würden uns sehr freuen, wenn wir weitere Mitglieder für dieses besondere Projekt gewinnen könnten, denn es ist und bleibt viel zu tun. Die Einladung zum zweijährigen Jubiläum geht an alle Kunstinteressierten: kommen Sie am 29. 9. in den Skulpturenpark Waldfrieden und feiern Sie mit! Wir bitten um Anmeldung bis zum 15. 9. 2013. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt und die Teilnahme ist für Mitglieder des Vereins kostenfrei. Kosten für Nicht-Mitglieder 30 Euro, die beim Vereinsbeitritt angerechnet werden. Weitere Informationen finden Sie auf unserer Website unter: www.gargonza-arts.com Email: info@gargonza-arts.com. Für weitere Fragen stehen wir Ihnen ebenfalls gerne zur Verfügung. Mobil: 0179 1404 264 Christin Karwatzki Kooperation und Medienassistenz InterArtes e. V.


Ein paar Augenblicke… …und etwas „auf die Ohren“ Nachbetrachtung der Ausstellung Kairos

Mehr als ein paar Augenblicke lang gab es zur Eröffnung der 127. Ausstellung in der Sparkasse Kunst zu sehen. „KAIROS – Vom Umgang mit dem günstigen Augenblick.“ Klaudia Anosike, Kirsten Rönfeldt und Anna Stöcker konnten ihre Arbeiten präsentieren. Die letzte Ausgabe von „Die Beste Zeit“ berichtete darüber mit einem erläuternden Text von Gisela ElbrachtIglhaut, der stellvertretenden Direktorin des Kunstmuseums Solingen. Sie hielt auch die angenehm, verständliche und vertiefende Rede zur Eröffnung der Ausstellung. Dr. h. c. Peter H. Vaupel, der Vorsitzende des Vorstandes der Stadtsparkasse Wuppertal begrüßte die rund 500 Gäste, die sich im Sparkassenforum eingefunden hatten. Er erinnerte seine Gäste auch daran, was Johann Wolfgang von Goethe über den „entscheidenden Moment“ gesagt hat und was vielleicht auch zur nicht immer einfachen Situation der bildenden Künstlerinnen und Künstler in dieser Stadt passt oder passen könnte: „In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt

sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch diese Entscheidung und sie sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je erträumt haben könnte. Was immer Du kannst oder Dir vorstellst, dass Du es kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genie, Macht und Magie in sich. Beginne jetzt!“ Und auch wie Goethe es vielzitiert im Faust formulierte: „Was heute nicht geschieht, ist Morgen nicht gethan, und keinen Tag soll man verpassen ...“. Nichts anderes tun Künstler immer wieder. Ohne Auftrag und oft eine lange Zeit mit sich und ihren Ideen im Atelier allein. Und wie man dann immer wieder staunen kann, blüht da allerhand gute Kunst im Verborgenen. In der Reihe „Kunst in der Sparkasse“, die sich aus Verbundenheit mit dieser Stadt auf Künstler der Region beschränkt, kann man es oft sehen. Leider kann die Sparkasse mit den zwei Ausstellun-

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gen pro Jahr gar nicht alles, was zeigenswert wäre, auch zeigen; ihr „Kerngeschäft“ ist ja ein anderes. Diese Reihe der Ausstellungen begann schon 1968, und schon weit über 200 Künstler konnten ihre Arbeiten präsentieren. Nebenbei gesagt wünscht sich der Kunst interessierte Wuppertaler manchmal die Zei-

ten der „Jahresschau“ zurück, in denen das Von der Heydt-Museum für Wuppertaler Kunstschaffende jährlich eine herausragende und liebevoll begleitete Ausstellung in der Kunsthalle in Barmen durchführte. Klaudia Anosike, Kirsten Rönfeldt und Anna Stöcker stellten sich auch der Diskussion und den Fragen der Besucher. Einige Impressionen von dem kurzweiligen Abend zeigen die Fotografien von Andreas Fischer, Wuppertalern ja auch bekannt unter dem Kürzel AFI. Einen ganz anderen Einblick in die an herausragenden Persönlichkeiten reiche Wuppertaler Kulturszene gab der von den Künstlerinnen eingeladene Musiker Charles Petersohn. Mit seinem „artificial blues“ konnte Charles Petersohn die Gäste überraschen und mit seiner einfühlsamen Art, eigene Songs und Lieblingsstücke „durch den Wolf zu drehen“ und in einen neuen Kontext zu setzen, auch überzeugen. Charles Petersohn, der Ende der Achtziger Jahre von Westberlin nach Wuppertal gezogen ist, hat von der neuen Heimat aus eine beachtliche Karriere als Musiker vollzoCharles Petersohn (Foto: Daniel Schmitt)

gen. Bis zum Jahrtausendwechsel haben er und seine Band CHARLES mit drei Alben und Konzert-Tourneen durch Deutschland und Europa einigen Staub aufgewirbelt. In der letzten Zeit hat er Theatermusik produziert (MACBETH, German Song) und arbeitet als DJ. Er experimentiert intensiv mit Jazz, Ambient, Techno und Blues. Besonders empfehlen für den interessierten Hörer kann man das Ergebnis seiner Zusammenarbeit mit Jasper van’t Hof. Mit „delirious“, aufgenommen 2006 in Suaucourt in Frankreich glänzt seine soulige Stimme wie gewohnt auf einer ihn tragenden Musik, die auch auf eine andere „klassische“ Tradition verweist: Ob es der Jazz-Mythos Sun Ra ist oder die New Orleans-Legende Dr. John. „delirious“, Charles Petersohn und Jasper van’t Hof, erschienen als CD bei JARO. Eine Musik, die in keiner Sammlung fehlen sollte. In der 127. Ausstellung in der Sparkasse im September 2013 werden Anke Eilergerhard und Lothar Götz einige ihrer neuen Arbeiten zeigen. Wir sind gespannt!

Peter Klassen Fotos Ausstellung: Andreas Fischer

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40 Jahre Tanztheater Wuppertal Ute Schäfer, NRW- Kulturministerin anlässlich des Pressegesprächs „PINA 40 – 40 Jahre Tanztheater Wuppertal Pina Bausch“ am 7. Juni 2013 im Wuppertaler Opernhaus

Pina Bausch in Danzón Foto: Jochen Viehoff

„PINA 40“ heißt das Programm, mit dem das Wuppertaler Tanztheater Pina Bausch die Jubiläumsspielzeit anlässlich seines 40jährigen Bestehens begeht. 40 Jahre Kontinuität sind heute kaum mehr vorstellbar und auch international eine großartige künstlerische Leistung. Sie erfordert von jedem einzelnen im Ensemble - auf der Bühne, aber auch hinter der Bühne und in der Technik - Tag für Tag eine ungeheure Präzision, Disziplin und Leidenschaft. Pina Bausch wurde für ihr Werk mit den wichtigsten Preisen ausgezeichnet, angefangen mit dem Folkwang Leistungspreis 1958, über das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse 1986, den Kyoto Preis 2007, den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt 2008 bis zum Laurence Olivier Award 2009 für das „Frühlingsopfer“ als beste Tanzproduktion 2009. Viele weitere Auszeichnungen haben – nach anfänglichen Kämpfen – dieses Werk gekürt. Pina Bausch hat eines der wichtigsten künstlerischen Werke der letzten 100 Jahre geschaffen. Sie hat den Tanz und das Ballett, aber auch Musiktheater und Schauspiel ästhetisch verändert. Für das Tanzland Nordrhein-Westfalen und auch weit darüber hinaus ist sie Kulturbotschafterin gewesen - das Ensemble ist es nach wie vor bis heute. Mehr als 40 Stücke hat Pina Bausch in den 40 Wuppertaler Spielzeiten mit den Tänzerinnen und Tänzern, dem Bühnen- und Kostümbildner Rolf Borzik, dem Bühnenbildner Peter Pabst, mit der Kostümbildnerin Marion Cito, mit den für die Musik verantwortlichen Matthias Burkert und Andreas Eisenschneider und allen anderen erarbeitet. 286 verschiedene Spielstätten hatte das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch in der ganzen Welt! Heute Abend stehen die Tänzerinnen und Tänzer in Paris auf der Bühne des Théâtre des Champs-Elysées, bevor die Kompanie im Théâtre de la Ville gastiert, mit dem sie eine mehr als 30 jährige Partnerschaft verbindet. 62 Gastspielreisen führten allein nach Frankreich. Rund 500.000 Zuschauer haben die Stücke alleine in Paris gesehen. Gastspiele präsentierten die künstlerische Leistung aus Wuppertal und NRW in ganz Europa, in Österreich, den Niederlanden, Spanien, Portugal, Skandinavien, Italien, zuletzt im Bolshoi Theater in

Moskau. Partner waren weit über Europa hinaus alleine 10 Länder in Asien, 7 Länder in Südamerika, die USA, Kanada und Australien. Die Goethe-Institute und viele weitere Unterstützer waren Wegbereiter, gemeinsam mit Stadt, Land und auch der Unterstützung durch den Bund und immer wieder – hier ein großer Dank – der Dr. Werner Jackstädt-Stiftung. Vor vier Jahren ist Pina Bausch gestorben. Die ungeheuren Leistungen des Ensembles seit dem 30. Juni 2009 können gar nicht hoch genug geschätzt werden. Meilensteine waren neben den vielen, vielen Vorstellungen in Wuppertal und auf der ganzen Welt sicherlich Wim Wenders Film „Pina“ und die „World Cities“ bei der Kulturolympiade in London. Das Land Nordrhein-Westfalen fühlt sich dem Tanztheater Wuppertal Pina Bausch nach wie vor in besonderer Weise verbunden. Deshalb unterstützen wir die Jubiläumsspielzeit 2013 / 2014 neben der regulären jährlichen Förderung in Höhe von rund 1 Million Euro mit rund 700.000 Euro zusätzlich. Vor allem Wuppertal, aber auch Düsseldorf und Essen werden die Spielstätten dieser ganz besonderen Spielzeit zu Ehren von Pina Bausch. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich den Tänzerinnen und Tänzern danken, die unter der neuen Leitung von Professor Lutz Förster Meilensteine der Arbeit präsentieren werden. Es wird Konzerte der herausragenden Musiker geben, die für das und mit dem Ensemble gearbeitet haben. Es wird Ausstellungen, Gespräche und Begegnungen geben mit Wegbegleitern und wichtigen Partnern. Wim Wenders hat einmal über Pina Bausch gesagt: „Pina aber war eine Wissenschaftlerin, eine Forscherin, eine Pionierin der weißen Felder auf den Landkarten der menschlichen Seele.“ Die Jubiläumsspielzeit PINA 40 fordert zu einer neuen spannenden Erkundungstour auf. www.pina-bausch.de

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AMSEL Barden und Maiden besingen die Liebe auf Schallplatten die jetzt nicht mal mehr CD heißen sondern MP 3 in den alten Liedern sind die Stimmen der Sänger jung und sehnsuchtsvoll mittlerweile graben die Bagger die Gräber einiger Sänger bereits wieder um und über dem Lehm hängt der Nebel Bürokomplexe mit riesengroßen „Neu zu Vermieten“ – Schildern, deren Schrift aber schon ausgebleicht ist von der Sonne vergangener Sommer Wer hätte 1990 beantworten können, was mit einer E-Mail gemeint ist? Straßen still und leer wie die Augen eines Skelettschädels im Staub Im Heidekraut auf dem Balkon singt eine frühe Amsel

Friedhof in London Foto von Elisabeth Heinemann Gedicht von Gringo Lahr

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Ein Traum-hafter Konzertabend Toshiyuki Kamioka und das Sinfonieorchester Wuppertal luden zu Gedankenreisen ein Ottorino Respighis römische Spaziergänge sind seit eh und je Garanten für sinfonische Unterhaltung in ihrer schönsten Form. Seine Impressionen von mit Pinien gesäumten Alleen, fröhlichen Festen und den beeindruckenden Brunnen Roms berühren das Gemüt und öffnen die Seele. So mit den „Fontane di Roma“ auch am vergangenen Montag in der herrlichen Akustik des festlichen großen Saals der Wuppertaler Stadthalle zelebriert vom Sinfonieorchester Wuppertal unter seinem charismatischen

Chefdirigenten Toshiyuki Kamioka. Die im wahrsten Wortsinn sprudelnde etwa 20-minütige Komposition mit ihrem verzaubernden Schlußstück „La fontana di Villa Medici al tramonto“, mit der Kamioka das 9. Sinfoniekonzert der Saison unter dem Titel „Pan“ eröffnete, war geschickt gewählt, um das Ohr und das Gespür des Auditoriums auf die folgende Uraufführung zu öffnen. „Pan“ nämlich, eine Auftragsarbeit des Komponisten Mathias Christian Kosel zum 150-jährigen Bestehen des Wuppertaler Sinfonieorchesters, erwies sich als nach aller Aufmerksamkeit verlangendes grandioses sinfonisches Getöse – was, notabene, bitte nicht als abwertende

Beschreibung gewertet werden möge! In rund 30 Minuten setzt Kosel, der am Akkordeon selber mitwirkte, inklusive vier Schlagwerkern, dem gesamten Holz und Blech, großem Streicherapparat mit sechs Kontrabässen und Harfe fast alles ein, was ein Sinfonieorchester an Fülle zu bieten hat. Inspiriert von Oskar Loerkes Naturlyrik entfaltet „Pan“ ein großes sinfonisches Panorama, das bilderreich auch die Einflüsse Kosels offenbart, wie anfangs mit wuchtigen Paukenschlägen an Tschaikowskis „1812“ erinnernd, später an die sinfonischen Filmvertonungen zu „Metropolis“ und „Die Sinfonie der Großstadt“. Weite Passagen sind deutlich beeinflußt von Leonard Bernsteins Tonsprache, ja zitieren ihn ausführlich. Wenn sich „Pan“ nach Rummelplatz-Impressionen schließlich mit dem volkstümlichen „Abendlied“ von Matthias Claudius in der Vertonung von Johann Abraham Peter Schulz zart rundet, schließt ein lebensvolles musikalisches Erlebnis – hier inszenatorisch mit dem Schluß der „Fontane di Roma“ verknüpft. Flott und exakt den Tempi Felix Mendelssohn Bartholdys folgend, entführten im zweiten Teil des Abends Auszüge aus der Bühnenmusik zu Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ in eine andere verzauberte Welt, die der Phantasie und Burleske. Mit Tempo, Grandezza und ohrgefälliger Präzision nahm die brillant interpretierte Ouvertüre mit in die Welt von Titania und Oberon. Scherzo, Intermezzo und Nocturne folgten in gleicher inspirierter Qualität. Es wäre eine durchweg perfekte Aufführung geworden, hätte nicht eine Trompete bei der Fanfare des abschließenden Hochzeitsmarsches gepatzt. Das war zwar schade und blieb bis zum triumphalen Finale im Ohr, schmälerte jedoch kaum den glänzenden Gesamteindruck. So sah es auch das Publikum, das minutenlang Applaus gab. Das 10. Sinfoniekonzert der Saison gibt es am 30. Juni und 1. Juli mit Peter Tschaikowskis Suite Nr. 3 G-Dur op. 55 und Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“. Weitere Informationen: www.sinfonieorchester-wuppertal.de Frank Becker Foto: Karl-Heinz Krauskopf

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Die Kunst muß zu weit gehen Rede zur Eröffnung des Wuppertaler Schauspielhauses von Heinrich Böll am 30. September 1966

Heinrich Böll. 1981. Foto: Wikipedia

Eine leere Bühne, auf der noch nichts gespielt worden ist, noch nichts sich abgespielt hat, ist ein guter Anlaß, ein paar Gedanken zu dem zu äußern, was hier als Bauwerk geboten worden ist und in diesem Bau geboten werden soll: zur Kunst. Ich spreche das große, recht hohl klingende Wort einmal aus, vielleicht ein zweites Mal, und wenn ich also, das Personalpronomen anwendend, von ihr spreche, „sie“ sage oder „die“ – dann wissen Sie, was gemeint ist. Was sie braucht, einzig und allein braucht, ist Material – Freiheit braucht sie nicht, sie ist Freiheit; es kann ihr einer die Freiheit nehmen, sich zu zeigen – Freiheit geben kann ihr keiner; kein Staat, keine Stadt, keine Gesellschaft kann sich etwas darauf einbilden, ihr das zu geben oder gegeben zu haben, was sie von Natur ist: frei. Gegebene Freiheit ist für sie keine, nur die, die sie hat, ist, oder sich nimmt. Wenn sie Grenzen überschreitet – nach wessen Meinung ist ganz und gar gleichgültig – wenn sie zu weit geht, dann merkt sie’s schon: Es wird auf sie geschossen. Wie weit sie gehen darf oder hätte gehen dürfen, kann ihr ohnehin vorher niemand sagen, sie muß also zu weit gehen, um herauszufinden, wie weit sie gehen darf, wie weit die ihr gelassene Freiheitsleine reicht. Sie bringt nicht nur, bietet nicht nur, sie ist die einzig erkennbare Erscheinungsform der Freiheit auf dieser Erde. Natürlich zieht sie die Freiheit nicht aus der Tasche wie eine Münze, die man wechseln, zu Freiheiten zerstückeln kann, die die Freiheit konsumfähig machen. Ihre Last ist, dass sie Freiheit nur hat, ist, bietet, bringt, wenn das von ihr erst geordnete und geformte (was gleichbedeutend ist mit: erst in Unordnung gebrachte und reformierte) Material erkannt wird: ja, geordnet und geformt, in Unordnung gebracht oder deformiert – nicht eingeordnet und formiert. Das ist es, was die Gesellschaft mit ihr unternimmt: einordnen, formieren in die Marschordnungen der freien Marktwirtschaft hinein – die Freiheit zu Freiheiten zerstückeln. An Stelle von „Gesellschaft“ hätte ich sagen können „Staat“, wenn wir einen hätten; ich erblicke den Staat im

Augenblick nicht; als einer, der mit ihr zu tun hat, also einen gewissen Sinn für Material und Ordnung beziehungsweise für Unordnung hat, beobachte ich dieses Nichtvorhandensein des Staates mit einer aufgeregten Neugierde; dieser Vorgang der vollkommenen, bis ins letzte Detail sich erstreckenden Deformierung des Staates – das ist natürlich ein aufregender Vorgang; einer, der mit ihr zu tun hat, braucht keinen Staat, er weiß aber, dass fast alle anderen ihn brauchen, und so erfüllt ihn dieses Immer-Nichtiger-, Immer-Formloser-Werden mit Entsetzen, weil er fürchten muß, dass da einer kommen wird, kommen soll, erwartet wird, der Ordnung schafft: ein politischer Messias, der klug genug sein wird, ihr alle Freiheiten zu lassen – er weiß auch, dass die ungeheure, eigentlich schon krankhafte Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wird, einer irregeleiteten Sehnsucht nach Ordnung entspringt, die der nichtvorhandene, sich auflösende Staat nicht mehr bietet, die man also bei ihr sucht. Dort, wo der Staat gewesen sein könnte oder sein sollte, erblicke ich nur einige verfaulende Reste von Macht, und diese offenbar kostbaren Rudimente von Fäulnis werden mit rattenhafter Wut verteidigt. Schweigen wir also vom Staat, bis er sich wieder blicken läßt. In diesem Augenblick von ihm zu sprechen, wäre Leichenfledderei oder Nekrophilie – zu beidem. Bin ich nicht veranlagt. Reden wir von dem, was an seine Stelle getreten ist: von dieser unfaßlichen und ebenso fassungslosen Masse, zu der wir alle gehören, von der Gesellschaft. Im übrigen hat ja Samuel Beckett alle Stadien des Vergehens, Verwesens, Verfaulens auf eine Weise ausgedrückt, die ich gewiss nicht übertreffen könnte. „Endspiel“ und „Glückliche Tage“ wären also die aktuellsten Stücke. Gut passt auch für diese Stadt, die Wuppertal heißt, ein Stück mit dem Titel „Die Wupper“: voll Dunkelheit, dunklen Humors, Verhängnis, Untergang, auf diese Stadt geschrieben für sie von ihrer großen Tochter, ein Stück voller Poesie und Schmutz, voller Hoffnung auch – was sich unseren Augen in der Öffentlichkeit bietet, ist ja das perfektadrette Nichts, in seiner Nichtigkeit

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begabt, adrett und verfault gleichzeitig zu wirken, am Fernsehschirm noch nach Fäulnis zu riechen, und wenn etwas, das nicht mehr da ist, einfach dadurch, dass es nicht mehr da ist, immer stärker wird, also ein durch Nichtigkeit gekräftigtes Dasein führt, so finde ich, ist das ein Spielchen, ein Vorgang, ein Happening, das entschieden und schon viel zu lange zu weit geht – und es wird nicht geschossen. Unbegrenzt ist die Geduld der deutschen Gesellschaft, die sich offenbar immer noch in der Einübung jenes Stadiums befindet, das mit fünf nach Zwölf am besten zu bezeichnen ist. Sie, von der wir hier sprechen, kann nicht staatliche Freiheit und Ordnung ersetzen, sie kann nicht, selbst wenn sie Fäulnis als Material wählt, die Verfaulung aufhalten – das ist die Krise der Literatur, des Kabaretts, der Malerei, der Wuppertaler Schauspielhaus, gesehen von der Friedrich-Engels-Allee

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Bildhauerei. Das, wie ich sagte, schon krankhafte Interesse der Gesellschaft für sie entsteht vielleicht aus dem Wunsch, sich selbst zu finden; und sie findet sich selbst, findet: Unfaßbarkeit und Fassungslosigkeit. Als die, die wir hier im Augenblick versammelt sind, sollten wir uns klar darüber sein: Wer mit ihr – ich nenne sie noch einmal beim Namen –, der Kunst, zu tun hat, braucht keinen Staat. Ich brauche keinen, aber Sie brauchen ihn, und sie kann Ihnen den Staat nicht ersetzen. Sie ist frei, sie ordnet Material, und sie ist ein drittes: untröstlich – es würde mich zu weit führen, wollte ich, was hier fällig wäre, eine umfassende Analyse aller Irrtümer, aller Mißverständnisse, allen Unheils geben, das durch die Verwechslung von trostlos und untröstlich entstanden ist; trostlos ist sie nie, aber immer untröstlich – das ist auch nur eins der unzähligen Synonyme für Poesie: frei, geordnet, untröstlich, eine geheimnisvolle Trinität, die nicht

aufgebrochen werden kann – es kann sich nicht einer nur das eine oder das andere herausnehmen, was der Staat, die Kirchen, die Gesellschaft so gern tun, wenn sie einordnen wollen: freie Ordnung, geordnete Untröstlichkeit, untröstliche Freiheit. Das Fürchterlichste: in der Untröstlichkeit der Poesie verbirgt sich ein gewisser Trost. Immer wieder und immer wieder vergebens greift sie mit diesem Dreizack in den unendlichen Ozean der Vergänglichkeit, ihm einen Fetzen zu entreißen, der dauern könnte. Und da wir hier unter uns, in Gesellschaft miteinander sind, Staatenlose, die sich ganz nett amüsieren, muß ich rasch, um neues Mißverständnis auszuschließen, erklären: nicht, dass sie Dauer habe, ist für den, der sie macht, wichtig – wichtig, dass etwas, irgend etwas dauern könnte auf dieser Erde, denn sie ist ganz und gar von dieser Erde; ob die Liebe, ja die Liebe, Schmerz, Dunkelheit, Licht dauern könnte – lauter Gegenstände,


die den Staaten und Kirchen vollkommen gleichgültig sind... Ich sage nur, um zu erhärten: einer, der mit ihr zu tun hat, braucht keinen Staat; er braucht eine gewisse provinzielle Administration, für die er ja auch Steuern zahlt: Laternenanzünder, die ihm, wenn er betrunken heimkommt, ein wenig Licht auf dem Heimweg bereiten, die Müllabfuhr, die ihn von seinen Abfällen befreit. Hinter ihrer dauernden Leidenschaft, ihrem kauernden Irrtum, ihrer Vergeblichkeit, ihrem kauernden Zorn und ihrer ewigen Lust (denn es ist schön, frei, geordnet, untröstlich zu sein) verbirgt sich die Hoffnung, dass sie den Fluch, ordnen zu müssen, loswerden könnte – die Hoffnung vielleicht, so zu werden wie die anderen, die er nie verstehen wird, die ihm fremd, fremd bleiben, weil sie nicht wissen, was er jeden, jeden Augenblick weiß: dass nichts dauert, wenn der Tod kommt – der Wunsch verbirgt sich, so vergeßlich zu sein wie die Gesellschaft. Es ist diese Fremdheit, die ihn manchmal auf dem Umweg über Täuschungen im intransitiven Sinne bescheiden erscheinen läßt; eine gefährliche Täuschung, der die Gesellschaft sich gern hingibt, weil sie sich Klischees, kleine Bildchen von dem macht, was sie als das Gegenteil von Bescheidenheit empfindet. Es gibt für den, der mit ihr zu tun hat, überhaupt keine Bescheidenheit (Demut vielleicht angesichts der Unendlichkeit des Ozeans); was so wirken mag, ist Verachtung, Gleichgültigkeit, Fremdheit. Es gibt da auch, genau besehen, keine Eitelkeit, die ja nur eine nicht so leicht erkennbare peinliche Erscheinungsform der Bescheidenheit ist, weil sie die Gesellschaft in ihren Bildchen und Klischees annimmt; die Eitelkeit gehört zu den Freiheiten, zum Kleingeld der Klischees, mit dem einer manchmal ein bißchen klimpern mag, so, wie man eben mit Freiheiten klimpert. Das sind alles Täuschungen, denen sich die Gesellschaft hingibt, die ihn natürlich zu sich heranziehen möchte, ihn so zu machen, wie sie ist: unfrei, ungeordnet, durch zerklimperte Freiheiten zu trösten – und das mag für Augenblicke sogar gelingen und ein ganz hübsches Spielchen sein. Ein Beispiel: Was die Literatur in

schwerem Gang unter schwerem Beschuß immer schon und immer wieder getan hat, Tabus durchbrochen, hat sie getan, nicht etwa, weil sie etwas von der Liebe versteht, sondern weil sie sie sucht, immer wieder und immer wieder vergebens nach ihr sucht, von der niemals irgendein Staat oder irgendeine Kirche etwas verstanden haben. Staat und Kirchen können nur zwei Möglichkeiten dulden: Ehe oder Prostitution, und in den meisten Fällen ist ihnen die Liebe außerhalb dieser beiden Gehege verdächtig (mit Recht übrigens, denn in der Liebe ist etwas von ihr, über die wir hier sprechen: sie ist frei, geordnet und untröstlich, also Poesie). Die Literatur auf der Suche nach dieser Unmöglichkeit hat etwas erreicht, was die Gesellschaft mit ihrem kümmerlichen Klimperkleingeld von Freiheiten gleich einordnen, „Durchbrechung sexueller Tabus“ nennen mußte; aber in diesem Augenblick, wo die Gesellschaft verstanden zu haben glaubt, was sie nie verstehen kann, wenn sie sich aus der Trinität nur die Freiheit herausnimmt und viel, viel Trost findet, keinerlei Ordnung, in diesem Augenblick wird in der zweiten, dritten bis soundsovielten Hand, was einmal groß war – unter schwerem Beschuß und in schwerem Gang begonnen – zu schleimiger Schlüpfrigkeit; auf dem Umweg über die zwangsläufige Umkehrung – denn die Gesellschaft kann nur zwanghaft handeln – wird es zu einer neuen Abart von Heuchelei. Prometheus – das bedeutet der Vorausdenkende – hat ja nicht das Feuer vom Himmel geholt, nur damit die Wurstbratereien ihre Geschäfte machen können; er hat es geholt, auf dass die Erde brenne, und er war ein listiger Titanensohn. Wenn die Tabu-Durchbrechung in den Händen der Wurstelbrater eine schicke und dolle Sache geworden ist, an der die Bourgeoisie immer mehr Gefallen findet und immer mehr Geld verdient, muss die Literatur zurückgehen; oh nein, nicht das Feuer in den Himmel zurückbringen, aber listig wie alle Vorausdenkenden muss sie einen Weg suchen und finden, was frei, geordnet, untröstlich, also poetisch an der Liebe ist, möglicherweise auf dem Umweg über die Keuschheit vor den

zerklimperten Freiheiten zu retten. Eine Kritik, die das nicht begreift, Listen nicht erkennt, ist dumm, feige und eitel – was ja lauter Synonyme sind. Natürlich muß die Literatur auf ihrem Rückweg dann von denen beschossen werden, die ihr einmal Mut zugesprochen haben, als sie über die Grenze ging. Auf dem Weg zurück findet sie die Schulterklopfer dann natürlich als inzwischen von der Gesellschaft etablierte Grenzsoldaten, die erwarten, dass sie Ruhe gibt, weil ja das Ziel erreicht ist. Das Ziel ist nie erreicht, und nie kann die Literatur Ruhe geben, da sie funktionierende oder gar funktionalisierte Freiheiten nie als solche anerkennt, und mit der religiösen Freiheit ist es wie mit der sogenannten sexuellen: Sie, die immer über Grenzen gehen muss, kennt keine Ruhe und gibt keine. In diesem Sinne kann ich der Stadt Wuppertal nur wünschen, dass auf dieser Bühne zu weit gegangen werden wird. Quelle: Die Zeit, 30. 9. 1966 Nr. 40

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Das allertraurigste Gewerbe Abschiedsrede des Wuppertaler Intendanten Christian von Treskow für das Schauspielhaus am 30. Juni 2013

Christian von Treskow, Foto: Frank Becker

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Liebes Publikum, heute jährt sich zum vierten Mal der Tod von Pina Bausch. Seit den 70er Jahren hat sie die Ästhetik mehrerer Generationen von Theatermachern geprägt. Wer in Wuppertal antritt, um Theater zu machen, ist diesem künstlerischen Geist verpflichtet. Das Datum des Todes von Pina Bausch ist aber auch mit dem Schicksal dieses Hauses engstens verknüpft. Das Wort und der Wille Pinas hatte Gewicht in der Wuppertaler Kulturpolitik. Jahrelang hat sie ihre schützende Hand über dieses Gebäude gehalten – kein halbes Jahr nach ihrem Tod verkündet die Stadtspitze das endgültige Aus für die Spielstätte und die Schauspielsparte gleich noch dazu. Das war, wie gesagt, vor dreieinhalb Jahren. Die Auseinandersetzung um die geplante Schließung und den Fortbestand des Schauspiels lenkte allerdings ab von dem Fakt, dass auf einer im Foyer des Hauses provisorisch eingerichteten Spielstätte keine zwei Monate zuvor ein neues Schauspielensemble seine Arbeit aufgenommen hatte, das mit dem Auftrag in die Stadt geholt worden war, das Theater ästhetisch rundzuerneuern und für die städtischen Bühnen ein jüngeres Publikum zu erschließen. Nun musste das mit Schwung gestartete Ensemble plötzlich gegen die Riesenlast anspielen, mit jeder Premiere, mit jeder Vorstellung die eigene Daseinsberechtigung zu beweisen, die ihr von der Stadtspitze abgesprochen worden war. Gleichzeitig kam dem Ensemble und der Intendanz in der Öffentlichkeit automatisch die Verantwortung zu, den Erhalt einer verwahrlosten städtischen Immobilie zu legitimieren – eine Aufgabe, der niemand auf dieser Bühne gerecht werden konnte. In diesem Zusammenhang erscheint es wie ein kleines Theaterwunder, mit welcher Unbekümmertheit, mit welcher Energie es die Schauspieler, Sänger und Bühnenmitarbeiter geschafft haben, hier an dieser Stelle 40 Premieren herauszubringen und über 400 Vorstellungen zu spielen.

Leider wurde in der Stadt viel zu viel über Schließung und Verfall eines Hauses diskutiert, und viel zu wenig über die Theaterkunst, die darin so vital stattfand. Die Arbeit des Ensembles hier glich in vielem einem Tanz in den Ruinen einer großen Vergangenheit. Das Schauspielhaus erschien vielen als ein mitten in der Stadt gestrandeter weißer Wal, unter dessen Bauch eine fahrende Schauspieltruppe ihre Zelte aufgeschlagen hat. Viele Zuschauer scheuten den Gang in ein Haus, das für sie mit persönlichen Erinnerungen verbunden war, zu schmerzlich die Gedanken an den vermeintlichen Niedergang ihrer Stadt, der mit dem Zustand des Hauses assoziiert wurde. Viel zu oft blieben hier im Saal viele Plätze leer, und erst in den letzten Monaten und Wochen hat das Ensemble hier auf dieser Bühne den Zuspruch bekommen, den es sich schon viel früher verdient hat. Immer wieder wurde versucht, diesen Umstand damit zu erklären, dass die Theatersprache dieses Ensembles zu modern sei für ein ältliches Wuppertaler Publikum, dessen Geschmack auf leichte Kost und affirmatives Geplänkel ausgerichtet sei. Dem ist zu entgegnen, dass das Publikum in dieser Stadt, also Sie, viel intelligenter und neugieriger ist, als mancher uns das einreden möchte. Der enorme Zuspruch des Publikums in diesen Tagen beweist das. Dieses Haus, genauso wie das Erbe Pina Bauschs, war und ist uns weiterhin eine Verpflichtung zu einem Theater, das Zeitgenossenschaft konsequent behauptet. Ab morgen werden wir an diesem Haus als Bürger dieser Stadt vorbeigehen. Vielleicht werden wir traurig sein über den Verlust, vielleicht wütend, vielleicht aber auch ebenso gleichgültig wie die Mehrheit der Menschen, die täglich hier vorbeikommen. Und vielleicht muss man den Gedanken einmal denken, dass das auch gut ist so. Theater ist Bewegung, und Bewegung bedeutet auch, von einem Ort zu anderen zu wechseln. Theater ohne Bewegung ist Stillstand, oder


mit Max Reinhardt gesprochen, das „allertraurigste Gewerbe“. Theaterleute sind es gewohnt, Arbeitsstätten zu wechseln, und regelmäßig ihre Arbeit an anderem Ort neu zu starten. Dieses Ensemble wird spätestens am Ende der nächsten Spielzeit die Stadt verlassen. Ein großer Teil wird auch schon in wenigen Wochen seine Zelte abbrechen. Für diese Schauspieler gibt es über den nächsten Sommer hinaus keine Perspektive in dieser Stadt. Die neue kleine Spielstätte werden andere Schauspieler, andere Regisseure einweihen. Trotzdem freuen wir uns auf eine ganz besondere Spielzeit, in der wir uns treu bleiben und Ihnen an vielen interessanten Orten in der Stadt, natürlich auch im Opernhaus, spannende Arbeiten zeigen werden.

Zuletzt möchte ich Sie schon jetzt bitten, meine Nachfolgerin bei ihrem Neustart in der Spielstätte im Engelshof durch regelmäßigen Besuch zu unterstützen. Dieses schöne, neue Haus liegt mir persönlich am Herzen, weil ich gemeinsam mit den Theaterfreunden und vielen anderen lange darum gekämpft habe. Quelle: www.nachtkritik.de

Der Wuppertaler Intendant Christian von Treskow hat diese Rede am Ende der letzten Vorstellung des Wuppertaler Schauspielhauses gehalten. Die große Bühne ist schon seit beinahe vier Jahren aus baupolizeilichen Gründen geschlossen. Mit Sondergenehmigung durfte nur noch im Foyer für etwa 130 Zuschauer gespielt werden. Am Sonntag, den 30. Juni 2013 nun ist die Geschichte des Schauspielhauses Wuppertal endgültig zuende gegangen. Zur Eröffnung des Hauses hatte am 14. Oktober 1966 der spätere Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll einst seine berühmte Wuppertaler Rede gehalten: Die Freiheit der Kunst.

Das Wuppertaler Schauspielhaus von der Wupper-Seite gesehen Foto: Bjørn Ueberholz

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Hermann Schulz zum 75. Geburtstag Ein Lehrer des rechten Umgangs zwischen den Völkern

Foto: Frank Becker

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Hermann Schulz ist kein Diplomat, Politiker oder Journalist, der kraft seines Amts oder Berufs zur internationalen Verständigung beigetragen hat. Er ist nicht in öffentlichem Auftrag tätig geworden. Er hat keine Schlagzeilen produziert. Sein Wirken ist leiser, aber tief gehend. Es sind seine Bücher, durch die er wirkt, Bücher, in denen er Begegnungen in Afrika, der Türkei, in Weißrussland eingefangen hat, und es ist seine Stimme, eine Stimme, der man glaubt, was sie vorträgt. Mit beiden, mit dem Einsatz seiner Stimme und den Büchern, hat er zahllose Hörer fasziniert, Jugendliche wie Erwachsene, hat er vor ihren Augen das Schicksal eines türkischen Migranten („Iskender“) wiederaufleben lassen oder den verzweifelten Versuch eines in Ostafrika tätigen Missionars, seine kleine kranke Tochter zu retten („Auf dem Strom“), und viele andere Schicksale.

Jedes Mal geht es im Kern um das Aufeinanderstoßen verschiedener Kulturen, der anatolischen auf die deutsche, der afrikanischen auf die europäische. Da wird nichts verwischt. Die Verschiedenartigkeit wird nicht aufgehoben. Aber da die Protagonisten seiner Romane die Sprache der Menschlichkeit sprechen, die der Fremde so gut spricht wie der Einheimische, gibt es Verstehen, Einfühlen, Mitleiden. Seine Geschichten führen nicht ins Reich der Fantasie, es sind realistische Erzählungen von Begebnissen, die jedermann zustoßen könnten. Leser und Zuhörer werden nicht entführt in erfundene Welten, sie bleiben auf dem Boden der Welt, wie sie ist. Schulz führt seine Leser und Zuhörer zur Begegnung mit dem Fremden. Das geschieht ganz ohne Belehrung, nur auf dem Wege der Erzählung von menschlichen Begebenheiten.


Die Faszination, die Schulz auf Jugendliche wie Erwachsene ausübt, hat sich herumgesprochen. Kaum eine Woche, in der er nicht ein oder mehrere Tage unterwegs ist auf Lesereisen, mal nach Rostock, mal nach Zürich oder Wien, aber auch in der sachsen-anhaltinischen Kleinstadt Senftleben hat er schon gelesen. Fast immer sind es Schulklassen, vor denen er liest. So hat er zahllosen Jugendlichen den fremden Mitmenschen nahe bringen können, nicht selten schmunzelnd, er hat ihnen gezeigt, wie kulturelle Verschiedenheit in Mitfühlen und Verstehen verwandelt werden kann. Weil er ja „nur“ erzählt, wirken seine Geschichten tiefer als unmittelbare Belehrung. Solche Arbeit für das Verstehen zwischen den Völkern wäre nicht möglich ohne intensive eigene Erfahrung, erworben auf zahlreichen Auslandsreisen, die stets reiche Ernten einbrachten, Entdeckungen wichtiger Künstler, lebenslange Freundschaften, Gründungen von Kulturmittelpunkten. Vielleicht war es der Geburtsort, der ihn immer wieder in die Ferne trieb. Und die bigotte Enge seiner Kindheit und Jugend. Am 21. Juli 1938 als Sohn eines evangelischen Missionars in Ostafrika geboren, verbrachte er seine Kindheit zunächst im Wendland, dann am Niederrhein − unter der Obhut der verwitweten Mutter, der Vater war schon 1939, gleich nach der Rückkehr aus Afrika, gestorben. Die Mutter war arm, lebte von Kostgängern. Da hat der Sohn früh arbeiten und durchhalten gelernt. Als Gedingeschlepper im Bergwerk, als Lehrling in einer Buchhandlung. Doch das enge Leben mit der Mutter und den Geschwistern ließ keinen Raum für seine Unruhe. Er nahm die erste Gelegenheit wahr, um auszubrechen. Noch bevor die ersten Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland kamen, fuhr er in die Gegenrichtung. In der Türkei arbeitete er wieder im Bergbau, dann an einem Gymnasium. An der Schule gab es nur ein einziges Buch für den Deutschunterricht. Er begann kleine Geschichten für die Lehrer aufzuschrei-

ben, Geschichten über das Land und die Leute, erste Regungen eines Schreibtalents. Vermutlich wäre er länger in der Türkei geblieben, hätte er nicht 1960 − während eines kurzen Besuchs in Deutschland − Mutter und Bruder schwer krank vorgefunden. Er suchte einen Arbeitsplatz in der Nähe und fand diesen bei Johannes Rau, der damals den Wuppertaler Jugenddienstverlag leitete. Als Rau 1967 ausschied, wurde Schulz Leiter des inzwischen in Peter Hammer Verlag umbenannten Verlags. Das politisch und konfessionell engagierte, interkulturelle Verlagsprogramm, das eine Plattform sein wollte für Autoren aus Afrika und Lateinamerika, erlebte seinen Höhepunkt mit dem Autor Ernesto Cardenal. So wie es selbstverständlich für ihn war, seine Autoren persönlich zu kennen, wollte Schulz auch Cardenal kennen lernen. Als er ihn 1967 in Nicaragua besuchte, begann nicht nur eine Freundschaft mit dem Dichter, sondern auch eine emotionale Beziehung zu dem Land. „Hermann Schulz verliebte sich so sehr in Nicaragua, dass er sich − sehr konsequent – auch in die Revolution verliebte. Seit dem ersten Aufstand, an dem wir Freunde von ihm teilgenommen hatten, ergriff er die Initiative und gründete Solidaritätskomitees in Deutschland“, schreibt Cardenal zum 70. Geburtstag von Hermann Schulz (SZ, 21. 7. 2008). Schulz erwiderte den Geburtstagsgruß, indem er die Laudatio hielt, als Cardenal 2010 in Wien das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse erhielt.

Kontinente, Vergeltung für die Verbrechen von millionenfacher Sklavenverschleppung, kolonialer Unterdrückung und wirtschaftlicher Ausplünderung zu suchen, sondern sich dieser Vergangenheit zu stellen, sie zu benennen, sie zu akzeptieren als Teil der gemeinsamen Geschichte – und Wege zu suchen, eine gemeinsame menschenwürdige Zukunft zu gestalten.“ Das Land seiner Geburt sieht Schulz erst 1976 wieder. Da ist er schon achtunddreißig und bereist Afrika auf der Suche nach neuen Autoren. Die Beziehung zu diesem Kontinent wird zum wichtigsten Bezugspunkt der Romane, die er von 2001 an, nach der Abgabe der Verlagsleitung, zu schreiben beginnt. Vielleicht sind es die in Afrika deutlicher noch als in Lateinamerika wahrnehmbaren Spuren der Kolonialzeit, die sein Schreiben antreiben, ohne dass sie selbst ausdrücklich zum Thema gemacht werden. Ein mindestens ebenso starker Motor ist aber die Freude an den Menschen dieses Erdteils. Die hinterließ zuletzt ihre heiteren Spuren in „Mandela & Nelson“, Band I und II, in denen eine afrikanische gegen eine deutsche Jugendmannschaft antritt, erst in Bagamoyo, Tansania, dann im Rückspiel in der Fußball-Hochburg Dortmund. Ein Stoff, so recht dazu geschaffen, um ganz nebenbei den rechten Umgang zwischen Einheimischen und Fremden erleben zu lassen. Wolf Christian von Wedel Parlow

Untergründig suchen beide Autoren nach Wegen des Umgangs mit den Verletzungen, die der lateinamerikanische Kontinent durch die westeuropäische Kolonisation erfuhr. Sie wissen, dass sich die Wunden nicht heilen lassen. Nur ihre Auswirkungen lassen sich begrenzen. „Er hat die Erniedrigten und Beleidigten, die Vergessenen und Schwachen in ihre Rechte gesetzt und ihnen Würde und Sprache zurückgegeben“, sagte Schulz in Wien über den Freund. Und er fährt fort: „Sein Werk ist aber kein Aufruf an die Völker der südlichen

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Süße Verführung Torten und Konfekt wie aus dem Himmel Und wachsen uns Flügel nach dem Tod So wollen wir euch besuchen Dort oben, und wir, wir essen mit euch Die seligsten Torten und Kuchen. (Heinrich Heine)

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Seit einem guten Dreivierteljahr ist Wuppertal, die mit einem ganz eigenwilligen Charme ausgestattete Metropole des Bergischen Landes, um eine kulinarische Attraktion reicher. In der Elberfelder Hochstraße Nr. 39 nämlich hat im August 2012 ein Café seine einladende Pforte geöffnet, das mit Überzeugung die besonders in Italien geschätzte Gastlichkeit der Slow-Food-Bewegung pflegt: „la petite confiserie“. Ein bißchen fühlt man sich beim Blick durch die großen Schaufenster angesichts der zierlich geschmiedeten Tische und Stühle an die zauberhaften Illustrationen Raymond Peynets erinnert, die in den Fünfziger Jahren sehr populär waren. Über dem unaufdringlichen Interieur, dem freigelegten alten Steinfußboden, den gewischten Wänden und der süßen Verführung der mit wahren Köstlichkeiten der Konditorkunst lockenden Auslagen der Kuchentheke schwebt duftende Leichtigkeit, die Atmosphäre im Café ist entspannt, beinahe sanft. Dafür sorgen mit freundlicher Hand die Chefin, Konditor-Meisterin Julia Bottler und ihre beiden charmanten Bedienungen Carima

Weinert und Bastienne Wienicke, die all die Köstlichkeiten auftischen. Kaffeeduft ab 7.00 Uhr Julia Bottler hat mit anpackender Initiative nicht nur das pittoreske Stadtviertel, sie hat zugleich das zunehmend am kulturellen Hungertuch knabbernde Wuppertal erheblich aufgewertet. Von den einst florierenden eleganten Cafés mit eigener Produktion sind nur ganz wenige exquisite Traditionsunternehmen übriggeblieben, nur gar zu selten kommt junges Engagement neu hinzu. Umso willkommener ist dem verwöhnten Gaumen ein solch schier himmlisches Angebot, wie es „la petite confiserie“ zu bieten hat. Während die Chefin in der offen einzusehenden Backstube werkelt, servieren Carima Weinert und Bastienne Wienicke den sichtlich erfreuten und ungeniert genußvoll seufzenden Gästen, von denen einige bereits Stammkunden geworden sind, die erlesenen, täglich frischen Produkte. Wir trafen z. B. den bekannten Jazz-Gitarristen Lutz Griebel an – er kommt gerne und regelmäßig: „Genau das hat hier bei


uns gefehlt. Es ist wunderbar!“ Bereits ab 7.00 Uhr zieht während der Woche Kaffee-Duft die Frühaufsteher an, die hier bis 10.00 Uhr ihr gemütliches Frühstück nehmen können. Viele Handwerker nutzen dieses Angebot zur ersten oder zweiten Pause. Nachzügler werden natürlich auch nach 10.00 Uhr nicht abgewiesen. Ab Zwölf kommen die Mittags-Gäste, zur klassischen Nachmittags-Kaffeezeit füllt sich das Café mit Torten-Genießern, und zwischendurch kommen Flaneure, Kunden, die für den Kaffeeklatsch zu Hause einkaufen oder für Hochzeiten, Firmen- oder Familienfeste Torten oder süße Büffets bestellen. Von der Pike auf Zum exquisiten Angebot gehören neben Torten und Pralinen auch andere Gaumenkitzler wie Marmeladen, Liköre, Essig, Öl, Chutneys, Relish und SalzMischungen – alles aus eigener Herstellung, versteht sich – und alles ohne Konservierungsstoffe oder vorgefertigte Backmischungen, dazu nur mit Azofreien Farben, wenn überhaupt. Apropos Backmischungen: die bietet Julia Bottler ihren Kunden wiederum aus eigener Produktion an, damit es leichter fällt, auch mal zu Hause wie in der „petite confiserie“ zu backen. Auf die Frage, ob es ein Limit der Angebotspalette gebe, schüttelt sie den Kopf: „Sagen Sie mir, welche Torten oder Kuchen Sie möchten und ich backe sie.“ Schließlich hat sie bei dem Barmer Traditions-Café Best von der Pike auf ihre Lehre gemacht, 2008 die Gesellenprüfung abgelegt und nach der Gesellenzeit bei Café Kirberg in Heidelberg an der Johannes-GutenbergMeisterschule im Februar 2012 ihren Konditor-Meisterbrief erworben. Nach Wuppertal kehrte die in Offenbach/M. geborene Hessin zurück, weil es ihr hier so gut gefällt, sie mittlerweile Weg und Steg kennt und nicht zuletzt durch ihr Studium der Wirtschaftwissenschaften, das sie zwischendurch an der Bergischen Universität absolviert hat, viele Freunde „im Tal“ gewann. Brownie-Cheesecake und Banaffee Täglich wechselt das Angebot in der Kuchentheke, doch haben sich schon ein paar besonders gefragte und eigene „Lieb-

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lingstorten“ aus der Fülle des Möglichen herausgemendelt. Gerne wird nach dem Brownie-Cheescake (eine Schicht Schokoladenteig mit einer Schicht lockerem Käsekuchen darüber), dem HimbeerWeiße-Trüffel (leichte Himbeercrème/ weiße Trüffel-Schokolade), den bunten Cup-Cakes und dem Triple-Chocolate (dunkle Schokolade/weiße Schokolade/ Vollmilchschokolade – eine mega-große Praline!) verlangt. Zu Julia Bottlers eigenen Favoriten gehören Banaffee (BananeKaramell-Sahne) und ihre wie auch alle ihre köstlichen Torten eigene Kreation: Salzkaramell-Pralinen. Die klassische Schwarzwälder Kirschtorte findet man wie auch schwere Buttercreme-Torten eher nicht. „Aber selbstverständlich kann ich auch die und alles kann bestellt werden.“ Bestellt wird z. B. vom Kulturcafé „Kontakthof“ in der Genügsamkeitsstraße, dessen Inhaber Oliver Brick für seine Gäste nur das Beste akzeptiert und auf die Torten aus „la petite confiserie“ schwört. Der Selbstversuch überzeugt, schließlich kam der Genüssen nicht abgeneigte Autor dieser Hymne bei einem Besuch des „Kontakthof“ durch den dort angebotenen Brownie-Cheescake auf die süße Spur und auch Johanna Michalik und Greta Schäfer sind nicht zum ersten und gewiß nicht zum letzten Mal in dieses traumhafte Tortenparadies eingekehrt. Um 18.00 Uhr schließt Julia Bottler die Tür, denn auch Einkauf, Buchführung, Wäsche etc. müssen ja noch erledigt werden. Samstags ist „la petite confiserie“ von 10-18 Uhr für ihre Kunden geöffnet, Sonntag von 12-18 Uhr. Man muß also an keinem Tag auf die Spezialitäten des Hauses verzichten. „Ein süßer Trost ist ihm geblieben …“ Friedrich Schiller, Das Lied von der Glocke „la petite confiserie“ – Hochstraße 39, 42105 Wuppertal – Tel. 0202-97370398 www.facebook.de/Lapetite.Confiserie Informationen über Wuppertal: www.wuppertal.de/ Frank Becker Fotos: Frank Becker

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Szenen einer Patchworkfamilie Sicht der Kinder

Safeta Obhodjas

Sarah war einmal mit Adam verheiratet, dem Gründer einer florierenden Firma im Bereich Architektur. Viele Jahre blieb diese Ehe stabil, obwohl die Trennungen in ihren Familien- und Freundeskreisen dramatisch oft vorkamen. Irgendwann, als ihre gemeinsame Tochter Marie das Teenie-Alter erreicht hatte, stellten Sarah und Adam plötzlich fest, ihre Probleme jahrelang unter den Teppich gekehrt zu haben. Wir haben uns auseinander gelebt, mit diesem Satz besiegelten sie ihre Scheidung. Kaum ein Jahr später lebte Adam mit Dagmar, einer Bankangestellten, zusammen. Vom Typ her galt er als Alphatier, mit ausgeprägtem Familiensinn. Er war fest überzeugt, dass er beide Mädchen, seine eigene Tochter Marie und Dagmars Tochter Magdalena, Lena genannt, gleichberechtigt behandelte. Ihm zu Liebe wollte Lena Architektur studieren, und mit ihm später alte Villen renovieren. Ihr leiblicher Vater Jan, der, wie er behauptete, dick im Filmgeschäft war, hatte keinen Grund sich

zu beklagen, weil Lena auch ihn innig liebte. Manchmal gaben er und seine neue Partnerin, die Schauspielerin Ezra, eine gute Figur auf den Seiten der Illustrierten ab. Es wurde ihnen eine gewisse Prominenz nachgesagt. Das verliebte Paar war oft zu Gast in Adams Villa, besonders wenn sein Kühlschrank zuhause leer war. Köstlich fanden sie sowohl Dagmars Gerichte wie auch die Weine und die Käseplatten des Gastgebers. ,Eine Patchworkfamilie wie aus einem Bilderbuch‘, behauptete Adam, der ein Herz für hungrige Künstler hatte. ,Wie aus einem Bilderbuch der Heuchelei‘, dachte Marie, seine leibliche Tochter. Maries Mutter Sarah gab sich Mühe, bei dem Treffen nett zu ihrem Ex und seiner neuen Familie zu sein. Im Hintergrund aber schärfte sie ihrer Tochter ein, von Adam mehr Geld zu verlangen. ,Mein Sonnenschein, es ist ja ungerecht, dass Dagmars missratene Tochter mehr bekommt, als du, sein eigenes Kind. Du

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musst kämpfen, du musst mehr verlangen. Sei nicht so bescheiden! Hier ist die Liste mit deinen Prioritäten. Ganz oben stehen: Eine Zusatzversicherung für uns beide und ein Skiurlaub, offiziell nur für dich...‘ Marie war es peinlich, mit ihrem Vater ständig über Geld zu reden. Ihre Rivalin Lena hatte aber keine Skrupel und ließ sich gerne beschenken. „Mein Papi in Köln, mein Daddy in Wuppertal. Papi... Daddy...“ Lena flatterte und zwitscherte durchs Wohnzimmer, während sie von ihrem Wunschzettel ablas: Abendrobe, Pumps, Schmuck. Nur schön gestylt konnte sie mit ihren Kölner Eltern über den roten Teppich flanieren. Marie beobachtete diese Szene aus dem Esszimmer und fühlte sich fremd im Haus ihres Vaters wie nie zuvor. Die Stieftochter umarmte Adam und klickte die Homepage einer Designermarke an, um ihm das erträumte Outfit zu zeigen. Adam zögerte nicht, ihr seine Kreditkarte zur Verfügung zu stellen. Seine modebewusste Tochter durfte bestellen, was sie sich wünschte. „Danke, Daddy, danke! Du bist mein Retter!“ Mit ihrem Handy machte Marie mehrere Aufnahmen ihrer Umarmung. Sie war fest entschlossen, schon an diesem Abend ihren Vater zur Rede zu stellen. Dazu schrieb sie alle Geschenke auf, die Lena von ihm in letzter Zeit bekommen hatte. Wut und Hass kochten in ihr auf. ,Meine Zahnspange war ihm zu teuer. Für sie aber gibt er ein Vermögen aus. Sie hat kein Recht, mir meinen Vater wegzunehmen!‘ „Magdalena, sei bitte nicht albern. Mein Kind, warum lässt du dich von diesem Schein verblenden?“, mischte sich Dagmar auf dem Weg zur Küche ein, wo sie fürs Abendessen einen Auflauf zubereiten wollte. ,In der Nacht werde ich ihr die Mähne abrasieren‘, dachte Marie bebend vor Wut. ,Tief aufatmen, in jeder Situation cool bleiben‘, erinnerte sie sich an die Tipps ihres besten Freundes Lorenz. ,Greif sie nie offen an! Warte auf deine Chance, heimlich zurückzuzahlen.‘ Lorenz konnte sie vertrauen, weil er wusste, wovon er redete. Seit einigen Jahren wohnte er mit einer chaotischen Stiefmutter und ihren zwei „Tussi-Töchtern“ unter einem Dach. ,Ich muss ihn fragen, wie ich mich heimlich rächen kann‘, dachte sie.

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Auf ihrem Handy fand sie eine SMS ihrer Mutter, gelandet vor einer Stunde: ,Hast du schon etwas erreicht? Mach endlich deinen Mund auf, sonst nehmen sie uns alles weg. LG von meinen Bridge-Freundinnen.‘ Dagmar bat Marie, ihr in der Küche zu helfen. Wieder wollte sie ein drei GängeMenü auftischen. Sie hatte noch ihren Bruder zum Abendessen eingeladen. Marie kochte manchmal mit, weil sie das Hantieren mit Zutaten und Küchenzeug interessant fand. Während sie mit ihrer Stiefmutter die Kochtöpfe vorbereitete, pendelte Lena zwischen der Küche und dem Wohnzimmer hin und her und übte das Flanieren über den roten Teppich, wobei sie ihre Stiefmutter Ezra nachahmte. Die Schauspielerin wurde in diesem Jahr ausgezeichnet, und zwar für die Rolle einer emanzipierten Deutsch-Türkin in einer TV-Produktion. Promi-Mama hatte vor, sich mit ,ihrer großen Tochter‘ bei der Preisverleihung in Szene zu setzen. „Noch ein PR-Hirngespinst ihrer Agentin: Mamas mit Kids, egal ob groß oder klein, ziehen Kameras der Paparazzi an. Ezra hat aber panische Angst vor einer Schwangerschaft, weil sie ihren Alabasterkörper ruinieren könnte. Lieber schmückt sie sich mit fremden Federn. Ich muss dieser Diva klar machen: Finger weg von meiner Tochter.“ Die sonst so ruhige Dagmar tobte. „Musst du mir alles kaputt machen“, schimpfte Lena im Wohnzimmer. „Marie, glaub mir, all das ist nur eine Scheinwelt ihres realitätsfremden Vaters. Ihre Fummel können sie sich nicht einmal leisten. Immer noch sitze ich auf einem Schuldenberg seines Luftschlosses. Zwei gefloppte Filme, das ist alles, was er bis jetzt produziert hat.“ „Mama, kannst du nicht endlich eine andere CD auflegen?“ „Dagmar, Schluss damit! Lass unsere Tochter auf diesem roten Teppich glänzen. Ich habe dafür bezahlt,“ Adam war Großzügigkeit in Person. Marie schaute ihren Vater an und schrie: „Aber Papa, ich bin deine Tochter, nicht dieses Luder.“ „Ja, Marie, du bist auch unsere Tochter. Warte, bitte...“ Dagmar bat sie zu bleiben. Vergeblich. Sie fuhr zurück ins leere Haus ihrer Mut-

ter, die an diesem Wochenende an einem Bridge-Turnier teilnahm. Ihrem besten Freund Lorenz schickte sie eine SMS: ,Sie hat mir alles weggenommen. Ich will mich rächen. Kannst du mir bitte helfen?‘ Schon am Montag traf sie Lorenz in einem Café, in dem sie sonst ihren Frust über das Leben in einer Patchworkfamilie austauschten. Er war gut gelaunt, weil seine stille Rache am Wochenende so gut funktioniert hatte. Die Partnerin seines Vaters und ihre Töchter hatten am Samstag wieder eine Kaufsuchtattacke gehabt. Drei volle Tüten: Kosmetik, Parfüms und Klamotten, schleppten sie nachhause mit. Während sie durch Telefonate abgelenkt waren, versteckte er ihre Sachen. „Zuhause tobt jetzt eine Suchaktion. Sie wissen, dass das Verschwinden ihrer Beute etwas mit mir zu tun hat, aber sie dürfen mich nicht direkt anschuldigen. Dann bekommen sie Ärger mit meinem Vater.“ „Du machst das wunderbar! Lorenz, ich will auch dieser Diebin wehtun. Hilf mir bitte. Sie hat mir meinen Vater weggenommen“, vertraute sie sich ihrem Freund an und schilderte, was sie am Wochenende erlebt hatte. Als Beweis für Lenas Hinterlist zeigte sie ihm die Aufnahmen auf ihrem Handy. Eine Weile betrachtete er die Fotos und lächelte süffisant, wie immer, wenn er etwas im Schilde führte. „Damit kannst du deine Feindin platt machen.“ „Das will ich auch. Sie hat das verdient!“ „Dann gut. Nie wieder wird sie sich an diesen alten Sack heranmachen.“ „Das ist kein alter Sack, das ist mein Vater und ich möchte ihn zurück haben.“ „Und du willst nicht, dass sie deine Kohle abkassiert, nicht wahr?“ „Ich will nicht, dass sie meinen Vater ausraubt,“ flüsterte Marie verzweifelt. Einige Tage später bekam sie eine SMS von Dagmar. Die Stiefmutter lud sie zu einem Ausflug ein, am nächsten Wochenende, wenn Lena bei den Promis in Köln sein würde. Marie ignorierte ihre Einladung. Kurz danach erhielt sie Lorenzs Meisterwerk. Zuerst konnte sie den eigenen Augen nicht glauben. Ihre harmlosen Fotos hatte er in mehrere echte Knaller verwandelt. Im Halbdunkel eines Erotik-Clubs waren


eine halbnackte Lena und Maries Vater zu sehen, Lenas Arme mit einem Tattoo um Adams Hals. Seine graue Hausweste war durch ein blaues Hemd mit einer lockeren Fliege ersetzt. ,Lena wird sich freuen, so einen prallen Busen zu haben. Silikon pur‘, lachte Marie wie verrückt. „Was soll ich jetzt damit machen?“ schrieb sie dem Foto-Künstler zurück. „Ich kenne die Adresse einer Clique in Lenas Schule, die deine Feindin hochnäsig findet. Ich schlage vor, die Fotos an ihre Adresse zu schicken, und zwar aus einem Internetcafé. Sie erledigen dann den Rest für uns. Ob wir später erwischt werden oder nicht, soll uns egal sein. Bist du bereit?“ ,Ja, ich bin bereit. Das muss vor der Glamour-Party in Köln geschehen‘, dachte sie und malte sich das Einschlagen ihrer Bombe aus. Im Promi-Rausch stöckelt Magdalena durch die Klasse, und zeigt jedem, der das sehen will, die Fotos mit ihrer berühmten Stiefmutter auf der Bühne. Aber die Schulkameraden haben bereits Lenas Bilder aus einem Erotik-Club auf ihren Handys. ,Ich will sie bloßstellen. Das hat sie verdient!‘ In dem Moment als sie ihre Zustimmung tippen wollte, klingelte das Handy neben ihrer Hand. ,Marie, ich warte auf deine Antwort. Wir können...“ ,Diese Klette nervt! Warum drängt sie mir ihre Freundschaft auf. Wir haben nur gemeinsam gekocht, nichts weiter. Sie hat ihre gestylte Magdalena.‘ Marie blätterte noch einmal die manipulierten Bilder durch. ,Meine Rache wird aber auch Dagmar treffen!‘, besann sie sich plötzlich. Nach einem langen Grübeln schrieb sie Lorenz zurück: „Ich kann mich nicht so schnell entscheiden. Ich muss es mir noch überlegen.“

Neue Postkartenserie zu Wuppertal jetzt im Buchhandel 15 Aussagen und Fotos zur Stadt Bekannte Persönlichkeiten äußern sich zu Wuppertal. Hochwertige Postkartenserie mit Fotografien von Björn Ueberholz und Porträts von Andreas Noßmann.

Mit Texten von: Pina Bau

sch, (19

Pina Bausch

40 – 200

9)

Jean Cocteau

Wuppert al keine So ist eine Alltag sstadt, nntagss Das ist tadt. wichtig für unse Arbeit. re

Kasimir Edschmid Friedrich Engels Franz Emanuel Geibel Johann Wolfg. von Goethe Günter Grass Günter Grass (geb. 1927)

Hermann Hesse Else Lasker-Schüler

Und das, Kinder, bringe ich aus Wuppertal mit, wo die Schwebebahn eine Vielzahl wundergläubiger Sekten unfallfrei verbindet.

Gerhard Nebel Jonannes Rau Wilhelm Heinrich Riel Joachim Ringelnatz

Else Lasker-Schüler (1869

Robert Wolfgang Schnell

– 1945)

Tom Tykwer

Den Atem mussten wir einhalten, kamen wir an den chemischen Fabriken vorbei, allerlei scharfe e Arzeneien und Farbstoff färben die Wasser, eine Sauce für den Teufel.

Format: 21 x 10,5 cm, per Stück 1,20 Euro.

Johannes Rau (1931

– 2006)

der Bindestrich Wuppertal ist estfalen. von Nordrhein-W

Friedrich Engels (1820 –

1895)

Der schmale Fluß ergießt bald rasch, bald stockend seine purpurnen Wogen zwischen rauchigen Fabrikgebäuden und garnbede ckten Bleichen hindurch.

Tom Tykwer

(* 23. Mai 1965)

teckt sich Wuppertal vers und pflegt seine in einem Tal Die Kulisse Geheimnisse. ln mit ihren Hüge dieser Stadt, en steilen Straß und Treppen, immenden und dem best erinnert mich Verkehrsband . cisco an San Fran

Safeta Obhodjas

Wuppertaler Ansichten 15 Aussagen und Fotos zur Stadt

15 Karten im Schuber: Verlag HP Nacke ISBN 978-3-942043-95-3 Preis 14,80 Euro

Über diese Stadt wurde viel geschrieben. Fertig geworden ist keiner mit ihr. (Lisa Kristwaldt)

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Ein Spiel, das manches „nicht ist“ Gedanken über weite Entfernungen. Eine Kontaktaufnahme vom büro für zeit + raum. Uraufführung Inszenierung: Anne Hirth und Christian Kesten Musikalische Leitung: Christian Kesten Bühne und Kostüme: Alexandra Süßmilch Lichtdesign: Arnaud Poumarat Dramaturgie: Johannes Blum – Oliver Held Besetzung: Irena Tomaži – Ivan Fatjo – Ariel Garcia – Gregor Henze – Gregory Stauffer Fotos: Tom Buber

Ariel Garcia, Gregory Stauffer, Irena Tomažin, Ivan Fatjo, Gregor Henze

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Eine Grundannahme, der kein Theaterfreund widersprechen würde, ist, dass eine Theateraufführung vom Zusammenspiel lebt. Eine andere, verwandte heißt: „Zwei Aufführungen desselben Stücks sind nie genau gleich.“ Beides sind für den Zuschauer wirklich vor allem Annahmen – denn wie soll er sie wahrnehmen? So recht auffallen werden ihm diese Regeln wahrscheinlich vor allem, wenn etwas schiefläuft. „Gedanken über weite Entfernungen“ ist so gesehen und kühl gesagt: Lernobjekt. Das Performanceprojekt der Theatermacherin Anne Hirth vom Berliner „büro für zeit+raum“ zusammen mit Christian Kesten führt im Kleinen Schauspielhaus Prozesse vor, die beim Theater ständig stattfinden sollten – bloß dass sie sonst unauffällig bleiben. Das gilt für Prozesse vor wie auch hinter den Kulissen: Einerseits zeigt der Abend ein Grundmuster, das beim Spielen die Handlung von Stücken bildet, nämlich „Aktion und Reaktion“. Und andererseits zeigt es das Training für derlei Bühnen-Austausch, wie man es abseits auf der Probe betreibt. Das könnte alles trocken und kompliziert ankommen beim Publikum – so wie dieser Text es für den Leser möglicherweise tut. Die Zuschauer zumindest am Premieren-

abend waren aber vorgewarnt: Nicht die Regisseurin zwar, aber Dramaturg Johannes Blum führte in Anliegen und Arbeitsweise von Anne Hirth ein, die nicht im üblichen Sinne Stücke inszeniert. Nicht erwarten sollten die Besucher von der bevorstehenden Uraufführung außerdem Figurenrollen der einzelnen Schauspieler, einen fertigen Text und noch einiges mehr. Sodass die Frage einer zuhörenden Teilnehmerin nahelag: „Was denn dann?“ Bei der Aufführung, einem ganz ungewöhnlichen Erlebnis, wurde klar: Stimmt, das alles ist „Gedanken über weite Entfernungen“ nicht, und diese Offenheit läßt ja manches hoffen. Es gibt allerdings noch mehr, das es nicht ist. Nicht ist es zum Beispiel das gesammelte Ergebnis seiner acht Vorläufer. Soll heißen: Lange bevor die eigentlichen Proben hin zur Premiere begannen, hatten Hirth und ihre Mitstreiter in lockerer Folge zu ganz unterschiedlichen Terminen namens „morsen eins bis acht“ eingeladen – außer im Schauspielhaus auch im „Kunstraum Olga“ in der Elberfelder Nordstadt und anderswo. Was dort zusammengetragen wurde an Eindrücken und Assoziationen – wer nach dieser Vorbereitung für die abschließende Produktion ein Feuerwerk an Einfällen zum Thema


„Fernkommunikation“ erwartet hätte, wäre nun enttäuscht gewesen. Das macht nichts, denn dass heute sehr wenig geknallt wird, ist zweifellos eine Qualität des Abends. Was „Gedanken über weite Entfernungen“ ist, endlich: Das sind Spielarten von Kommunikationsprozessen. Diese Prozesse finden ganz offensichtlich vor aller Augen auch statt und sind nicht nur Thema. Voller Improvisationsanteile, also jeden Abend anders und daher ganz logisch auch Anlaß für Spontaneität und das besagte Zusammenspiel. Konkret! Zu Beginn sitzen die fünf Schauspieler frontal zum Publikum – ohne ein Wort, ohne eine Miene. Man erlebt: Stille. Dann beginnen sie zwar zu sprechen, aber es sind noch Sätze ohne Zusammenhang untereinander: „I fear to become old and weak“ zum Beispiel oder „I feel the strong sensation of being connected with everybody in the audience.“ Mit Kommunikation geht es spät los, und dann ist es die spezielle Form, dass einer eine Anfrage stellt und der andere sie befolgt oder zurückweist. „Could you walk towards me, very fast?“, heißt es. Gregor Henze, einziges Wuppertaler Ensemblemitglied heute und mit verbundenen Augen, stimmt zu, zögert aber (wohl wirklich verunsichert), stürmt schließlich doch blind los („Trust me!“), wird aufgefangen, hört: „Thank you.“ Eine andere will ein albernes Lied hören, einer pfeift es ihr. „Thank you.“ Letzte Stufen der Kommunikation, jedenfalls für diesen Abend: A dirigiert B, und: A redet B redet C redet D redet E. Sehr selektiv und auch nicht unbedingt ausgewogen erscheint diese Auswahl. Was der Besucher abschließend nicht recht wiederfand in „Gedanken über weite Entfernungen“: Das war der poetisch-triste Grundton, wie er in der „morsen“-Reihe angeklungen war. „Da ist ein Glaskasten wo Leute drin sprechen“, hatte es in einem Text auf der eigenen „morsen“-Homepage geheißen, und weiter: „du denkst / ich hör sie nicht wegen der Scheibe / aber wenn sie aufgeht hörst du / immer noch nichts.“ Nur der Glaskasten ist auch auf der Bühne da. Ansonsten bleibt der Abend lebendes Lernobjekt – für Aktion und Reaktion, für Vertrauensübungen und was sonst noch passiert beim Theater.

Gregory Stauffer, Irena Tomažin

Artemide präsentiert IN-EI ISSEY MIYAKE Konzeption und Technologie der neuartigen Leuchten für Artemide gehen dabei auf das im Jahre 2010 vom Miyake Design Studio Reality Lab.) entwickelte Projekt „132 5. ISSEY MIYAKE“ zurück. Dieses Projekt bezeichnet eines auf 3D-Geometrie basierenden Mathematikprogramms zur Herstellung von Kleidung. Das Ergebnis ist ein Kleidungsstück aus einem Stück Stoff, das sowohl flach gefaltet werden kann – als auch dreidimensionale Formen annehmen kann. Der Kern des Projekts ist ein vollkommen aus recycelten Materialien hergestelltes Gewebe, das das Licht auf sehr interessante Weise streut. Es handelt sich um eine Faser, die durch die Verarbeitung von PETFlaschen gewonnen wird. Die Flaschen werden dafür mittels einer innovativen Technik verarbeitet, die den Energieverbrauch und die CO2-Emissionen im Vergleich zur Produktion neuer Materialien um bis zu 40 % reduziert. Artemide belebt diese nachhaltigen Artefakte anschließend mit neuester LED-Technologie. Die Leuchtenkollektion IN-EI ISSEY MIYAKE umfasst Steh-, Tisch- und Pendelleuchten.

Frank Marschang e.K., Karlstrasse 37, 42105 Wuppertal Tel 0202-24 43 440, www.lichtbogen-wuppertal.de Di – Fr 10 –18 Uhr und 14 –18.30 Uhr, Sa 11–16 Uhr

Martin Hagemeyer

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Zwischen Himmel und Erde Barbara Neusel-Munkenbeck: ein Portrait

Barbara Neusel-Munkenbeck

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Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie an einen Bestatter denken. Ich jedenfalls sehe dann vor meinem geistigen Auge jenen dürren und an Krähen gemahnenden Archetypen vor mir, der in Fred Zinnemans Kultwestern „High Noon – Zwölf Uhr Mittags“ gleichzeitig Barbier und Bestatter ist. Als Marshall Will Kane kurz vor dem entscheidenden Kampf mit den vier Banditen den Friseurladen des kleinen Nestes betritt, um sich rasieren und für das vermeintlich letzte Gefecht frisch machen zu lassen, nagelt bereits ein Angestellter den Sarg für den Marshall zusammen. In einem seltenen Anfall scheinbarer Einfühlsamkeit befiehlt der Barbier seinem Angestellten, während der Rasur mit dem Hämmern aufzuhören: der Bestatter als Augur und Profiteur des Todes. Tragischer Weise gehen wir häufig solchen inneren Bildern auf den Leim, denn Klischees spuken in unseren Köpfen und treiben dort ihr Unwesen. Doch glücklicherweise sind unsere Sinne und unser Verstand unsere besten Verbündeten, um uns von der Macht der Vorurteile zu befreien. Barbara Neusel-Munkenbeck ist Bestatterin, aber sie ist keine Krähe. Vor mir steht eine attraktive Frau: kraftvoller

Handdruck, große blau-grüne Augen, die mich offen und verbindlich anschauen. Sie strahlt menschliche Wärme aus und die Kraft und Energie einer Macherin. Ich spüre, hier ist ein Mensch, der weiß, was er tut. Wäre ich ihr nicht in ihrem Unternehmen, sondern an einem anderen, zufälligen Ort begegnet, beispielsweise in einem Café, auf dem Sportplatz oder in der Oper, so wäre wohl mein letzter Gedanke gewesen, dass ich hier einer Bestatterin begegne. Freundlich und ungekünstelt, vor allem aber dem Leben zugewandt, so erlebe ich sie während unserer zweistündigen Begegnung. Doch je länger wir uns unterhalten, umso mehr wird mir bewusst, wie gut dieser Beruf zu Barbara Neusel-Munkenbeck passt. Denn hinter der gewandten Leichtigkeit einer sehr selbstsicheren Persönlichkeit steckt eine große Ernsthaftigkeit. Und genau dieser Mix prädestiniert sie für ihren Beruf. Weit entfernt davon als Frau, die ihr Leben lang Sport betrieben hat, rubenssche Ausmaße zu haben, erinnert sie mich doch an das Lebensgefühl des Barocks, für den die stete Erinnerung an die Vergänglichkeit allen Lebens und die sinnliche Lebensfreude die beiden Seiten ein und derselben Medaille sind.


Doch beginnen wir mit dem Beginn. Barbara Neusel-Munkenbeck wird 1958 als zweites von zwei Kindern geboren. Ihr Vater führt bereits in der siebten Generation ein Bestattungsunternehmen. Dass Barbara einmal das Unternehmen ihres Vaters weiterführen wird, mag in den Sternen gestanden haben. Aber was in den Sternen steht, dafür interessiert sich das Mädchen Barbara einstweilen nicht. Zunächst ist da das große Interesse am Sport. „Der Sport spielte und spielt in meinem Leben eine ganz große Rolle“, erzählt Barbara Neusel-Munkenbeck. Schon als Jugendliche wird man auf ihr Talent als Leichtathletin aufmerksam. Sie betreibt Mehrkampf, die Sprintstrecken liegen ihr besonders. Schon bald gehört sie in diesen Disziplinen zu den hoffnungsvollen Jugend-Talenten in Deutschland. Verletzungen werfen sie zurück, der Anschluss an die nationale Spitze will nicht mehr gelingen. Es ist bezeichnend für Barbara Neusel-Munkenbeck, dass sie auf diese Zeit nicht mit dem Blick im Zorn zurückblickt. „Für mich stand ohnehin immer die Freude an der Bewegung im Mittelpunkt. Wenn ich heute laufe oder jogge, spüre ich, wie ab einem be-

stimmten Punkt, dass Adrenalin in mein Blut schießt. Dann bin ich glücklich.“ Ihr sportliches Talent soll ihr auch den beruflichen Weg weisen. Sie studiert in Bonn Sport und Textilgestaltung auf Lehramt. „Das zweite Fach, das ich studiert habe – Textilgestaltung – hat viel mit meiner zweiten Leidenschaft zu tun. Ich liebe es, meine Umgebung ästhetisch zu gestalten. Wenn ich durch Räume gehe und dann das Gefühl habe, dass etwas nicht am genau rechten Platz steht, dann rücke ich es zurecht.“ Die Neigung zur schönen Gestaltung zeigt sich auch in ihrem Arbeitszimmer, in dem Skulpturen und Bilder afrikanischer Künstler eine angenehme Atmosphäre schaffen. Für eine kurze Zeit leitet sie gemeinsam mit ihren Eltern den Betrieb. Erst als ihr Vater stirbt und ihre Mutter fünf Jahre später in den Ruhestand geht, ist sie bereit das Unternehmen – nun in achter Generation – zu übernehmen. „Mein Bruder hat sich sozusagen für die andere Seite entschieden; er ist leidenschaftlicher Mediziner“. Obwohl sie nicht in „einer Art Zweigenerationen-Modell“ mit ihrem Vater zusammenarbeiten wollte, ist sie ihm

und ihrer Familie sehr dankbar für alles, was ihr mit auf den Weg gegeben wurde. „Für meinen Vater spielte Bildung eine große Rolle. Er interessierte sich besonders für Geschichte. Sonntags hat er uns an viele Orte in Wuppertal und Umgebung geführt und uns die Geschichten zu diesen Stätten erzählt. So bin ich meiner Heimat bis heute eng verbunden.“ Wenn sie über Wuppertal erzählt, beginnen ihre Augen zu leuchten. „Wuppertal ist eine schöne, ja eine wunderbare Stadt. Sie hat große architektonische und landschaftliche Reize und vor allem eine sehr lebendige Kulturszene. Es ist schade, dass viele Wuppertaler ihre Stadt nicht so schätzen, wie sie es verdient hätte.“ Dem Sport war und ist Barbara NeuselMunkenbeck – trotz ihrer zeitintensiven Arbeit – als Managerin und Funktionärin verbunden. Alles begann, als Dr. Wilfried Penner, von 1985 bis 1991 stellvertretender Vorsitzender der SPDBundestagsfraktion und Vorsitzender des Fraktionsarbeitskreises Inneres, Bildung und Sport, sie ermutigte, sich auf diesem Gebiet zu engagieren. Sie folgte diesem Das Neusel-Team

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Die jährliche Gedenkveranstaltung „Trösten und Erinnern"

Ruf und engagiert sich im Stadtsportbund als Frauenwartin. Beim traditionsreichen Barmer TV, der auf eine stolze 167 Jahre währende Geschichte und die glorreichen goldenen Jahre in der Leichtathletik zurückblicken kann, avanciert Barbara Neusel-Munkenbeck 2001 dann zur ersten Vorsitzenden. Vier Jahre lang führte sie den Traditionsclub. „Da sind Management-Qualitäten, Kommunikationsfähigkeit und Einfühlungsvermögen gefragt.“ Eigenschaften, die sie auch bereit ist für einen weiteren traditionsreichen Verein, den angeschlagenen Wuppertaler SV, in die Waagschale zu werfen. Gemeinsam mit anderen engagierten Menschen gründet sie eine Initiative, die Konzepte entwickeln, wie der Verein aus der sportlichen und finanziellen Krise geführt werden kann. Eine kurze Weile wird sie als mögliche Nachfolgerin des Vereinsvorsitzenden und Patriarchen Friedhelm Runge gehandelt. Doch der wiegelt das Konzept in gewohnt selbstherrlicher Art ab. Frustriert ist sie dennoch nicht. „Nach dem Rücktritt Runges braucht der Verein einen glaubwürdigen Neuanfang. Jede Krise ist immer auch eine Chance und die Initiative 2.0 kann den Verein in eine neue bessere Zukunft führen.“ Ihr gesellschaftliches Engagement ist bis heute ungebremst. Sie setzt sich für Radio Wuppertal ein, arbeitete 1996/97 in der Programm-Kommission des Lokalsenders mit, und war im Vorstand der Veranstalter-Gemeinschaft tätig. Heute freut sie sich darüber, „dass unser Lokalradio in

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Wuppertal von allen Sendern die meisten Menschen erreicht.“ Aber ihren kritischen Blick auf das Programm verstellt das nicht: „Wünschenswert wäre, dass die Moderatoren stärker lokal verortet wären. Und Kultur könnte für meinen Geschmack einen höheren Stellenwert bei der Berichterstattung haben. Allerdings hat Chefredakteur Georg Rose sehr engagierte Beiträge zur Situation des Theaters in Wuppertal gebracht.“ Engagements für Sportvereine und das Lokalradio, Wahrnehmung von Management- und Leitungsfunktionen: Da entsteht fast naturgegeben das Bild einer Power-Frau und Society-Lady. Aber dies ist nur die eine Seite der Persönlichkeit Barbara Neusel-Munkenbecks. „Mein Beruf als Bestatterin erdet mich. Der Tod ist der größte Gleichmacher. In unseren Räumlichkeiten ruhen Menschen aus allen Berufen, aus allen Schichten. Große Künstler wie Pina Bausch, bedeutende Stadt-Politiker und eben auch Obdachlose. Wenn man beruflich so viel mit dem Tod zu tun hat, wird man zwangsläufig bescheiden.“ Obwohl der Umgang mit dem Tod und der Trauer der Angehörigen in gewisser Weise zur Routine wird, ja sogar werden muss, gibt es doch immer wieder Situationen, die Barbara Neusel-Munkenbeck ebenso rühren wie die übrigen Mitarbeiter ihres Teams. „Für mich ist es besonders schlimm, wenn ein Kind stirbt und ich die Trauer und den Schmerz der Eltern wahrnehme.“ In diesen Situationen kann es ihr – wie auch ihren Mitarbeitern

geschehen, „dass auch wir weinen.“ Für sie und ihr Team ist es aber in jedem Falle wichtig, Vertrauen zu den Hinterbliebenen aufzubauen. „Das gilt auch für unsere Zusammenarbeit im Team. Nur wenn wir vertrauensvoll, ja familiär zusammenarbeiten, kann ich mich wohl fühlen und wir leisten gemeinsam gute Arbeit.“ Die Trauerarbeit ist für Barbara NeuselMunkenbeck ein wichtiges Anliegen ihrer Arbeit als Bestatterin. „Gerade in einer Zeit, in der der Tod immer mehr tabuisiert wird, in der immer mehr Menschen sich von der Religion abwenden und ihnen dann die Rituale zum Abschiednehmen fehlen, geht es in meinem Beruf um weit mehr als um Überführungen, die Übernahme von formalen Dingen und Beerdigungen. Wir sind auch Begleiter in der Trauer, Partner der Hinterlassen den in schwerer Zeit.“ Rituale sind für sie eine „Art Geländer, an dem man sich beim Gehen auf einem schweren Weg festhalten kann“. Daher arbeitet Barbara NeuselMunkenbeck mit einem Pfarrer im Ruhestand als Seelsorger und Trauerbegleiter zusammen. Und sie hat das Trostkonzert entwickelt, bei dem einmal im Jahr alle Angehörigen der Verstorbenen zusammen kommen können, um sich noch einmal an ihre Hinterbliebenen zu erinnern und die Trauer mit anderen teilen zu können. „Häufig erhalten wir handgeschriebene Briefe der Angehörigen, in denen sie sich für die Begleitung in einer für sie ungemein schweren Zeit bedanken. Solche Briefe kann man sich ja auch gar nicht als E-Mail denken“, sagt Barbara NeuselMunkenbeck. Es scheint, als ob mehr vielleicht als aus ihrem gesellschaftlichen Engagement Barbara Neusel-Munkenbeck die Erfahrung von sinnhaftem Leben aus solchen Momenten schöpft: „Wenn wir unser Leben nicht nur auf den sichtbaren Teil der Welt begrenzen, sondern auch seine unsichtbare Dimension in unser Bewusstsein einschließen, werden Tod und Geburt zu Toren zwischen beiden Bereichen.“ Jan Dieker


Krupps Katastrophe Über die Mitglieder der IndustriellenDynastie Krupp lässt sich manche Geschichte erzählen. Eine der „pikanteren“ ist fraglos die, die sich mit den homoerotischen Neigungen des Friedrich Alfred Krupp beschäftigt. Dass darin trefflicher Krimistoff liegt, beweist Ulrich Land in seinem neuen Roman „Krupps Katastrophe“.

Ulrich Land - Krupps Katastrophe Capri-/Ruhrgebietskrimi März 2013, Oktober Verlag, Münster, Klappenbroschur, 248 Seiten ISBN: 978-3-941895-88-1 15,90 Euro

Die italienische Zeitung „Propaganda“ hatte bereits im Oktober 1902 über das Treiben des deutschen Großindustriellen auf der Insel Capri berichtet. Über schwule Gelage in einer eigens dafür eingerichteten Grotte. Der sozialdemokratische „Vorwärts“ griff die Berichte Mitte November auf; und bereits eine Woche später musste eine schockierte Presse den Tod Krupps in der Villa Hügel in Essen verkünden. Offiziell ist ein Gehirnschlag die Todesursache. Krupp ist ein Mann von nationaler Bedeutung und wird unter Teilnahme des Kaisers Wilhelm II. zu Grabe getragen. Soweit die Fakten. Und die nutzt der Krimiautor Land zum einen, um einen Blick auf die Essener Industriellenfamilie zu werfen und die ein oder andere Tür der Villa Hügel für den Leser zu öffnen. Zum anderen entwirft er um die Geschehnisse auf Capri herum gleich mehrere krimitaugliche Geschichten. Da ist die freilich erfundene - Hauptfigur Fahrenhorst. In doppelter Mission begleitet er Krupp nach Capri: Als Fotograf soll er feine Lichtbilder anfertigen – als von Krupps Ehefrau Margarethe engagierter Privatdetektiv soll er dem tatsächlichen Treiben des italophilen Gatten auf die Schliche kommen. Doch Fahrenhorst ist alles andere als ein Ehrenmann und nutzt sein dokumentarisches Bildmaterial, um den schwerreichen Essener zu erpressen. Schließlich steht Homosexualität zu Beginn des 20. Jahrhunderts gemäß Paragraf 175 noch unter Strafe. Doch der Erpresser fordert kein Geld – Krupp soll Fahrenhorst seine Tochter Bertha zur Frau geben.

steckt, ist nicht zu jedem Zeitpunkt klar. Auch das schafft Lesespannung. Dass wir als Leser Vieles für möglich halten, liegt auch daran, dass Land immer wieder Originalzitate aus der zeitgenössischen Presse einfließen lässt und dass sich die fiktionalen Teile mit den tatsächlichen Begebenheiten aufs Beste in Einklang bringen lassen. Als Autor zahlreicher Radiofeatures und Hörspiele hat Land schon so manchen O-Ton gehört und bearbeitet; er weiss, wie Menschen reden. Und dieses Gespür für das gesprochene Wort merkt man den Dialogen an. Dass sich der Krimi um die Krupps auch fürs Lautlesen bestens eignet, beweist Land immer wieder, wenn er bei öffentlichen Lesungen seinem Romanpersonal eine Stimme verleiht. Erschienen ist der Ruhrgebietskrimi in der Reihe „Mord und Nachschlag“, was bedeutet, dass nicht nur die Stadt Essen, sondern auch das Essen eine Rolle spielt. Im Anhang finden sich Rezepte für authentische Ruhrpottgerichte ebenso wie für Capreser Spezialitäten. André Poloczek

Land entwirft eine wahre Sumpflandschaft aus Misstrauen, Intrigen, Erpressung, Menschenraub und Giftmord; alle haben Schlamm an den Füßen, aber wer wie tief in welchem Sumpf

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Über die Dummheit der Verkehrspolitik Bergische Bahnstrecken und ihre Stillegung

„Güter gehören auf die Bahn!“ war noch vor etwa 40 Jahren oder gar früher der Slogan der Deutschen Bundesbahn, der auf der Überzeugung der (Verkehrs-)Politik und des damals durchaus effektiv staatlichen Bahnunternehmens fußte. Nicht nur erreichte die Bahn über ihr seit dem Ende des 19. Jahrhunderts noch bis in die 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts überwiegend gut ausgebautes Streckennetz zum Gütertransport zuverlässig auch abgelegene, straßenverkehrsmäßig nicht ausreichend angebundene Gegenden und Orte, auch der individuelle Personenverkehr verband unverzichtbar die Zentren mit dem infrastrukturschwachen Land bzw. entlastete dort und in den Städten (siehe „Samba“-Trasse Wuppertal) über seine

Bernd Franco Hoffmann „Stillgelegte Bahnstrecken im Bergischen Land“ © 2013 Sutton Verlag, 127 Seiten, mit 76 Illustrationen, Broschur, 16,5 x 23,5 cm, 19,95 Euro

Schienenbus Burgholz 1982. Foto Frank Becker

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eigenen Trassen deutlich das dem anwachsenden Schwerlastverkehr nicht gewachsene Straßennetz. Der Buchautor Bernd Franco Hoffmann hat sich am Beispiel des Bergischen Landes mit dem Kardinalfehler der späteren Verkehrspolitik beschäftigt, vorgeblich „unwirtschaftliche“ Strecken stillzulegen, was ab den 50er Jahren sukzessive, in den 70er bis 90er Jahren schließlich massiv geschah. Ich erinnere mich noch an mein eigenes Kopfschütteln, als ich von der Stilllegung der Strecke Lennep-HückeswagenWipperfürth-Marienheide erfuhr, die über viele Jahre mein Schulweg als „Fahrschüler“ gewesen war. Hindernisfreier und schneller hatte man das Bergische Land nicht durcheilen können. Ähnlich ging es mir


später als Wuppertaler Neubürger, als hier erst die sogenannte „Samba“-Trasse durch den Staatsforst Burgholz von Elberfeld nach Cronenberg und dann die „Rheinische Strecke“ mit ihren Anschlüssen im Norden der Stadt stillgelegt wurden. Gerade in einer Topographie wie der des Bergischen Landes und besonders Wuppertals waren die Schienenwege (auch die vorschnell abgebaute Bergbahn und die Straßenbahn) wichtige, unverzichtbare Strukturen für den Personenverkehr. Heute heulen viele der damaligen Entscheidungsträger gewiß still in ihre Kissen, denn das war dumm, sehr, sehr dumm. Bernd Franco Hoffmann, etwa Anfang der 70er Jahre geboren, hat die Blüte der Bergischen Bahnen größtenteils selbst nicht

mehr miterlebt, sondern ist in das Zeitalter des Kniefalls der Verkehrspolitik vor der Auto-/Lkw-Produktion hineingeboren (mich graust, wenn ich nur an die Möglichkeit von Giga-Linern auf den schmalen, gewundenen Straßen des Bergischen Landes denke!). Umso verdienstvoller ist sein jetzt im Sutton Verlag erschienenes, reich und interessant illustriertes Buch „Stillgelegte Bahnstrecken im Bergischen Land“, das von einer besseren (Transport-)Zeit und ihrem Niedergang erzählt. Legendäre Eisenbahnverbindungen werden noch einmal „lebendig“, die Reise führt ins Sülz-, Wisser-, Wiehl- und ins Aggertal, ins Tal von Wipper und Wupper, vorbei an Talsperren und zu beinahe magischen Orten wie Dieringhausen und Waldbröl (die standen

als Fernziel vieler Kinderjahre oben an den Schienenbussen). Noch einmal können wir in Gedanken in den Cronenberger Samba, den Balkanexpreß und die Hütter Bahn einsteigen - auch wenn heute dort kein Schaffner mehr die Kelle hebt und seinen Ruf „Fertig!“ hören läßt. Nicht nur aufgrund der vielen stimmungsvollen Fotos für Bewohner des Bergischen Landes und Nostalgiker ein Schmankerl, auch eine wirkliche Fundgrube für jeden Eisenbahnfreund. Eine Empfehlung der Musenblätter. Frank Becker Weitere Informationen: www.suttonverlag.de

Egerpohl 1962. Foto: Frank Becker

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Bilder für die Ohren Klaus Lutz Lansemann vermittelt Kindern Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ Konzeption und Moderation: Klaus Lutz Lansemann Die Bergischen Symphoniker – Leitung: Peter Kuhn Dass Kinder nicht unbedingt gerne mit den Eltern ins Museum gehen ist allfällig bekannt. Auch in klassische Konzerte lassen sie sich nur ungern schleppen. Unter diesen Voraussetzungen für beides auf einen Streich bei den lieben Kleinen Begeisterung zu wecken, ist dann schon eine meisterliche Leistung. So geschehen und gelungen am Sonntagvormittag im Remscheider Teo Otto Theater im „Kinderkonzert“ mit dem Schauspieler/ Moderator Klaus Lutz Lansemann und den Bergischen Symphonikern in großer Besetzung unter ihrem GMD Peter Kuhn. Auf dem Programm stand Modest Mussorgskis Komposition „Bilder einer Ausstellung“ in der Orchesterfassung von Maurice Ravel, eigentlich ein schwerer Brocken für 6-14-Jährige. Bei Lansemanns mit dramatischen Mitteln um einen Museumsbesuch gesponnener Erzählung jedoch löste sich jeder Vorbehalt in Lachen, Staunen und gespannte Aufmerksamkeit auf. Mit Humor, fesselndem Erzähltalent und der Gabe, Kleine und Große zum Mitmachen zu bewegen, ließ er die zehn Sätze des Stücks, die vom Orchester nochmals in zur Erzählung passende appetitliche Häppchen zerlegt

wurden, derart plastisch Gestalt annehmen, dass bei den rund 100 Gästen (die anderen 400 waren bei den ausgerechnet gleichzeitig stattfindenden Remscheider City-Läufen für Kinder) nicht für einen Wimpernschlag Langeweile aufkam. Durch die Spannung, die er zum „Gnom“ oder „Baba Yaga“ aufbaute, die Romantik in „Das alte Schloß“, das Quirlige beim zauberhaften „Tanz der Küken“ und dem wuselnden „Marktplatz von Limoges“, das Grobschlächtige vom „Ochsenkarren“, das Unheimliche von „Die Katakomben“ und das Gewaltige des Schlußsatzes „Das Große Tor von Kiew“, sprangen die Bilder und Impressionen spürbar auf die gebannt lauschenden und auf Aufforderung auch angeregt mittuenden Zuhörer über. Die Symphoniker führten unter Peter Kuhns sensibler Stabführung delikat den musikalischen Malpinsel, heiter, farbig, wuchtig, plappernd, inspiriert, mit präzisen Stimmen, epischen Tutti – und witzig extemporiertem Kantinengespräch. Geschlossenen Auges gelang es dank Lansemanns Erzählkunst, die in Töne gefaßten Bilder Mussorgskis zu sehen. Ein Genuß. So kann man – nicht nur Kindern – Musik vermitteln, lehren, Bilder richtig (an-)zu sehen, ihre Tiefe und die der Musik zu verstehen. Diese „Bilder einer Ausstellung“ nahm man mit.

Klaus Lutz Lansemann

Frank Becker Weitere Informationen: www.bergischesymphoniker.de

Peter Kuhn Fotos: Bergische Symphoniker

Kultur, Information und Unterhaltung im Internet Täglich neu – mit großem Archiv Literatur – Musik – Bühne – Film – Feuilleton – Museen – Comic – Fotografie – Reise

Unabhängig, werbefrei und ohne Maulkorb www.musenblaetter.de

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Paragraphenreiter Kann ich mit Kunst auch Umsatzsteuer sparen?

Susanne Schäfer, Steuerberaterin Geschäftsführerin der Rinke Treuhand GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft/ Steuerberatungsgesellschaft

Bei Einkäufen im Supermarkt steht auf dem Kassenzettel, meist unter der Gesamtsumme der eingekauften Waren, in geringfügigen Abwandlungen der Vermerk „davon zu einem Umsatzsteuersatz von 19%“ sowie „davon zu einem Umsatzsteuersatz von 7%“. Hat man Möhren, Butter und Hackfleisch gekauft, finden sich die Beträge hierfür in der Teilsumme mit dem Umsatzsteuersatz von 7%, lagen Sojamilch und Hummer im Einkaufswagen, finden sie sich in der Summe mit dem Umsatzsteuersatz von 19% wieder. Der Gedanke hinter der Zweiteilung des Umsatzsteuersatzes bestand, wie es im Regierungsentwurf aus dem Jahr 1963 hieß, darin, „bestimmte Güter des lebensnotwendigen Bedarfs“ zu verbilligen. Darum steht in der „Liste der dem ermäßigten Umsatzsteuersatz unterliegenden Gegenstände“ der Anlage 2 zu § 12 Abs. 2 Nr. 1 und 2 UStG so allerlei: „genießbare Schlachtnebenerzeugnisse“, „Vogeleier und Eigelb“, „Gemüse, Pflanzen, Wurzeln und Knollen, die zu Ernährungszwecken verwendet werden“, „getrocknete Hülsenfrüchte“ und „Gemälde und Zeichungen, vollständig mit der Hand geschaffen, sowie Collagen und ähnliche dekorative Bildwerke, Originalstiche, -schnitte und -steindrucke“ und „Originalerzeugnisse der Bildhauerkunst aus Stoffen aller Art“. Ist ja auch klar, schließlich lassen sich diese für den durchschnittlichen Bundesbildungsbürger ebenfalls dem lebensnotwendigen Bedarf zurechnen. Erwirbt er ein entsprechendes Originalgemälde von einem Händler, der letztendlich 10.000 Euro in seiner Kasse behalten will, zahlt der Kunstkäufer hierfür 10.700 Euro. Die Differenz von 700 Euro führt der Händler an sein Finanzamt ab.

„Am liebsten auf der Bühne, und wer weiß wo sonst noch, sind mir Sätze, die man auch tanzen könnte.“

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Der begünstigte Steuersatz gilt allerdings nur für „Originale“. Bild- und Siebdrucke unterliegen demgegenüber – vermutlich mangels Lebensnotwendigkeit – dem Regelsteuersatz von 19%. Will der Händler aus deren Verkauf 10.000 Euro behalten, muss er seinem Kunden 11.900 Euro in Rechnung stellen und 1.900 Euro an den Fiskus abführen. Richtig logisch ist das nicht. Darum war im Jahr 2012 im Gespräch, das Umsatzsteuergesetz dahingehend zu vereinfachen, künftig einfach alle Kunstwerke dem Regelsteuersatz von 19% zu unterwerfen. An diesem Punkt endete die Ähnlichkeit von Grundnahrungsmitteln zu Kunstwerken dummerweise. Erstens schienen sie laut Gesetzesentwurf weitaus weniger förderungswürdig zu sein, und zweitens ist ihre Nachfrage weitaus preiselastischer. Zu deutsch: die abgesetzte Menge reagiert weitaus stärker auf einen geänderten Preis. Möhren, Butter und Hackfleisch kaufe ich im Zweifel auch noch, wenn sich ihr Preis um 11 Prozentpunkte erhöht, Originalerzeugnisse der Bildhauerkunst aber möglicherweise nicht mehr. Zum Glück ist der Vermittlungsausschuss, was Steuervereinfachung angeht, richtig gut: Ab 2014 unterliegen auch die bislang begünstigten Originalkunstwerke einem Umsatzsteuersatz von 19%. Dafür wird dieser Steuersatz wahlweise nur noch auf 30% des Verkaufspreises angewendet, beträgt also im Ergebnis nur noch 5,7%. Richtig logisch ist das immer noch nicht. Aber schließlich unterliegt Möhrensaft ja auch einem Umsatzsteuersatz von 19%.

„Das Leben ist sportlich: Der, den du überholst, sitzt dir danach im Nacken.“

Zugelaufene Sprüche

„Mit guten Absichten überschminkt die Seele ihre Pickel“

2013 Verlag HP Nacke Wuppertal 80 Seiten, 9.00 Euro ISBN: 978-3-942043-90-8

„Das wäre ein wunderbares Leben gewesen, sagte der Neunzigjährige, wenn man vorher gewusst hätte, dass alles gut geht.“

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Lustwandeln wie Sisi und Kaiserin Auguste Viktoria Jugendstilfestival Bad Nauheim zeigt Lebensart von anno dazumal 6. bis 8. September 2013

Kleine Dame: Auch die kleinen Gäste zeigen sich in reizenden Kleidern. Lange Robe, edler Hut – so wandelten sie durch den Kurpark, tranken Heilwasser und ließen sich mit der Pferdedroschke spazieren fahren. Kaiserin Auguste Viktoria, Zarin Alexandra Feodorowna und die unsterbliche Sisi kurten im hessischen Bad Nauheim. Das „Drei Kaiserinnen Bad“ stand bei Majestäten

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wie berühmten Persönlichkeiten hoch in der Gunst. Auch Albert Einstein, Hans Albers, Zarah Leander und die Knef schätzten nicht nur die hervorragenden Kureinrichtungen. Die einzigartige Architektur des Jugendstils machte das „Weltbad der Belle Epoque“ zum Juwel. Beim Jugendstilfestival in Bad Nauheim


lebt die glanzvolle Zeit der schönen Epoche wieder auf. Vom 6. bis 8. September zeigt die Stadt, wie es um 1900 war. Wagemutige Herren auf Hochrädern kreuzen die Wege im Kurpark. Kinder in Matrosenkleidern springen umher, Gentlemen mit Frack und Zylinder machen Damen in langen Kleidern mit schmaler Silhouette und aufsehenerregenden Hüten artige Komplimente. Eine Hutmodenschau zeigt die schönsten Kreationen unterschiedlichster Epochen. Und tatsächlich, da ist die Kaiserin und sogar der „Eiserne Kanzler“. Auguste Viktoria und Otto von Bismarck plaudern darüber, was sie den Teilnehmern der Erlebnisführung erzählen wollen. Wer den beiden auf Augenhöhe begegnen will, staffiert sich beim Verleih vor Ort mit originalgetreuen Kostümen aus. Die dazu passende Frisur gibt es nebenan in der „Frisierstube“. Die Pferdedroschke macht einen Stopp beim ehemaligen Inhalatorium, der heutigen Stadtbücherei mit Bücherschätzen aus der vorletzten Jahrhundertwende. Oder sie fährt die Gäste zum Sprudelhof mit den historischen Badehäusern und zur Trinkkuranlage mit den Heilquellen. Beide bilden die größte geschlossene Jugendstilanlage Europas und sind allein schon einen Besuch wert. Dort spielt das Kurorchester Werke von Paul Lincke und Johann Strauß oder andere Kompositionen aus der Jugendstilzeit. Beim deutschlandweit einmaligen Restauratoren- und Kunsthandwerkermarkt zum Jugendstil kann man sehen, wie rund 70 Aussteller Tapeten, Möbel und Bilder fachgerecht reparieren. Das ein oder andere kunstvolle Stück aus Stuck, Keramik, Glas, Stoff und auch Schmuck wartet hier auf einen neuen Besitzer. Wer sich etwas Besonderes gönnen möchte, erholt sich wie die drei Kaiserinnen in den historischen Badehäusern, steigt in eine Wanne aus Moaholz mit wohlig warmem Solewasser und genießt danach ein Stück Jugendstiltorte und einen Kaffee. 8. Jugendstilfestival Bad Nauheim, 6. bis 8. September 2013, Programm und weitere Informationen: Bad Nauheim Stadtmarketing und Tourismus GmbH, Telefon 06032 / 92 992-0, www.jugenstilfestival.de. Ewa Harmansa

Der Sprudelhof in Bad Nauheim gehört zu den größten geschlossenen Jugendstilanlagen Europas.

Auf dem Kunsthandwerkermarkt gibt es kunstvolle Jugendstilstücke aus Stuck, Keramik, Holz und Glas.

Galante Herren machen den Damen artige Komplimente. © für alle Bilder: BNST

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Neue Kunstbücher Buch mit sieben Siegeln vorgestellt von Thomas Hirsch Ein eigener Bereich innerhalb der Publikationen zur Kunst widmet sich den Funktionsweisen selbst: denen der Kunst und denen des Kunstbetriebes. Diese Bücher sind sozusagen von innen heraus geschrieben, wobei es hier nicht um die mittlerweile inflationären Künstlerinterviews geht, die nicht wegen der Antworten, sondern wegen der Fragen ärgerlich sind … Vielmehr unternimmt etwa das Buch „Falsche Bilder – Echtes Geld“ eine Aufarbeitung des Falles um den Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, sorgfältig recherchiert und geschickt zusammengeschrieben von Stefan Koldehoff und Tobias Timm. Nach der feinen gebundenen Erstauflage im Berliner Galiani Verlag ist nun eine aktualisierte Taschenbuchausgabe bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Tatsächlich war das Interesse an dem FälscherSkandal enorm, auch weil so viele bekannte Namen des Kunstbetriebes in dieser oder jener Form (teils ohne eigenes Verschulden) verstrickt waren, etwa das Kölner Auktionshaus Lempertz, der Kunstgeschichtsprofessor und Publizist Werner Spies und der Ahlener Museumsdirektor Burkhard Leismann. Und die Künstler, von denen über ein Vierteljahrhundert vermeintlich „unbekannte Meisterwerke“ rekonstruiert und in Umlauf gebracht wurden? Dazu gehören Heinrich Campendonck, Max Ernst, Max Pechstein, deren Werke nun mit dem Makel der Fragwürdigkeit belastet sind und im Kunstmarkt in nächster Zeit einen schweren Stand haben werden. Genauso skandalös wie die gefälschten „Neuentdeckungen“, die von Beltracchi angefertigt und von seinem Umfeld in Umlauf gebracht worden sind, ist aber das Verhalten des Kunstbetriebes, der die eigenen Schutzmechanismen ausgehebelt hat. Der besondere Trick der FälscherBande bestand darin, die Kunstwerke mit Expertisen von Fachleuten auf den Markt zu bringen, und diese Expertisen waren teilweise erstaunlich leicht zu erhalten. Für das Vertrauen förderlich waren echt wirkende Aufkleber auf den Rückseiten der Bilder, die eine Herkunft aus Galerien wie der von Alfred Flechtheim behaupteten, sowie „auf alt getrimmte“ Fotografien, welche die Provenienz aus einer (letztlich erfundenen) Sammlung Jägers suggerierten. Und schließlich trugen zum Gelingen des Betruges Galeristen und Kunsthändler bei, die auf das schnelle Geld aus waren … Von all dem

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berichtet nun das Buch, das aber nicht ganz so reißerisch geschrieben ist wie der Titel erwarten lässt. Mitunter stellt sich trotzdem der Elan eines Kriminalfalles ein. Aber das eigentlich Verdienstvolle ist es, das „Denken“ des Kunstbetriebes – in seiner Unmoral aber auch (überwiegenden) Moral – herauszuarbeiten und die gegenseitigen Verflechtungen der Mitspieler aufzudecken.

neues Denken, unter anderem mit der Ausformung der Psychoanalyse. Vorgestellt werden im Buch Sigmund Freud und Arthur Schnitzler, aber auch der Bildhauer Franz Xaver Messerschmidt (1736-1783). Freilich – damit war zu rechnen, aber das eine lässt sich eben nicht vom anderen trennen – schreibt Kandel präzise, also in seinem Fachjargon auch über die damaligen Forschungen zur Neurologie und zur Psychologie, die den Resonanzraum zu seinen Exempeln und ihren Erprobungen in der Kultur bilden. „Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir Kunst betrachten?“ ist eine Schlüsselfrage Kandels. Aber Eric Kandel gelingt wieder der Transfer in die Anschaulichkeit. So erläutert und deutet er die Kunstwerke etwa von Klimt und Schiele luzid und verblüffend einleuchtend. Er geht den Biographien nach und ist auch im Metier der Kunst äußerst beschlagen. Hilfreich ist natürlich, dass seine Beschreibungen und Belege von Abbildungen begleitet werden … Jedenfalls, nach der Lektüre dieses Buches blickt man anders auf die Kunst mindestens dieser Zeit. Wer sich mit Kunst und ihrer inneren Motivation beschäftigt und einen langen Atem hat, sollte „Das Zeitalter der Erkenntnis“, welches eine Epoche so eindrucksvoll durchleuchtet, unbedingt lesen.

Stefan Koldehoff und Tobias Timm, Falsche Bilder - Echtes Geld, 304 S. mit Bildteil, Leinen mit Schutzumschlag, 22 x 14 cm, Galiani Berlin, 19,99 Euro, als aktualisierte Taschenbuchausgabe: KiWi-Verlag, 9,99 Euro. Mit den psychologischen Wirkweisen, und zwar bei der Entstehung von Kunst wie überhaupt von Kultur beschäftigt sich ein anderes, vorab genauso geräuschvoll angekündigtes Buch: „Das Zeitalter der Erkenntnis“ von Eric Kandel. Schon der Autor ist phänomenal. Eric Kandel, 1929 in Wien geboren, 1939 mit der Familie in die USA ausgewandert und heute Professor an der Columbia University, ist Neurowissenschaftler von Weltrang. 2000 wurde er mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet. Mit seinem Beruf aber hat sein Buch nur zum Teil zu tun. Vielmehr geht es der inneren Konsequetnz von Bildlösungen anhand des Fin de Siècle um 1900 in Wien nach. Damit hat sich Kandel eine per se spannungsreiche und schillernde Epoche vorgenommen. Sie steht für den Beginn der Moderne, ein

Eric Kandel, Das Zeitalter der Erkenntnis, 704 S. mit ca. 250 farb. Abb., Leinen mit Schutzumschlag, 22,7 x 15 cm, Siedler, 39,99 Euro


So komplex das Buch von Eric Kandel ist, so einfach scheint das von Sibylle Zambon. Aber ist es einfach? Sibylle Zambon erweist sich mit ihrem Buch „Kunst – Sehen und verstehen“ als sachkundige Animateurin zur Beschäftigung mit der Kunst. Beständig teilt sie ihre eigene Begeisterung mit und unternimmt dazu eine Rundreise durch wesentliche Bereiche der Kunst, ihre Epochen, Begriffe, Gattungen und Vorgehensweisen. Adressat ist der Laie, der hier sozusagen sukzessive an die Kunst herangeführt wird, aber auch für den Experten gibt es viel Neues zu erfahren. Sibylle Zombon thematisiert, dass die Kunst ein Buch mit sieben Siegeln scheint, aber doch nicht ist. Dies gelingt ihr durch schöne Anekdoten, Wissenswertes, eine enorme Menge an Details mitsamt der Hinwendung zum einzelnen Meisterwerk, das sie immer wieder souverän beschreibt; zudem spricht sie mit gezielten Fragen den Betrachter selbst an. Das alles ist sehr erfindungsreich und macht, in Etappen gelesen, richtig Spaß. Schade nur, dass das Lay-Out die Texte so zusammendrückt und die Abbildungen geradezu umzingelt. Also, bei einer Neuauflage unbedingt entschlacken, übersichtlicher gestalten, zwischen den Zeilen etwas mehr Platz – dann eignet es sich über das Schulbuch hinaus auch zum Geschenkbuch.

Dagegen kennzeichnet das Buch „Skulpturales Handeln – Sculptural Acts“ eine angenehm nüchterne Klarheit. Im Grunde ist es ein solider Katalog zu einer Themenausstellung, die im Haus der Kunst in München 2011-2012 zu sehen war. Vorgestellt werden sechs etablierte bildhauerisch tätige Künstler, darunter Phyllida Barlow und Alexandra Bircken. Bei aller Einzigartigkeit und Verschiedenheit handelt es sich durchweg um künstlerische Positionen, die sich dem Innersten von Skulptur – ihrem Wesen, ihrem Selbstverständnis – zuwenden und dabei den Transfer von einer überlieferten skulpturalen und mithin malerischen Haltung hin zu einer zeitgenössischen Formulierung vollziehen. Ein Sujet ist die Farbe, ein anderes das Prozesshafte der Organisation im Raum, ein weiteres ist die Herkunft oder Referenz an das Gegenständliche, und deutlich wird anhand der hier vorgestellten Kunstwerke, wie Form ge- und erfunden wird, wie sich plastischer Raum artikuliert und den Betrachter als Gegenüber einbezieht. Dazu tragen in den vorgestellten Beispielen serielle Strukturen bei, gegeben als Durchbrüche, als Netze oder Gitter … arg ehrgeizig kommt das Projekt seitens der Kuratoren daher, aber vom guten Katalog und den sehr guten Künstlern wird es wieder geerdet. Ein großer Gewinn liegt im Einblick in das, was Skulptur und Plastik auszeichnet. Auch hier, nun anhand der Werke selbst, erfährt man, wie Kunst „passiert“ – und was Kunst schließlich ist.

NEU Die zweite Ausgabe Karussell ist erschienen Erzählung | Lyrik | Essay Jörg Aufenanger, Barbara Commandeur, Lavinia Korte, Stefan Mettler, Karl Otto Mühl, André Poloczek, Dietrich Rauschtenberger, Dorothea Renckhoff, Karla Schneider, Michael Zeller

Karussell | Bergische Zeitschrift für Literatur

Nr. 2/2012 – 92 Seiten, 7.– Euro – ab sofort im Buchhandel Herausgeber: Verband Deutscher Schriftsteller (VS), Region Bergisch Land und die Autorengemeinschaft Literatur im Tal mit freundlicher Unterstützung durch Kulturbüro der Stadt Wuppertal

Sibylle Zambon, Kunst. Sehen und verstehen, 272 S. mit zahlr. Marginalabb., Klappenbroschur, 24 x 17 cm, Styria Premium, 24,99 Euro

J. Lotz, P. Dander (Hg.), Skulpturales Handeln, 128 S. mit 54 farb. Abb., Klappenbroschur, 24 x 17 cm, Hatje Cantz, 22,80 Euro

Verlag HP Nacke Wuppertal ISBN 978 - 3 - 942043 - 91 - 5

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Geschichtsbücher, Buchgeschichten Vorgestellt von Matthias Dohmen

Erinnerungen an Träume. Landschaften, persönliche Erfahrungen und Alltagsbeobachtungen bündelt die in der Eifel lebende Autorin Renate Mahlberg in ihren Gedichten, mit denen sie eine eigene Sprache entwickelt hat. Bisher ist die ehemalige Lehrerin mit dem Gedichtband „Die Stille durchbrechen“ (2000) und dem Roman „Zwischen Zeiten“ (2002) hervorgetreten. Eindringlich, behutsam, manchmal tastend, mitunter bissig beschreibt sie ihre unsere Welt. Originell ist auch der Aufbau der Gedichte, deren erste Zeile mit einem Kleinbuchstaben beginnt und deren letzte ohne abschließendes Satzzeichen endet: Der Leser steht, wenn er erst begonnen hat zu lesen, gleich mitten in der Geschichte drin. Entlassen wird er, ohne dass ihm „letzte“ Gewissheiten mitgegeben werden. Wie in Älterwerden: „wir nehmen zu an Alter / vielleicht auch an Weisheit / einige sogar an Gewicht - / geplagt von mancherlei Schmerz / bleibt unsere Seele jung / durch die Erinnerung / an die Träume unserer Jugend“. Renate Mahlberg, Das Vorbeifliegende festhalten. Gedichte, Weilerswist: Ralf Liebe 2013. 70 S., 9,00 Euro.

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Erinnerungen an Stefan Heym. Was für ein Mann. 1952 kam er aus dem US-amerikanischen Exil nach Deutschland zurück und wählte die DDR. Mit der Hoffnung, wie die Herausgeberin schreibt, „nach dem Desaster des Faschismus beim Aufbau eines demokratischen Deutschland mitwirken zu können“. Mut bewies er vor allen, auch vor den Literaturgewaltigen der SED, denen er sich gleichwohl verbunden wusste. Geboren wurde er am 10. April 1913 in Chemnitz, und er starb am 16. Dezember 2001 im israelischen En Bokek. Zu Wort kommen rund 50 Freunde und Zeitgenossen, darunter Uri Avnery, Egon Bahr, Gregor Gysi, Peter Härtling, Werner Hecht, Christoph Hein, Armin Müller-Stahl (mit einem Aquarell von 1988), Wilfried F. Schoeller, Friedrich Schorlemmer, Klaus Staeck, Georg Stefan Troller und Bettina Wegner. Fotos zeigen ihn mit seiner Mutter um 1935 in Prag und 2001 an ihrem Grab, mit Bahr, Staeck und Christa Wolf. Ein grandioses Leben.

Erinnerungen im Film. „Kultur entsteht aus der Erinnerung, die Vergangenes hegt und pflegt, um es mit der Gegenwart in Beziehung zu setzen, und die aus der Herkunft Optionen für die Gestaltung der Zukunft ableitet“, weiß der Literaturreferent der Konrad-Adenauer-Stiftung. Braun rekapituliert die Erinnerung an die NS-Zeit in der Nachkriegsliteratur, als Borchert, Böll und Grass Außenseiter waren, und berichtet über die Literatur der DDR, vor allem den Streit über und mit Christa Wolf sowie über Christoph Hein und Uwe Tellkamp. Sein Fazit mit Louis Begley: „Wir kommen der Wahrheit nie näher als mit erfundenen Geschichten“. Eine kommentierte Bibliographie und ein Personenregister sowie eine Aufzählung samt Inhaltsangabe neuer Erinnerungsfilme (von „Das Leben der Anderen“ über den „Baader-Meinhof-Komplex“ bis zu „Stauffenberg“) machen das leichtgewichtige Taschenbuch zu einem veritablen Nachschlagewerk.

Therese Hörnigk (Hrsg.), Ich habe mich immer eingemischt. Erinnerungen an Stefan Heym, Berlin: vbb 2013, 174 S., 18,95 Euro.

Michael Braun, Wem gehört Geschichte? – Erinnerungskultur in Literatur und Film, Münster: Aschendorff 2013. 208 S., 12,80 Euro.


Als Siebenjähriger im Holocaust Anmerkungen zu dem Buch „Als Siebenjähriger im Holocaust“ von Zvi Likwornik

Zvi Harry Likwornik Als Siebenjähriger im Holocaust Nach den Ghettos von Czernowitz und Bérschad in Transnistrien ein neues Leben in Israel 1934-1948-2012 Konstanz 2012, 210 Seiten, viele Fotos, 18,00 Euro, ISBN 978-3-86628-426-5

Gerne möchte ich Zvis Wunsch nachkommen und mich zu seinem Buch äußern, das soeben im Hartung-Gorre Verlag erschienen ist. Wir sind uns im Jahr 2002 im Rahmen einer von dem Verein Yad Ruth in Hamburg veranstalteten Woche der Begegnung erstmalig begegnet. Seine erste Frage während der Autofahrt vom Flughafen zum Hotel war: „Aus welchen Gründen machen Sie das (nämlich, dass er von Yad Ruth zusammen mit den anderen Überlebenden eingeladen wurde) – aus religiösen oder humanitären Gründen?“ Diese Frage war absolut berechtigt, wenn man bedenkt, wie viel Schreckliches ihm ca. 60 Jahre davor von Deutschen angetan wurde. Kann man denen heute wirklich vertrauen? Im Hotel angekommen, lag ihm daran, mir anhand einiger Fotos zu zeigen, wer alles von seiner Familie und Verwandtschaft im Holocaust umgekommen ist. Meine aufrichtige Anteilnahme und spontan gezeigte Reue als ein Glied des deutschen Volkes hatte wohl dazu beigetragen, dass sich die beiderseitige Anspannung legte und wir uns etwas näher kamen. Heute, nach 10 Jahren hat sich zwischen uns beiden, inklusiv unserer Ehefrauen, eine echte Freundschaft entwickelt. Sie beinhaltet u. a., dass wir uns öfters gegenseitig besuchten, Reisen machten und im letzten Jahr gemeinsam die Orte aufsuchen konnten, wo Zvi mit seiner Familie so furchtbar leiden musste – beginnend im Dezember 1941 mit dem Todesmarsch von Czernowitz, der ehemaligen Bukowina, in das Ghetto nach Berschad, dem ehemaligen Transnistrien. Trotz aller Ermunterungsversuche hatte Zvi über all die Jahre nicht die notwendige innere Kraft aufbringen können, seine schrecklichen Erlebnisse aufzuschreiben. Sobald er anfing, sich in stärkerem Maße als üblich an die Geschehnisse zu erinnern, haben auch die nächtlichen Albträume zugenommen. Darum freue ich mich um so mehr, dass das Buch nun erscheinen konnte, in dem er uns sein wechselvolles Leben in spannender Weise schildert – ein Leben, das wir Deutsche schon an seinem Anfang fast ausgelöscht hätten. Ein Zweifaches will uns sein Buch vermitteln: Es will uns zunächst mit der Tatsache vertraut machen, dass der Holocaust nicht nur

in den uns bekannten KZs wie Auschwitz und Treblinka stattgefunden hatte, sondern mindestens genauso brutal in den Gebieten des heutigen Moldawien und der östlichen Ukraine. Und dann will es uns nahe bringen, was es für einen siebenjährigen Jungen bedeutet, seinen Vater in der Horrorwelt des Holocaust zu verlieren und mit diesem kindlichen Trauma ein ganzes Leben lang fertig werden zu müssen. Dazu einige Sätze aus seinem Buch (S. 62): „Er (sein Vater) war noch einer der 15.000 Toten dieses schrecklichen Winters in Berschad und noch einer von Millionen, die zur selben Zeit in Europa starben. Aber er war mein Vater. Der Vater, der mir mein ganzes Leben lang fehlen sollte, und zwar bis heute, wo ich selbst schon Vater und Großvater bin. Mein ganzes Leben fehlte mir sein väterlicher Rat, sein väterlicher Blick, seine Hand in meinem Leben und das Gefühl der Sicherheit, das er vermittelte. Mir fehlte seine väterliche Umarmung.“ Das Besondere an diesem Buch ist, dass ein Siebenundsiebzigjähriger seine noch als Kind durchlittene Zeit im Holocaust sehr eindrücklich, ohne Pathos, aber doch zu Herzen gehend, schildert - dazu von einem Ort, der uns weitgehend unbekannt ist. Weiter ist hervorzuheben, dass Zvi uns in offener Weise an seinem weiteren Leben nach der Befreiung im Sommer 1944 teilhaben lässt - seine mit seiner Mutter schwierige Alija ins Land der Väter, der entbehrungsreiche Anfang in Eretz Israel, bis hin zum glücklichen Ehemann, Vater und Großvater – und wie er endlich im Jahr 2011 an den Ort zurückkehren konnte, wo er in solch tragischer Weise seinen Vater verloren hatte, um ihm am Massengrab von Berschad als Sohn die letzte Ehre zu erweisen und das für einen Juden so wichtige Totengebet, das Kaddisch, zu sprechen. Abschließend kann ich nur betonen, dass dieses Buch absolut lesenswert ist, gerade für uns Deutsche, die wir aus diesem beschämenden Abschnitt unserer Geschichte lernen sollten - für uns persönlich und unser Volk, und um uns immer wieder neu bewusst zu werden, welche Verantwortung wir heute tragen in unserem Handeln gegenüber dem jüdischen Volk und dem Staat Israel. Paul Laipple

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Mandela & Nelson – Das Rückspiel Ein Roman über Freundschaft, Verantwortung und Vertrauen

Hermann Schulz „Mandela & Nelson – Das Rückspiel“ © 2013 Aladin Verlag 157 S., Vignetten von Jörg Mühle, Altersempfehlung: ab 10 Jahren – 11,90 Euro

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Völlig überraschend hat die Fußball-Elf von Bagamoyo in Tansania am indischen Ozean unter ihrem Trainer Nkwabi mit den Zwillings-Geschwistern Nelson und Mandela Kitumbo das Freundschaftsspiel gegen eine deutsche Jugendauswahl mit 5:4 gewonnen. Das war vor drei Jahren und Hermann Schulz hat in seinem liebenswerten Roman „Mandela & Nelson“ darüber berichtet. Das Buch war ein so großer Erfolg, dass Hermann Schulz dem Drängen seiner jungen und erwachsenen Leser, doch eine Fortsetzung zu schreiben, nachgegeben hat. Was böte sich dazu besser an, als ein Rückspiel? Der Vorschlag kommt bei der Abschiedsparty am Strand von Bagamoyo von Willi, dem Trainer der deutschen Mannschaft. Ohne die beinharte Verteidigerin Mandela und ihren eine halbe Stunde jüngeren Bruder Nelson geht das natürlich nicht. Nur: wie soll man das organisieren und vor allem finanzieren? Pässe und Visa müssen beschafft werden, richtige Fußballschuhe und Trikots müssen her, die Reise kostet ja auch Geld, also woher nehmen, und wer kümmert sich in der Zwischenzeit um die Arbeiten zu Hause? Wo bringt man die Mannschaft samt Begleitern unter? Auch muß für den Mannschaftskameraden Mirambo, der in schlechte Kreise geraten ist, ein Ausweg gefunden werden. Spielführer Nelson scheint einen unüberwindlichen Berg von Problemen vor sich zu haben. Aber da gibt es zum Glück einige gescheite Erwachsene, die zielstrebig das Heft in die Hand nehmen und helfen, den Traum der fußballbegeisterten Mädchen und Jungen aus Bagamoyo wahr zu machen. Hermann Schulz erzählt das in „Das Rückspiel“ so spannend, liebenswert und vergnüglich, dass man auch als erwachsener Leser förmlich dabei ist: bei der Lösung der Probleme zu Hause durch den selbstlosen Einsatz des Fußballprofis Hussein Sosovele und das Organisationstalent von Pater Jonathan, bei der Unterstützung durch den Dortmunder Fanclub BVB International, namentlich dessen Sprecher Levent Aktoprak (den es tatsächlich gibt), bei der langen Flugreise in das fremde Land und bei den Tagen in Dortmund, in denen alte Freundschaften erneuert und neue geschlossen werden.

Die jungen tansanischen Gäste werden mit offenen Armen von den Familien ihrer Fußballfreunde aufgenommen, staunen nicht schlecht über den Wohlstand, die Ordnung und die Sauberkeit in Deutschland und kommen sogar mit dem fremden Essen zurecht. Auch BVBTrainer Jürgen Klopp darf ein kurzes Gastspiel geben. In die Handlung um das verständnisvolle Aufeinandertreffen von Kulturen und Hautfarben packt Hermann Schulz unaufdringlich auch die gerade jetzt wieder ganz aktuelle Problematik des Umgangs von Deutschen und Türken und von Christen und Moslems miteinander. Was in diesem warmherzigen Roman möglich erscheint, sollte doch eigentlich auch im „wirklichen“ Leben funktionieren. So jedenfalls muß das bei jungen Lesern ankommen – ein weiteres Verdienst dieses nicht ohne Grund auch sogleich zum Bestseller avancierten Jugendromans. Denn wo anders als bei der Jugend muß und kann der Gedanke der Völkerverständigung einen guten Boden finden? Wer das Rückspiel gewonnen hat, möchtet Ihr, möchten Sie wissen? Lest das zauberhafte Buch, das von Fußball und Freundschaft, Einstehen füreinander, Fairness, Verantwortung und Vertrauen erzählt. Es lohnt. „Mandela & Nelson – Das Rückspiel“ wird nicht nur allen Altersgruppen ab 10 Jahren, sondern auch als Schullektüre empfohlen. Frank Becker Weitere Informationen: www.aladin-verlag.de www.bvb-international.de


Kulturnotizen Leserbrief: Zukunft des Schauspielhaus

Es ist ein einziger Skandal, wie die Stadtspitze mit unserem Schauspielhaus umgeht. Stefan Seitz bringt es auf den Punkt. Der politische Beschluss lag vor: das Opernhaus und das Schauspielhaus zu sanieren! Die schmucke Oper haben sich die Liebhaber im Rathaus was kosten lassen. Und dann: hat man Jahre verstreichen lassen, sich mit einem kleinen Provisorium im Schauspielhaus begnĂźgt und wunderte sich, dass die Besucher weggeblieben sind. Inzwischen haben sich die Kosten vermehrt, „‌ der Zahn der Zeit hat weiter am Schauspielhaus genagt“, sagt Hans-Uwe Flunkert (Gebäudemanagement), der gleich schon die Kosten fĂźr den Abriss errechnet hat. Es hat Protestaktionen gegeben, tausende Unterschriften wurden gesammelt, viele BĂźrger sind auf die StraĂ&#x;e gegangen fĂźr den Erhalt dieses einmaligen Stadttheaters. Das hat nichts genĂźtzt, stattdessen unverbindliche Statements und Hinhaltetaktik von den Verantwortlichen der Stadt. DafĂźr bekommen wir einen umgestalteten Bahnhofsvorplatz (mindestens 20 Jahre zu spät), mit un-absehbaren Folgen (-Kosten) und Nebenwirkungen (Leerständen). Die Wuppertaler KulturbĂźrger wĂźrden es den Politikern niemals verzeihen, sollte das Schauspielhaus tatsächlich abgerissen werden. Wenn Pina noch leben wĂźrde, hätte sie ein Machtwort gesprochen.

Museum KĂźppersmĂźhle â€?TITEL“ Eberhard Havekost - Akademos Noch bis 20. Oktober 2013 Begleitveranstaltung: „Neue deutsche Malerei – Einblicke in ein Phänomen aktueller Kunst" Mittwoch, 4. 9 2013, 16 - 17.30 Uhr

SKULPTURENPARK WALDFRIEDEN WUPPERTAL William Tucker 29. 6. bis 1.9. 2013 Harald KlingelhĂśller 19.10.2013 bis 12.1.2014 www. skulpturenpark-waldfrieden.de

Kontrast, B13, 2013, 210 x140 cm Eberhard Havekost gehÜrt mit seiner schÜpferischen Identität zu den Kßnstlern, die in den letzten zehn Jahren sowohl die neue deutsche Malerei geprägt als auch die internationale Kunstszene entscheidend beeinflusst haben, indem sie sich einerseits der Errungenschaften des digitalen Medienzeitalters fßr ihre malerischen Bildentstehungsprozesse bedienen und andererseits mit deren Auswirkungen auseinandersetzen. Die Subjektivität unserer Wahrnehmung sowie das Verhältnis von Subjekt und Objekt, vom Menschen zur Natur und der Welt der Dinge sind zentrale Fragestellungen, auf die sich Eberhard Havekost in seinen Werken konzentriert und mit denen er den Betrachter zur Reflexion herausfordert. www.museum-kueppersmuehle.de

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E.Dieter Fränzel, 42285 Wuppertal Lifesize, B12, 2012, 60 x 100 cm

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Kulturnotizen Zu Gast im Heine-Kunst-Kiosk Olaf Engel – ErdbeerGericht Gemälde, Installation und Objekte Über Kaufen und Bauen, Bodenkunst und Konsum im Erdbeeruniversum. Ein Ausflug in Olaf Engels Erdbeeruniversum mit dem „Premiumbild“ Erdpunk www.engelkunst.de

Olaf Engel – Erdpunk 6. Juli bis 29. August 2013 im HeineKunst-Kiosk, Wichlinghauser Straße 29a Der Heine-Kunst-Kiosk ist als Plattform für temporäre Projekte im Öffentlichen Raum konzipiert: 1. in der Schnittfläche von Kunst und Literatur, 2. im Kontext der multikulturellen Bevölkerung Oberbarmens, 3. in Zusammenarbeit mit vorwiegend regionalen Künstlerinnen und Künstlern, 4. mit Wechselausstellungen in 6-8 wöchigem Turnus „Dieser Laden ist ein Raum für Neues, für Umbruch und Aufbruch“. Zitat: Zwischennutzungsagentur 24. und 25. 8. 2013 / Dorsten-Lembeck „FineArts“ im Schloss Lembeck zeigt eine einzigartige Auswahl von 150 Künstlern, Kunsthandwerkern und Designern, die in dieser Qualitätsdichte und -breite nur an ganz wenigen Orten in Deutschland zu sehen sind. In der Parklandschaft des barocken Wasserschlosses (zwischen Münsterland und Ruhrgebiet gelegen) stellen Bildhauer, Maler, prämierte Kunst- und Goldschmiede, Textilkünstler u. a. ihre hochwertigen Unikate aus. Die Meisterfloristin Marion van der Sant erstellt vor Ort umgebungsbezogene

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Kunstinstallationen (Environmental Art). Mit bezauberndem Programm und feiner Gastronomie. 24. und 25. August, 10-18 Uhr Erwachsene 8 Euro, Kinder (6-14) 2 Euro Schloss Lembeck, Schloss 1, 46286 DorstenLembeck, 0202 / 870 64 18 www.Schloss-Lembeck

Bis 8. September 2013 67. Internationale Bergische Kunstausstellung Das Solinger Kunstmuseum zeigt die 67. Internationale Bergische Kunstausstellung. Die Ausstellung gibt einen Einblick in das vielfältige Kunstschaffen der Region. Über 250 Künstler/innen haben sich für die Ausstellung beworben, und eine Jury hat die 15 spannendsten Ansätze aus Bildhauerei, Malerei und Fotografie ausgewählt. Es gibt einige junge Künstlerinnen und Künstler in der Ausstellung zu entdecken, die am Anfang ihrer Karriere stehen und bereits Eindrucksvolles vorweisen können.

Tobias Przybilla, Modell 2 (Depot), Montagekarton, Blech, Spachtelmasse, 2013 Der Künstler Tobias Przybilla, der in Düsseldorf lebt und arbeitet, erhält den

Internationalen Bergischen Kunstpreis der NATIONALBANK AG für seine Arbeit „Modell 2 (Depot)“. Zum Ende der Ausstellung verleiht die Stadt-Sparkasse Solingen den Publikumspreis, der von den Besuchern ermittelt wird. www.kunstmuseum-solingen.de Uraufführung: "Pinguinwetter" von Britta Sabbag Eine hochkarätige Sommer-Überraschung TiC-Theater: Der Erfolgsroman „Pinguinwetter“ von Britta Sabbag geht in der brandneuen Bühnenfassung von Sabine Misiorny und Tom Müller als echte Uraufführung erstmals überhaupt im TiC über die Bühne. Die erfrischende Beziehungskomödie über eine Mittdreißigerin auf der Suche nach dem Mann fürs Leben verspricht prickelnde Sommerunterhaltung mit Pfiff, pointierte Dialoge und eine große Portion Gefühl. Alles dreht sich um Charlotte: Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere wird sie wie aus heiterem Himmel gefeuert. Außerdem erhält sie von ihrer Mutter äußerst fragwürdige SMS aus der U-Haft in Grönland. Dann entscheidet sich ihr „Immer-mal-wieder-Mann“ Marc auch noch, endlich in den Hafen der Ehe einzuschiffen - allerdings nicht mit ihr. Und nun ? Rein in die rosa Babyelefantenhose und rauf aufs Sofa ! Um Charlotte auf andere Gedanken zu bringen, drückt Freundin Trine ihr Sohnemann Finn aufs Auge. Doch dies ist erst der Anfang von mehr als einer Verwicklung ... bis zum Happy-End ? Die Inszenierung hat der Wuppertaler Musicalstar Patrick Stanke übernommen, der nach so erfolgreichen Arbeiten wie „Hair“ nun erstmals ein reines Schauspiel in Szene setzt. Für die Ausstattung zeichnet der renommierte Bühnen- und Szenenbildner Thomas Pfau verantwortlich. Die Uraufführung von „Pinguinwetter“ im TiC-Theater: ein spritziges Sommervergnügen mit Witz, Tiefgang und viel Gefühl! Uraufführung am 19. Juli 2013 in der Borner Straße. Bestellen Sie Ihre Karten online oder telefonisch unter 0202/472211.


Kino unterm Sternenhimmel zum 16. Mal „Talflimmern“ noch bis zum 26. September Im Hof der Alten Feuerwache flimmern ab Ende Juli wieder echte Kino-Highlights über die Leinwand. Insgesamt 27 KinoAbende, die hohen cineastischen Ansprüchen gerecht werden und großes Kino bieten. Filme wie z. B. „Django Unchained“ von Quentin Tarantino mit Christoph Waltz, der dafür seinen zweiten DarstellerOscar bekam (10. August, 21.30 Uhr) oder „Cloud Atlas“ von Tom Tykwer und den

Szene aus „Points of View“ Wachowski-Brüdern (24. August, 21 Uhr). Zum Finale der Reihe ein bergisches Highlight: der im Tal gedrehte Film „Points of View“ (1. September, 21 Uhr). Bei gutem Wetter ist das Angebot sicher in der Lage, wieder 4500 Besucher anzuziehen, wie im Vorjahr. Mark Tykwer und Mark Rieder haben das Programm fürs „Talflimmern“ erarbeitet. Talflimmern geht in diesem Jahr bis zum 1. September. Alle Vorstellungen finden im Hof der Alten Feuerwache an der Gathe 6 statt. Karten kosten 6 Euro, ermäßigt 5 Euro. Infos und Karten gibt es am KinoTelefon unter Ruf 40 86 99 00 und ansonsten im Internet. Karten und komplettes Programm: www.talflimmern.de So klingt der Sommer

Internationaler Orgelwettbewerb Preisträgerkonzert der Hochschule für Musik und Tanz Köln mit Organisten aus dem In- und Ausland, 4. – 8. September 2013, Historische Stadthalle am Johannisberg, www.stadthalle.de

Wuppertaler Musiksommers 2013 Auch in diesem Jahr findet wieder der „Wuppertaler Musiksommers 2013“ statt. Im nunmehr fünften Jahr ist er eine Kooperation zwischen der Historischen Stadthalle Wuppertal und dem Standort Wuppertal der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Drei Bestandteile sind traditionell Inhalt der „Wuppertaler Musiksommers“: Die „Internationalen Meisterkurse“, der „Internationale Orgelwettbewerb“ und der „Jugendkulturpreis“. Im Zusammenhang mit diesen Veranstaltungen findet eine Reihe von Konzerten statt. Der Eintritt zu allen Konzerten ist frei! Eröffnungskonzert der „Internationalen Meisterkurse“ Sonntag, 25. August 2013, 18 Uhr, Historische Stadthalle Werke: u.a. von Beethoven, Debussy, Lehar, Stolz und Paderewski Ausführende: Dozenten der Meisterkurse (allesamt Professoren an der Hochschule für Musik und Tanz in Wuppertal) Ingeborg Scheerer und Albrecht Winter Violine Susanne Müller-Hornbach, Violoncello Dirk Peppel, Flöte Dr. Florence Millet, Klavier Brigitte Lindner, Sopran Abschlusskonzert der „Internationalen Meisterkurse“ Sonntag, 1. September 2013, 11 Uhr, Historische Stadthalle Ausführende: Teilnehmer der Meisterkurse Das Programm kann erst zum Konzert bekanntgegeben werden, es ist also ein „Überraschungsprogramm“, in dem Sie junge und hochbegabte Musikerinnen und Musiker erleben können. Preisträgerkonzert des „Internationalen Orgelwettbewerbs Wuppertal“ Sonntag, 8. September 2013, 11 Uhr, Historische Stadthalle Ausführende: Preisträger des Wettbewerbs Auch hier kann das Programm natürlich erst zum Konzert bekanntgegeben werden. Sie sind die Ersten, die Preisträger 2013 erleben können. Preisträgerkonzert des „Jugendkulturpreises“ Sonntag, 8. September 2013, 17 Uhr, Historische Stadthalle Ausführende: Die Preisträger des „Jugendkulturpreises 2013“ Auch das ist ein „Überraschungskonzert“

Das Feuertal ist auch 2013 wieder zweitägig (23. und 24. 8.2013) und feiert das erste runde Jubiläum wie immer auf der Waldbühne Hardt und mitten im HerzenWuppertals. Mit Saltatio Mortis, Letzte Instanz, Fiddler‘s Green, Coppelius, Vermaledeyt am Freitag und Subway To Sally, Mono Inc., Stahlmann, Nachtgeschrei und Unzucht am Samstag bleibenwohl kaum noch Wünsche offen, wenn das Festival in seine 10. Runde geht. Und mit mehr Platz zum Sitzen und der kleinen Bühne auf dem Mittelalter-

Markt hat die Veranstaltergemeinschaft The BOWL sich auch 2013 alle Mühe gegeben, Publikumswünsche zu erfüllen. Um das Angebot abzurunden, hat man außerdem mit dem Freibad Mirke wieder einen Partner im Boot, der mit viel Raum zum Campen die Möglichkeit bietet, das Festival zum dreitägigen Kurzurlaub auszubauen. „Kaum zu glauben, dass wir das Festival jetzt schon im 10. Jahr machen. Aber auch wenn‘s manchmal der pure Stress ist, es macht nach wie vor einen Riesen-Spaß und die Show und all die Leute drum herum, die Riesen-Party belohnen mich immer wieder für ein ganzes Jahr Arbeit. Und hört Euch den Festival-Song von Eric (Fish) an, sowas ist doch einfach klasse“ (Marcus Grebe) Bereits im zweiten Jahr bietet das Feuertal außerdem ein Festival-Camping an. Tagesticket: 38,- Euro, Festivalticket:

59,- Euro, Campingticket: 10,- Euro. www.feuertal-festival.de

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Kulturnotizen Zu Gast im Heine-Kunst-Kiosk Arturo Ornelas – Die Schwere der Suche 31. 8. – 27. 10 2013 im Heine-KunstKiosk – Plattform für temporäre Projekte im Öffentlichen Raum. Wichlinghauser Straße 29a www.bbk-bergischland.de.de

Kölnisches Stadtmuseum 125 x gekauft – geschenkt – gestiftet (bis 6. 10.), Das Museum feiert 2013 seinen 125. Geburtstag und präsentiert in dieser Schau 125 Exponate aus 125 Jahren. Die meisten Objekte wurden bislang erst selten oder noch gar nicht ausgestellt, Kölnisches Stadtmuseum, Zeughausstr. 1 - 3, geöffnet Di 10-20 Uhr, Mi-So 10-17 Uhr

Kreativ50plus Digitalfotografie & Computer 2. / 3. 9. 2013 Geocaching - mit Großeltern und Enkeln 3. / 4. 9.2 013 Wenn Bilder Geschichten erzählen – Bildbearbeitung 5. / 6. 9. 2013 www.mein-eigener-blog.com

Weitere Ausstellungen: Als die Welt nach Köln kam (bis 15. 9.) Die Ausstellung zeigt Fotografien über den Besuch von Staatsgästen aus aller Welt in Köln, Kölnisches Stadtmuseum, Zeughausstr. 1 – 3, geöffnet Di 10 - 20 Uhr, Mi-So 10-17 Uhr, Tel. 0221/221 257 89 Gerhard Richter (bis 8. 9.), Werke aus der Sammlung sowie Graphische Zyklen „Elbe“ und „November“, Jo Baer (bis 25. 8.), Im Mittelpunkt der Schau stehen Gemälde und Zeichnungen aus den Jahren 1960 bis 1975 der amerikanischen Künstlerin, die damit ihre erste institutionell~Ausstellung in Deutschland erhält Kathryn Andrews (bis 25. 8.), Die Ausstellung präsentiert konzeptuelle Skulpturen der kalifornischen Künstlerin und strllt diese in Relation zu Werken anderer Künstler Phil Collins (bis 21. 7.), Arbeiten von Phil Collins über Formen und Formate der Unterhaltungsindustrie. Für die Ausstellung in Köln wird ein neues Werk in der Domstadt selbst produziert.

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Vorschau: „Lang lebe die Kunst“ 31. 10. 2013, 10-18 Uhr Gemeinsamer Aktionstag von kreativ50plus & kubia (Kompetenzzentrum für Kultur und Bildung im Alter) Es geht in der Akademie wuselig und lebendig zu. Bringen Sie Freunde und Familie mit und schnuppern Sie in unsere Angebote. Unsere Dozenten bieten kleine Workshopeinheiten zum Ausprobieren und Teilnehmer/innen aus Kursen des laufenden Programms zeigen ihre Seminarergebnisse. Zusätzlich stellen sich die durch den Förderfonds Kultur & Alter unterstützten Projekte in Präsentationen und Workshops vor. Der Aktionstag gibt Ihnen Gelegenheit, zu entdecken wie tänzerische Bilder entstehen können. Oder Sie erkunden Möglichkeiten der kreativen Fotografie. Auch denkbar ist die Teilnahme am Workshop „Einfach alles aufschreiben". Vielleicht interessieren Sie sich aber eher für Theater und besuchen unsere Theaterdozenten? Besondere Maltechniken können entdeckt werden und das Format „Kunst im Dialog“ ist vor Ort. Für Verpflegung ist gesorgt. Müllers Marionettentheater Die Bremer Stadtmusikanten Theatermärchen von Fritz Fey für Kinder ab 3 Jahren

Der Esel wird fortgejagt, der Hund soll erschlagen werden, die Katze ertränkt und den Hahn will man aufessen! Und das alles nur, weil die vier alt geworden sind. Glücklicherweise aber hat der Esel eine gute Idee: alle vier Tiere wollen versuchen, Bremer Stadtmusikanten zu werden. Bei so klugen Stadtmusikanten haben selbst die Räuber im Wald nichts zu lachen... Aufführungstermine: So 4. 8. 16:00 Uhr, Mi 7. 8. 11:00 Uhr Die kleine Meerjungfrau Theatermärchen nach Andersen von Günther Weißenborn

Die kleine Meerjungfrau wird erwachsen, endlich darf sie an die Oberfläche des Ozeans schwimmen und dort sieht sie ein Schiff mit Menschen, von deren Anblick sie vollkommen überwältigt wird. Ein Sturm lässt das Schiff untergehen, die Meerjungfrau rettet einem jungen Mann das Leben und bringt ihn an das Ufer. Weil sie gar nicht aufhören kann, an den Geretteten zu denken, verlässt die Nixe ihr Schloss, tauscht ihre Stimme gegen die Gestalt einer jungen Frau ein, und versucht dem jungen Königssohn nahe sein zu können.


Andersons Märchen ist so spannend wie berührend, es endet für die Meerjungfrau beglückend, allerdings ganz anders, als sie dies erwarten konnte. Der Musiker Uwe Pferdler schrieb für die Aufführung von Müllers MarionettenTheater eine großartige Musik, deren Lieder hitverdächtig sein können. Aufführungstermine: So 11. 8. 16:00 Uhr, Mi 14. 8. 16:00 Uhr, Fr. 30. 8. 10.30 Uhr im Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal

Samstag, 17. August > 19 Uhr > Open Air Elina Duni Quartett, >MATANË MALIT< Die junge Albanerin Elina Duni gilt nicht erst seit ihrem jüngst vorgelegten ECM-Debut als eine der interessantesten Stimmen des aktuellen Jazz. Mit ihren Interpretation des Liedguts ihrer Heimat verbindet Duni die Musikkulturen Ost- und Westeuropas - Jazz, Volksmusik, World Music und Balkan-Folklore - zu einer einzigartigen stilistischen Einheit: Ein musikalischer Brückenschlag hin zum östlichen Rand Europas. Sonntag, 18. August > 18 Uhr > Open Air Nguyên Lê Quintett, >SONGS OF FREEDOM< Nguyên Lês Programm „Songs of Freedom“ ist nicht nur eine Liebeserklärung an die Musik der 70er Jahre, es ist auch eine Erinnerung an die politische Botschaft vieler Songs von Bob Marley, Led Zeppelin, Janis Joplin, Eric Clapton, Stevie Wonder oder John Lennon. Eine Botschaft von unverminderter Brisanz, die von Nguyên Lê nicht bloß wiederholt, sondern aktualisiert wird.

Do 5. 9. 19:00 - 22:15 Uhr Palermo, Palermo //// Tanztheater Wuppertal Pina Bausch Do 5. 9. 22:30 Uhr Eröffnungsfeier //// Tanztheater Wuppertal Pina Bausch Royal Street Orchestra

Fr 6. 9. 19:30 - 22:15 Uhr Palermo, Palermo //// Tanztheater Wuppertal Pina Bausch 7. 9. 21:00 Uhr Nachtfoyer /// Café Ada /// eBraam, Michiel Braam - Keyboard; Pieter Douma -E-Bass; Dirk-Peter Kölsch-Drums 14. 9. 14:00 - 18:00 Uhr Theaterfest – Die neue Theatersaison startet mit einem bunten Theaterfest für die ganze Familie. 27. 9. 19:30 Uhr //// Premiere - mit öffentlicher Premierenfeier Die Fledermaus /// Operette von Johann Strauß Sohn Text von Richard Genée nach der Komödie LE RÉVEILLON von Henri Meilhac und Ludovic Halévy

Sonntag, 15. September 2013, 20 Uhr Historische Stadthalle, Großer Saal Saisoneröffnung Elena Fink, Sopran – Andreas Post, Tenor Kay Stiefermann, Bariton Wuppertaler Kurrende Dietrich Modersohn, Einstudierung Chor der Konzertgesellschaft Wuppertal Marieddy Rossetto, Einstudierung Sinfonieorchester Wuppertal Toshiyuki Kamioka, Leitung Carl Orff: »Carmina Burana

Mittwoch, 4. September 2013 | 20:00 »Lost & Found« | Tian Korthals - Sopran, Tenorsaxophon | Achim Fink - Posaune | Christoph Siegenthaler - Piano | Angel Rubio - Flamencogitarre | Ben Tai Trawinski - Kontrabaß | Tobias Möller - Schlagzeug | und aus Spanien: Angel Rubio Angel Rubio erscheint mit Unterstützung der SGAE und der Fundación Autor. Samstag, 7. September 2013 | 20:00 »Samba, Jazz & Love« Cristina Braga - Harfe, Vc | Ricardo Medeiros - Bassgitarre | Claudio Wilner Schlagzeug Mehr Infos unter www.cristinabraga.com

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Kulturnotizen

Gasometer Oberhausen CHRISTO: BIG AIR PACKAGE Noch bis 30. Dezember 2013 18 Jahre nach der Verhüllung des Reichstages und 14 Jahre nach der Abschlussinstallation „The Wall“ für die Internationale Bauausstellung Emscher Park präsentiert Christo im Gasometer Oberhausen ein weiteres außergewöhnliches Kunstprojekt. Der weltweit angesehene Künstler zeigt in dem 117 Meter hohen Industriedenkmal sein „Big Air Package“ – die größte bisher geschaffene Innenraumskulptur der Welt.

Die Skulptur im Inneren des Gasometers wurde aus 20 350 Quadratmetern lichtdurchlässigem Gewebe und 4 500 Metern Seil gefertigt. Im aufgeblasenen Zustand erreicht sie bei einem Gewicht von 5,3 Tonnen eine Höhe von mehr als 90 Metern, einen Durchmesser von 50 Metern und ein Volumen von 177 000 Kubikmetern. Das Big Air Package reicht damit nahezu von Wand zu Wand des ehemaligen Gasspeichers und lässt lediglich den schmalen Umlauf frei, von dem aus

die Skulptur von allen Seiten betrachtet werden kann. Hier, inmitten des Big Air Package, bietet sich ein einzigartiges Erlebnis von Raum, Größe und Form. „Der innere Raum ist vermutlich der außergewöhnlichste Aspekt von allen Air Packages, die wir seit 1966 realisiert haben. Von innen wirkt der ganze Raum wie eine 90 Meter hohe Kathedrale.“, erklärt Christo. www.gasometer.de Sparkassen-Finanzgruppe

„Wunderbar, dass unsere Sparkasse einer der größten Kulturförderer Wuppertals ist.“

 Die Stadtsparkasse Wuppertal unterstützt Soziales, Kultur und Sport in Wuppertal mit rund 5 Mio. € pro Jahr. Wir sind uns als Marktführer unserer Verantwortung für die Menschen und Unternehmen in unserer Stadt bewusst und stellen uns dieser Herausforderung. Mit unserem Engagement unterstreichen wir, dass es mehr ist als eine Werbeaussage, wenn wir sagen: Wenn’s um Geld geht – Sparkasse

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